Der Boss und die Box

Vor gut einem Monat las ich das erste Mal von einer Special-Box zu Bruce Springsteens „Darkness on the Edge of Town“. Auf seiner Homepage wird die Box, die aus 3 CDs, 3 DVDs sowie einem Reprint von seinem Collegeblock mit seinen Notizen besteht, als ganz wesentliche ‚Dokumentation‘ gefeiert.

Ich mochte das Album immer sehr, nicht nur musikalisch. Es ist auch mit vielen Erinnerungen verbunden. Mein Onkel hatte es mir irgendwann Ende der 80er einmal vorgespielt, nachdem wir gemeinsam auf einem Konzert vom „Boss“ waren, wie man damals ehrfurchtsvoll (und im Rückblick völlig bescheuert) sagte. Das war die große Zeit des Stadion-Rocks, für Minderjährige wie mich unheimlich beeindruckend und auch noch nicht verrufen. Es ging nur noch um Superlative. Springsteen etwa machte nach zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um dann weitere zweieinhalb Stunden zu rocken. Das war die Vorwegnahme des Discounter-Prinzips („Kauf eins, nimm zwei!“) im Rock und hat mich nicht eine Minute gestört, sondern ausschließlich fasziniert.

Die 70er waren damals schon weit weg, aber durch meinen Onkel schien mir das Album sehr nahe. So war „Darkness on the Edge of Town“ ein Schlüssel zu dieser fremden Zeit, auch wenn ihm die Brachialität des zeitgleich einsetzenden Punk völlig abgeht. Als ich vor einem Jahr Louis P. Masurs Buch über „Born to run“ gelesen habe, hat mich daran wahnsinnig genervt, dass er für „Darkness“ so wenig überhat und stattdessen den spätpubertären Charme von „Born to run“ lobt und kaum die Entstehungszeit einzufangen vermag.

Nun also die Box zu ‚meinem‘ Springsteen-Album – die Erwartungshaltung war selbstredend hoch. Noch bevor ich die ‚Dokumentation‘ in den Händen halte, lese ich in der FAZ eine wunderbar spitze Rezension dazu von Tobias Rüther (finde sie leider nicht im Netz), die mich schon ahnen lässt, dass ich mit dem Ganzen irgendwie nicht klarkommen werde. Warum vertraue ich nicht einfach mal der Kritik?

Meine Befürchtungen erfüllen sich dann auch. Ich bin einerseits begeistert von der Präzision, mit der Springsteens Collegeblock reproduziert wurde. Aber dass das geht, verwundert den kleinen Philologen selbstredend nicht. Die 3 CDs sind schnell das erste Mal gehört (wobei eine ja eh das hinlänglich bekannte Album ist), die erste DVD mit der Dokumentation über die Arbeit an dem Album lege ich umgehend ein. Das alles ist insgesamt kein aufgewärmter Mist wie so viele andere Boxen, aber meine Hoffnungen erfüllt es nicht. Woran liegt das?

Auch wenn es ganz interessant ist zu sehen, wie Springsteen im Studio rumnervt bzw. ‚rumbosst‘, so richtig erfährt man nicht, wie gearbeitet wurde. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie detailversessen er war, wie immer wieder aufs Neue an den Tracks gefeilt wird. Aber ist das was Besonderes? Vor allem wundere ich mich, dass ich keine einzige Note richtig zu Gesicht bekomme, niemals ausführlich Akkordfolgen besprochen werden. Wenn Springsteen auf die Arbeit zurückblickt, geht es um Gefühle, manchmal noch um irgendwelche difusen Klangeindrücke, aber nie um konkrete musikalische Entscheidungen.

Springsteen und die Manager von Columbia pflegen mit der Box ausschließlich den Kult. Sie stellen den Malocher aus New Jersey als Genie aus, der darüber räsoniert, dass „Darkness on the Edge of Town“ nicht nur durch ‚künstlerischen Instinkt‘, sondern auch durch ‚künstlerische Intelligenz‘ gekennzeichnet sei. Aber wie sich die manifestiert, erfährt man nicht. Wirklich spektakuläre Infos oder gar sowas wie Werkstatteinblicke gibt es nicht wirklich. Vielleicht bin ich ja naiv, aber teure Neuausgaben von Büchern, die ich schon habe, kaufe ich mir doch auch nur, wenn sie mir beim Verstehen des Buches helfen und etwa Einblicke in die Produktion bieten und nicht nur ein paar nette Illustrationen und Assoziationen. Hier aber wird ein Genie dokumentiert, das nie eins war. Springsteen-Boxen müssen seinen Schweiß dokumentieren, ja ihn regelrecht riechen lassen. Letztlich ist der das Kultobjekt aller Springsteen-Fans gewesen. Wer das nicht begreift, dokumentiert nur, dass ihm jeder künstlerische Instinkt abgeht, wenn er von künstlerischer Intelligenz faselt.

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