Arbeitsphasen III

17. Juni 2012


Schlussworte

27. März 2012

Beglückt beende ich eben ein Buch über Thomas Kling. Das darin abgedruckte Gespräch mit Franz Josef Czernin und Heinrich Detering beschließt Hubert Winkels mit einem Hinweis auf Klings Begräbnis (S. 415f.):

„Auch dies eine Art, den Toten zum Klingen zu bringen, mit ihm weiter zu machen – was wir auf ganz andere Weise ja auch hier tun -, ein Weitermachen, ein Weiterleben, vom Totenfest ausgehend…“

Selten ein Buch, bei dem Schlusssatz und Lektüreeindruck derart in Ein=Klang stehen!


Kunze-Retro!

19. März 2012

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Lk 2,14) Diesen Satz aus der Weihnachtsgeschichte kennt fast jeder. Heute wird er meist etwas anders übersetzt („bei den Menschen seines Wohlgefallens“), aber das tut nichts zur Sache. Entscheidend ist, dass hier ein deutlicher Unterschied zwischen drei Instanzen markiert wird: zwischen Gott, dem Erzähler und ‚den‘ Menschen. Das geht in der Bibel ganz gut, weil der Erzähler quasi außerhalb des Erdenrunds steht und erzählt, wie Christius in die Welt gekommen ist. Der Erzähler weiß, dass der kleine Junge Jesus der Christus ist – anders als ‚die‘ Menschen, die nur ein Kind in der Krippe sehen würden, wenn die Engel sie nicht belehren würden.

An den Satz muss ich denken, wenn ich an Tagen wie gestern Politiker von ‚den‘ Menschen faseln höre. Sind sie selbst keine Menschen? Meinen sie, dass sie ähnlich wie der Bibel-Erzähler allwissende Wesen sind, die außerhalb des Geschehens stehen?

Man kann dieses Gerede noch steigern, indem man nicht von ‚den‘ Menschen spricht, sondern pars pro toto nur von ‚dem‘ Menschen: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ Wenn irgendein Vertreter der selbsterklärten ‚politischen Klasse‘ so spricht, dann ahmt er nicht nur biblischen Duktus nach und spielt den Seelsorger. Er tut zugleich so, als sei er nicht selbst Teil der Gesellschaft, und diskreditiert sich damit eigentlich als Bürgervertreter.

Kurzum: Mich nervt diese Art des politischen Geredes, weil ich sie als zutiefst undemokratisch empfinde.

Und wenn etwas stört, dann wird man dafür sensibel und stört sich daran immer öfter. Vielleicht ist deswegen bei mir der Eindruck entstanden, dass dieses Gerede erst in den letzten zwei, drei Jahren aufgekommen ist und zuletzt deutlich zugenommen hat. Am Wochenende nun habe ich Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman (zuerst 1985) gelesen, in dem der DDR-Funktionär Kunze jenen eben zitierten Satz sagt: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ (In meiner Neuausgabe Leipzig 2000, S. 138).

Braun lässt Kunze diesen Seelsorger-Satz sagen, nicht nur um dessen Formelhaftigkeit, sondern auch um die Abgehobenheit der politischen Klasse von der DDR-Bevölkerung bloßzustellen. Aus dem selbsterklärten Menschenversteher wird einer, der die Menschen gerade nicht versteht, weil er deutlich zwischen ihr und sich trennt. Das Gerede demaskiert den Sprecher. Deswegen habe ich mich diebisch über diesen Fund gefreut, weil ich mich in Zukunft nicht mehr über die sprachliche Unbedarftheit von Politikern, die durch ihre Wortwahl gerne innovativ wirken möchten, ärgern muss. Ich werd‘ mir sagen, dass das schlicht Kunze-Retro ist, eine intertextuelle Verneigung vor einem großen DDR-Roman, ein ironisches Augenzwinkern unter Braun-Lesern – und auf einmal wird die Welt viel schöner und bunter sein.


Arbeitsphasen II

5. März 2012


Arbeitsphasen I

13. Februar 2012


Konjekturale Praxis

10. Januar 2012

Jüngst ist eine Rezension zum Sammelband Konjektur und Krux erschienen, den ich 2010 mitherausgegeben habe. U.a. wird dem Band vorgeworfen, dass versucht worden sei, die „Heterogenität der Beiträge [zu] kaschieren.“ (in: editio 25 (2011), S. 225-230, hier S. 225). Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob es Aufgabe von Herausgebern ist, ‚Homogenität‘ herzustellen und alle Beiträge auf Linie zu trimmen, oder ob es gerade für theoretische Überlegungen nicht vielmehr produktiv ist, wenn unterschiedliche Positionen versammelt werden, um sie kenntlich zu machen und um dadurch Meinungsbildung anzuregen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden, der Rezensent bevorzugt offenbar den ersten Weg – das ist sein gutes Recht.

Wenn wir vier Herausgeber den Pluralismus der Beiträge aber tatsächlich hätten „kaschieren“ wollen, hätten wir wohl kaum bereits auf der ersten Seite der Einleitung u.a. auf „Reibungsflächen“ hingewiesen und auf das Bemühen, „kontroverse, gleichwohl konstruktive Standortbestimmungen“ vorzunehmen. Wir hätten dann auch nicht Aufsätze, die sich zum Teil explizit widersprechen, nebeneinander publiziert.

Ebenso wie diese Unterstellung hat mich auch die Auseinandersetzung mit den Vorüberlegungen von Uwe Wirth und mir zum Gegenstand des Buches irritiert. Nachdem wir zunächst brav mit „Bremer und Wirth“ genannt werden, geht die Rezension dazu über, für den Beitrag nur noch einen Autor zu nennen: „glaubt Wirth“, „Wirths Plädoyer“ (ebd., S. 226). Damit macht der Rezensent nun gerade das, was eine Konjektur auszeichnet: Aufgrund seines Kontextwissens stellt er eine Vermutung auf, welcher der beiden Verfasser die kritisierte Passage geschrieben haben dürfte. Der Rezensent zeigt damit zweierlei: 1. Sein Autorverständnis sieht kooperative Schreibverfahren nicht vor. 2. Er vertraut seiner Kritiker-Divination. Klassischer Fall von performativem Widerspruch im kleinen Philologen-Stadel.


Betrug?

2. September 2011

Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman „ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen“, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem „betrogenen Betrüger“, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?

Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.

In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von „Modulhandbüchern“ geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.

Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.

Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.


Härte

27. August 2011

Manchmal will ein kleiner Philologe ein harter Kerl sein. Aber weil er tatsächlich ein Einfaltspinsel und Schisser ist, mischt er sich beim Auswärtsspiel nicht unter die Ultras der Heimmannschaft, sondern geht in die Buchhandlung seines Vertrauens und verlangt was Hartes, was richtig Hartes.

Die junge Aushilfe bietet dem Käsegesicht Mankell an. Es stottert verlegen und stammelt was von „Ne, n‘ Krimi wollte ich eigentlich nicht.“ Zum Glück greift die Besitzerin ein. Sie kennt ihre Schnullis: „Nehmen Sie das hier, 35 Tote von Álvarez, der große Kolumbien-Roman der Gegenwart. Suhrkamp. Knallharte Realität. Abrechnung und Liebeserklärung zugleich.“

Und so sitzt der kleine Philologe, der so gerne richtig hart wäre, in seinem Sesselchen weit entfernt vom bösen Kolumbien, wo offensichtlich ohne Unterlass gekifft und gekokst wird, vergewaltigt und verprügelt. Alle sind total cool und haben dauernd Sex. Manche wollen die Welt ändern, die meisten aber nur Geld machen und Spaß haben. Ein paar liebenswerte Melancholiker trifft man auch.

Was soll unser Philologe sagen? So viele Tote gab’s lange nicht mehr in einem Buch, das er gelesen hat. Im Vergleich zu Mankell sind die Todesarten weniger bestialisch. Sie sind meistens schlicht effektiv, manchmal auch sadistisch. Sieht man einmal davon ab, dass der Roman aus ganz vielen verschiedenen Ich-Perspektiven erzählt wird (was natürlich auf die Dauer nervig ist, weil man zu Beginn jedes Kapitels wieder überlegen muss, wer jetzt gerade spricht), ist er ästhetisch nicht besonders spektakulär.

Aber der kleine Philologe ist ausdauernd und liest die ganzen gut 500 Seiten. Weil er letztlich doch ein harter Junge ist, ein ganz harter. Wenn die gegnerischen Ultras wüssten, wie das in Kolumbien abgeht und was er darüber jetzt alles weiß, dann würden die aber sowas von weiche Knie bekommen. Das kann ich Euch sagen. Also macht Euch schon mal vom Acker, mir macht keiner mehr was vor. Schließlich habe ich Álvarez‘ Roman von vorn bis hinten gelesen. Da könnt ihr mit Euren Bengalos und Schlachtgesängen aber sowas von nicht mithalten, das sag ich Euch aber.