Arbeitsphasen II

5. März 2012


Arbeitsphasen I

13. Februar 2012


Konjekturale Praxis

10. Januar 2012

Jüngst ist eine Rezension zum Sammelband Konjektur und Krux erschienen, den ich 2010 mitherausgegeben habe. U.a. wird dem Band vorgeworfen, dass versucht worden sei, die „Heterogenität der Beiträge [zu] kaschieren.“ (in: editio 25 (2011), S. 225-230, hier S. 225). Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob es Aufgabe von Herausgebern ist, ‚Homogenität‘ herzustellen und alle Beiträge auf Linie zu trimmen, oder ob es gerade für theoretische Überlegungen nicht vielmehr produktiv ist, wenn unterschiedliche Positionen versammelt werden, um sie kenntlich zu machen und um dadurch Meinungsbildung anzuregen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden, der Rezensent bevorzugt offenbar den ersten Weg – das ist sein gutes Recht.

Wenn wir vier Herausgeber den Pluralismus der Beiträge aber tatsächlich hätten „kaschieren“ wollen, hätten wir wohl kaum bereits auf der ersten Seite der Einleitung u.a. auf „Reibungsflächen“ hingewiesen und auf das Bemühen, „kontroverse, gleichwohl konstruktive Standortbestimmungen“ vorzunehmen. Wir hätten dann auch nicht Aufsätze, die sich zum Teil explizit widersprechen, nebeneinander publiziert.

Ebenso wie diese Unterstellung hat mich auch die Auseinandersetzung mit den Vorüberlegungen von Uwe Wirth und mir zum Gegenstand des Buches irritiert. Nachdem wir zunächst brav mit „Bremer und Wirth“ genannt werden, geht die Rezension dazu über, für den Beitrag nur noch einen Autor zu nennen: „glaubt Wirth“, „Wirths Plädoyer“ (ebd., S. 226). Damit macht der Rezensent nun gerade das, was eine Konjektur auszeichnet: Aufgrund seines Kontextwissens stellt er eine Vermutung auf, welcher der beiden Verfasser die kritisierte Passage geschrieben haben dürfte. Der Rezensent zeigt damit zweierlei: 1. Sein Autorverständnis sieht kooperative Schreibverfahren nicht vor. 2. Er vertraut seiner Kritiker-Divination. Klassischer Fall von performativem Widerspruch im kleinen Philologen-Stadel.


Kulturwissenschaft und Kulturgeschichte

30. September 2011

Bevor ab Montag wieder über Gelehrte Polemik nachgedacht wird hier noch kurz ein paar Gedanken zu Kulturgeschichte und Kulturwissenschaft, ausgelöst durch einen konzentrierten Sammelband. Leider können die H-Soz-u-Kult-Beiträge immer noch nicht diskutiert werden. Kritik, Widerspruch und Zustimmung deswegen gerne hier!


Stille?

11. August 2011

Wenn George Steiner ein neues Buch publiziert, wird es wahrgenommen. Er ist einer der wenigen Philologen, dessen Studien weltweit erfolgreich verlegt werden, dessen Artikel über Fachkreise hinaus breite Resonanz finden. Den Höhepunkt der Wertschätzung in Deutschland erfuhr er vor einigen Jahren, als Außenminister a.D. Joseph Fischer eine Laudatio auf den Komparatisten aus Oxford hielt. In Fachkreisen hatten seine Bücher längst für viel Furore gesorgt und waren breit diskutiert worden.

Ich erinnere hier nur an sein emphatisches Plädoyer für die Präsenz des Kunstwerks in Von realer Gegenwart, das vor nunmehr beinahe 20 Jahren just zu dem Moment erschien, da der postmoderne Diskurs die direkte Beschäftigung mit der Literatur zu überlagern drohte. Steiner misst darin jeglicher wissenschaftlichen Auseinandersetzung etwa mit Literatur einen sekundären Status bei, da sie den Kunstgenuss immer nur vermitteln, bestenfalls erklären, nie aber ersetzen kann. Steiner wurde dadurch zu einem der Wegbereiter der Rephilologisierung, ohne dass man das damals schon so nannte und ohne dass dies später weiter reflektiert wurde.

Irritierend an der öffentlichen Beigeisterung für Steiner ist selbstredend, dass seine Essays und Studien damit faktisch einen performativen Widerspruch bilden, da sie einerseits für das Primäre der Kunsterfahrung plädieren und gleichzeitig selbst Ausdruck eben dieser sekundären Beschäftigung sind. Manche wohlmeinende Kritiker versuchten das dadurch zu retten, dass sie Steiner zum Künstler verklärten. Doch sein zweifellos brillanter Stil sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Tätigkeit weiterhin ‚sekundär’ in seinem Sinne bleibt.

Mich hat diese Diskrepanz von der Lektüre seiner Bücher jedoch nie abgehalten, weil seine Beobachtungen am Text vielfach zum Besten gehören, was man an zeitgenössischen philologischen Studien lesen kann und weil ich angesichts der Breite seiner Kenntnisse immer wieder nur bewundernd in die Knie gehe. Daneben war sein Buch Von realer Gegenwart für mich ein Schlüsseltext, weil in ihm der Dialog zwischen Literatur und ihrer wissenschaftlichen Analyse glückte – das Nachwort zur deutschen Ausgabe hat Botho Strauß geschrieben. Es zählt nach meinem Eindruck zum Klügsten, was in den Jahren nach 1989 an Poetologischem über deutsche Literatur formuliert wurde (leider steht Strauß’ Essay bis heute im Schatten des Anschwellenden Bocksgesangs).

Doch diese individuelle Wertschätzung ändert nichts daran, dass bei der Steiner-Lektüre ein widersprüchlicher Eindruck bleibt, der sich aus der geschilderten Hierarchisierung ergibt und der sich im Fall seines neuen Buches noch verstärkt: Der Titel Im Raum der Stille: Lektüren klingt einfach nur nach Betroffenheitskitsch, nach Selbstfindungsseminar und Meditation. Ihm ist zudem auch wieder ein performativer Widerspruch eigen, denn mit der Publikation wird der stille Raum der Lektüre verlassen und der der Mitteilung betreten, was nicht schlimm wäre, würde hier nicht der Habitus des Gelehrten in seiner Klause gepflegt, die just im Fall Steiners nun so gar nicht passt – gerade weil er ein Philologe ist, der die Öffentlichkeit, die Leser sucht, weil er für das Lesen begeistern will.

Zudem führt der Untertitel Lektüren den Leser auf die falsche Spur, denn in den meisten Artikeln, die Steiner ursprünglich für den New Yorker geschrieben hat, geht es gerade nicht in erster Linie um die Texte, sondern um die Autoren. Steiner beweist in dem Buch eben gerade nicht aufs Neue, dass er ein Meister der Lektüre ist, sondern dass er ebenso beeindruckend in der Lage ist, die historische Spezifik von und die biographischen Momente in literarischen Texten zum Klingen zu bringen. Manchmal ist es auch schlicht eine virtuos arrangierte Blütenlese, ergänzt um einige kluge Überlegungen (wie etwa im Aufsatz zu Karl Krauss und Thomas Bernhard).

Doch so ansprechend Steiners Stil ist und so kenntnisreich sein literarischer Fundus ist, so bleibt bei diesem Buch ein weiteres Problem: Steiner hat die Texte für ein zeitgenössisches Ostküsten-Publikum zwischen 1967 und 1992 geschrieben. Dementsprechend referiert er immer wieder historische Zusammenhänge und Textinhalte – zum Teil mit deutlichem Entdeckergestus. Ein zeitgenössischer deutscher Leser seines bei Suhrkamp publizierten Buches fühlt sich dagegen immer wieder verschaukelt, wenn ihm Dinge mitgeteilt werden, die er längst kennt und vielfach selbst gelesen hat – schließlich müssen weder Bernhard noch Celan irgendwem in Deutschland bekannt gemacht werden, der ein Steiner-Buch kauft.

Zudem sind diese Lektüren zum Teil nicht derart zeitlos, wie es Steiners Texte sonst sind. Das liegt natürlich daran, dass sie ursprünglich für die Zeitung geschrieben worden sind. Doch kann man Texte andererseits auch redigieren. Aber das ist nicht geschehen und deswegen fragt man sich bei der eigenen, nicht stillen, sondern zunehmend grummelnden Lektüre, warum etwa der Essay über Hermann Broch nicht zumindest etwas bearbeitet werden konnte. Weil das nicht passiert ist, reibt man sich nun verwundert die Augen, wenn das gegenwärtige New York mit seinen Punks mit dem Wien der klassischen Moderne verglichen wird. Die Irritation löst sich auf, wenn man im Anhang nachliest, dass der Text erstmals Mitte der 80er publiziert wurde – aber inwieweit kann er dann heute noch Gültigkeit beanspruchen? Zumal er abschließend dazu auffordert im folgenden Jahr – also 1986 – Broch zu lesen. Vermutlich hat sich aus Steiners Sicht dieser Appell inzwischen ja nicht erledigt. Doch warum sollte man das heute tun, wo Punks längst nicht mehr das New Yorker Stadtbild prägen (wenn sie’s denn überhaupt je getan haben)? Steiner hat vor fünf Jahren darüber nachgedacht, dass Denken traurig macht. Lesen manchmal auch.


Lesen lernen

11. Juli 2011

Lange Zeit dachte ich, dass die Erforschung der Philologiegeschichte eine recht neue Sache ist. Das lag bestimmt daran, dass die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Germanistik eigentlich erst in den letzten 20 Jahren richtig Fahrt aufgenommen und dabei einige schlagzeilenträchtige Ergebnisse zu Tage gefördert hat. Mich interessiert Wissenschaftsgeschichte besonders, wenn sie Methodengeschichte ist. Deswegen habe ich während des Studiums beispielsweise die vier Bände Geschichtsdiskurs von Wolfgang Küttler, Jörn Rüsen und Ernst Schulin gern gelesen, weil man an ihnen studieren kann, wie die Beschäftigung mit der Fachgeschichte in eigene Methodenreflexionen umschlägt. Leider sind die Bände längst vergriffen, so dass ich hier auf einen Link auf die Verlagsseite verzichte.

Als Uwe Wirth und ich vor etwa drei Jahren den Reader mit Texten zur Philologiegeschichte anfingen vorzubereiten, wurde mir wieder deutlich, wie sehr meine Wahrnehmung in disziplinären Schubladen festsitzt und wie intensiv die Philologie schon Wissenschaftsgeschichte betrieben hat, lange bevor man das so nannte. Besonders angetan war ich damals von Wilamowitz‘ Geschichte der Philologie, von der wiederum ausgegangen werden kann, um etwa die philologiegeschichtlichen Bemühungen des 19. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen.

Nun habe ich in diesen Tagen Jean Bollacks Essay über Jacob Bernays gelesen, der nicht nur deswegen faszinierend ist, weil der Autor die gleichen Initialen wie sein Gegenstand hat. Er ist sehr gut zu lesen, weil Bollack einen wunderbar lesbaren Stil pflegt, der zur Beschäftigung mit diesem dem ersten Eindruck nach fernen Gegenstand einlädt und der ihm damit auch ästhetisch gerecht wird. Guter Stil scheint mir insgesamt ein Merkmal philologiegeschichtlicher Studien zu sein, die sich mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen. Ein anderes Beispiel dafür ist die Einleitung von Jürgen Paul Schwindt zur Neuauflage von Creuzers Das Akademische Studium des Alterthums.

Wenn man sich diese Studien durchliest, fällt neben der Stilsicherheit das historische Bewusstsein der Philologen heute und damals auf. Es geht weniger um die Rekonstruktion dessen, was war, sondern viel mehr um die Deutung. So schrieb Bernays bezeichnenderweise ein Buch über Scaliger. Wenn also die Beschäftigung mit der Fachgeschichte wahrlich nichts Neues ist, sondern offenbar schon älter, und wenn davon langfristig zahlreiche Impulse ausgehen, dann stellt sich die Frage, warum das so ist.

Bollack gibt darauf eine banale wie überzeugende Antwort: „Ein Buch ist immer die Geschichte seiner Lektüre.“ (S. 57) Wenn ich mich mit der Geschichte des eigenen Faches auseinandersetze, erfahre ich viel darüber, wie vor mir gelesen wurde und warum was wie gelesen wurde. Das ist zwar nicht weiter spektakulär, aber man macht es sich viel zu selten bewusst. Bollack führt das am Beispiel von Bernays vor, indem er die Zeitabhängigkeit von Deutungen kenntlich macht (bis hin zu einer steilen Thesen zu Schadewaldts wichtigem Aufsatz zu Furcht und Mitleid, auf die hier vielleicht ein anderes Mal eingegangen wird; vgl. bei Bollack S. 78).

Das große stilistische Bewusstsein von Autoren wie Bernays, aber auch Bollack oder Schwindt ist nun zugleich Voraussetzung dafür, dass die Beschäftigung mit dem Lesen anderer nicht nur selbstbezogen ist, sondern auch als Einladung begriffen werden kann – hier teilt jemand die eigene Freude an einem Buch, also an den Lektüren eines Dritten, seinen eigenen Lesern mit. So gesehen ist es vielleicht gar nicht überraschend, wenn ich mir gut vorstellen kann, dass in wenigen Jahren wissenschaftliche Blogs und ähnliche Formate ein bevorzugter Ort für wissenschaftsgeschichtliche Erörterungen sein dürften. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Klartext gesprochen wird. Bollack schreibt: „Bernays überträgt das moderne Modell des aufgeklärten Herrschers auf die griechische Welt. Ihm zufolge hat Platon es in seinen sizilianischen Träumen vorweggenommen.“ (S. 82) Prägnanter kann man Bernays Darstellungsweise und die Kritik daran nicht auf den Punkt bringen. Zugleich aber macht diese Feststellung deutlich, warum es so wichtig ist, sich mit der Wissenschaftsgeschichte auseinanderzusetzen. Erst die Kritik macht es möglich, von einem Vorgänger zu lernen, ohne ihn zu verraten.


Glückwunsch zur Wunde

17. Juni 2011

Unter diesem eigentümlich anmutenden Titel hat Ende letzten Jahres Stephan Turowski seinen zweiten Gedichtband publiziert. Glückwunsch zur Wunde macht, wie schon sein erster Band Und jetzt bist du nackt, im ersten Moment einen rauen und manchmal sogar pubertär-naiven Eindruck. Dauernd sitzt irgendwo ein ‚ich‘ herum, das sich nach einer ’sie‘ sehnt. Manchmal spricht es von sich, manchmal spricht es von dem, was ‚wir‘ erlebt haben. Die Orte, an denen das ‚ich‘ sitzt, sind alltäglich: um die Ecke ist ein Supermarkt, vom Balkon aus ist das Meer zu sehen, in der Küche ist offenbar immer genug Kaffee, manchmal geht der Sprecher aus dem Haus, um Zigaretten zu holen oder ein Bier zu trinken. Wohlstand sieht anders aus. Gleichwohl ist die Schlichtheit, die hier geschildert wird, kein Elend. Doch sagt dieser äußere Rahmen nichts über den Gefühlshaushalt des Sprechers. Es geht ihm nicht gut.

Das kommt zunächst durch paradoxe Fügungen zum Ausdruck, die seine Welt irreal erscheinen lassen, obwohl sie doch so normal ist:

Die Distanzen

Ich habe jetzt ein Fahrrad,
aber ich komme nicht voran,

die Straßen gehen bergauf,
auch wenn ich bergab fahre

und die Distanzen nehmen zu.
[…]

Dass die Gegenläufigkeit von Erwartbarem und Eintretendem hier auch sanft akustisch unterstrichen wird, ist handwerklich elegant, vielleicht sogar seinerseits wieder erwartbar. Auf jeden Fall erinnern die Verse von Ferne an den Lakonismus der Buckower Elegien, auch wenn sie nicht auf Brechts epigrammatische Schlusspointen, sondern eben auf klare Paradoxien setzen. Doch machen selbstredend ein wenig metrisches Bewusstsein und eine kleine Assoziation an sich noch kein gutes Gedicht. Ebenso ist es nicht weiter überraschend, wenn in einem Gedicht die Diskrepanz von Realität und Wahrnehmung thematisiert wird. Insbesondere die ersten Gedichte von Glückwunsch zur Wunde unterstreichen vielmehr gerade durch die formale Konventionalität den Eindruck des Alltäglichen, den das Setting evoziert.

Die erste große Leistung dieser Gedichtsammlung ist nun, dass man das Büchlein nicht nach den ersten Gedichten aus der Hand legt und sich denkt: „Was geht mich diese Type an, die nach außen einen auf harter Kerl am Ostseestrand macht, aber in Wirklichkeit das letzte empfindsame Seelchen der Postmoderne ist?“

Dass dieser Eindruck nicht aufkommt, liegt insbesondere an eben den paradoxen Fügungen und Widersprüchen, die langsam intensiver werden und sich Gedicht für Gedicht zu einer Geschichte der Verzweiflung und der Traurigkeit verdichten. Anlass für diese Traurigkeit ist – wie sollte es angesichts des Settings anders sein -, offenbar eine Frau. Das ‚ich‘ trifft sie, liebt sie – zum Beispiel im Gedicht In der Natur: Alles ist idyllisch eingerichtet, alles scheint wie immer zu sein. Doch unvermittelt stellt der Sprecher fest, dass nichts wie immer ist, sondern „wie früher“. Ein Riss geht durch die Erwartung, das Bekannte ist das, was war und nicht mehr ist.

Spätestens dieses Gedicht erlaubt auch eine erste Deutung des Titels: Das ‚du‘ scheint die Ursache für die Wunde am/im ‚ich‘ zu sein, zu der der Titel beglückwünscht – man ist geneigt zu sagen: zu der der Titel das ‚ich‘ beglückwünscht. Mit dem Titel tritt also eine zweite Sprecherinstanz auf, die Distanz wahrt zum Sprecher in den Gedichten.

Schnell aber wird deutlich, dass diese Deutung kaum mehr als der erste Schritt in Turowskis Welt ist. Das Setting wird zum einen immer weitergehend variiert und entwickelt. Schon wenige Gedichte später wird die Ambivalenz des Verlassenen offenbar, als er seine enthaupteten (!) Freunde im Stehcafé trifft (Ins Glück). Doch nicht nur dieses langsame Abgleiten ins Surreale fasziniert angesichts der ursprünglichen Konzentration auf den Alltag und die alltäglichen Gefühle. Ähnlich einnehmend ist auch die auf dieses Gedicht folgende farbliche Abgrenzung des ersten Teils vom folgenden zweiten, die im deutlichen Kontrast zum schwarz-weißen Umschlag des Buches steht. Die Farbgebung im Inneren wird hier aber nicht näher ausgeführt, weil sich das Buch schließlich möglichst viele von Euch selbst anschauen bzw. kaufen sollen. Insgesamt, so viel kann schon mal gesagt werden, besteht Glückwunsch zur Wunde aus insgesamt vier Teilen, die alle farblich voneinander abgetrennt sind, inhaltlich und formal trotzdem eng miteinander verwoben sind und doch immer wieder eigene Schwerpunkte bilden und den Blick freigeben in immer wieder faszinierende Momentaufnahmen des Alltäglichen und seine subjektiven Verzerrungen.

Doch ist Turowski noch weit mehr als ein Erzähler mal skurril-romantischer, mal surrealer Miniaturgeschichten in Versform. Dabei geht ihm der in der Gegenwartslyrik nicht untypische Habitus des postmodernen Besserwissers gänzlich ab. Das liegt nicht zuletzt an seiner eigentümlichen Freude am Banalen, dem ebenfalls das Paradoxe den Boden unter den Füßen wegziehen kann:

Die Lektion

Du kannst nicht das Buch lesen
und gleichzeitig den Apfel schälen.

Schau nicht aus dem Fenster,
während das Nudelwasser kocht,

der Schnee fällt auch ohne dich.
Du denkst, wenn es dunkel wird,

könntest du einfach das Licht anknipsen.
Du hast noch nichts verstanden.

Turowski führt mit seinen Gedichten den Leser nicht nur langsam aus der ‚realen‘ Welt und in seine. Gleichermaßen verfährt er auch mit der weiten Welt der Lyrik. So erinnert nicht nur Die Distanzen an Brecht. Die Lektion spießt dessen didaktischen Habitus auf und bricht ihn ins ganz und gar Unpolitische. Vielleicht stellt sich das Gedicht mit seinem Titel zudem auch einigen frühen Gedichten Heiner Müllers (Lektionen). In ihnen wird ebenfalls ein ‚du‘ angesprochen, doch geht es in ihnen um „missbrauchbare Verse“ und nicht um das Nudelwasser. Von der verzweifelten Hoffnung, mit Lyrik auch Politik machen zu können, ist nur mehr eine letzte Spur und ein wenig Lakonismus geblieben.

Manchmal lassen sich diese Assoziationen aber auch nicht auf einen klaren Nenner bringen. Das gilt ganz besonders für das letzte Gedicht Die Suche. Zu dessen Beginn wird gesagt, dass eine Frau, von der nur als ‚diese‘ gesprochen wird und die im Fenster gegenüber steht, „mit einer Kerze im Mund“ zu sehen sei. In Paul Celans Von Ungeträumtem findet sich eben dieses eigentümliche Bild der Kerze im Mund schon einmal. Doch ist es bei Celan gerade nicht das Gegenüber (wie bei Turowski), sondern das sprechende ‚ich‘, das eine Kerze im Mund trägt. Der zweite Unterschied ist, dass es bei Celan eine „Hungerkerze“ ist. Schließlich ‚wächst‘ bei Celan das ‚ich‘ an das ‚du‘ heran. Bei Turowski bleibt die Kluft bestehen – ja noch mehr: ein ‚du‘ verschärft die Distanz zur Frau im Fenster: „Diese, sagst du, // muß es gewesen sein.“ Was der Frau vorgeworfen wird, erfahren wir nicht.

So ist Turowskis Lyrik schließlich kein Echo, das einfach Laut- oder Motiv-Reste nachklingen lässt, sondern ein ganz eigenständiger Klangraum. Zugleich holt sie uns ganz entspannt, freilich mit melancholischem Blick, am nächsten Straßencafé oder der Eckkneipe ab. Im ersten Moment denken wir, dass wir mit ihr nur einmal kurz um den Block gehen. Am Ende, wenn sie uns dann wieder loslässt, wissen wir, dass der Block, den wir durch die Gedichte kennengelernt haben, bis eben noch nicht unserer war.


Autorschaft

19. März 2011

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder in der wiederholt gerühmten, von Peter Villwock besorgten Ausgabe von Brechts Notizbüchern (Bd. 7, Notizbücher 24 und 25, 1927-1930) gelesen. Die Ausgabe ist in jeder Hinsicht eine Wucht: Sie bietet Einblicke in Brechts Arbeitsweise – etwa in die Entwicklung des Fragment gebliebenen Fatzer. Es zeigt aber ebenso auch, wie sich bei Brecht Ideen und Konzepte (etwa zum Ruhm oder zur Theaterkritik) entwickeln. Gleichzeitig ist der Band aber auch so gelungen, weil die Kombination aus Transkription und Reproduktion keine Wünsche offen lässt und sich zudem im Anhang Kommentare finden, die im Netz fortgeschrieben werden. Vorbildlicher kann man eine Edition derzeit nicht veranstalten.

Die Ausgabe wirft eigentlich nur eine Frage auf: Warum geht es nicht immer so durchdacht und überzeugend im Hause Suhrkamp zu? Wohl gemerkt: Ich meine nicht, dass jede Edition derart ausführlich und umfassend sein kann. Aber man wundert sich schon sehr oft, wie dort mit so manchem Hausautor nach seinem Tod verfahren wird. Zum Teil werden geradezu fahrlässig Texte in kaum überzeugende Ordnungsmuster gepresst, wie in der Heiner-Müller-Werkausgabe. Zum Teil wird offenbar alles oder zumindest fast alles, was sich irgendwo und -wie findet, publiziert, ohne dass richtig deutlich wird, inwieweit das Material für die Öffentlichkeit vorgesehen war.

Diese Praxis ist freilich nicht frei von Ironie. Henning Ritter hat darüber in seinen Notizheften, die vorgestern mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden, nachgedacht (S. 332):

Keine Generation von Autoren hat ihre Autorschaft so ausgeschöpft wie jene Franzosen, die den Tod des Autors ausgerufen und den „Diskurs“ an seine Stelle gesetzt haben. Zu ihrem archivierten Nachlaß gehört nicht nur jeder Zettel, den sie beschrieben, sondern sogar ihre Stimme, das Flüchtigste der Selbstäußerung. Foucault, Barthes, Deleuze – sie werden von einer Generation von Schülern, meist selbsternannten, ediert, die sich autodidaktisch nichts anderes angeeignet haben als das Handwerk, ihre Meister zu edieren. Es sind nicht Schüler, die eine Lehre weitergeben, sondern solche, die das verlassene Feld der Autorschaft weiter pflegen.

Die hier von Ritter beschriebene Dialektik von Literaturtheorie und Editorik wirft nur die Frage auf, ob sie nicht ein Dilemma beschreibt, in dem jede Ausgabe steckt. Wie soll ich einen Text edieren, ohne dem Konzept ‚Autorschaft‘ zu frönen?