Mühe

16. März 2010

Beim Wiederlesen von Sarah Kanes Zerbombt sind mir eine Theaterkarte und einige Zeitungsausschnitte mit Kritiken von der Berliner Inszenierung an der Schaubühne entgegengefallen. Ich frage mich oft, was es bringt, wenn ich Zeitungsartikel und Notizen in Bücher einlege. Zumindest Erinnerungen, soviel weiß ich jetzt.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Textstellen nachlesen und dann sah ich ein Szenenfoto mit Katharina Schüttler und Ulrich Mühe: er spielt den vom Krebs zerfressenen Journalisten Ian. Als ich die Inszenierung sah, war ich beeindruckt von Mühes Präsenz, ein Körper gewordener Ausnahmezustand. Ein Körper, der das ganze Stück auf den Punkt bringt. Jetzt, da die vergilbten Artikel die Erinnerung wieder wach rufen und ich weiß, dass Mühe nur zwei Jahre später gestorben ist, frage ich mich, ob damals nicht schon sein eigener Ausnahmezustand eingetreten war.


Nachspielzeit

12. Februar 2010

Vorgestern hatte ich an dieser Stelle ja schon ein wenig für die Lesung von Albert Ostermaier hier in Gießen geworben und dabei auf den Brecht-Preis hingewiesen. Christine Dössel hat gestern eine ganz wunderbare Zusammenfassung des Abends in Augsburg geliefert, den ich allen auch als Nachspiel zu Ostermaiers Auftritt hier sehr empfehle. Wenn ich gestern abend die Stimmung im Theater richtig mitbekommen habe, dann waren sich allerdings alle (außer Albert Ostermaier!) einig, dass Augsburg nicht ins Finale kommt. Und das waren ausschließlich Sympathien-Voten.

War davon auch ganz überrascht, schließlich liegt Gießen nicht gerade in der norddeutschen Tiefebene. Aber das Theater war fest in Werder- und St. Pauli-Hand. Aber irgendwie war das auch zu erwarten. Dabei gibt es noch einen anderen großen norddeutschen Verein, der sogar die Allianz-Arena beherrscht hat.


Vom Drama im Elfenbeinturm

26. Januar 2010

„Die Geschichte der modernen Dramatik hat keinen letzten Akt, noch ist kein Vorhang über sie gefallen.“ Das schreibt Peter Szondi 1956 am Ende seiner inzwischen epochalen Theorie des modernen Dramas. Wer sich aber heute mit dem Drama befasst, bekommt rasch der Eindruck, dass der Vorhang inzwischen doch gefallen ist. Das Drama ist in der literaturwissenschaftlichen Lehre und Forschung meist nur mehr ein Artefakt, das keinerlei Bezug zur Gegenwart zu haben scheint. Eine Dramentheorie wie die Szondis, die nicht zuletzt Folge seiner zahlreichen Theaterbesuche war, ist überfällig. Doch niemand scheint bereit, ihr einen weiteren Akt hinzuzufügen.

Das fehlende Interesse an der Gegenwartsdramatik schlägt sich auch in den Standardwerken zur Dramenanalyse nieder. Der gegenwärtige Boom der deutschsprachigen Lehrbücher für den Universitätsunterricht hat bemerkenswerterweise sich bisher nicht auf die Dramenanalyse ausgewirkt. Wer zum Beispiel als Germanist nach einem Lehrbuch aus der Feder eines Germanisten Ausschau hält, der muss auf das Buch von Bernd Asmuth zurückgreifen. Das Standardwerk im deutschsprachigen Raum stammt vom Anglisten Manfred Pfister.

Das ist natürlich auch gar nicht schlimm, beide Bücher sind inzwischen im Universitätsunterricht etabliert. Und trotzdem befällt mich bei der Lektüre beider Bücher – im Moment unterrichte ich mit dem Asmuths, mit dem Pfisters setze ich mich für eine Studie auseinander – immer wieder ein unbestimmtes Gefühl, das mich fragen lässt: Wo bleibt das Theater?

Woher kommt dieses Gefühl?

In diesen Tagen nun lese ich An Introduction to the Study of Plays and Drama von Sibylle Baumbach und Ansgar Nünning, zwei hochgeschätzte Anglisten aus Gießen. Und endlich weiß ich, was mir bei den beiden anderen Büchern gefehlt hat: die performative Dimension des Dramas auch bei der Analyse zu berücksichtigen – und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch konkret durch die Präsenz des Dramas. In dem Buch findet man ganz praktische Hinweise wie etwa den, das Drama immer auch laut zu lesen. Das ist banal und doch sehr effektiv, wenn sich einmal keine Gelegenheit zum Theaterbesuch bietet. Wie heißt es bei Baumbach und Nünning so prägnant:

„Drama does not reside in an ivory tower and neither should you while studying it.“


Nur eine Seite…

24. Januar 2010

Gestern abend war in Gießen die Premiere von Heiner Müllers Deutschland-Revue Germania Tod in Berlin. Das Stück stellt in zahlreichen Episoden den frustrierenden Weg der Arbeiterklasse in Deutschland nach. Am Ende stirbt der ‚ewige Maurer‘ Hilse an Krebs – glücklich, aber betrogen. Die Frau, die er für eine Wiedergängerin von Rosa Luxemburg hält, ist in Wahrheit eine Prostituierte, die ihn glücklich sterben lässt, indem sie ihm von den roten Fahnen über Rhein und Ruhr vorschwärmt.

1977 erschien das Stück in Westdeutschland, entstanden war es in verschienden Produktionsphasen zwischen 1956 und ’71, im Berliner Rotbuch-Verlag. Auf die letzte Szene des Stücks, also den Tod vom ewigen Maurer, folgt im Buch auf der nächsten Seite das Kapitel „Ausreisen“. Es wird eröffnet mit einem Gedicht mit dem Titel Motiv bei A.S.

Es ist ein Gedicht zu einer Erzählung von Anna Seghers, Müller wird dieses Motiv aufnehmen und in Der Auftrag dramatisieren. Mit diesem Stück wird die Frage nach dem Fortgang der Revolution gestellt – nach ihrem Fortgang abseits der industrialisierten Staaten.  Im Stück scheitert die Revolution auf Haiti, doch formuliert Sasportas, der farbige Revolutionär, noch angesichts des Scheiterns seine Hoffnung:

„Ich habe gesagt, daß die Sklaven keine Heimat haben. Das ist nicht wahr. Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand. Ich gehe in den Kampf, bewaffnet mit den Demütigungen meines Lebens.  […] Aber der Tod ist ohne Bedeutung, und am Galgen werde ich wissen, daß meine Komplicen die Neger aller Rassen sind, deren Zahl wächst mit jeder Minute, die du an deinem Sklavenhaltertrog verbringst oder zwischen den Schenkeln deiner weißen Hure. Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Mit jedem Herzschlag der Revolution wächst Fleisch zurück auf ihre Knochen, Blut in ihre Adern, Leben in ihren Tod.“

Nur eine Seite nach dem Krebstod der proletarischen Revolution formuliert Müller seinen Traum von einer neuen Revolution. Man darf sich fragen, ob sein Hoffen auf die Revolution angesichts der Katastrophe von Haiti hätte erschüttert werden können. Die Müller-Philologen werden die Antwort darauf wissen, allen anderen bleibt nur mehr Ratlosigkeit.


Dramaturgie heute?

8. Dezember 2009

Bernd Stegemann, Gast-Dramaturg der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, hat jüngst eine Anthologie zur Dramaturgie publiziert. Wer eine Einführung in das Berufsbild des Dramaturgen erwartet, wird enttäuscht. Doch ist es gar nicht das Anliegen Stegemanns, eine solche vorzulegen. Das macht er in der Einleitung umgehend klar. Vielmehr geht es ihm darum, wesentliche Texte zur Dramentheorie von Aristoteles bis zur Gegenwart sowie wesentliche Sekundärtexte dazu zu versammeln. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Auswahl ist sehr überzeugend, auch wenn sich manch ein kreuzbraver Philologe gewiss gewünscht hätte, dass die hier präsentierten Häppchen das eine oder andere Mal etwas länger gewesen wären. Auch Stegemanns mehrseitige Einführungen zu den historisch aufeinander aufbauenden Kapiteln (es werden also nicht thematische Schwerpunkte gebildet) sind sehr informativ. Über die Akzentsetzung kann man gewiss trefflich streiten (warum etwa wird in der Einleitung zur Dramaturgie des Idealismus auf 13 Seiten Hegels ästhetische Theorie vorgestellt, um dann die Überlegungen zu Goethe und Schiller auf nicht einmal einer Seite (!) darzulegen?). Aber insgesamt eignet sich das Buch als Reader hervorragend für den akademischen Unterricht. Ich erprobe es im Moment in einem Seminar.

Interessant sind auch Stegemanns einleitende Überlegungen zur Handlung. Er versucht diese durch die Aufsplittung in Situationen zu erfassen, so dass er klären muss, was eine Situation ist. Stegemann versucht dies zu lösen, indem er von der Figur ausgeht, die in einer Folge von Situationen steht und versucht, sich ergebende Konflikte so zu lösen, dass sie in Einklang gebracht werden können mit der Selbstwahrnehmung. Dementsprechend geht Stegemann auch auf philosophische Modelle von Kierkegaard, Heidegger und Sartre zurück. Der Mehrwert dieses Verfahrens  ist, dass Stegemann dadurch als Grundvoraussetzung von Dramaturgie die Teilnahme des Rezipienten am Bühnengeschehen begründet: „Wie würde ich mich in dieser oder jener Situation verhalten?“ Stegemanns Dramaturgie zielt also auf die politische oder moralische Funktion der Bühne als einen Ort, auf dem Verhalten spielerisch überprüft wird. Das Problem an einem solchen Konstrukt ist freilich vielfältig: Was ist, wenn die Möglichkeit der Entscheidung weitgehend ausfällt (wie etwa in der antiken Tragödie)? Wer oder was legitimiert das Theater, bestimmte Verhaltensnormen zu thematisieren bzw. zu kritisieren? Und was ist mit all den Inszenierungen, die gar keine Handlung mehr haben (etwa auf dem sog. postdramatischen Theater)? Handelt es sich dann gar nicht mehr um Dramaturgie? Stegemann selbst bietet darauf immerhin indirekt Antworten, da er am Ende verschiedene Reflexionen zum postdramatischen Theater  und zur aktuellen Kommunikationstheorie versammelt. So macht das Buch am Ende deutlich, dass Stegemanns Position in der Einleitung nur eine von unterschiedlichen ist. Das mag zunächst verwirren. Man kann es aber auch als Stärke des Buches begreifen – ganz so wie es sowohl Schwäche als auch Stärke des Gegenwartstheaters ist, dass es einen unübersehbaren Pluralismus der Inszenierungstechniken und Regieschulen gibt, was freilich nicht immer nur auf Zustimmung stößt, sondern oft auch Irritation auslöst.