Michel Houellebecq – alt und reif?

Michel Houellebecq hat jüngst mal wieder provoziert. Haben einige von Euch bestimmt mitbekommen. Kurz vor seinem 60. Geburtstag und ein Jahr nach Unterwerfung hat er sich mit dem ersten Band einer Gesamtausgabe seiner Werke von 1991-2000 beschenkt bzw. sich von Flammarion beschenken lassen. Das wurde sogar in einem umfangreicheren DPA-Bericht gemeldet, der von zahlreichen Zeitungen abgedruckt wurde. Das zeigt schon, welch herausragende Stellung Houellebecq längst auch in Deutschland hat. Interessant ist dabei, wie über die Gesamtausgabe berichtet wurde.

Im Zentrum der Berichte steht der gute Michel selbst, der als „Skandalautor“ vorgestellt, auf dessen islamfeindliche Äußerungen hingewiesen und an dessen Äußerungen über französische Spitzenpolitiker erinnert wird. Über die Gesamtausgabe erfährt man hingegen so gut wie nichts – eigentlich nur, dass sie die Publikationen der Jahre 1991-2000 umfasst, dass das Buch laut Houellebecq selbst von bescheidener Qualität sei (was ich ausdrücklich bestätigen möchte) und dass er sich für diese Gesamtausgabe entschieden habe, weil seine Leser in kleinen Wohnungen lebten und also nicht so viel Platz für viele Bücher hätten: „Mes lecteurs ont souvent de petits appartements.“

Diese an sich schon großartige Reflexion über die eigenen Leser verpufft in den Zeitungsartikeln dann leider weitgehend, obwohl sie natürlich ein Kracher sondergleichen ist: Ein Autor, der wie vielleicht kein anderer der letzten drei Jahrzehnte das Spiel mit der Autorschaft auf immer neue Höhen getrieben hat, legt den ersten Band seiner Gesamtausgabe vor, meckert über deren Qualität, als habe er da kein Sterbenswörtchen mitzureden, und legt seinen Lesern letztlich nahe, die alten Einzelausgaben seiner Bücher wegzuwerfen und als Ersatz die platzsparende Gesamtausgabe zu kaufen. Er kann halt auch auf die charmante Art witzig sein.

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Der eigentliche Witz ist freilich, dass diejenigen, die zumindest in Deutschland über dieses Buch berichtet haben, darüber schreiben, als wäre das Vorwort ein philologischer Kommentar. Am Ende wirkt es tatsächlich auch kurz so, wenn Houellebecq in wenigen Worten schildert, dass außer eindeutigen Rechtschreibfehlern die Gestalt des Erstdrucks nicht geändert wurde. Aber selbst hier hört er nicht auf zu spotten und gibt den an dem ganzen Unterfangen Desinteressierten bzw. faktisch Unbeteilligten: „Autant au fond agir en littérature comme on est bien obligé de le faire dans la vie ; je ne demande pas de seconde chance.“

In Deutschland hat man aber weniger darauf als vielmehr auf das Unternehmen ‚Gesamtausgabe‘ an sich reagiert. So finden sich raunende Äußerungen von der Ehre der Gesamtausgabe, die nur alten Autoren zuteil werde. Ins selbe Horn stößt sogar Wiebke Porombka, die in der Zeit im Unterschied zu den DPA-Kopisten eine differenzierte und kluge Position zu dem Unterfangen entwickelt und zeigt, dass sie das vierseitige Vorwort vollständig gelesen hat (bei einigen anderen Artikeln muss man das eindeutig bezweifeln). Sie hält fest: „Nun ist nicht ausgeschlossen, dass die Gesamtausgabe eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin bereits zu dessen oder deren Lebzeiten begonnen wird. Es ist jedoch ungewöhnlich, zumal bei einem Schriftsteller, der wie der 1956 geborene Houellebecq vergleichsweise jung ist.“ Ähnlich überzeugend wie Porombka ist Jürg Altwegg in der FAZ. Er nutzt die Lektüre des Vorworts sogar zu einer bedenkenswerten These: „Die Gesamtausgabe ist auch ein verzweifelter Versuch, Houellebecq von der Islam-Obsession loszulösen, seine Bücher jenseits der Klischees und Verurteilungen zu lesen, die seine Wahrnehmung als Schriftsteller bestimmen und den Blick aufs literarische Werk verengen.“ Gleichwohl findet sich auch hier das erfurchtsvolle Geraune über die Gesamtausgabe und das Alter: „Michel Houellebecq, der an diesem Freitag sechzig Jahre alt wird, ist reif für eine Gesamtausgabe“, heißt es, wenn auch mit ironischem Unterton, im Vorspann des Artikels. Stellt sich nur die Frage, wann man reif ist für die Gesamtausgabe.

Beginnen wir mal mit historisch. Besonders früh reif bzw. frühreif war Gotthold Ephraim Lessing. Er begann 1753 mit der Herausgabe seiner sechsbändigen Schrifften. Bevor Ihr in Wikipedia nachguckt: Lessing war da 24. Er litt an keiner schweren Krankheit, so dass er meinen konnte, es nicht mehr all zu lange zu machen. Er war vielmehr ein recht selbstbewusstes Bürschchen und meinte, dass die Welt auf seine erste Gesamtausgabe gewartet hat. Hat sie nicht wirklich, aber das tut nichts zur Sache. Steffen Martus hat mit Blick auf Lessing und andere Autoren gezeigt, wie sehr die Herausgabe ein Akt der „Werkpolitik“ ist.

Lessing ist natürlich ein außergewöhnliches Beispiel. Aber es ist durchaus nicht so, dass Autoren in aller Regel bis zum schriftstellerischen Ruhestand warten (also bis zu ihrem Tod – mit Ausnahme von Philip Roth), bevor sie mit der Herausgabe ihrer Werke beginnen. Ähnlich selbstbewusst wie Houellebecq hat Günter Grass 1987 seine erste Gesamtausgabe präsentiert (damals noch bei Luchterhand). Übrigens zum – Ihr ahnt es – 60. Geburtstag. Und Grass hat dann, nur damit Ihr wisst, was passiert, wenn Michel es bis dahin schafft, 2007 (inzwischen bei Steidl) zum 80. eine zweite Gesamtausgabe vorgelegt. Blöd für alle, die dachten, nach 1987 kommt nicht mehr viel.

Lessing hat übrigens im ersten Band seiner Schrifften seine bis dato erschienenen Gedichte herausgegeben. Vielleicht gilt bei Lyrik insgesamt, dass man früher loslegen darf mit der Werkbildung. Durs Grünbein hat schon 2006 einen Band mit dem Titel Gedichte. Bücher I-III publiziert. Da war er 44. Seitdem wurde dieses Unterfangen aber nicht mehr fortgesetzt. Keine Ahnung, warum nicht. Als ich ein wenig überlegt habe, von welchen Autoren ich sonst noch Werkausgaben habe, sind mir mehrere Dramatiker eingefallen. Botho Strauß hat mit 47 angefangen, seine Stücke in einer mehrbändigen Werkausgabe herauszugeben, Yasmina Reza ihre Gesammelten Stücke erstmals mit 41.

Was sagt uns das? Bevor man anfängt, bedeutungsschwer zu raunen, dass einem Autor jetzt eine Gesamtausgabe gewidmet wird, sollte man sich klar machen, was die Gründe dafür sind. Das kann was mit Ehre zu tun haben, das kann was mit Wertschätzung des Autors durch seinen Verleger zu tun haben. Aber vor allem hat das etwas damit zu tun, wie sich ein Autor und sein Verlag werkpolitisch positionieren – und es hat natürlich schlicht was damit zu tun, ob Autor und Verleger meinen, damit Geld verdienen zu können. Wie so oft gilt auch hier: „It’s the economy, stupid.“ Gönnen wir Michel also zu seinem 60. Geburtstag den einen oder anderen Euro zusätzlich, ohne dass er dafür mehr tun musste, als ein vierseitiges Vorwort zu schreiben.

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One Response to Michel Houellebecq – alt und reif?

  1. orangeblau sagt:

    es gibt schlechtere Autoren, von daher… gönnen

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