Gar nicht so feine Unterschiede – oder: Prousts Dramaturgen

26. November 2016

Als ich vor kurzem den 4. Band von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gelesen habe, stutzte ich bei folgendem Satz:

Ungewiss, ob Ibsen oder d’Annunzio tot waren oder noch lebten, sah er bereits Schriftsteller und Bühnenautoren seiner Frau Besuche machen und sie in ihre Werke einbringen.
(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4: Sodom und Gomorrha. Übers. v. Bernd Jürgen Fischer. Stuttgart 2015, S. 97).

Zwei Formulierungen irritierten mich. Einmal ‚in ihre Werke einbringen‘. Ich habe wohl verstanden, was gemeint ist. Doch ist diese Wendung eigentümlich unkonkret und unkonventionell. ‚Eingehen lassen‘ oder ‚Eingang finden‘ schienen mir spontan bessere Lösungen.

Zudem stutzte ich ob des Paars ‚Schriftsteller und Bühnenautoren‘. Warum stand da nicht ‚Dramatiker‘, dachte ich sofort. Klar: weil Dramatiker auch Schriftsteller sind. ‚Bühnenautoren‘ sind selbstredend auch ‚Schriftsteller‘, aber ‚Schriftsteller und Bühnenautoren‘ reflektiert immerhin die unterschiedlichen Publika der beiden – einmal die Leser, einmal die Zuschauer. Also erst einmal schauen, was Proust selbst schreibt:

Incertain si Ibsen ou d’Annunzio étaient morts ou vivants, il voyait déjà des écrivains, des dramaturges allant faire visite à sa femme et la mettant dans leurs ouvrages.
(so in der Ausgabe von 1919, S. 89).

Selbst wenn man wie ich nicht gerade gut Französisch beherrscht, bemerkt man gleich, wie sehr die Übersetzung mit diesem Satz kämpft. War das ein Beispiel dafür, weswegen nicht wenige Kritiken die neue Reclam-Ausgabe, die ich lese, zwar begrüßt, sich jedoch letztlich festgelegt hatten, dass die Suhrkamp-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens besser sei? Also mal sehen, wie sie übersetzt hat:

Ungewiß, ob Ibsen oder d’Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten.
(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4.1: Sodom und Gomorra. Übers. von Eva Rechel-Mertens. Frankfurt/M. 1982, S. 98).

‚In ihren Werken nennen‘ ist zwar meinem Eindruck nach zu prosaisch für Prousts Stil, aber ein wirkliches Urteil traue ich mir hier nicht zu. Auf jeden Fall trifft es den umschriebenen Umstand deutlich klarer als das bei der Übersetzung von Fischer der Fall ist.

Bemerkenswerter finde ich das Begriffspaar ‚Schritsteller und Dramaturgen‘. In Seminaren und in Pausengesprächen im Theater erlebe ich es immer wieder, dass ‚Dramatiker‘ und ‚Dramaturgen‘ nicht unterschieden werden bzw. dass manche Menschen ‚Dramaturg‘ sagen, obwohl sie ‚Dramatiker‘ meinen (umgekehrt übrigens nie). Je nach Gesprächssituation kann man das korrigieren – im Seminar regelmäßig, in der Theaterpause mag das die Höflichkeit verbieten. Allerdings ist mir diese begriffliche Unbeholfenheit bisher noch nie in seriösen Texten begegnet. Dass die so sehr gelobte Übersetzung von Rechel-Mertens diesen Bock schießt, hat mich deswegen irritiert. Immerhin zeugt er nicht nur von der Unkenntnis des Berufsstand ‚Dramaturg‘. Er zeugt auch davon, dass Rechel-Mertens sich in ihrer Wortverwendung absolut gewiss gewesen sein muss. Denn natürlich hätte ihr der Blick in jedes x-beliebige Wörterbuch gezeigt, dass der ‚dramaturge‘ im Unterschied zum ‚Dramaturg‘ nichts anderes macht, als Dramen zu schreiben.

Bleibt freilich das Problem, wie man ‚dramaturge‘ an dieser Stelle übersetzt. Bemerkenswert ist, vermute ich, zunächst, dass Proust nicht von ‚poète‘ oder ’nouvelliste‘ spricht. Die Herzogin von Guermantes, von der hier berichtet wird, fand also, so darf man mutmaßen, Eingang in längere literarische Erzählungen und in Dramen. Wenn man sich weiterhin klar macht, wie leidenschaftlich der autodiegetische Erzähler ins Theater geht, sollte man ‚dramaturge‘ möglichst gleichlautend und also mit ‚Dramatiker‘ übersetzen. Natürlich ist die geläufigste Übersetzung für ‚écrivains‘ ‚Schriftsteller‘, aber aus den oben genannten Gründen fügt sich das nicht gut neben ‚Dramatiker‘. Deswegen wäre an sowas wie ‚Roman-Autor‘ zu denken, womit zugleich das Problem umschifft wäre, das sich ergeben hätte, wenn man ‚Romancier‘ gebraucht hätte. Elegant ist ‚Roman-Autor‘ zweifellos nicht, aber sicherlich besser als ‚Dramaturg‘, wenn ‚Dramatiker‘ gemeint ist.

 

 


„Rondo“

7. November 2016

Ob ein paar Glücksgluckser, Fuchtelfinger, Tamtam und Tutu sowie eine Bühnenbühne schon einen guten Theaterabend machen, könnt Ihr auf nachtkritik.de lesen.


Gender Trouble

30. Oktober 2016

img_5191img_5193Bin gestern wieder im Theater gewesen und habe einen Gender Trouble der etwas anderen Art gesehen. Auf nachtkritik.de habe ich drüber geschrieben.


Normalfall

14. September 2016

Dass Philologie vielsprachig ist, bildet den Normalfall; irreführend wäre es gerade deshalb, die Komparatistik als komplementäre Ergänzung von Einzelphilologien aufzufassen (wie es seit dem 19. Jahrhundert, mancherorts noch heute, geschieht).

Robert Stockhammer: Afrikanische Philologie. Berlin 2016, S. 14.


Welterklärer

7. September 2016

Marshall McLuhans berühmte Gutenberg-Galaxis wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein temporal begrenzter Ausschnitt aus Spenglers umfassenderem Gebäude und teilt mit diesem mehr als die Geste universaler Welterklärung.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 578.

Yeeha!


Werkpflege

6. September 2016

In dem Moment, da die Philologie als Disziplin zur Verwaltung und kritischen Einordnung der Überlieferung auf den Plan tritt, wird es für jeden um sein Werk bemühten Autor überlebensnotwendig, Voraussetzungen zu schaffen, um selbst Objekt der Philologie werden zu können. Die sichersten und offensichtlichsten Strategien sind zum einen Demonstrationen, wie das eigene Werk philologisch erschließbar wäre – und zum anderen die Bereitstellung von Manuskripten, dem hauptsächlichen Arbeitsgebiet der Philologen.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 253f.

Das zum Thema Poetik-Vorlesung und Schriftsteller-Vorlass.


Geisteswissenschaftler

5. September 2016

Wenn du ihm bei kleineren Reparaturen hilfst, sieht er dir jedes Mal ungläubig zu, als wärst du die erste Frau der BRD, die mit Werkzeug umgehen kann. Er tut dir leid. Du tröstest ihn: „Bist eben ein Geisteswissenschaftler.“

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz. München 2016, S. 207.


Literatikkritur

2. September 2016

Pflichtbewusst habe ich mich jetzt einmal durch Lyrik von Jetzt 3. Babelsprech gearbeitet: eine Anthologie mit zeitgenössischer Lyrik, herausgegeben von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Als ich mir das Buch gekauft habe, habe ich mich vom Werbetext auf der Rückseite einladen lassen: „Die wichtigsten Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik“ heißt es da. Ist natürlich vielversprechend.

War dann aber nicht so. Vielmehr habe ich mich über viele Gedichte in dem Buch geärgert, über die harmlose Renaissance der Erlebnislyrik darin, über die einfallslosen Enjambements und lyrischen Ichs, die gern Celan wären, obwohl sie selbst für Rilkes Andächtigkeit zu schlicht sind. Natürlich sind bei über 300 Seiten auch starke Gedichte dabei. Immerhin kennen sich die Herausgeber ja wie nur wenige in der Gegenwartslyrik jenseits des Suhrkamp-Mainstreams aus. Aber ich muss hier jetzt nicht das Aschenputtel geben und Euch meine Favoriten oder die Harmlosigkeiten vorstellen. Denn das hat Konstantin Ames auf Signaturen längst getan. Und da er im Unterschied zu mir ein wirklicher Kenner der Gegenwartslyrik ist, verweise ich schlicht auf seine Kritik.

Trotzdem schreibe ich hier ein paar Dinge zu der Anthologie auf, weil im Anschluss an Ames‘ Kritik ein Text erschienen ist, den man Metakritik nennen kann. Auf Ames hat auf Signaturen nämlich Tristan Marquardt reagiert. Marquardt hat zwar in Lyrik von Jetzt 3 vier Gedichte publiziert. Gleichwohl fühlt er sich nicht genötigt, die Anthologie zu verteidigen, was ich sehr überraschend fand, als ich seinen Text las. Vielmehr nutzt er die Kritik von Ames, um über den Stand der Lyrik-Kritik nachzudenken. Das Problem von Anthologien wie Lyrik von Jetzt 3 ist nämlich nicht nur, dass in solchen Büchern neben einigen Schätzen oft auch Gedichte versammelt sind, die besser im privaten Raum verblieben wären. Viel problematischer ist, und da stimme ich Marquardt zu, dass die Kritik vielfach unqualifiziert ist.

Es gibt aktuell, das belegt das Buch schon rein quantitativ, eine wirklich breite zeitgenössische Lyrik. Sie hat formal und inhaltlich viele Facetten. Das Problem der unqualifizierten Kritik ist nun, dass die meisten Kritiken etwa in den einschlägigen Online-Portalen oder Zeitschriften von denen geschrieben werden, die besonders viel Ahnung von der Materie haben. Das sind die Lyriker selbst. Die sind aber – naturgemäß – keine Kritiker. Das birgt das Risiko von Gefälligkeitsrezensionen oder von Fachidiotie.

Daneben gibt es dann einige wenige professionelle Kritiken in Zeitungen und ähnlichen Rezensionsorganen. Die Kritiker dort, spätestens aber die Redakteure, die die Kritik dann redigieren, kennen sich leider aber oft viel zu wenig mit dem ästhetischen Kontext aus, in dem die Gedichte erscheinen, so dass sie sich entweder auf die Zusammenfassung beschränken oder historisch problematische Vergleiche anstrengen.

Veranschaulichen lässt sich das beispielsweise an einer insgesamt gar nicht schlechten Kritik, die über die Anthologie in der Welt erschien. Sie trägt, das kann man vermutlich nicht dem Autor Tom Schulz anlasten, den Titel In Babylon kennt man keine Reime mehr. Das ist im Hinblick auf den Titel (Babelsprech) und die Textsorte Anthologie ein kluger Titel. Nur impliziert das „mehr“, dass in der Lyrik bis vor kurzem all überall noch Reime waren – egal, ob das jetzt ironisch gemeint ist oder ernst. Diejenigen von Euch, die bis hierher gelesen haben, muss ich wohl nicht davon überzeugen, dass das mit dem Reim nicht erst seit gestern „nicht mehr“ ganz so zwingend im Gedicht ist.

Schulz‘ Kritik hat zudem das Problem, das Marquardt berechtigterweise beklagt: Erst fasst er sehr lang zusammen und lobt höflich ein paar der beteiligten Lyriker (weniger ihre Texte), um schließlich den „Zauber der Poesie“ (Eichendorff!, Rilke!) zu beschwören und elegisch festzustellen: „Das Gedicht kennt von Hause aus keine Grenzen, es will ins Freie und Offene. Es will leuchten und manchmal brennen.“

Eine derartige Gedicht-Anthropologie mag der eine gerne lesen, der andere nicht. Was solche Sentenzen – zumal in ihrem Absolutheitsanspruch – aber sicherlich nicht liefern, ist eine kritische, die Ästhetik berücksichtigende Auseinandersetzung. Das kann nur eine konkrete, z.B. exemplarische Betrachtung einzelner Gedichte.

Dafür muss man übrigens gar kein Lyrik-Nerd sein. Wie man sehr gut an den Arbeiten von Max Czollek zeigen kann. Er ist einer der drei Herausgeber des Bandes. Dass er zu dem Buch selbst kein Gedicht beigetragen hat, ist nur angemessen. Auch wenn ich selbst sehr gerne etwas in der Anthologie von ihm gelesen hätte. Czollek ist sehr gut vernetzt, u.a. Mitglied des Lyrik-Kollektivs G13, das man nur empfehlen kann. Mehrere Mitglieder des Kollektivs finden sich auch in Babelsprech. Ich schildere Euch das, weil man sich all das zwar in den biographischen Notizen des Buches anlesen kann. In der Gliederung des Buches schlägt sich das hingegen in keiner Weise nieder. Warum hilft mir die Anthologie nicht, künstlerische Zusammenhänge in der jungen Lyrik zu finden? Indem in dem Buch immer hübsch ein Dichterlein nach dem anderen mit drei, vier Beispielen seines Schaffens vorgestellt wird, verliere ich mich als Leser nicht nur. Mir wird die Orientierung, die die Autoren selbst durch ihren Zusammenschluss zum Kollektiv geben, genommen.

Zugleich führt dieses Beispiel noch ein anderes Ärgernis vor: Viele der vertretenen Dichter produzieren nicht nur für die heimische Lektüre am Rechner oder im Buch. Viele von ihnen, wie z.B. G13, treten auch gerne auf und setzen darauf, dass sich ihre Lyrik erst im Vortrag voll entfaltet. Das hätte die Anthologie durch die Beigabe einer CD oder schlicht einer Download-Lizenz leicht berücksichtigen können, ja m.E. müssen. Stattdessen liest man und liest. Irgendwann schimmert eine Erinnerung an ein früheres Gedicht auf – eine Technik, ein Motiv, ein überraschender Klang –, doch ist man längst verloren in der Vielzahl der Gedichte und findet nichts wieder, was man irgendwann gelesen hat. Schließlich liest man eine solche Anthologie ja nicht in ein paar Tagen durch wie einen Roman.

Mir ist völlig klar, dass professionelle Literaturkritik historisch betrachtet keine Selbstverständlichkeit ist. Aber Marquardts Überlegungen machen deutlich, dass Kritik – obwohl für den Schriftsteller vielfach ein Ärgernis – letztlich ein Gut innerhalb des literarischen Feldes ist, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte, weil nur die unabhängige und urteilende Kritik in der Lage ist, ein Kunstwerk überzeugend einzuordnen.

Angesichts von Marquardts Überlegungen stellt sich nur die Frage, wie eine solche Position wiedergewonnen werden kann. Wenn man sich die aktuelle Situation der Literaturkritik anschaut, ist sie sehr divergent. Die klassische Literaturkritik zerfasert, so mein Eindruck, aktuell sehr. Zunächst: Literaturkritik ist in der Masse Roman-Kritik. Schon kleinere erzählerische Formate haben es schwer. Die Roman-Kritik hat – mit allen faktischen Verschränkungen – aktuelle drei Kernbereiche:

  • die nicht-professionelle Roman-Kritik in Blogs, Foren und in den Kommentarspalten des Versandhandels,
  • die professionelle Roman-Kritik, die aber faktisch empathische Annäherung an den Autor und seine nicht zuletzt merkantilen Bedürfnisse ist (Jürgen Kaube hat dazu heute ein schönes Beispiel in der FAZ geliefert) und schließlich
  • die ‚klassische‘ Roman-Kritik, wie sie seit der Aufklärung etabliert ist.

Bei der Lyrik-Kritik gibt es diese drei Bereiche theoretisch auch, aber faktisch gibt es vor allem den Bereich a. und dann eben ein Hybrid aus b. und c., weil sich vielfach keine professionellen Kritiker für Lyrik finden, so dass die Redaktionen dann Kenner, die meist Teil der Szene sind, um eine Kritik bitten. Und da sagt selbstredend keiner „Nein“. Nur ist dann eben die Gefahr der Gunst-Kritik groß.

Was bedeuten diese Überlegungen nun aber für die Lyrik-Kritik? Lyrik hat aktuell nicht unendlich viele, aber doch einige Leser und vor allem Besucher von Lesungen. Es ist naiv, von den Zeitungen und anderen kritischen Formaten mehr gute Lyrik-Kritiker zu fordern, weil sich das für die Feuilletons, die eh schon unter Beschuss stehen, nicht rechnet. Bleibt die Möglichkeit, dass sich die Lyriker selbst nicht für Kritiken zur Verfügung stellen. Das erwägend, bedeutet freilich auch, sich resignativ einzugestehen, dass diese Option ein frommer Wunsch ist. Denn wem wollte man einen Vorwurf machen, wenn eine etablierte Tageszeitung um einen Artikel bittet, der immer noch weit besser bezahlt ist als jedes Gedicht?

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte zumindest in Ansätzen sein, dass endlich mehr über Lesungen und Lyrik-Performances berichtet wird. Die Zuschauerzahlen sprechen deutlich dafür, dass es Leser solcher Kritiken geben könnte. Vielleicht sollte es ein Vorsatz für die professionelle Lyrik-Kritik werden, wenn möglich immer sowohl über den Text als auch über seine Aufführung zu schreiben. Also raus aus dem Kämmerlein der stillen Lektüre und rein ins pralle Leben der Lesebühnen und Literaturhäuser, liebe Kritik. Ein wenig Bewegung ist für die Figur eh nicht schlecht.