Habe endlich einen Rückblick auf eine Lesung und ein paar Gedanken zu Moritz Rinkes Erinnerungen an die Gegenwart niederschreiben können, die das Literarische Zentrum Gießen dankenswerterweise im Blog und als PDF publiziert hat.
Aspekte der Fremdheit
16. Juli 2014Auch wenn hier viel zu lange nichts passiert ist, ist es nicht so, dass ich nicht geschrieben habe. Nur eben nicht hier. Gestern benötigte ich zum Schreiben ausnahmsweise wieder Papier und meinen Füller samt Tinte.
Papier war allerdings aus, die Patrone zeigte bedrohlich wenig Tinte an. So dachte ich mir: ein Anlass, um mit der Hand zu schreiben, der will gefeiert sein. Also auf in den nächsten mir bekannten Laden, in dem es Papier und Tinte gibt. Der Laden, der mir sofort einfiel (nicht weil ich ihn regelmäßig besuche, sondern weil er in der Nähe meiner Bank liegt), hat viele Fenster, die mit bunt bedruckten Karten, Büttenpapier und aufwendigen Schreibutensilien dekoriert sind.
In dem Laden findet sich eine kleine Sitzecke, in der Kaffee und vor allem Tee getrunken wird. Tee gibt es in dem Laden auch zu kaufen. Kaffee, soweit ich gesehen habe, nicht. Die Tische in der Sitzecke sind klein, man kann an ihnen also nicht richtig schreiben. Die Kaffee- und Teeecke ist also eine zum bloßen Verweilen.
In dem Laden gibt es ferner ein paar Bücher auf einem zentralen Auslagetisch, auf dem in Feinkostläden besonderes Gebäck und Marzipanschweinchen präsentiert werden. Die Bücher, die dort lagen, nennt man im Fachjargon Geschenkbücher. Sie sind hübsch bedruckt, einige sind aus handgeschöpftem Papier – irgendwie Ratgeberliteratur, die sich mir nicht erschließt.
Wenn ein Mann den Laden betritt, scheint das bemerkenswert. Aus den Blicken der Frauen vor und hinter dem Tresen sprach offensichtlich Erstaunen. Eine ältere Dame begrüßte mich freundlich: „Sie suchen sicher ein Geschenk.“ „Danke, ich komm schon zurecht.“
Kam ich aber nicht. Die Aufstellung der Notizbücher überforderte mich, weil sie über verschiedene Wände verteilt waren. Meiner Meinung nach normale Hefte wurden in einem Regal präsentierte, in das außer mir kein in dem Moment im Laden anwesender Mensch problemlos einen Blick hätte werfen können. Die Auswahl an meiner Meinung nach normalen Notizbüchern war eher mau (blanko fand ich gar nicht). Dafür waren die Umschläge der vorrätigen Bücher umso vielfältiger. Dummerweise stehe ich jedoch bei Notizbüchern eher auf farbliche Einfalt, sicher nicht auf neon oder betont-natur-rot-orange-was-weiß-ich. Immerhin aber wurde ich fündig (liniert).
Schwieriger gestaltete sich die Suche nach der Tinte. Schließlich gab ich auf und fragte die freundliche Dame. Meiner Meinung nach normale Fünfer-Patronenpäckchen, wie ich sie seit meiner Schulzeit kenne, schien es gar nicht zu geben. Sie wurden mir zumindest nicht angeboten. Dafür aber viele kleine Tintenfässchen, die mich ein wenig an Revell-Farbtöpfchen erinnerten: „Ne, ganz normale Parker-Patronen. In schwarz.“ „Parker haben wir nicht, aber dahinten sind welche, die müssten auch passen.“ Ich habe dann nur drei Notizbücher gekauft.
Am letzten Wochenende habe ich ein Seminar zur Interkulturellen Literaturwissenschaft gegeben. In den Erzählungen und Romanen, die wir behandelt haben, werden viele Fremdheitserfahrungen verarbeitet, die sich in erster Linie durch Migration oder durch steten Wechsel der Lebensstationen ergeben. An einem Ort Fremdheit zu erfahren, der mir an sich seit der Grundschulzeit vertraut schien, hat mich noch mehr beeindruckt als die literarischen Schilderungen.
Rara
28. März 2014Wie alle Menschen der Bibliothek bin ich in meiner Jugend gereist, ich bin gepilgert auf der Suche nach einem Buch, vielleicht dem Katalog der Kataloge…
Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel
Kennst Du die Suche nach einem Buch? Manchmal endet sie ganz unvermittelt. Du suchst das Buch schon lange, hast es vielleicht sogar vergessen und auf einmal steht es vor Dir: in einem Regal einer Bibliothek. Eigentlich hast Du ein anderes Buch gesucht. Doch weil Dich immer noch die gleichen Themen und Fragen beschäftigen, kommst Du zufällig in die Nähe des lange schon gesuchten Buchs. Da steht es. Vielleicht erkennst Du es sofort, vielleicht brauchst Du eine paar Sekunden. Egal. Hättest Du zuvor einen Blick in den Katalog geworfen, wäre Dir die Überraschung erspart geblieben – und auch das Glück, das Buch plötzlich in den Händen zu halten.
Manchmal kommt dieses Glück nicht plötzlich, sondern in einer Form, mit der Du nicht gerechnet hast. Einmal, in Tübingen, wartete eine Polemik aus dem 16. Jahrhundert auf einen Doktoranden, der eine Leselücke zu schließen beabsichtigte. Wie bestellt, lag das schmale Büchlein vor ihm. Dem ersten Eindruck nach war es, wie erwartet. Aber dann leise Zweifel: Es war etwas eigentümlich eingebunden und auch etwas dicker als gedacht. Beim ersten Durchblättern zeigte sich, dass ein Bogen fehlte bzw. ersetzt worden war durch eine akurate Abschrift des gesamten Bogens, die an dessen Stelle eingebunden worden war. Undenkbar heute, auch in handwerklicher Hinsicht: Später erst (in einer anderen Bibliothek) wurde ihm nämlich deutlich, wie exakt der Kopist gearbeitet hatte, Zeile für Zeile – ganz so, als wär’s eine heilige Schrift und nicht das Pamphlet eines elenden Streithammels.
Manchmal kommt dieses Glück erwartet. Das tut ihm keinen Abbruch. Vor vielen Jahren habe ich Helmut Zedelmaiers großartige Studie Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta gelesen. Wenige Tage später kam ich nach Göttingen, wo eben die historische Aufstellung des Altbestands erfolgt war. Hier ereilte mich ein doppeltes Glück: da mir die Systematik klar war, musste ich in den Katalog schauen, welche Signatur Possevinos Bibliotheca selecta hat. Ich konnte einfach die Regale abgehen und hielt das Buch schon bald in den Händen, um mir klar zu machen, was Zedelmaier erörtert hatte und was ich zudem von dem Buch wissen wollte.
Dieses Glück aber war und ist abhängig vom Pilgern, von der Sehnsucht oder wie auch immer Ihr es nennen wollt. Es ist Folge der Hoffnung darauf, dass sich endlich eine Wissenslücke schließt oder dass sich vielleicht sogar ein ganz neuer Einblick ergibt. Dieses Glück entsteht aber nicht deswegen allein, sondern weil das Buch nicht einfach verfügbar war, weil es Mühe gemacht hat, weil man den Eindruck hat, es sich geduldig erarbeitet zu haben – nicht in intellektueller Hinsicht, sondern ganz physisch. Vielleicht korrespondiert diese Mühe mit der Einsicht, wie wundersam es ist, dass das Buch es durch die Jahrhunderte geschafft hat (manchmal leicht versehrt und doch wertgeschätzt, wie die Streitschrift in der Tübinger UB).
In dem Moment aber, da alles verfügbar ist, hat das Glück ausgespielt. Borges war das schon klar:
Es gibt amtliche Sucher, Inquisitoren. Ich habe sie in der Ausübung ihres Amtes gesehen: Sie sind immer erschöpft; […]; sie sprechen mit dem Bibliothekar von Galerien und Treppen; manchmal greifen sie nach dem nächststehenden Buch und blättern darin […]. Offensichtlich erwartet niemand, irgend etwas zu entdecken.
Lektüre und Ereignis
18. März 2014Auf nachtkritik.de befasse ich mich mit einem Buch von Anna Häusler, das Ereignisse in den Arbeiten von Schleef und Goetz untersucht. Dirk Pilz ergänzt den Artikel gleich noch wunderbar durch eine gute erste Übersicht über die jüngere Ereignis-Forschung. Wer also nach dem Ereignis Leipziger Buchmesse noch nicht genug Lektüre hat, mag sich angesprochen fühlen.
Erbsenzähler
3. Januar 2014Im Juni habe ich auf nachtkritik.de einen Hinweis auf die Shakespeare-Ausgabe von Frank-Patrick Steckel im Laugwitz-Verlag publiziert. Im November ist der neuste Band der Ausgabe erschienen, Anthony and Cleopatra. Uwe Laugwitz, der Verlagsleiter, hat mir ein Exemplar zugeschickt, nachdem wir uns im Sommer kurz über einige Formulierungen in meiner Kritik ausgetauscht haben.
Ich hatte damals den sensiblen Umgang mit der Vorlage gelobt, die gleichwohl nicht nur was für Editionsfreaks wie den kleinen Philologen ist, sondern vor allem und besonders etwas für Leser ist, die Spaß an Shakespeare haben oder auch künstlerisch mit ihm arbeiten möchten. Aus meiner Sicht waren einige Formulierungen im Nachwort zur Editionspraxis etwas missverständlich, was ich in der Kritik angedeutet habe. Das hatte ich vor allem getan, um die so begrüßenswerte Ausgabe gegen editionsphilologische „Erbsenzähler“ (so seinerzeit meine Formulierung) in Schutz zu nehmen. In Steckels jetzt vorliegender Neuübersetzung von Anthony and Cleopatra präzisiert Laugwitz das Wiedergabeprinzip, so dass da wohl nichts mehr zu befürchten ist. Zudem nimmt er sich nun die „stilometrischen Erbsenzähler“ in der Shakespeare-Forschung vor (vgl. Uwe Laugwitz: Nachwort, in: William Shakespeare: The Tragedy of Anthony and Cleopatra / Antonius und Cleopatra. Übers. v. Frank-Patrick Steckel. Buchholz: Laugwitz 2013, S. 279-286, das Zitat S. 281).
Er kann im Rückgriff auf die Forschung wahrscheinlich machen, dass „der Setzer im Falle von Anthonie and Cleopatra nicht immer sorgfältig gearbeitet hat“ (ebd.). Wenn dem so ist, bleibe, so Laugwitz, letztlich nur die Möglichkeit, das Stück bei Überlegungen zu Shakespeares Stil und Metrik nicht zu berücksichtigen. Derart betrachtet, erledigen die Erbsenzähler nicht nur eine ganz und gar überflüssige Arbeit – sie zählen außerdem etwas, von dem sie zwar annehmen, dass es Erbsen sind. Aber vermutlich ist dem gar nicht so. Mit Shakespeare-Philologie hat deren Kritelei an Stil und Metrik nichts zu tun. Zumindest dann nicht, wenn man Philologie als Liebe zum Wort und am Sprechen begreift. Wie sagt Antonius zu Cleopatra in I,1 doch so treffend: „There’s beggery in the loue that can be reckon’d“.
Die Nathan-Parabel
9. Dezember 2013Einst schrieb der fünfzigjährige Gotthold Ephraim Lessing ein Theaterstück. Das Leben hatte ihm zuletzt sowohl beruflich als auch privat übel mitgespielt, trotzdem legte er mit Nathan der Weise ein Stück vor, mit dem er sich in die Literaturgeschichte geschrieben hat. 1779 war das.
Und weil zu Lessings Zeit dauernd Raubdrucker Bücher von prominenten Schriftstellern kopierten, um damit unabhängig vom Autor Reibach zu machen (ein wirkliches Urheberrecht gab es nicht), entwickelte Lessing ein Subskriptionsprinzip: Er kündigte den Nathan an verschiedenen Stellen an und forderte seine Leser auf, die Erstauflage über Buchhändler zu bestellen.
In diese Erstauflage haben sich jedoch zahlreiche Fehler eingeschlichen. Als es kurz nach dem Erscheinen zu einer zweiten Auflage kam, konnte Lessing einige Fehler korrigieren lassen. Noch im selben Jahr erschien eine dritte, von Lessing autorisierte Auflage. Da er im Februar 1781, also knapp anderthalb Jahre später, starb, wurde keine weitere Ausgabe mehr veröffentlicht, die für sich beanspruchen kann, von Lessing autorisiert zu sein.
Welche Ausgabe aber ist nun der ‚wahre‘ Nathan?
Konstellation und Frage erinnern frappierend an die der Ringparabel im Nathan. Und ähnlich wie dort fällt die Antwort aus. Allerdings nicht ganz, wie ihr gleich lesen werdet. Konkret darüber nachgedacht hat eigentlich nur der Lessing-Kenner und Editionsphilologe Winfried Woesler zusammen mit Dieter Neiteler. Sie haben die Ergebnisse ihrer Arbeit vor knapp 15 Jahren vorgelegt („Zur Wahl der Textgrundlage einer Neuedition von Lessings Nathan der Weise„, in: Lessing-Yearbook 31 (1999), S. 39-64). Ich fasse sie knapp zusammen.
Klar ist zunächst eins: Wie bei der Ringparabel dürfen wir nicht davon ausgehen, dass eine der drei Fassungen vom Nathan der ‚wahre‘ respektive ‚echte‘ Nathan ist – in dem Sinne, dass wir sagen können: So hat sich Lessing das exakt Wort für Wort, Punkt für Punkt gedacht. Den Druck, den der damals berühmte Berliner Verlag Voß verantwortet hat, hat Lessing nur aus der Ferne begleiten können. Die schließlich publizierten drei Fassungen vom Nathan haben im Großen und Ganzen zwar den Vorstellungen des Autors entsprochen. Aber im Detail gibt es von Lessing noch unbedachte Formulierungen und Druckerfehler, die er vermutlich gerne korrigiert hätte, aber nicht hat. Es gibt Hinweise, die das bestätigen. Diese Situation konnte bei allen drei Druckgängen überhaupt nur eintreten, weil es zu umfassenden Fahnenkorrekturen mit mehreren Korrekturdurchläufen, wie es heute gang und gäbe ist, nicht kam.
In der Geschichte der Nathan-Ausgaben ereignete sich nun in etwa eine Dynamik, wie sie ansatzweise auch in der Ringparabel angedeutet wird: Jeder meinte, den wahren Ring zu besitzen, niemand dachte über seine genaue Geschichte nach. Das gilt für die ganz überwiegende Mehrheit der Nathan-Ausgaben. Sie haben zumeist nicht den originalen Druck als Textgrundlage gewählt, sondern die historisch-kritische Ausgabe von Karl Lachmann und Franz Muncker aus dem späten 19. Jahrhundert. Die beiden Philologen legten die dritte Ausgabe zugrunde, weil sie sie als „Ausgabe letzter Hand“ betrachtet haben. Allerdings heißt das im Fall dieser Ausgabe zunächst lediglich, dass Lessing diese Ausgabe autorisiert hat, nicht aber dass sie in besonderem Maße seinem Willen entspricht.
Hätte man in den vergangenen 100 Jahren etwas genauer nachgesehen, wäre vielleicht dem einen oder anderen Nathan-Herausgeber aufgefallen, dass Muncker selbst in einem späteren Band der historisch-kritischen Ausgabe erste Zweifel an dieser Entscheidung angemeldet hat. Trotzdem sind spätere Editoren fröhlich der Entscheidung für die dritte Ausgabe gefolgt.
Einen etwas anderen Weg geht der von Klaus Bohnen und Arno Schilson herausgegebene Nathan im Deutschen Klassikerverlag. Da in dieser von Wilfried Barner verantworteten Werkausgabe stärker als sonst üblich die Rezeption der Werke berücksichtigt werden soll, legt sie die erste Ausgabe, die Subskriptionsausgabe, zugrunde.
Woesler und Neiteler haben überzeugend dargelegt, dass aus verschiedenen Gründen die mittlere Ausgabe diejenige ist, die den Vorstellungen Lessings besonders nahekommt. Sie haben also unsere Parabel nicht dahingehend aufgelöst, dass es die eine ‚wahre‘ direkt vom ‚Vater‘ überantwortete Ausgabe gibt. Aber es gibt immerhin Gründe, warum man sich nicht an die beiden anderen halten sollte, wenn man möglichst ‚viel‘ Lessing haben möchte, sondern an diese mittelere.
Der Aufsatz von Woesler und Neiteler wird bisher zwar in der Fachforschung immer mal wieder erwähnt, er zeitigte bisher aber keine Folgen in der Editionspraxis. Deswegen ist der kleine Philologe froh, dass nun endlich eine Nathan-Ausgabe vorliegt, die diese Überlegungen umsetzt, und auch ein wenig stolz, dass sein Name als einer der beiden Herausgeber dort zu lesen ist.
Uns Herausgebern ist durchaus klar, dass die Ausgabe nicht alle Ansprüche der großen Philologen erfüllt. Aber eine Studienausgabe, die immerhin RECLAMieren kann (soviel Wortspiel muss sein), eine bessere Textgrundlage zu haben als die historisch-kritische Ausgabe, ist ja keine schlechte Sache.
Zeigt sich einst, dass, anders als wir denken, doch davon ausgegangen werden muss, dass alle drei Ausgaben ähnlich weit von Lessings Vorstellungen entfernt sind, würde freilich aus der Nathan-Parabel schließlich doch noch eine wahre Ringparabel mit ‚unwahrem‘ Nathan.
Sensation
26. August 2013Ihr habt bestimmt mitbekommen, dass im September die historisch-kritische Ausgabe von Jüngers In Stahlgewittern bei Klett-Cotta erscheint. Es gab schon einige Vorberichte, die Werbetrommel wird gerührt.
Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit dem Buch befasst hat, wird bestätigen, dass eine solche Ausgabe überfällig ist. Man kann zu dem Buch stehen, wie man will: Es gibt wohl kein zentrales Werk der deutschen Literatur, das häufiger und entscheidender von seinem Autor überarbeitet wurde als In Stahlgewittern. Und genau deswegen ist zunächst mal Freude und gewiss auch eine Portion Dankbarkeit angesagt, dass Helmuth Kiesel dies Unterfangen angegangen ist und nun zum Abschluss gebracht hat.
Über was man sich hingegen ein wenig amüsieren darf, ist die Ankündigung des Verlags. Er erklärt die Ausgabe nämlich zu einer „editorischen Sensation“. Eine ‚Sensation‘ ist m.E. ein Ereignis, das nicht nur außergewöhnlich ist, sondern etwas bietet, womit niemand gerechnet hat. Um klar zu machen, was ich meine: Es war keine Sensation, dass die Bayern die CL gewonnen haben, sie waren gewissermaßen ‚dran‘. Es war aber eine Sensation, dass Guardiola zu den Bayern gekommen ist, weil noch nie ein spanischer Trainer von Rang nach Deutschland gekommen ist – zumal da er zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung kein Wort Deutsch sprach und weil (sorry München) London z.B. dann doch noch ein wenig mehr zu bieten hat.
Als ich die Ankündigung von der „Sensation“ gelesen habe, habe ich mir vorgestellt, wie Jünger selbst wohl bei einer solchen Wortwahl reagiert hätte. Vermutlich hätte ein feines Lächeln seine Lippen umspielt. Aus Respekt vor seinem Verlag hätte er die jungen Leute in dessen Presseabteilung aber vielleicht gewähren lassen.
Auf was ich hinaus will? Eine Sensation ist die Ausgabe selbstredend nicht, eben weil sie, wie gesagt, fällig war. Jeder wusste, dass es verschiedene Ausgaben gibt. Jeder wusste, dass Klett-Cotta die Rechte hat. Jeder wusste, dass Helmuth Kiesel ein hervorragender Kenner Jüngers ist und mehr als nur ein wenig Ahnung von Editionsphilologie hat. Das Buch überrascht einfach nicht, auch wenn es vielleicht begeistern wird. Menschen, die sich mit dem Buch befassen, werden verdammt froh sein, wenn sie nun endlich die historische Genese der Fassungen kompakt mit den zwei Bänden rekonstruieren können. Aber eine bibliophile Sensation sind sie gewiss nicht.
Das war vielleicht die Autobiographie von Mark Twain im letzten Jahr, weil sie anders als im Falle von In Stahlgewittern Texte zutage förderte, mit denen man zwar gerechnet hatte, die aber immerhin niemand kannte. Aufbau nennt sie (und also mit etwas besseren, wenn auch nicht mit wirklich guten Gründen) ebenfalls eine „Sensation“.
Eins freilich sei eingestanden; Jünger hätte darauf vielleicht auch hingewiesen: Im Französischen betont ’sensation‘ weit mehr als im Deutschen, den Eindruck den ein Ereignis auf die Sinne macht. Wenn ich in ein paar Wochen die beiden dicken Bände in den Händen halte, werde ich vielleicht einen Moment beeindruckt sein. So ging’s mir zumindest, als ich Twains Autobiographie erstmals in die Hand nahm. Vielleicht denke ich dann sogar ob des Ausmaßes der Überarbeitungen Jüngers: „Sensationell!“ Aber ob ich das denke oder nicht, dass darf der Verlag gerne mir überlassen. Vielleicht findet sich ja der eine oder andere Leser, der ihm mitteilt, für wie sensationell er das Buch hält. Dann darf der Verlag damit gerne werben.
Einstweilen aber hat er das gemacht, was man nicht unbedingt von ihm erwarten muss, was aber an sich seine vornehmste Pflicht war: nämlich eine historisch-kritische Ausgabe vom kontrovers diskutiertesten Buch in seinem Sortiment und von einem seiner zentralen Autoren.
Veröffentlicht von kai bremer 

