Maxim Gorki Theater Berlin

Ans Maxim Gorki Theater in Berlin habe ich keine frühen Theatererinnerungen, die in meine Schul- oder Studienzeit fallen. Das ist deswegen bemerkenswert, weil ich mich mit dem Bau selbst schon früh befasst habe. Grund dafür war allerdings ein anderes Gebäude bzw. ein Denkmal – die Neue Wache.

Als Anfang der 1990er Jahre gestritten wurde, wie die Neue Wache in die deutsche Erinnerungskultur gewissermaßen ‚eingebaut‘ werden kann, habe ich mich länger mit ihrer Geschichte befasst. In diesem Zusammenhang habe ich mir auch das architektonische Gesamtensemble zwischen Unter den Linden und der Dorotheenstraße (ehedem noch Clara-Zetkin-Straße) mit der Universität, dem Zeughaus, eben der Neuen Wache und schließlich der Sing-Akademie, dem heutigen Gorki-Theater, angeschaut.

Geplant wurde das Haus – wie sollte es anders sein – von Schinkel, allerdings wurde es dann erst von Carl Theodor Ottmer realisiert. Überall kann man lesen, dass Alexander von Humboldt hier Ende der 1820er Jahre Teile der Kosmos-Vorlesungen hielt, also der Vorlesungen über die physische Verfasstheit der Welt, die aus seinen Reisen resultierten.

Genutzt wurde das Gebäude aber vor allem von ihrer Besitzerin, der Berliner Sing-Akademie. Ihr gehört das Gebäude bis heute (wie vor einigen Jahren der Bundesgerichtshof feststellen musste). Die Aufführungen der Sing-Akademie waren aber, wie man bei diesem Namen mutmaßen könnte, keine reinen Gesangsaufführungen. 1829 dirigierte Mendelssohn Bartholdy hier Bachs Matthäus-Passion. Zum Theater wurde das Haus erst 1952, um hier vor allem sowjetische Dramen zu spielen (daher dann auch der bis heute gängige Name).

Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habe ich das Haus vor knapp 15 Jahren erstmals besucht. Erinnern kann ich mich sicher an eine Aufführung von Tschechows Möwe, u.a. mit Burghart Klaußner und Anna Thalbach. Regie führte Katharina Thalbach; die Übersetzung kam von Thomas Brasch, der nur wenige Tage nach der Premiere starb. In dem Programmheft finden sich zwei kleine Gedichte, die er kurz vor seinem Tod anlässlich der Inszenierung geschrieben hat. Das zweite lautet so:

Thalbach und Brasch

Der eine schreibt die Stücke und die andere spielt,
und beide wünschen sich das große Glück
auf dem Theater, wo das Leben schielt.
Was tut die Kunst? Sie schielt zurück.

So schreibt Herr Tschechow über unser Tun:
deines, Katharina, und meines auch.
Ein Lustspiel längst entwachsen seinen Kinderschuhn
sind Schreiber und Spieler auch: Bankkonto mit Bauch.

Wir sollten, sagt Tschechow, lachen
über die Tränen statt sie zu beweinen:
Nur wer sich selbst nicht ernst nimmt kann das machen,
was man Beruf nennt: deinen oder meinen.

(aus dem Programmheft der genannten Aufführung, Rückseite des Titelblatts)

Erinnern kann ich mich an die Aufführung noch sehr gut. Das liegt zunächst an dem Vorhang aus Maschendraht, der den Blick auf die Bühne zwar nicht versperrte, aber eigentümlich unterbrach. Der zweite Grund für meine gute Erinnerung ist, dass ich sehr gespannt war, ob Thalbach, die damals vor allem als Hauptmann von Köpenick von sich reden machte, als Regisseurin überzeugen konnte. Um es ehrlich zu sagen: Ich war eher enttäuscht, was aber vermutlich nicht zuletzt meinem Maßstab geschuldet war. Maßgeblich für meine Ästhetik war damals eindeutig Andrea Breths Möwe an der Schaubühne (aus der Mitte der 1990er Jahre). Thalbach inszenierte selbstredend ganz anders und ich war nicht in der Lage, mich auf ihre eigene Ästhetik einzulassen (da bin ich mir inzwischen sicher).

Ich schildere das alles, weil ich mich inzwischen wiederholt gefragt habe, was mir durch meinen beschränkten Blick alles verborgen geblieben ist. Ich habe mich ehedem z.B. geärgert, dass der Maschendraht-Vorhang so gar nicht zum Innenraum des Gebäudes passte. Im Nachhinein habe ich mich oft gefragt, ob die Thalbach sich hier nicht schlicht zu dessen Geschichte verhalten hat, indem sie den Bruch mit seiner Tradition, der sich durch die Umfunktionalisierung 1952 ergeben hatte, optisch thematisierte. Auch habe ich damals viel zu wenig über die Theatertradition nachgedacht, die allein schon durch Brasch als Übersetzer und durch seine und Thalbachs Übersiedelung in die Bundesrepublik aufgerufen wurde. Tschechow – das war damals für mich die beinhae gänzlich leere Bühne am Lehninerplatz, das waren Imogen Kogge und Ulrich Matthes. Und das war nicht dieser feine klassizistische Bau unter den Kastanien, der durch seinen Namen heute die Erinnerung an die DDR-Kulturpolitik bewahrt und an dem die meisten Touristen vorbeispazieren, ohne ihn groß zu beachten. Ein Fehler.

 

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