Leseliste Januar

Im Blog Notizhefte von Norman Weiß finden sich regelmäßig prägnant kommentierende Einträge zu dem, was er zuletzt gelesen hat. Das hat mich motiviert, etwas Ähnliches zu versuchen – allerdings mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Norman listet auf, was er privat liest (beeindruckend viel übrigens). Beim kleinen Philologen lässt sich private Lektüre von der professionellen nicht einfach trennen. Deswegen habe ich Anfang des Jahres begonnen, die Bücher und Zeitschriften, die ich (weitgehend) vollständig gelesen habe, aufzulisten, um dieses Ineinander von ‚privat‘ und ‚beruflich‘ zu dokumentieren.

8.1.2015: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Roman. In der Fassung der EA mit Anhang und einem Nachw. hg. v. Thomas F. Schneider. 2. Aufl. Köln 2014. Gelesen in drei Tagen für mein MA-Seminar zum Ersten Weltkrieg. Vollständig habe ich den Roman vorher nicht gelesen, allerdings hatte ich zuvor schon das von August Diehl sehr gut gelesene Hörbuch ganz gehört.

9.1.2015: Alexander von Schönburg. Smalltalk. Die Kunst des stilvollen Mitredens. Berlin 2015. Gelesen seit dem 5.1. Hatte mich im Herbst für einen Vortrag mal wieder mit den einst jungen Herrn von Tristesse royale beschäftigt. In den kommenden Wochen steht die Ausarbeitung des Vortrags an. Als jetzt von Schönburgs Buch erschien und ich mich an einige konversationsmäßig gruselige Runden der letzten Zeit erinnerte (sie bestätigten auf erschreckende Weise Bohrers Provinzialismusthese), musste ich es einfach haben. Der Gute dampfplaudert auf 300 Seiten – elegant, nicht ganz so pointiert wie es von Stuckrad-Barre beherrscht, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Man wünscht sich einen langen Club-Abend mit ihm – idealerweise in seinem Lieblingshotel in Manhattan.

15.1.2015: Das Januar-Heft vom Merkur. Gelesen seit dem 6.1. Der Herausgeber Christian Demandt hatte mir nach unserer gemeinsamen Veranstaltung im Dezember vom Relaunch der Zeitschrift erzählt. Deswegen habe ich sie mir gleich besorgt – den meisten Aufsätzen des Heftes entsprechend übrigens in der elektronischen Fassung, so dass ich zur neuen Haptik des Hefts leider nichts sagen kann. Hole ich nach. Die Artikel des Hefts haben das bekannte (= außergewöhnlich gute) Niveau. Besonders spannend fand ich den Artikel über das Goethe-Haus in Weimar. War dort während es Studiums wiederholt. Die Führungen damals stellen sich nach der Lektüre jetzt ganz anders dar.

16.1.2015: James Turner: Philology. The Forgotten Origins of the Modern Humanities. Princeton, Oxford 2014. Begonnen irgendwann Ende letzten Jahres. Habe ich mir nicht nur aus allgemeinem Interesse beschafft, sondern weil ich derzeit an einigen philologischen Fragen sitze. Da schien mir eine derartige Synopse sehr hilfreich. Das Buch überzeugt besonders deswegen, weil es anders als in den meisten deutschen Darstellungen zur Philologiegeschichte die Bibelphilologie berücksichtigt. Fluchtpunkt ist, wie der Untertitel besagt, die Entstehung der angloamerikanischen Humanities im frühen 20. Jahrhundert. Deswegen wird die deutsche Philologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen – und zwar als zentrale Bezugsgröße für die Philologie in Großbritannien und Amerika; dann auch die Entstehung der Kunstgeschichte und weiterer Disziplinen. Interessant wäre – den genealogischen Zugriffs Turners ergänzend – ein Vergleich zwischen den deutschen Geisteswissenschaften und den Humanities.

16.1.2015 Dieter Burdorf: Die Zukunft der Philologien. Heidelberg 2014. Begonnen am selben Tag als ergänzende Lektüre zu Turner. Habe ich teilweise kursorisch gelesen, wie man sich denken kann. Das lag aber nicht an der Qualität der Einzeltexte, sondern daran, dass ich die hier in verschiedenen Beiträgen präzise rekonstruierten Forschungsstände ganz gut kenne. Außerdem habe ich mir erlaubt, Beiträge, die mich fachlich nicht oder kaum berühren, zu überspringen.

25.1.2015 Herman Melville: Billy Budd. Die großen Erzählungen. Hanser 2009. Begonnen irgendwann Anfang Dezember. Habe in den letzten Jahren immer wieder Melville gelesen und in verschiedenen Fassungen gehört (Moby Dick natürlich, dann aber auch die Gedichtsammlung John Marr). Beeindruckend gute Erzähler, der mich immer wieder an einen wunderschönen Urlaub an der Ostküste vor zwei Jahren erinnert.

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30.1.2015 Christoph König: „O komm und geh“. Skeptische Lektüren der Sonette an Orpheus von Rilke. Göttingen 2014. Begonnen irgendwann Anfang Dezember. Das Buch interessierte mich nicht nur deswegen, weil ich derzeit an einem Rilke-Projekt mit dem Verfasser sitze. Noch mehr interessierte mich, was er im Titel „skeptische Lektüren“ nennt. König hat schon an verschiedenen Orten seine an Szondi und Bollack geschulte philologische Hermeneutik ausgeführt. Hier kommt sie erstmals umfassend zur Anwendung. Ein beeindruckend dichtes Buch.

31.1.2015 Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Eine Liebe Swanns. Teil 1. Adaptiert und gezeichnet von Stéphane Heuet. München 2012. Begonnen schon vor dem Jahreswechsel, gestern Abend habe ich die zweite Hälfte gelesen. Vor einigen Monaten hatte ich mir vorgenommen, Prousts epochales Werk Stück für Stück kennenzulernen. Die Idee ist, das auf dreierlei Weise zu machen: erst lese ich ein Buch, dann höre ich es als Hörbuch, um es schließlich in der Comic-Fassung vom Münchener Knesebeck-Verlag zu lesen. Bin gespannt, wie weit ich damit komme.

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