Nur eine Seite…

24. Januar 2010

Gestern abend war in Gießen die Premiere von Heiner Müllers Deutschland-Revue Germania Tod in Berlin. Das Stück stellt in zahlreichen Episoden den frustrierenden Weg der Arbeiterklasse in Deutschland nach. Am Ende stirbt der ‚ewige Maurer‘ Hilse an Krebs – glücklich, aber betrogen. Die Frau, die er für eine Wiedergängerin von Rosa Luxemburg hält, ist in Wahrheit eine Prostituierte, die ihn glücklich sterben lässt, indem sie ihm von den roten Fahnen über Rhein und Ruhr vorschwärmt.

1977 erschien das Stück in Westdeutschland, entstanden war es in verschienden Produktionsphasen zwischen 1956 und ’71, im Berliner Rotbuch-Verlag. Auf die letzte Szene des Stücks, also den Tod vom ewigen Maurer, folgt im Buch auf der nächsten Seite das Kapitel „Ausreisen“. Es wird eröffnet mit einem Gedicht mit dem Titel Motiv bei A.S.

Es ist ein Gedicht zu einer Erzählung von Anna Seghers, Müller wird dieses Motiv aufnehmen und in Der Auftrag dramatisieren. Mit diesem Stück wird die Frage nach dem Fortgang der Revolution gestellt – nach ihrem Fortgang abseits der industrialisierten Staaten.  Im Stück scheitert die Revolution auf Haiti, doch formuliert Sasportas, der farbige Revolutionär, noch angesichts des Scheiterns seine Hoffnung:

„Ich habe gesagt, daß die Sklaven keine Heimat haben. Das ist nicht wahr. Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand. Ich gehe in den Kampf, bewaffnet mit den Demütigungen meines Lebens.  […] Aber der Tod ist ohne Bedeutung, und am Galgen werde ich wissen, daß meine Komplicen die Neger aller Rassen sind, deren Zahl wächst mit jeder Minute, die du an deinem Sklavenhaltertrog verbringst oder zwischen den Schenkeln deiner weißen Hure. Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Mit jedem Herzschlag der Revolution wächst Fleisch zurück auf ihre Knochen, Blut in ihre Adern, Leben in ihren Tod.“

Nur eine Seite nach dem Krebstod der proletarischen Revolution formuliert Müller seinen Traum von einer neuen Revolution. Man darf sich fragen, ob sein Hoffen auf die Revolution angesichts der Katastrophe von Haiti hätte erschüttert werden können. Die Müller-Philologen werden die Antwort darauf wissen, allen anderen bleibt nur mehr Ratlosigkeit.


Philologischer Sophismus

4. Januar 2010

Thomas Steinfeld, Leiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, ist nicht nur ein Kenner des Literarischen Lebens, sondern auch ein kluger Liebhaber der Philologie – und er zeigt das auch gerne. Jüngst hat er ein Loblied auf die philologische Skepsis publiziert (in: Jürgen Paul Schwindt: Was ist eine philologische Frage?, Frankfurt/Main 2009, S. 211-226), in das ich so gerne miteinstimmen möchte – frei nach dem Lebensmotto aller Philologen: Skeptiker aller Ländern vereinigt Euch!

Steinfeld macht überzeugend klar, dass Philologie nicht die Aufgabe hat, ein literarisches Werk literaturkritisch und philosophisch zu bewerten. Diese These entlehnt er dem großen Philologen August Böckh. Als zweiten Gewährsmann führt Steinfeld, und das mag zunächst überraschen, Paul de Man an. Der habe in einem „Aufsatz zur Lage der Disziplin“ (S. 224) eben eine solche Skepsis gefordert, die das Werk nicht in einem klar umrissenen Feld kulturell gesicherten Wissens verortet, sondern eben einer solchen Praktik skeptisch misstraut.

Leider zitiert der Philologe Steinfeld den Aufsatz von de Man nicht richtig (seine Fußnote erweckt den Eindruck, als handle es sich um The Resistance to Theory und nicht etwa um Return to Philology, in: The Resistance to Theory, Minneapolis, London 1986, S. 21-26).  Auch geht es de Man nicht um irgendeinen Lagebericht, er polemisiert offen gegen ideengeschichtlich und moralisierend argumentierende Kollegen. Schließlich verkürzt Steinfeld de Man, wenn jener meint, dieser habe gefordert, sich auf die Philologie des 18. Jahrhunderts rückzubesinnen. Das interessiert de Man aber gar nicht, vielmehr kritisiert er: „The link between literature (as art), epistemology, and ethics is the burden of aesthetic theory at least since Kant.“ (S. 25)

Was de Man will, ist vielmehr ein Zurück zu einem Verständnis von Philologie, wie es in der Antike entwickelt wurde und bis in die Frühe Neuzeit hinein gültig war: Es geht ihm um eine Allianz von Rhetorik und Philologie, die er primär als deskriptive Wissenschaften versteht und die die Dynamiken eines Textes präzise erfassen und darlegen soll – nicht mehr. Wenn Steinfeld über dieser Forderung stillschweigend hinweg geht und meint, die moderne Philologie gebe „das Theologische, den Anspruch auf Wahrheit […] ja nicht auf“ (S. 225), dann hat er nicht unrecht – aber dann konstatiert er eben eine Praktik, gegen die de Man opponiert. Steinfeld suggeriert eine Harmonie zwischen Skepsis und Sinn, wo sie sich laut de Man unvereinbar gegenüberstehen. Und da dessen Aufsatz in Deutschland weitgehend unbekannt ist (eine deutsche Übersetzung liegt derzeit nicht vor), kann Steinfeld darauf hoffen, dass ihm niemand auf die Schliche kommt – ethisch argumentierende Rhetoriker und später auch Philologen hatten einen Namen für ein derart geschicktes Argumentieren: Sophismus.


Autorschaft und Wissenschaft

13. Dezember 2009

In den vergangenen Tagen habe ich von zwei bedeutenden Erzählern der Gegenwart, von Herta Müller und Ingo Schulze, Reden gelesen, in denen Sie ausführlich über ihr Erzählen berichten. Herta Müller hat den Vortrag Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis aus Anlass der Nobelpreis-Verleihung gehalten. Ingo Schulze hat die Poetikvorlesung Tausend Geschichten sind nicht genug 2007 in Leipzig gehalten; er ist nun im Band Was Wir  Wollen abgedruckt.

Müller und Schulze gehören zu den Autoren, die ich sehr gerne lese, weil sie – bei aller Differenz im Stil – Autoren sind, die Geschichten erzählen, die immer mitten in der Literatur sind, die sich zur Literatur verhalten und davon auch wissen und gerade dadurch ihre Lebendigkeit erhalten. Müller wie Schulze sind zudem Erzähler, die ihre Worte sehr präzise wählen. Wenn man Schulze seine Bücher lesen hört (Schulze habe ich schon oft gehört – herzliche Grüße an die Büchner-Buchhandlung am Prenzlauer Berg!), dann hat man manchmal den Eindruck, dass er die Worte – so unprätentiös sein Stil in den Büchern wie auf der Lesebühne auch ist – regelrecht schmeckt, während er sie spricht. Ähnlich wie das ein Weinliebhaber tut, wenn er einen guten Wein trinkt.

In den beiden Reden denken die beiden Autoren über das letzte Buch (so bei Müller) bzw. das bisherige Werk (so bei Schulze) nach, wie sie dazu stehen und welche Szenen daraus eine Entsprechung in ihrer Erinnerung haben. Das ist hoch aufschlussreich. Beide Autoren pflegen keinen planen Realismus. In Müllers Atemschaukel schafft die dem Roman eigentümliche Sprache der Schilderung des furchtbaren Daseins im Lage einen eigenen Sprachraum. Wir kennen ein solches Verfahren sonst vor allem aus der modernen Lyrik. Die Realität des Lagers ist der Bezugspunkt, aber es geht nicht um eine Dokumentation des Lagers. Bei Schulze ist die Realität ebenso Bezugspunkt, aber zugleich wird diese Realität durch die Realität des literarischen Erzählens gebrochen und reflektiert – etwa durch Fragmentierungen, durch Allegorisierungen oder durch Bezugnahmen auf ältere Erzählformen wie den Briefroman oder den Pikaroroman.

Doch so wunderbar es ist, diese Einblicke in die biographischen Hintergründe des Erzählens zu bekommen, und so großartig Müller und Schulze ihr Verhältnis zum Werk reflektieren: Diese beiden Reden sind zugleich auch ein Horror für jeden Literaturdozenten! Von wegen „Der Autor ist tot!“ Er lebt – und wie! Da predigt man jedes Seminar auf’s Neue, man möge Literatur bitte nicht biographisch lesen, und dann wenden sich die Autoren einfach ungefragt direkt an die Leser und legen ihnen bereitwillig Ausschnitte aus ihrem Leben ans Herz – und wohl jeder, der eins hat, also eins für Literatur, wird die Schilderungen gerne lesen. Doch diese beiden Autoren offenbaren sich nicht einfach nur. Sie geben viel von sich preis. Im Gegenzug aber fordern sie vom Leser Aufmerksamkeit und setzen die Kenntnis der Romane voraus. Diese Reden beanspruchen nicht nur Konzentration, sondern auch Vertrautheit, sie sind regelrecht privat. Schulze spricht am Ende seiner Rede davon, dass „Schreiber und Leser Geschwister“ sind. Unspektakulärer und zugleich treffender kann man das Verhältnis, das in den Reden sonst nur indirekt zum Ausdruck kommt, kaum umschreiben. Die Literaturwissenschaft jedoch, das muss sie sich eingestehen, hat in diesem Verhältnis nichts verloren: Sie darf sich an ihrem Gegenstand begeistern, aber privat sein darf sie mit ihm nicht.


Kurzkrimis und andere Nervenkitzler zum Advent

7. Dezember 2009

Jan Seghers, dessen Frankfurter Marthaler-Krimis, nicht nur Krimi-Freunde in Hessen sehr schätzen, hat im letzten Jahr (2008) bei Rowohlt (rororo 24864) eine Anthologie mit 24 Kurzkrimis von namhaften deutschsprachigen Krimi-Autoren herausgegeben. Nun ist die zweite Auflage davon erschienen. Das Buch heißt Der Tod hat 24 Türchen. Ein mörderischer Adventskalender. Beiträger sind u.a. Friedrich Ani, Gisa Klönne, Sandra Lüpkes, Petra Oelker und Jan Costin Wagner. Seghers selbst hat nur ein Vorwort in Gestalt eines Dialogs zwischen dem Herausgeber und der Lektorin beigetragen, das nicht nur eine kurze Poetik des spannenden Erzählens liefert, sondern auch wunderbar zeigt, wie man jenseits von Spannung auch ganz viel Witz in kurzen Erzählungen unterbringt und warum es so schwer ist, eine gute Kurzgeschichte zu erzählen.

Die Mehrzahl der Geschichten sind Krimis, wobei der Facettenreichtum des Genres in dieser Anthologie überzeugend dargelegt wird. Die Perspektiven, aus denen von den Verbrechen berichtet wird, wechseln von Geschichte zu Geschichte. Auch wird das Spektrum vom klassischen ‚Rätsel-Krimi‘ („Wer ist der Täter und wie hat er es gemacht?“) bis hin zur rasanten Action-Erzählung ausgereizt.  Ergänzt werden die Krimis um einige andere Erzählungen, die ebenfalls sehr spannungsreich und nicht nur deswegen sehr unterhaltsam sind, denen aber keine klassische Straftat zu Grunde liegt. So treffen in Sandra Lüpkes Julklapp vier Freundinnen zum alljährlichen Wichteln zusammen. Aber eine verschenkt anders als in all den vorherigen Jahren kein schlecht riechendes Deo, sondern ein Foto, das der Erzählung eine brutale, wenn auch nicht tödliche Wendung verleiht. Eine großartig-unterhaltsame Anthologie, die zugleich eine überzeugende Leistungsschau der deutschsprachigen Krimi-Landschaft liefert.