Aller Welt Freund

23. August 2011

Als ich in diesen Tagen Aller Welt Freund von Jurek Becker gelesen habe, hat mich das Nachwort genervt. „Selbst schuld, wer liest schließlich schon Nachworte!?“, könnte ich mir jetzt sagen. Die Antwort lautet natürlich: zumindest die, die selbst welche schreiben. Doch wie auch immer. Ich habe mich auf jeden Fall geärgert. Denn dieses Nachwort ist typisch für die Auseinandersetzung mit DDR-Literatur. Der Roman erschien Anfang der 80er und im Nachwort zu meiner Ausgabe (Leipzig: Faber & Faber 2002) wird sofort losgelegt mit einer klaren politischen Verortung Beckers zwischen Ost und West:

Auch er ist weggegangen. Auch er hatte in den Siebzigern das eine gegen das andere deutsche Land eingetauscht. Wie manche vor ihm und viele andere nach ihm. In seinem Paß, den für mehr als ein Jahrzehnt noch Farbe und Emblem der Deutschen Demokratischen Republik zieren sollten, befand sich ein Visum, das ihm die unbeschränkte Aus- und Einreise erlaubte. Diesen Paß, ein Privilegium, besaß er, ein für damalige Verhältnisse Privilegierter, seit Anfang der Siebziger. (S. 171)

Als ich das Nachwort las, habe ich mich nicht etwa geärgert, weil einer mit einem Privileg naturgemäß ein Privilegierter ist (und auch nicht über die ach so gebildet daherkommende lateinische Schreibweise). Solche sprachlichen Nervereien passieren schon mal. Nein, es war, weil Beckers kurzer Roman in manchen Situationen nicht nur komisch ist (und dementsprechend ganz und gar unmelancholisch), sondern mir geradezu aktuell erschien (was mir selten passiert und mich eigentlich auch gar nicht so sehr interessiert). Auf jeden Fall: Nichts von Ausreise, Einreise, Stasi, Knast, was weiß ich. Nein, ganz anders. Aus der Ich-Perspektive wird geschildert, wie ein depressiver Redakteur nach einem gescheiterten Suizid-Versuch die ersten Tage verbringt. Aktuell ist der Roman dabei nicht nur, weil man an den Gedanken des Erzählers beeindruckend genau teilhat, sondern weil die Menschen um ihn herum vielfach so unkompliziert sind, geradezu vorbildlich. So geht z.B. der Chef regelrecht freimütig mit den Problemen seines Mitarbeiters um:

Der Mann, von dem ich spreche, ist ein Kollege von Ihnen. […]. Heute nennt er die ganze Geschichte seine depressive Phase. Ich will offen zu ihnen sein, mein Junge: Vor kurzem habe ich ihn gefragt, was für Ratschläge man einer Person geben könnte, der es ähnlich geht wie damals ihm. (S. 156)

Nun kann ich es sehr gut verstehen, dass man in einem Buch, das in einer Reihe namens DDR-Bibliothek erscheint, immer wieder zu historischen Verortungen ansetzt. So wird dann auch in dem Nachwort über Beckers Weggang aus der DDR berichte und über die Schwierigkeiten der Publikation von Aller Welt Freund in der DDR. Aber muss man das wirklich? Kann man nicht einfach mal über ein gutes Buch schreiben, dass es gut ist, ohne zu erwähnen, dass es zu einer Zeit erschienen ist, als zwei deutsche Staaten kooexistierten (kann man sich schließlich ausrechnen), ohne mit dem Zeigefinger auf Beckers gewiss nicht immer leichte Situation hinzuweisen. Weder Ostalgie noch Anklage, das wär’s. Aller Welt Freund ist gerade deswegen ein starkes Buch, weil es weder glorifiziert noch offen kritisiert, sondern den Leser mit diesem Erzähler ganz allein lässt. Und diese Zweisamkeit kommt bestens aus ohne historisches Tralala.


Lesen lernen

11. Juli 2011

Lange Zeit dachte ich, dass die Erforschung der Philologiegeschichte eine recht neue Sache ist. Das lag bestimmt daran, dass die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Germanistik eigentlich erst in den letzten 20 Jahren richtig Fahrt aufgenommen und dabei einige schlagzeilenträchtige Ergebnisse zu Tage gefördert hat. Mich interessiert Wissenschaftsgeschichte besonders, wenn sie Methodengeschichte ist. Deswegen habe ich während des Studiums beispielsweise die vier Bände Geschichtsdiskurs von Wolfgang Küttler, Jörn Rüsen und Ernst Schulin gern gelesen, weil man an ihnen studieren kann, wie die Beschäftigung mit der Fachgeschichte in eigene Methodenreflexionen umschlägt. Leider sind die Bände längst vergriffen, so dass ich hier auf einen Link auf die Verlagsseite verzichte.

Als Uwe Wirth und ich vor etwa drei Jahren den Reader mit Texten zur Philologiegeschichte anfingen vorzubereiten, wurde mir wieder deutlich, wie sehr meine Wahrnehmung in disziplinären Schubladen festsitzt und wie intensiv die Philologie schon Wissenschaftsgeschichte betrieben hat, lange bevor man das so nannte. Besonders angetan war ich damals von Wilamowitz‘ Geschichte der Philologie, von der wiederum ausgegangen werden kann, um etwa die philologiegeschichtlichen Bemühungen des 19. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen.

Nun habe ich in diesen Tagen Jean Bollacks Essay über Jacob Bernays gelesen, der nicht nur deswegen faszinierend ist, weil der Autor die gleichen Initialen wie sein Gegenstand hat. Er ist sehr gut zu lesen, weil Bollack einen wunderbar lesbaren Stil pflegt, der zur Beschäftigung mit diesem dem ersten Eindruck nach fernen Gegenstand einlädt und der ihm damit auch ästhetisch gerecht wird. Guter Stil scheint mir insgesamt ein Merkmal philologiegeschichtlicher Studien zu sein, die sich mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen. Ein anderes Beispiel dafür ist die Einleitung von Jürgen Paul Schwindt zur Neuauflage von Creuzers Das Akademische Studium des Alterthums.

Wenn man sich diese Studien durchliest, fällt neben der Stilsicherheit das historische Bewusstsein der Philologen heute und damals auf. Es geht weniger um die Rekonstruktion dessen, was war, sondern viel mehr um die Deutung. So schrieb Bernays bezeichnenderweise ein Buch über Scaliger. Wenn also die Beschäftigung mit der Fachgeschichte wahrlich nichts Neues ist, sondern offenbar schon älter, und wenn davon langfristig zahlreiche Impulse ausgehen, dann stellt sich die Frage, warum das so ist.

Bollack gibt darauf eine banale wie überzeugende Antwort: „Ein Buch ist immer die Geschichte seiner Lektüre.“ (S. 57) Wenn ich mich mit der Geschichte des eigenen Faches auseinandersetze, erfahre ich viel darüber, wie vor mir gelesen wurde und warum was wie gelesen wurde. Das ist zwar nicht weiter spektakulär, aber man macht es sich viel zu selten bewusst. Bollack führt das am Beispiel von Bernays vor, indem er die Zeitabhängigkeit von Deutungen kenntlich macht (bis hin zu einer steilen Thesen zu Schadewaldts wichtigem Aufsatz zu Furcht und Mitleid, auf die hier vielleicht ein anderes Mal eingegangen wird; vgl. bei Bollack S. 78).

Das große stilistische Bewusstsein von Autoren wie Bernays, aber auch Bollack oder Schwindt ist nun zugleich Voraussetzung dafür, dass die Beschäftigung mit dem Lesen anderer nicht nur selbstbezogen ist, sondern auch als Einladung begriffen werden kann – hier teilt jemand die eigene Freude an einem Buch, also an den Lektüren eines Dritten, seinen eigenen Lesern mit. So gesehen ist es vielleicht gar nicht überraschend, wenn ich mir gut vorstellen kann, dass in wenigen Jahren wissenschaftliche Blogs und ähnliche Formate ein bevorzugter Ort für wissenschaftsgeschichtliche Erörterungen sein dürften. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Klartext gesprochen wird. Bollack schreibt: „Bernays überträgt das moderne Modell des aufgeklärten Herrschers auf die griechische Welt. Ihm zufolge hat Platon es in seinen sizilianischen Träumen vorweggenommen.“ (S. 82) Prägnanter kann man Bernays Darstellungsweise und die Kritik daran nicht auf den Punkt bringen. Zugleich aber macht diese Feststellung deutlich, warum es so wichtig ist, sich mit der Wissenschaftsgeschichte auseinanderzusetzen. Erst die Kritik macht es möglich, von einem Vorgänger zu lernen, ohne ihn zu verraten.


Eitelkeit

3. Juni 2011

Die Eitelkeit des Schreibenden unterscheidet sich von anderen Eitelkeiten durch ihren sozusagen transzendentalen Charakter: Man kann gar nicht ohne Eitelkeit schreiben. Und auch wenn der Schreibende nicht eitel ist, wird er es im Fortgang seines Tuns.

Schon vor längerer Zeit habe ich diese Feststellung von Hennig Ritter in den hier bereits wiederholt erwähnten Notizheften (Berlin 2010, S. 336) gelesen. Sie fiel mir wieder ein, als mir klar wurde, wie lange ich an diesem Ort nichts mehr publiziert habe. Ich war im ersten Moment nämlich ganz schön stolz auf mich, weil ich fand, dass es ja letztlich für mich spricht, wenn ich mal einige Zeit meine Klappe halte und außerdem auch darauf verzichte, der Welt mitzuteilen, warum ich es im Moment nicht schaffe, etwas zu posten.

Mein Stolz war natürlich nur die besserwisserische Reaktion auf all die Postings, die darüber berichten, warum man jetzt gerade nichts bloggt. Wenn ich sowas lese, möchte ich immer meine letzten Haare raufen und den Kollegen zurufen: „Freunde, schon mal was von performativem Widerspruch gehört?“ Aus Ritters Perspektive ist mein Stolz aber nichts weiter als die Kehrseite der Eitelkeit und kein Widerspruch gegen seine These.

Als mir also klar wurde, wie sehr die These richtig ist, habe ich mich gefragt, wie man die Eitelkeit zumindest einhegen kann. Schließlich ist es nicht gerade schön, wenn man sich eingestehen muss, wie sehr das eigene Mitteilungsbedürfnis letztlich durch Eitelkeit angetrieben wird. Ins Zentrum meiner Überlegungen rutschte dabei nicht nur mein eigenes, sondern das Bloggen insgesamt. Schließlich ist es eine Form des Schreibens, die diese Eitelkeit ganz besonders befördert, weil die Zugangshürden so fürchterlich niedrig sind.

Deswegen sollte es eine moralische Regulierung beim Bloggen geben. Erst dachte ich an die typisch deutsche Reaktion auf moralische Probleme: Verbieten! Wieso kann man Eitelkeit nicht einfach mal verbieten, zumindest die im Netz! Löschen und sprerren, nicht nur das eine oder das andere, beides, tabula rasa und zwar total. Gerade hatte ich den Gesetzentwurf dazu im Geiste entwickelt, klingelte der Nerd in mir an (das tut er zum Glück nicht besonders oft!) und meinte: Dummerweise lässt sich das allein schon deswegen nicht machen, weil ein großer Teil der entsprechenden Server außerhalb des deutschen Hohheitsgebietes steht. Musste also eine andere als die typisch deutsche Lösung her.

Ich habe deswegen nach einer transzendentalen Lösung für dieses laut Ritter transzendentale Kernproblem gesucht. Eigentlich ganz konsequent so kurz nach Christi Himmelfahrt und vor Pfingsten, finde ich. Meine Lösung lautet also: Demut! Alle Blogger brauchen Demut. Der Eitelkeit kann man nur mit Demut begegnen. Und wie äußert man Demut? Erst dachte ich an eine Demutsbescheinigung, aber da sich Deutschland angesichts der Haushaltslage derzeit keinen Demutsbeauftragten wird leisten können, braucht es eine unbürokratische Lösung. Im Klartext: Es braucht die altchristliche Lösung – Büßerhemd anlegen und zur Selbstkasteiung schreiten!

Deswegen fordere ich hiermit alle Bloggenden auf: Schaltet Eure Tastatur aus, nehmt die Maus in die Hand und klickt Euch ein Wochenende lang durch die Blogs der Welt – und wenn ihr dann immer noch nicht genug gebüßt (vulgo: gelitten) habt, so geht in den Buchladen und kauft Euch möglichst viele von diesen Büchern, die aus Blog-Beiträgen zusammengeschustert sind. Erst wenn ihr das gemacht habt und Eure Demut die Eitelkeit wirklich überwunden hat, dürft ihr wieder Hotdogs unten am Hafen futtern, die Tastatur wieder anschalten und dem Netz geben, was dem Netz ist. Amen!


Gegenwart! Wessen?

28. März 2011

Vor ein paar Wochen hat Charles Simic im NYR-Blog die Frage gestellt: „Where Is Poetry Going?“ Offenbar stört ihn der Realitätsbezug der amerikanischen Literatur: „Here in the United States, we speak with reverence of authentic experience. We write poems about our daddies taking us fishing and breaking our hearts by making us throw the little fish back into the river.“ Simic plädiert für die Fiktion, für das Andere in der literarischen Welt, das uns nicht an jeder Straßenecke begegnen muss.

Einen anders akzentuierten Anspruch an die Literatur formuliert der Literaturkritiker Richard Kämmerlings in seinem gegenwärtig viel diskutierten Buch Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ’89. Anders als ich es erwartet habe, sind seine eigentlichen Helden jedoch nicht die deutschsprachigen Schriftsteller, sondern die amerikanischen Erzähler:

An Autoren wie William Gaddis, Thomas Pynchon, Don DeLillo und David Foster Wallace, aber auch an Philip Roth lässt sich gerade erkennen, dass nur ein kompromissloses Ringen um die erzählerische Form die Stoffe der Gegenwart so fassen kann, dass auch der Leser gefasst und gefesselt wird. (S. 24)

Diese Wertschätzung der Amerikaner ist an sich natürlich nicht schlimm, aber sie irritiert, wenn vor allem über deutsche Schriftsteller gesprochen werden soll und am Ende eine Liste der besten 10 deutschen Romane der letzten 20 Jahre vorlegt wird. Sie irritiert zumal, da sie ihrerseits nicht unumstritten ist (s. Simic).

Wenn ein deutscher Autor ‚amerikanische‘ Erzählweisen wertschätzt, wird ein Roman für Kämmerlings schon allein deshalb bedeutend. Doch macht ein bisschen strukturelle Intertextualität tatsächlich bereits einen großen Roman? Natürlich muss Simple Storys von Ingo Schulze genannt werden, wenn es um die 90er geht. Aber m.E. nicht in erster Linie wegen der stilistischen Orientierung an bedeutenden amerikanischen Erzählern (allen voran Raymond Carver), sondern weil Schulze einen Roman geschaffen hat, der die Vielfalt der Erfahrungen nach der Wende auf den Punkt bringt.

Von seinen Helden leitet Kämmerlings auch seine Wertungsprämisse ab: Literatur habe sich mit „Gegenwart“ auseinanderzusetzen – aber nicht so, wie sie Simic vertreten sieht, nämlich in erster Linie als Auseinandersetzung mit dem Privaten, sondern als Beschäftigung mit dem, was gesellschaftlich relevant ist.

Deswegen kritisiert Kämmerlings beispielsweise den Boom des Familienromans in den letzten Jahren. Der habe in den allermeisten Fällen nicht das abgebildet, was „Gegenwart“ sei. Das meint hier „Patchwork-Realität“ (S. 156). Nun könnte man sich wunderbar darüber das Maul zerreißen, dass inzwischen offenbar sogar Redakteure der Welt die Patchworkfamilie zur Realität erklären.

Freilich soll es darum hier gar nicht gehen. Vielmehr ist just das Gerede von der „Realität“ verräterisch, weil eigentlich gar nicht die gemeint ist, sondern schlicht ‚Normalität‘. Und normal ist das Leben von Kämmerlings mit einer Freundin hier, einem Arbeitsplatz da und einem Kind aus erster Ehe an einem dritten Ort zweifellos. Aber ’normal‘ heißt eben zunächst auch nur: das ist nicht spektakulär. Literatur aber erzählt gerne von dem, was spektakulär ist. Normalität dagegen ist an sich nicht erzählenswert – es sei denn, die Darstellungsweise ist für das Kunstwerk wesentlich. Aber dann ist die Ästhetik entscheidend und nicht die Thematik. Es gibt schließlich auch ganz viele Menschen, die entweder nie Kinder in die Welt setzen oder die einmal heiraten, dann viele Kinder bekommen und ein Leben lang an einem Flecken mit einem Partner leben. Sind sie etwa weniger ‚Realität‘ als die Patchworkfamilien? Wenn Kämmerlings „Realität“ bzw. „Gegenwart“ fordert, meint er Literatur, die seine Lebenssituation spiegelt. Aber warum sollte sie das tun?

Es gibt noch einen zweiten Punkt, der an dem Buch ärgerlich ist: Wenn Kämmerlings „Literatur“ sagt, meint er „Roman“: Es wird keine einziges Gedicht, kein einziges Drama in diesem immerhin 200 Seiten langen Buch ausführlicher erwähnt. Statt dessen folgen immer wieder Inhaltsangaben von Romanen, von denen man nun wirklich nicht jeden kennen muss.

Problematisch ist die fehlende Auseinandersetzung mit Lyrik und Dramatik freilich nicht, weil dadurch deutlich wird, dass der im Untertitel formulierte Anspruch nicht eingelöst wird bzw. zu groß ist. Problematisch ist sie, weil viele der Themen, die Kämmerlings für ‚gegenwartsrelevant‘ erklärt, eben dort verhandelt werden.

Es mutet schon komisch an, wenn er sich beklagt, dass der Balkan-Krieg der 90er die deutschen Autoren nicht beschäftigt habe. Nicht nur, dass man hier mal kurz auf die gewiss fragwürdige Auseinandersetzung mit dem Krieg durch Peter Handke hätte hinweisen können. Vor allem berücksichtigt diese Kritik nicht, dass die Auseinandersetzung vehement auf dem Theater stattgefunden hat – einem Ort übrigens, wo das Verhältnis von Gesellschaft und Krieg schon seit der Antike verhandelt wird. Und für die Familie als Patchwork und Katastrophe ist das Drama sogar die Gattung schlechthin.

Kämmerlings aber nimmt das literarische Leben jenseits der Romane kaum zur Kenntnis. Wenn er es einmal tut, macht er das nur, um letztlich wieder in der Welt der kommenden Romane zu landen: etwa wenn er vom Bachmann-Preis in Klagenfurt oder von einem Open-Mike-Wettbewerb am Prenzlauer Berg berichtet. Ansonsten aber scheint er immer nur fleißig Romane zu lesen. Das ist ja auch eine schöne Sache. Aber warum mich das interessieren soll, weiß ich nicht – und was das mit Gegenwart zu tun hat, weiß ich auch nicht.

Selbstredend ist seine Gegenwart eine andere als meine. Das ist eh klar. Um den individuellen Zugriff auf Literatur interessant zu machen, muss man also zumindest darlegen, was die eigenen Kriterien für die Auswahl sind, damit die Leser das Gelesene beurteilen können. Bei der Lektüre dieser vermeintlichen Literaturgeschichte aber sind mir die Kriterien für die Auswahl von Anfang bis Ende in keiner Weise deutlich geworden – jenseits der Behauptung, dies oder das sei halt Gegenwart. Ich hätte z.B. schon gerne gewusst, warum Herta Müller nur peripher behandelt wird, während von Romanen aus den 90ern, die heute weitgehend vergessen sind, seitenlange Inhaltsparaphrasen vorgelegt werden.

Statt einer Auseinandersetzung mit wesentlichen Ereignissen des literarischen Lebens finden sich immer wieder kleine Sätze, die nach Zustimmung heischen, aber in Wirklichkeit nichts anderes als intellektueller Populismus sind (linker übrigens). Oder was sollen Feststellungen wie:

Doch möchte man allen Schreibschulen raten, die Studenten strenger zu solchen Begegnungen der dritten Art zu zwingen: Geht doch mal in eine Suppenküche oder verbringt ein paar Wochen in Kenia – statt der immer gleichen Villa Aurora (in Los Angeles) oder Massimo (in Rom). Was dabei rauskommt, können wir uns denken. (S. 150)

Ich würde ja gerne im Umkehrschluss wissen, was aus Goethe oder Thomas Mann geworden wäre, wenn sie mal ein paar Wochen in der Suppenküche oder gar Kenia verbracht hätten. Wahrscheinlich ganz viel Gegenwart und nicht so viel zeitloser Scheiß.


Autorschaft

19. März 2011

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder in der wiederholt gerühmten, von Peter Villwock besorgten Ausgabe von Brechts Notizbüchern (Bd. 7, Notizbücher 24 und 25, 1927-1930) gelesen. Die Ausgabe ist in jeder Hinsicht eine Wucht: Sie bietet Einblicke in Brechts Arbeitsweise – etwa in die Entwicklung des Fragment gebliebenen Fatzer. Es zeigt aber ebenso auch, wie sich bei Brecht Ideen und Konzepte (etwa zum Ruhm oder zur Theaterkritik) entwickeln. Gleichzeitig ist der Band aber auch so gelungen, weil die Kombination aus Transkription und Reproduktion keine Wünsche offen lässt und sich zudem im Anhang Kommentare finden, die im Netz fortgeschrieben werden. Vorbildlicher kann man eine Edition derzeit nicht veranstalten.

Die Ausgabe wirft eigentlich nur eine Frage auf: Warum geht es nicht immer so durchdacht und überzeugend im Hause Suhrkamp zu? Wohl gemerkt: Ich meine nicht, dass jede Edition derart ausführlich und umfassend sein kann. Aber man wundert sich schon sehr oft, wie dort mit so manchem Hausautor nach seinem Tod verfahren wird. Zum Teil werden geradezu fahrlässig Texte in kaum überzeugende Ordnungsmuster gepresst, wie in der Heiner-Müller-Werkausgabe. Zum Teil wird offenbar alles oder zumindest fast alles, was sich irgendwo und -wie findet, publiziert, ohne dass richtig deutlich wird, inwieweit das Material für die Öffentlichkeit vorgesehen war.

Diese Praxis ist freilich nicht frei von Ironie. Henning Ritter hat darüber in seinen Notizheften, die vorgestern mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden, nachgedacht (S. 332):

Keine Generation von Autoren hat ihre Autorschaft so ausgeschöpft wie jene Franzosen, die den Tod des Autors ausgerufen und den „Diskurs“ an seine Stelle gesetzt haben. Zu ihrem archivierten Nachlaß gehört nicht nur jeder Zettel, den sie beschrieben, sondern sogar ihre Stimme, das Flüchtigste der Selbstäußerung. Foucault, Barthes, Deleuze – sie werden von einer Generation von Schülern, meist selbsternannten, ediert, die sich autodidaktisch nichts anderes angeeignet haben als das Handwerk, ihre Meister zu edieren. Es sind nicht Schüler, die eine Lehre weitergeben, sondern solche, die das verlassene Feld der Autorschaft weiter pflegen.

Die hier von Ritter beschriebene Dialektik von Literaturtheorie und Editorik wirft nur die Frage auf, ob sie nicht ein Dilemma beschreibt, in dem jede Ausgabe steckt. Wie soll ich einen Text edieren, ohne dem Konzept ‚Autorschaft‘ zu frönen?


Die Sieger

14. März 2011

des „philology & irony“-Gewinnspiels stehen fest:

regnrk aus Berlin hat das Rinke-Arbeitsbuch gewonnen,

stromgeist aus Gießen den Philologie-Reader und

jge aus Detmold die kritische Studienausgabe der Herrmannsschlacht.

Den Siegern wird ihr Gewinn in den kommenden Tage zugeschickt (bzw. sobald die Kleist-Ausgabe ausgeliefert wird)!

Herzlichen Glückwunsch!


Schweizer Standort

4. Januar 2011

Für mein Seminar zur Gegenwartsdramaturgie habe ich Frischs Graf Öderland. Eine Moritat in zwölf Bildern gelesen. Das Stück ist eigentümlich emotionsfrei. Die Figuren sind keine Charaktere; Identifikation fällt damit aus. Doch sind sie auch keine Typen; damit fallen Komik und Parabel aus. Die Szenen bauen aufeinander auf, Aktion und Reaktion sind in sich schlüssig. Doch ändert das nichts daran, dass die Fabel dermaßen absonderlich ist, dass ich mich eher an eine Pro7-Mystery-Serie erinnert fühlte, denn an eine überzeugende dramatische Handlung (immer wenn Graf Öderland auf Widerstand stößt, holt er seine Axt raus und zerdeppert ein paar Schädel …). Glücklicherweise sah das Seminar das in den beiden sehr lebhaften Diskussionen anders als der Dozent.

Einen konventionellen Spannungsbogen habe ich auch nicht so richtig gefunden, gleichzeitig aber ist die Dialogführung sehr konzentriert. Das ganze Stück erinnert in seiner Formvollendetheit an das absurde Theater von Beckett, nur dass es nicht absurd ist. Immerhin aber endet es mit einem hübschen performativen Widerspruch. Von allem also ein bisschen. Selten hat mich ein Stück so dermaßen überfordert und gleichzeitig gelangweilt. Warum weckt es nicht meinen Ehrgeiz, es endlich zu verstehen. Vielleicht ist es einfach nur schlecht?

Jetzt lese ich im knappen und trotzdem in jeder Beziehung überzeugenden Sammelband Wir stehen da, gefesselte Betrachter. Theater und Gesellschaft (hg. von Elio Pellin und Ulrich Weber. Göttingen, Zürich 2010) einen wunderbaren Aufsatz von Peter Utz (Die Katastrophe im Blick. Literarische Betrachtungen zur Schweiz auf der Zuschauerbank, S. 15ff.) zu Frischs Überlegungen zum Schweizer „Standort“. Frisch meinte – unter Rückgriff auf verschiedene Vorgänger -, das Schweizer Bewusstsein sei wesentlich vom Zuschauen bei den historischen Tragödien (zumal denen des 20. Jahrhunderts) geprägt. Deswegen grenzte er die Katharsis auch entschieden aus seinen Überlegungen aus.

Diese Information korrespondiert mit einem Gedanken, der auch schon im Seminar geäußert wurde: Wenn man Frischs Überlegungen zum ‚Standort‘ kennt, dann wird Graf Öderland zumindest in einer Hinsicht interessant. Denn hier sitzt nicht nur das Publikum im Theater und sieht dem Aufstieg Graf Öderlands zu einer Art Staatschef unbeteiligt zu. Es gibt zugleich auch Figuren, die dem Aufstieg ihrerseits recht teilnahmslos zuschauen. Das Publikum kann sich gewissermaßen selbst beim Zuschauen zuschauen. Das ist natürlich ein netter Gag und etwas subversiver als beispielsweise Brechts Zeigefinger Drama Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Nur kann man diese luhmannsche Freude an der Beobachtung zweiten bzw. dritten Grades heute noch irgendwie vermitteln? Sie setzt eine Lust an der Neutralität voraus, die schon vielen Zeitgenossen von Frisch suspekt war. Trotzdem mag sie in der Schweiz weiterhin lebendig sein. Zugestanden. Aber außerhalb der Schweiz? Gibt es eine Aktualität des Stücks, die es rechtfertigt, Graf Öderland heute noch auf eine Bühne zu bringen? In Basel ist es jüngst versucht worden, an diesem Wochenende folgt auch das Theater in Gießen, was auch Anlass für die Beschäftigung mit dem Stück im Seminar war. Ich bin gespannt, ob man in Mittelhessen eine Löung unabhängig vom Schweizer Standpunkt findet. Ein Probenbesuch vor Weihnachten ließ das zwar hoffen, aber er machte zugleich auch deutlich, dass bei Frisch immer alles wie Reißbrett wirkt.

Moritz Rinke erinnert gern daran, dass Frisch seine Dramen auf einem Bierdeckel konzipieren konnte und er (Rinke) das nicht könne, Frisch deswegen aber bewundere. Als ich die Geschichte vom Bierdeckel zum ersten Mal hörte, musste ich unweigerlich an Friedrich Merz denken. Was die Leute so alles auf Bierdeckel bringen wollen. Mir reicht es voll und ganz, ein Bier ‚drauf abzustellen, damit es nicht auf den Tresen suppt. Frischs Dramatik hat mir die Geschichte auf jeden Fall nicht näher gebracht, aber vielleicht liegt das auch schlicht daran, dass ich mich im Theater fürs Zugucken interessiere und nicht fürs Zugucken beim Zugucken.


Der Boss und die Box

27. Dezember 2010

Vor gut einem Monat las ich das erste Mal von einer Special-Box zu Bruce Springsteens „Darkness on the Edge of Town“. Auf seiner Homepage wird die Box, die aus 3 CDs, 3 DVDs sowie einem Reprint von seinem Collegeblock mit seinen Notizen besteht, als ganz wesentliche ‚Dokumentation‘ gefeiert.

Ich mochte das Album immer sehr, nicht nur musikalisch. Es ist auch mit vielen Erinnerungen verbunden. Mein Onkel hatte es mir irgendwann Ende der 80er einmal vorgespielt, nachdem wir gemeinsam auf einem Konzert vom „Boss“ waren, wie man damals ehrfurchtsvoll (und im Rückblick völlig bescheuert) sagte. Das war die große Zeit des Stadion-Rocks, für Minderjährige wie mich unheimlich beeindruckend und auch noch nicht verrufen. Es ging nur noch um Superlative. Springsteen etwa machte nach zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um dann weitere zweieinhalb Stunden zu rocken. Das war die Vorwegnahme des Discounter-Prinzips („Kauf eins, nimm zwei!“) im Rock und hat mich nicht eine Minute gestört, sondern ausschließlich fasziniert.

Die 70er waren damals schon weit weg, aber durch meinen Onkel schien mir das Album sehr nahe. So war „Darkness on the Edge of Town“ ein Schlüssel zu dieser fremden Zeit, auch wenn ihm die Brachialität des zeitgleich einsetzenden Punk völlig abgeht. Als ich vor einem Jahr Louis P. Masurs Buch über „Born to run“ gelesen habe, hat mich daran wahnsinnig genervt, dass er für „Darkness“ so wenig überhat und stattdessen den spätpubertären Charme von „Born to run“ lobt und kaum die Entstehungszeit einzufangen vermag.

Nun also die Box zu ‚meinem‘ Springsteen-Album – die Erwartungshaltung war selbstredend hoch. Noch bevor ich die ‚Dokumentation‘ in den Händen halte, lese ich in der FAZ eine wunderbar spitze Rezension dazu von Tobias Rüther (finde sie leider nicht im Netz), die mich schon ahnen lässt, dass ich mit dem Ganzen irgendwie nicht klarkommen werde. Warum vertraue ich nicht einfach mal der Kritik?

Meine Befürchtungen erfüllen sich dann auch. Ich bin einerseits begeistert von der Präzision, mit der Springsteens Collegeblock reproduziert wurde. Aber dass das geht, verwundert den kleinen Philologen selbstredend nicht. Die 3 CDs sind schnell das erste Mal gehört (wobei eine ja eh das hinlänglich bekannte Album ist), die erste DVD mit der Dokumentation über die Arbeit an dem Album lege ich umgehend ein. Das alles ist insgesamt kein aufgewärmter Mist wie so viele andere Boxen, aber meine Hoffnungen erfüllt es nicht. Woran liegt das?

Auch wenn es ganz interessant ist zu sehen, wie Springsteen im Studio rumnervt bzw. ‚rumbosst‘, so richtig erfährt man nicht, wie gearbeitet wurde. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie detailversessen er war, wie immer wieder aufs Neue an den Tracks gefeilt wird. Aber ist das was Besonderes? Vor allem wundere ich mich, dass ich keine einzige Note richtig zu Gesicht bekomme, niemals ausführlich Akkordfolgen besprochen werden. Wenn Springsteen auf die Arbeit zurückblickt, geht es um Gefühle, manchmal noch um irgendwelche difusen Klangeindrücke, aber nie um konkrete musikalische Entscheidungen.

Springsteen und die Manager von Columbia pflegen mit der Box ausschließlich den Kult. Sie stellen den Malocher aus New Jersey als Genie aus, der darüber räsoniert, dass „Darkness on the Edge of Town“ nicht nur durch ‚künstlerischen Instinkt‘, sondern auch durch ‚künstlerische Intelligenz‘ gekennzeichnet sei. Aber wie sich die manifestiert, erfährt man nicht. Wirklich spektakuläre Infos oder gar sowas wie Werkstatteinblicke gibt es nicht wirklich. Vielleicht bin ich ja naiv, aber teure Neuausgaben von Büchern, die ich schon habe, kaufe ich mir doch auch nur, wenn sie mir beim Verstehen des Buches helfen und etwa Einblicke in die Produktion bieten und nicht nur ein paar nette Illustrationen und Assoziationen. Hier aber wird ein Genie dokumentiert, das nie eins war. Springsteen-Boxen müssen seinen Schweiß dokumentieren, ja ihn regelrecht riechen lassen. Letztlich ist der das Kultobjekt aller Springsteen-Fans gewesen. Wer das nicht begreift, dokumentiert nur, dass ihm jeder künstlerische Instinkt abgeht, wenn er von künstlerischer Intelligenz faselt.