In eigener Sache

23. August 2012

Wenn’s so heiß ist wie in den letzten Tagen, dann sehnt man sich nach einem Ort, der ein wenig Schutz vor der Kühle verspricht. Wir, die verhärmten und vom ewigen Messen, Lesen und Schreiben (und manchmal auch Denken) gebeugten Einwohner des Elfenbeinturms, haben es an solchen Tagen ausnahmsweise einmal sehr gut. Ja, mancher beneidet uns sogar. Denn im Elfenbeinturm herrscht, wenn nicht gerade eine Sau namens Reform durch unsere Gänge getrieben wird, nicht nur angenehme Stille, sondern eben auch wohltemperierte Kühle.

Allen Spöttern sei gleich entgegnet: Natürlich gibt es auch die mit Asbest verkleisterten Papp-Dinger, in denen es im Sommer noch fürchterlicher ist als in einer x-beliebigen U-Bahnstation. Aber wer will diese Gebäude ernsthaft zum Elfenbeinturm adeln?

Also: Da der Elfenbeinturm gerade im Sommer ein wenn auch selten frequentiertes, gleichwohl eigentlich sehr angenehmes Refugium ist, überrascht es nicht, dass seine Einwohner gerde jetzt über seine Vorteile nachdenken. Carlos Spoerhase, selbst Einwohner eines der schönsten deutschen Elfenbeintürme, hat das gestern in einem Artikel in der FAZ getan. Auf den Artikel kann ich hier leider nur konventionell verweisen, weil er nicht online ist: FAZ Nr. 195, S. N 5. Er geht von einem Aufsatz des Wissenschaftshistorikers Steven Shapin zum Elfenbeinturm (in: The British Journal for the History of Science 45 (2012)) aus. Die Pointe des FAZ-Artikels ist dabei jenseits von Shapin, dass Carlos den Topos vom Elfenbeinturm mit dem des universitären Leuchtturms überblendet. Mehr will ich hier dazu gar nicht sagen, weil es eine zweischneidige Sache ist, Freunde in der Öffentlichkeit zu loben.

Mir geht es um etwas anderes, nämlich um das Ansinnen an die Bewohnern des Elfenbeinturms, sie müssten auch einmal aus dem Elfenbeinturm heraustreten, um z.B. dem Gemeinwohl zu dienen. Shapin verweigert sich in seinem Aufsatz offenbar diesem Ansinnen und plädiert stattdessen für Kontemplation. Ich möchte auf dieses Ansinnen mit einer kleinen Erzählung antworten.

Die Schneckenhaus-Parabel

Im Urlaub bin ich an einem sehr heißen, drückenden Tag durchs Meer gewatet. Auf einmal schwamm vor mir ein wunderschönes, handtellergroßes Schneckenhaus. Ich habe es mit nach Hause genommen, weil es so schön war und mir als Andenken an den Urlaub dienen sollte. Gegen Abend bewegte es sich auf einmal. Im ersten Moment bin ich richtig erschrocken. Dann sah ich, wie langsam ein Einsiedlerkrebs aus dem Haus zu kriechen begann. Zwar wollte ich mein Andenken nicht aufgeben – aber dafür einen Krebs töten, das wollte ich natürlich nicht. Also habe ich den Krebs, dem es in dem Schneckenhaus bestimmt längst zu trocken wurde, in eine Schüssel mit Salzwasser gelegt, um ihn am nächsten Tag wieder ins Meer auszusetzen, damit er sich eine neue Heimat suchen kann. Am nächsten Morgen aber war der Krebs tot. Das Schneckenhaus habe ich mit nach Hause genommen. Aber eine Erinnerung an einen heißen Urlaubstag ist es nicht mehr, sondern an einen hilflosen Versuch, dem gar nicht so kleinen Einsiedler irgendwie seine Zukunft zu erhalten.


Arbeitsphasen III

17. Juni 2012


Schlussworte

27. März 2012

Beglückt beende ich eben ein Buch über Thomas Kling. Das darin abgedruckte Gespräch mit Franz Josef Czernin und Heinrich Detering beschließt Hubert Winkels mit einem Hinweis auf Klings Begräbnis (S. 415f.):

„Auch dies eine Art, den Toten zum Klingen zu bringen, mit ihm weiter zu machen – was wir auf ganz andere Weise ja auch hier tun -, ein Weitermachen, ein Weiterleben, vom Totenfest ausgehend…“

Selten ein Buch, bei dem Schlusssatz und Lektüreeindruck derart in Ein=Klang stehen!


Kunze-Retro!

19. März 2012

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Lk 2,14) Diesen Satz aus der Weihnachtsgeschichte kennt fast jeder. Heute wird er meist etwas anders übersetzt („bei den Menschen seines Wohlgefallens“), aber das tut nichts zur Sache. Entscheidend ist, dass hier ein deutlicher Unterschied zwischen drei Instanzen markiert wird: zwischen Gott, dem Erzähler und ‚den‘ Menschen. Das geht in der Bibel ganz gut, weil der Erzähler quasi außerhalb des Erdenrunds steht und erzählt, wie Christius in die Welt gekommen ist. Der Erzähler weiß, dass der kleine Junge Jesus der Christus ist – anders als ‚die‘ Menschen, die nur ein Kind in der Krippe sehen würden, wenn die Engel sie nicht belehren würden.

An den Satz muss ich denken, wenn ich an Tagen wie gestern Politiker von ‚den‘ Menschen faseln höre. Sind sie selbst keine Menschen? Meinen sie, dass sie ähnlich wie der Bibel-Erzähler allwissende Wesen sind, die außerhalb des Geschehens stehen?

Man kann dieses Gerede noch steigern, indem man nicht von ‚den‘ Menschen spricht, sondern pars pro toto nur von ‚dem‘ Menschen: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ Wenn irgendein Vertreter der selbsterklärten ‚politischen Klasse‘ so spricht, dann ahmt er nicht nur biblischen Duktus nach und spielt den Seelsorger. Er tut zugleich so, als sei er nicht selbst Teil der Gesellschaft, und diskreditiert sich damit eigentlich als Bürgervertreter.

Kurzum: Mich nervt diese Art des politischen Geredes, weil ich sie als zutiefst undemokratisch empfinde.

Und wenn etwas stört, dann wird man dafür sensibel und stört sich daran immer öfter. Vielleicht ist deswegen bei mir der Eindruck entstanden, dass dieses Gerede erst in den letzten zwei, drei Jahren aufgekommen ist und zuletzt deutlich zugenommen hat. Am Wochenende nun habe ich Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman (zuerst 1985) gelesen, in dem der DDR-Funktionär Kunze jenen eben zitierten Satz sagt: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ (In meiner Neuausgabe Leipzig 2000, S. 138).

Braun lässt Kunze diesen Seelsorger-Satz sagen, nicht nur um dessen Formelhaftigkeit, sondern auch um die Abgehobenheit der politischen Klasse von der DDR-Bevölkerung bloßzustellen. Aus dem selbsterklärten Menschenversteher wird einer, der die Menschen gerade nicht versteht, weil er deutlich zwischen ihr und sich trennt. Das Gerede demaskiert den Sprecher. Deswegen habe ich mich diebisch über diesen Fund gefreut, weil ich mich in Zukunft nicht mehr über die sprachliche Unbedarftheit von Politikern, die durch ihre Wortwahl gerne innovativ wirken möchten, ärgern muss. Ich werd‘ mir sagen, dass das schlicht Kunze-Retro ist, eine intertextuelle Verneigung vor einem großen DDR-Roman, ein ironisches Augenzwinkern unter Braun-Lesern – und auf einmal wird die Welt viel schöner und bunter sein.


Walter

12. März 2012

Und wie das Programmheft schon beweist, ging’s nach der Lektüre ins Theater.


Arbeitsphasen II

5. März 2012


Exekution eines traurigen Hallodris

20. Februar 2012

am letzten Freitag in Frankfurt!


Arbeitsphasen I

13. Februar 2012