Marktwirtschaft

11. Mai 2013

Gestern und vorgestern war ich auf dem Markt. Mitten in Berlin. Nahe der Gedächtniskirche. Also so richtig unhip. War aber trotzdem hip, der Markt. So hip, dass man erst einmal in der Schlange stehen musste, bevor es mit einem wenig hippen Fahrstuhl in den 10. Stock ging. Da war’s dann wieder hip. Pan Am Lounge, Panoramablick über Westberlin, akurat frisierte Damen und Herren in Uniformen von Pan Am: voll chic, voll retro (Fotos durfte man nicht machen: auch das eher retro). Zum Glück trug ich Anzug, fühlte mich gleich wie Don Draper – auch wenn ich Seitenscheitel schon seit Ewigkeiten nicht mehr kann und auch wenn ich die Krawatte natürlich zuhause gelassen hatte (Krawatte in Berlin…).
Auf dem Markt gab es Stücke. Stücke von Dramen: 18 Minuten Volker Braun, 17 Minuten Albert Ostermaier, 20 Minuten Jelinek. Darf’s auch ein bisschen mehr sein? Und schön dünn geschnitten?
Die Stücke präsentiert haben Schauspieler wie Peter Jordan, Wolfram Koch, Anne Ratte-Polle, Susanne Wolf. Damit es auf dem Markt schön geordnet zuging, hatten ihn ein paar Leute eingerichtet, die was von Stücken verstehen: Stephan Kimmig hat den Markt als Rundlauf begriffen, von Stückstation zu Stückstation; Christoph Mehler und Philip Preus ließen uns Marktbesucher gehen und Pause machen, wie wir wollten. War also alles bestens. Spannende Texte von exzellenten Schauspielern gesprochen und angespielt, von sehr guten Regisseuren eingerichtet an einem besonderen Ort. Zwei tolle Abende (eigentlich waren es drei, aber am ersten war ich bei #theaterundnetz).
Nur warum die Veranstaltung Stückemarkt heißt, habe ich nicht begriffen (und das geht mir schon länger so, ist schließlich nicht der erste Stückemarkt beim Theatertreffen, sondern der 35.).
Ich bin dann also so Don-Draper-mäßig durch die Pan Am Lounge flaniert (ohne den obligatorischen Drink, sondern teutonisch-stillos mit grüner Bierpulle) und war auf einmal voll kapitalistisch drauf. Gar nicht im Hinblick auf die Veranstaltung selbst. Die hat nämlich gut amerikanisch einen hohen Privatanteil, da sie von Heide und Heinz Dürr unterstützt wird. Und da die beiden die Abende offenbar auch genossen haben, kann man ihnen nur danken und auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr hoffen!
Nein, ich habe mich gefragt, wem hier eigentlich was verkauft wird – denn das meint Markt doch. Der Wortbildung nach werden hier die Stücke verkauft. Aber nicht nur das Setting, sondern auch der Aufwand, der betrieben wird (Ort, Schauspieler, Regisseure), macht klar, dass hier mehr verkauft wird, nämlich ein Erlebnis und zwar ein sehr aufwändig produziertes. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Stücke zwar wichtig sind – aber sie sind eben Teil und nicht Zentrum der Veranstaltung. Das ist bei anderen Märkten anders. Natürlich gibt’s auch Leute, die einfach nur über den Flohmarkt bummeln. Aber zumindest die Händler hoffen doch auf den Käufer, sonst würde es sich für sie nicht lohnen. Auf dem Stückemarkt hingegen kann man im Anschluss zwar noch das Autorengespräch besuchen, aber wesentlich sind die Aufführungen.
Nun könnte man natürlich mutmaßen, dass hier die Stücke für die Uraufführung Intendanten und Dramaturgen präsentiert werden. Aber die fahren eher nach Heidelberg oder lassen sich schlicht von den Verlagen die PDFs ins Haus schicken.
Es geht also schon um das Publikum, das – offenbar und zum Glück – keinen professionellen Hintergrund hat bzw. haben muss. Soweit so gut.
Nur warum nennt man das dann so missverständlich? Don und ich, wir ließen unseren Blick über die Budapester Straße schweifen und haben seine Mad Men einberufen, um mal ein paar Alternativbegriffe zu entwickeln. Der erste Vorschlag lautete Stückwerkstatt. Doch dann wachte ich aus meinen Träumereien auf und blickte in Dons mitleidiges Lächeln: Höflich schwieg er, aber ich wusste, was er denkt. Er wunderte sich über meinen philologischen Kleingeist und darüber, dass ich mir Gedanken über Produkte mache, die sich gut verkaufen und ein etabliertes Label sind. Ach, Don, du hast recht. Einfach einen Drink eingießen und genießen!


Von Möglichkeiten und Wirklichkeiten

13. Januar 2013

Im November 2011 beendet Moritz Rinke die erste Fassung seines neuen Stücks Wir lieben und wissen nichts. Er scheint zufrieden und meint, es sei sein bester Theatertext. Er verschickt ihn an einige Freunde und Bekannte, auf deren Urteil er vertraut. Rinke pflegt zu seinen Figuren vielfach ein zärtliches Verhältnis. Trotzdem ist er ein Autor, der mit Kritik während des Schreibens gut umgehen kann, sie sogar einfordert.

Rinke nennt den neuen Text im Untertitel ‚Stück‘, ähnlich unkonkret ist er bei Republik Vineta und Café Umberto verfahren, seinen beiden ganz großen Theatererfolgen im letzten Jahrzehnt. Er mag konkretere Festlegungen offensichtlich nicht, obwohl seine ‚Stücke‘ lupenreine ‚Dramen‘, vielleicht gar ‚Komödien‘ sind. Warum nennt er seine Theatertexte nicht so? ‚Komödie‘ scheidet aus, das klingt in Deutschland immer gleich nach Schenkelklopfer, Mundart und Happy End. All das serviert er seinem Publikum selbstredend nicht. Andererseits – wenn man an Tschechow denkt, der seine Komödie Die Möwe mit einem Selbstmord beendet …

Vielleicht legt Rinke sich nicht fest, weil er durch eine harte terminologische Schule gegangen ist. Er hat Anfang der 90er in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studiert. Da hat man ihm vermutlich beigebracht, dass es ‚Dramen‘ nicht mehr gibt, nur noch ‚postdramatische Theatertexte‘. Rinke nennt sie ‚Textflächen‘: zur Prosa neigende Diskurscollagen, die Figuren aus Fleisch und Blut, Konflikte zwischen Menschen und die sich daraus ergebenden Dialoge vermeiden. Seine Stücke sind ein regelrechter Gegenentwurf zu diesen ‚Textflächen‘. Mit Wir lieben und wissen nichts beweist er erneut, wie lebendig das Drama ist.

Als sich Rinke Ende des letzten Jahrzehnts an seinen Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel machte, war er ermüdet von einem Theaterbetrieb, der seine Stücke wie diese Textflächen behandelt, sie gern mehr zum Ausgangspunkt nimmt und sie nicht zum Zentrum der Inszenierung macht. Manche vielbesprochenen Inszenierungen wurden seinen oftmals sensiblen, an der Wirklichkeit zerbrechenden Figuren nicht gerecht. Es kommt offenbar bei diesen Texten mehr noch als sonst darauf an, eine passende Regiehandschrift zu finden. Denn ein Regisseur muss die Rinke-Figuren schon zärtlich lieben wollen. Große Namen unvermittelt und abhängig von deren Terminkalender auf Rinkes Stücke loszulassen, scheint jedenfalls bei diesem Autor noch weniger als bei anderen ein Erfolgsrezept zu sein.

Rinke ist alles andere als ein öffentlichkeitsscheuer Autor. Nicht zuletzt deswegen wusste und weiß er, wie sehr sein Publikum seine Figuren liebt. Daher war es von ihm nur konsequent, sich dem Roman zuzuwenden, der es ihm ermöglichte, seine Figuren direkt und unvermittelt seinem Publikum zu präsentieren. Auch mit seinen Essays und Alltagsbeobachtungen für Tageszeitungen war er weiterhin präsent, das Publikum immer im Blick. Nun sind seine Figuren zurück auf der Bühne. Rinke stellt sich nach einer langen Pause wieder dem Theater, das bei allen Verletzungen und Missverständnissen seine Leidenschaft ist. Wir dürfen gespannt sein, Abend für Abend, wie die Theater Wir lieben und wissen nichts umsetzen.

Wenn man sich die Spielpläne landauf, landab anschaut, zeigt sich rasch, dass nicht wenige Theater das Drama auf den Spielplan genommen haben. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Wir lieben und wissen nichts eins der meistgespielten Stücke dieser Spielzeit werden wird. Wie angedeutet, stellen sich die Theater damit einer Herausforderung. Das liegt neben all der Liebe zu den Figuren, die ein emotional durchdachtes Spiel erfordert, an der Päzision seiner Dialoge. In Rinkes erstem Drama, Der graue Engel von 1995, spricht nur eine Figur, es dominieren Pausen. Seit damals hat sich Rinke zu einem Meister des Dialogs weiterentwickelt. Seine Kunst besteht darin, dass nicht nur handwerklich präzise ein Wort aufs andere folgt (wie etwa bei Yasmina Reza), sondern Rinkes Figuren Vieles zum Ausdruck bringen, ohne es direkt auszusprechen. Seine besten Figuren überzeugen durch die Zwischentöne, durch das, was ungesagt bleibt, durch das, was nicht ausgedrückt werden kann oder ausgedrückt werden darf, ohne andere zu verletzen.

Das wird zumal dadurch deutlich, dass es in Rinkes Dramen immer auch die gibt, die diese Sensibilität nicht kennen, denen Rücksicht fremd ist. Diese beiden Typen unterscheidet, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen und ob sie an Veränderungen glauben oder zumindest darauf hoffen. Rinke nennt die Sensiblen in Anlehnung an Musil gern die Möglichkeitsmenschen, die in der vermeintlichen Realität lebenden hingegen Wirklichkeitsmenschen. Sie richten sich in dem ein, was ist, ohne dabei an Alternativen einen Gedanken zu verschwenden. Rinkes Zuneigung gilt den Möglichkeitsmenschen, die in allen seinen Stücken zu finden sind und vielfach an den Wirklichkeitsmenschen zerbrechen.

Wenn man von dieser Weltsicht weiß, versteht man besser, warum Rinke Chaplin bewundert, warum er sich sehr freute, als über seinen Roman gesagt wurde, der sei erzählt wie ein Blues von Clapton – Slowhand.

alle 4Sein neues Stück hat nur vier Personen. Das ist für ein Rinke-Drama nicht besonders viel. Er hat oft erzählt, wie ihm gegenüber Intendanten meinten, sie würden ihn ja gerne auf den Spielplan setzen, nur wäre sein Personal immer zu groß. Das wird jetzt nicht passieren.

Auch der Ort ist für eine einfache Einrichtung ideal. Wir lieben und wissen nichts spielt in einem beinahe leeren Raum, der Teil einer Wohnung ist, die Hannah und ihr Freund Sebastian mit den ankommenden Roman und Magdalena zu tauschen beabsichtigen. Man ist mit diesem Setting sofort in einer typischen Rinke-Welt: Sebastian ist ein gescheiterter Kulturhistoriker, der sich gerade mit den Adamiten befasst und nicht umziehen will. Er macht das überhaupt nur, weil seine Lebensgefährtin Hannah in Zürich einen neuen Job hat.

Sebastian ist einer dieser Träumer, vielleicht ein Widergänger des frühneuzeitlichen Narren, der zwar in unserer Welt lebt, aber sich verhält, als stünde er außerhalb. Hannah ist davon genervt, unter anderem weil sie ein Kind will, und er sich dem nicht nur verweigert, sondern ganz und gar ungeeignet scheint, Verantwortung zu übernehmen. Ein Konflikt ist angesichts dieser Konstellation vorprogrammiert. Und er entzündet sich durch den anstehenden Umzug prompt.

MagdalenaRoman und Magdalena aus Zürich ergänzen Hannah und Sebastian. Bei diesem Paar ist er derjenige, der zunächst für die Wirklichkeit steht. Sie bleibt im Vergleich zu den übrigen Figuren zunächst eigentümlich blass. Sie versteht sich zwar gleich blendend mit Sebastian, ansonsten ist sie dem ersten Eindruck nach wenig eigenständig. Nimmt man hingegen das gesamte Stück in den Blick, dann entwickelt sich Magdalena immer mehr zu der Figur, die fasziniert. Das ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sie nach einer Möglichkeit sucht, Roman sanft sein berufliches Scheitern zu vermitteln, das sie als Wirklichkeit akzeptiert, er jedoch nicht wahrnimmt.

Sterne

Damit ist zugleich ein weiteres, inzwischen regelrecht klassisches Rinke-Moment benannt. Gerade seine Wirklichkeitsmenschen wie hier Roman, der in vielerlei Hinsicht den vermeintlichen Machern Born und Hagemann in Republik Vineta ähnelt, meinen zwar die Wirklichkeit zu kennen und ihr gemäß zu handeln. Aber tatsächlich sehen sie nur Ausschnitte. Nicht nur Rinkes Möglichkeitsmenschen sind bedroht, weil sie sich nicht mit der Wirklichkeit arrangieren können. Auch die Wirklichkeitsmenschen sind es, weil ihr Blick auf die Welt unvollständig ist und weil sie just das übersehen oder nicht wahrhaben wollen, was sie ganz besonders betrifft.

PistoleDoch man ist nicht nur angesichts des Settings und der Konfliktstruktur in einem typischen Drama von Rinke. Auch einige Motive sind bekannt. So hält Sebastian gleich zu Beginn eine Napoleon Le Page-Pistole in den Häden just die Waffe, mit der im Roman schon viel Unheil angerichtet worden ist. Und in Republik Vineta löst eine Pistole aus napoleonischer Zeit ebenfalls eine Katastrophe aus. Nun könnte man meinen, ein solches Requisit ist nicht mehr als ein netter Verweis innerhalb des eigenen Werkes und vielleicht eine Verneigung vor dem von Rinke geschätzten Tschechow, der, wie erwähnt, ebenfalls gerne mit der Pistole als Handlungselement bzw. Schlusspunkt gearbeitet hat. Aber dem ist nicht so. Die Pistole verweist auf mehr, da sie sowohl Duellpistole als auch Waffe der Revolution war, die ihrerseits versuchte, Möglichkeit und Wirklichkeit ins Verhältnis zu setzen. So betrachtet, ist die Pistole das Dingsymbol schlechthin für eine Dialektik der Aufklärung, die ein Grundzug von Rinkes literarischem Werk ist. Es gibt also viel zu entdecken in Wir lieben und wissen nichts: Bekanntes und Neues, Liebenswertes und Wundernswertes.

In diesen Wochen beurteilen Theatermacher und -kritiker Rinkes neues Drama; die meisten begrüßen es sehr, einigen ist es zu unoriginell. Solche Urteile sind meist leichter gefällt als begründet. Denn wann ist ein Drama gut, wann schlecht? Was sind die Kriterien für ein solches Urteil? Ist Tschechows Die Möwe besser oder schlechter als Drei Schwestern, Onkel Wanja oder Der Kirschgarten? Je nach Situation beantworten wir das unterschiedlich. Deswegen scheint es besser, das festzuhalten, was sicher ist: Wir lieben und wissen nichts ist Moritz Rinkes konzentriertestes Drama. Es fasst in seinen vier Figuren all das zusammen, was sein bisheriges Werk kennzeichnet. Es leuchtet das Neben- wie Ineinander von Möglichkeiten und Wirklichkeiten aus, wie es nur wenige andere Theaterstücke vermögen. Andererseits mag Wir lieben und wissen nichts dem einen oder anderen im Vergleich zu Republik Vineta oder Café Umberto bemerkenswert unpolitisch scheinen. Doch so argumentiert nur, wer unter politisch ausschließlich tagespolitisch verstehen will. Im Gegensatz dazu widmet sich Wir lieben und wissen nichts den Konsequenzen im Privaten, die wir alle beinahe täglich erfahren. So ist das Drama von einer Aktualität, die der Tschechows vielfältig ähnelt und Gültigkeit über den Tag hinaus beansprucht.

(Dieser Artikel erscheint außerdem im Programmheft zu Rinkes Stück am Theater Aachen – Premiere: 13.1.2013. Die eingefügten Fotos hat das Aachener Theater mir dankenswerterweise zur Verfügung gestellt; Marie-Luise Manthei hat sie geschossen. Sie hält alle Rechte an den Fotos.)

Spardebatten

23. September 2012

an Theatern können zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. In Münster sogar innerhalb eines Hauses.


Exzess

6. September 2012

Wenn der kleine Philologe einmal richtig exzessiv sein will, dann schleicht er sich gegen Abend aus dem Elfenbeinturm und geht ins Theater. Aber weil die Katze das Mausen nicht lassen kann, treibt’s ihn danach gleich wieder an den Schreibtisch. Dort gießt er sich ein Gläschen Wein ein und denkt bis tief in die Nacht über das Stück nach und schreibt sich darüber die Finger wund. Am nächsten Morgen sieht’s auf dem Schreibtisch dann so aus:

Und wenn ihr jetzt noch wissen wollt, wie’s im Theater war, müsst ihr bei nachtkritik nachschauen.


Schlussworte

27. März 2012

Beglückt beende ich eben ein Buch über Thomas Kling. Das darin abgedruckte Gespräch mit Franz Josef Czernin und Heinrich Detering beschließt Hubert Winkels mit einem Hinweis auf Klings Begräbnis (S. 415f.):

„Auch dies eine Art, den Toten zum Klingen zu bringen, mit ihm weiter zu machen – was wir auf ganz andere Weise ja auch hier tun -, ein Weitermachen, ein Weiterleben, vom Totenfest ausgehend…“

Selten ein Buch, bei dem Schlusssatz und Lektüreeindruck derart in Ein=Klang stehen!


Walter

12. März 2012

Und wie das Programmheft schon beweist, ging’s nach der Lektüre ins Theater.


Arbeitsphasen I

13. Februar 2012


Limen

4. Februar 2012

Nicht erst seit Celans Von Schwelle zu Schwelle (1955) ist die Frage nach der Grenze bzw. ihrem Überschreiten und Übersteigen eine, die die Lyrik beschäftigt. Versucht doch letztlich wohl jedes Gedicht, Schwellen zu überwinden – allein schon in dem Sinne, dass sich von Vers zu Vers wieder die Frage stellt, wie der Übergang zwischen ihnen angegangen wird.

In diesem Sinne ist es nicht weiter überraschend, wenn sich eine Zeitschrift Limen nennt, die sich zeitgenössischer Literatur, Lyrik vor allem (von „Dichtung“ spricht der Untertitel) widmet und auf die auch schon der Deutschlandfunk und Litlog aufmerksam  geworden sind. In poetologischer Hinsicht ist der Name der Zeitschrift also naheliegend. Doch Limen will damit mehr sagen. In der Zeitschrift werden nämlich Sprachschwellen fokussiert. Die Zeitschrift publiziert deutschsprachige und ausländische Lyrik – und zwar sowohl im Original als auch in Übersetzung. Außerdem werden diese Sprachschwellen hörbar gemacht, indem dem Heft eine CD mit allen Gedichten beiliegt.

Doch noch in einer dritten Hinsicht geht es um die Auseinandersetzung mit einer Schwelle. Zumindest das jetzt erschienene erste Heft stellt sich der Frage nach der Referenz – es überschreitet damit eine Schwelle, die nicht selbstverständlich ist: die Schwelle zwischen Gedicht und Verstehen. Um an dieser Schwelle nicht zu stolpern, haben die beiden Herausgeber Kristin Bischof und Massimo Pizzingrilli die beteiligten Schriftsteller um Statements gebeten – eine kluge Entscheidung, zumal der Verzicht auf (Selbst-)Kommentare für die Leser gewiss eine noch größere Herausforderung gebildet hätte, als es das eh schon anspruchsvolle Heft tut.

Eröffnet wird das Heft mit drei Gedichten von Mara Genschel. Sie setzen sich intensiv mit dem Verhältnis von Laut und Schrift auseinander und bilden einen eigenen Kunstraum, der am Rande auf ganz alltägliche Situationen referiert. So scheint das Ich im zweiten Gedicht vor einem Schild, das vor einem Hund warnt, zu stehen und Ausschau zu halten, ob ein Hund („Hunt“) da ist. Doch obwohl „kein Hunt“ (so sechsmal) das naive, eingeschüchterte (kindliche?) Ich bedroht, tritt es nicht ein, sondern verharrt vor dem „schwarz/ auf weißem Grund“.

Angesichts ihres Interesses am artifiziellen Ausdruck verwundert es nicht weiter, dass sich Genschel in ihrem Statement der Frage nach Dichtung und Politik nicht im Sinne einer Erörterung stellt, sondern derart, dass sie fragt, ob und wie diese Systeme zueinander passen.

Angesichts dieses beeindruckenden Auftakts wird man natürlich neugierig. Insgesamt können die ausgewählten Autoren und Gedichte sehr überzeugen. Teilweise wäre es freilich ganz hilfreich gewesen, wenn die Einführungen noch konkreter auf die ausgewählten Gedichte Bezug genommen und nicht nur generell die Autoren vorgestellt hätten. So wird zum Beispiel Sebastian Himstedt als sehr klanglich orientierter Lyriker präsentiert (vgl. S. 18), doch gilt das für die hier abgedruckten Gedichte nicht so sehr. Selbstredend ist ihnen eine Klanglichkeit eigen, die das Maß der Umgangssprache weit übersteigt. Doch gerade im Vergleich mit vielen anderen Gedichten des Bandes wirken seine drei vergleichsweise prosaisch, ja alltäglich. Diesen Eindruck bestätigt auch sein kurzer Beitrag zum Verhältnis von Politik und Lyrik.

Die Stärke dieser Debutausgabe von Limen liegt aber gerade darin, dass sie nicht in eine Richtung zielt, sondern facettenreich angelegt ist. Während Himstedt Politisches in der Lyrik für möglich hält, bezweifelt im Anschluss an ihn André Schinkel eben dies, obwohl seine Lyrik, wie das Vorwort überzeugend deutlich macht, mit Ringelnatz und Biermann zwei Vorbilder kennt, die sich auf die Realität vergleichsweise konkret bezogen haben und keinen lyrischen ‚Gegenraum‘ zu dieser aufmachen. Das ist bei den beiden, eigens für das Heft verfassten Gedichten von Uljana Wolf, die u.a. geschickt mit der Differenz zwischen Umgangssprache und Schriftsprache spielen und so das Artifizielle des Alltags bloßlegen, wiederum anders. In ihrem ebenfalls lyrischen Statement fragt sie nach dem Statischen des Staates und zeigt so, wie sehr das, was sich notwendig als fest und stabil begreift, in permanenter Bewegung und Auslegung ist.

Auf die deutschsprachigen Autoren folgen die französischen und schließlich die italienischen. Eröffnet wird der zweite Teil mit Gedichten des vermutlich prominetesten Lyrikers in diesem Heft. Philippe Beck, der auch in deutscher Übersetzung vorliegt (und breit wahrgenommen wird), wird hier mit einigen Variationen seiner Boustrophes vorgestellt, die in den nächsten Wochen bei Matthes & Seitz in deutscher Übersetzung von Tim Trzaskalik erscheinen. In Becks Statement bekennt er sich in Derridascher Tradition zur durch Lyrik provozierten Sprachskepsis, die an sich politisch sei. Dieser Ansatz wird von dem folgenden Prosatext sowie das Statement zur Bedeutung des Geldes von Christophe Tarkos noch radikalisiert. Der dritte französische Schriftsteller ist Pierre Vinclair, auf dessen blog ich hier einfach hinweise.

Die Reihe der italienischen Lyriker eröffnet Massimo Baldi. Seine Lesung erscheint, zumal angesichts der Verspieltheit der deutschen Schriftsteller eigentümlich pathetisch. Und so ruft das Heft, je länger man in ihm liest (nach Baldi kommen noch Lorenzo Boccafogli, Maria Grazia Calandrone und schließlich Evelina De Signoribus zu Wort) auch dem Ton nach in Erinnerung, dass sein Gegenstand zwar spielerisch leicht sein kann, keineswegs aber nur Spiel ist, sondern ein wunderbar vielfältiges Panoptikum europäischer Dicht- und also Laut- und Wortkunst.