Maske und Gegenwartstheater

In der SZ hat vor einigen Wochen Christopher Schmidt berichtet, dass Hans Belting in München über „Theater und Maske“ gesprochen und dabei „implizite Kritik am Gegenwartstheater“ geübt habe (SZ 162, 17./18.7., S. 16). Der Artikel lässt vermuten, dass Beltings Vortrag auf seinen umfassenden Überlegungen aufbaut, die er in Das echte Bild (München 2005) formuliert hat. Schon dort hat er sich ausführlich zum Umgang mit der Maske seit der Antike geäußert und ist dabei weit über die Grenzen der Kunstgeschichte hinausgegangen. So hat er etwa die Bedeutung des lateinischen Worts persona gewohnt souverän dargelegt. Seine Ausführungen nutzt er in seiner Studie, um zu erklären, in welchem Verhältnis Maske und Gesicht primär in der darstellenden Kunst zueinander stehen.

Beltings Pointe in seinem Vortrag scheint nun gewesen zu sein, dass er seine bildwissenschaftlichen Überlegungen in Beziehung gesetzt hat zum Umgang des Theaters mit der Maske. Schmidt schreibt: „Theater hat sich von jeher als Spiegel verstanden, doch als es unter dem Schlachtruf der Natürlichkeit die Maske zerbrach, hat es sich von seiner eigenen Natur entfremdet.“ Dass das Postulat der Natürlichkeit im Widerspruch zur Maske als Requisit steht, ist klar. Nur muss man an dieser Stelle doch zwei Fragen stellen, nämlich:

1. Bedeutete das Natürlichkeitspostulat tatsächlich das Ende der Maske?

2. Ist das Natürlichkeitspostulat im Gegenwartstheater tatsächlich weiterhin existent?

Die Fragen zu stellen, heißt, sie zu verneinen: Natürlichkeit ist die große Forderung des bürgerlichen Trauerspiels. Lessing und vor allem Diderot können hierfür als wichtige Repräsentanten genannt werden. Ihre Bedeutung für das europäische Theater kann kaum unterschätzt werden. Aber ebenso dürfte auch unbestritten sein, dass sie in den vergangenen 200 Jahren nicht nur auf Zustimmung gestoßen sind. Goethes Faust 2 und Brechts Dramatik (welch eigentümliche Allianz in diesem Punkt!) mögen hier als Gegenbeispiele genügen. Noch viel wichtiger scheint mir aber zu sein, dass Beltings Hinweis nichts mit dem Gegenwartstheater zu tun hat. Ich war in der letzten Spielzeit nicht oft im Theater, aber eine Inszenierung, an die ich mich besonders gerne zurückerinnere, arbeitete mit Masken, nämlich Karin Beiers wunderbare Kölner Aufführung von Grillparzers Das goldene Vlies. Und die ist immerhin mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet worden.

Vielleicht ist der Ausdruck „Gegenwartstheater“ in dem Artikel von Schmidt aber gar nicht auf das bezogen, was ich darunter verstehe (und ob Belting sich tatsächlich auf die Gegenwart bezogen hat, wird auch nicht recht klar). Vielleicht meint Schmidt in seinem Artikel schlicht eine Ästhetik, die durch die Aufklärung angestoßen wurde und der heute noch viele Zuschauer anhängen – trotz Brecht und seiner Epigonen, trotz der Rückkehr zur antiken Dramatik etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder dann erneut seit den 70er Jahren.

Die eigentliche Pointe des Vortrags von Belting wäre dann nur, dass er gerade keine Kritik am Gegenwartstheater üben würde, sondern an einer bestimmten Rezeptionserwartung des Publikums. Nämlich an der Erwartung, ‚natürliches’, also maskenfreies Theater zu sehen. Dieses Bedürfnis äußert sich in fast jeder Aufführung im Pausengespräch, wenn sich gut situierte Menschen endlich mal wieder einen ‚echten’ Schiller o.ä. wünschen, wie das vor einiger Zeit ein Bundespräsident tat, der dann auch umgehend zurückgetreten ist, als er eingesehen hat, dass er von Theater keine Ahnung hat. Doch das nur am Rande.

Das eigentliche Problem ist also, was ‚echt’ meint. Wer eine Antwort darauf sucht, dem sei das genannte Buch von Belting nur empfohlen – auch wenn es vom Theater nur am Rande handelt: es ist echt gut!

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