Glückwunsch zur Wunde

17. Juni 2011

Unter diesem eigentümlich anmutenden Titel hat Ende letzten Jahres Stephan Turowski seinen zweiten Gedichtband publiziert. Glückwunsch zur Wunde macht, wie schon sein erster Band Und jetzt bist du nackt, im ersten Moment einen rauen und manchmal sogar pubertär-naiven Eindruck. Dauernd sitzt irgendwo ein ‚ich‘ herum, das sich nach einer ’sie‘ sehnt. Manchmal spricht es von sich, manchmal spricht es von dem, was ‚wir‘ erlebt haben. Die Orte, an denen das ‚ich‘ sitzt, sind alltäglich: um die Ecke ist ein Supermarkt, vom Balkon aus ist das Meer zu sehen, in der Küche ist offenbar immer genug Kaffee, manchmal geht der Sprecher aus dem Haus, um Zigaretten zu holen oder ein Bier zu trinken. Wohlstand sieht anders aus. Gleichwohl ist die Schlichtheit, die hier geschildert wird, kein Elend. Doch sagt dieser äußere Rahmen nichts über den Gefühlshaushalt des Sprechers. Es geht ihm nicht gut.

Das kommt zunächst durch paradoxe Fügungen zum Ausdruck, die seine Welt irreal erscheinen lassen, obwohl sie doch so normal ist:

Die Distanzen

Ich habe jetzt ein Fahrrad,
aber ich komme nicht voran,

die Straßen gehen bergauf,
auch wenn ich bergab fahre

und die Distanzen nehmen zu.
[…]

Dass die Gegenläufigkeit von Erwartbarem und Eintretendem hier auch sanft akustisch unterstrichen wird, ist handwerklich elegant, vielleicht sogar seinerseits wieder erwartbar. Auf jeden Fall erinnern die Verse von Ferne an den Lakonismus der Buckower Elegien, auch wenn sie nicht auf Brechts epigrammatische Schlusspointen, sondern eben auf klare Paradoxien setzen. Doch machen selbstredend ein wenig metrisches Bewusstsein und eine kleine Assoziation an sich noch kein gutes Gedicht. Ebenso ist es nicht weiter überraschend, wenn in einem Gedicht die Diskrepanz von Realität und Wahrnehmung thematisiert wird. Insbesondere die ersten Gedichte von Glückwunsch zur Wunde unterstreichen vielmehr gerade durch die formale Konventionalität den Eindruck des Alltäglichen, den das Setting evoziert.

Die erste große Leistung dieser Gedichtsammlung ist nun, dass man das Büchlein nicht nach den ersten Gedichten aus der Hand legt und sich denkt: „Was geht mich diese Type an, die nach außen einen auf harter Kerl am Ostseestrand macht, aber in Wirklichkeit das letzte empfindsame Seelchen der Postmoderne ist?“

Dass dieser Eindruck nicht aufkommt, liegt insbesondere an eben den paradoxen Fügungen und Widersprüchen, die langsam intensiver werden und sich Gedicht für Gedicht zu einer Geschichte der Verzweiflung und der Traurigkeit verdichten. Anlass für diese Traurigkeit ist – wie sollte es angesichts des Settings anders sein -, offenbar eine Frau. Das ‚ich‘ trifft sie, liebt sie – zum Beispiel im Gedicht In der Natur: Alles ist idyllisch eingerichtet, alles scheint wie immer zu sein. Doch unvermittelt stellt der Sprecher fest, dass nichts wie immer ist, sondern „wie früher“. Ein Riss geht durch die Erwartung, das Bekannte ist das, was war und nicht mehr ist.

Spätestens dieses Gedicht erlaubt auch eine erste Deutung des Titels: Das ‚du‘ scheint die Ursache für die Wunde am/im ‚ich‘ zu sein, zu der der Titel beglückwünscht – man ist geneigt zu sagen: zu der der Titel das ‚ich‘ beglückwünscht. Mit dem Titel tritt also eine zweite Sprecherinstanz auf, die Distanz wahrt zum Sprecher in den Gedichten.

Schnell aber wird deutlich, dass diese Deutung kaum mehr als der erste Schritt in Turowskis Welt ist. Das Setting wird zum einen immer weitergehend variiert und entwickelt. Schon wenige Gedichte später wird die Ambivalenz des Verlassenen offenbar, als er seine enthaupteten (!) Freunde im Stehcafé trifft (Ins Glück). Doch nicht nur dieses langsame Abgleiten ins Surreale fasziniert angesichts der ursprünglichen Konzentration auf den Alltag und die alltäglichen Gefühle. Ähnlich einnehmend ist auch die auf dieses Gedicht folgende farbliche Abgrenzung des ersten Teils vom folgenden zweiten, die im deutlichen Kontrast zum schwarz-weißen Umschlag des Buches steht. Die Farbgebung im Inneren wird hier aber nicht näher ausgeführt, weil sich das Buch schließlich möglichst viele von Euch selbst anschauen bzw. kaufen sollen. Insgesamt, so viel kann schon mal gesagt werden, besteht Glückwunsch zur Wunde aus insgesamt vier Teilen, die alle farblich voneinander abgetrennt sind, inhaltlich und formal trotzdem eng miteinander verwoben sind und doch immer wieder eigene Schwerpunkte bilden und den Blick freigeben in immer wieder faszinierende Momentaufnahmen des Alltäglichen und seine subjektiven Verzerrungen.

Doch ist Turowski noch weit mehr als ein Erzähler mal skurril-romantischer, mal surrealer Miniaturgeschichten in Versform. Dabei geht ihm der in der Gegenwartslyrik nicht untypische Habitus des postmodernen Besserwissers gänzlich ab. Das liegt nicht zuletzt an seiner eigentümlichen Freude am Banalen, dem ebenfalls das Paradoxe den Boden unter den Füßen wegziehen kann:

Die Lektion

Du kannst nicht das Buch lesen
und gleichzeitig den Apfel schälen.

Schau nicht aus dem Fenster,
während das Nudelwasser kocht,

der Schnee fällt auch ohne dich.
Du denkst, wenn es dunkel wird,

könntest du einfach das Licht anknipsen.
Du hast noch nichts verstanden.

Turowski führt mit seinen Gedichten den Leser nicht nur langsam aus der ‚realen‘ Welt und in seine. Gleichermaßen verfährt er auch mit der weiten Welt der Lyrik. So erinnert nicht nur Die Distanzen an Brecht. Die Lektion spießt dessen didaktischen Habitus auf und bricht ihn ins ganz und gar Unpolitische. Vielleicht stellt sich das Gedicht mit seinem Titel zudem auch einigen frühen Gedichten Heiner Müllers (Lektionen). In ihnen wird ebenfalls ein ‚du‘ angesprochen, doch geht es in ihnen um „missbrauchbare Verse“ und nicht um das Nudelwasser. Von der verzweifelten Hoffnung, mit Lyrik auch Politik machen zu können, ist nur mehr eine letzte Spur und ein wenig Lakonismus geblieben.

Manchmal lassen sich diese Assoziationen aber auch nicht auf einen klaren Nenner bringen. Das gilt ganz besonders für das letzte Gedicht Die Suche. Zu dessen Beginn wird gesagt, dass eine Frau, von der nur als ‚diese‘ gesprochen wird und die im Fenster gegenüber steht, „mit einer Kerze im Mund“ zu sehen sei. In Paul Celans Von Ungeträumtem findet sich eben dieses eigentümliche Bild der Kerze im Mund schon einmal. Doch ist es bei Celan gerade nicht das Gegenüber (wie bei Turowski), sondern das sprechende ‚ich‘, das eine Kerze im Mund trägt. Der zweite Unterschied ist, dass es bei Celan eine „Hungerkerze“ ist. Schließlich ‚wächst‘ bei Celan das ‚ich‘ an das ‚du‘ heran. Bei Turowski bleibt die Kluft bestehen – ja noch mehr: ein ‚du‘ verschärft die Distanz zur Frau im Fenster: „Diese, sagst du, // muß es gewesen sein.“ Was der Frau vorgeworfen wird, erfahren wir nicht.

So ist Turowskis Lyrik schließlich kein Echo, das einfach Laut- oder Motiv-Reste nachklingen lässt, sondern ein ganz eigenständiger Klangraum. Zugleich holt sie uns ganz entspannt, freilich mit melancholischem Blick, am nächsten Straßencafé oder der Eckkneipe ab. Im ersten Moment denken wir, dass wir mit ihr nur einmal kurz um den Block gehen. Am Ende, wenn sie uns dann wieder loslässt, wissen wir, dass der Block, den wir durch die Gedichte kennengelernt haben, bis eben noch nicht unserer war.


Autorschaft

19. März 2011

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder in der wiederholt gerühmten, von Peter Villwock besorgten Ausgabe von Brechts Notizbüchern (Bd. 7, Notizbücher 24 und 25, 1927-1930) gelesen. Die Ausgabe ist in jeder Hinsicht eine Wucht: Sie bietet Einblicke in Brechts Arbeitsweise – etwa in die Entwicklung des Fragment gebliebenen Fatzer. Es zeigt aber ebenso auch, wie sich bei Brecht Ideen und Konzepte (etwa zum Ruhm oder zur Theaterkritik) entwickeln. Gleichzeitig ist der Band aber auch so gelungen, weil die Kombination aus Transkription und Reproduktion keine Wünsche offen lässt und sich zudem im Anhang Kommentare finden, die im Netz fortgeschrieben werden. Vorbildlicher kann man eine Edition derzeit nicht veranstalten.

Die Ausgabe wirft eigentlich nur eine Frage auf: Warum geht es nicht immer so durchdacht und überzeugend im Hause Suhrkamp zu? Wohl gemerkt: Ich meine nicht, dass jede Edition derart ausführlich und umfassend sein kann. Aber man wundert sich schon sehr oft, wie dort mit so manchem Hausautor nach seinem Tod verfahren wird. Zum Teil werden geradezu fahrlässig Texte in kaum überzeugende Ordnungsmuster gepresst, wie in der Heiner-Müller-Werkausgabe. Zum Teil wird offenbar alles oder zumindest fast alles, was sich irgendwo und -wie findet, publiziert, ohne dass richtig deutlich wird, inwieweit das Material für die Öffentlichkeit vorgesehen war.

Diese Praxis ist freilich nicht frei von Ironie. Henning Ritter hat darüber in seinen Notizheften, die vorgestern mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden, nachgedacht (S. 332):

Keine Generation von Autoren hat ihre Autorschaft so ausgeschöpft wie jene Franzosen, die den Tod des Autors ausgerufen und den „Diskurs“ an seine Stelle gesetzt haben. Zu ihrem archivierten Nachlaß gehört nicht nur jeder Zettel, den sie beschrieben, sondern sogar ihre Stimme, das Flüchtigste der Selbstäußerung. Foucault, Barthes, Deleuze – sie werden von einer Generation von Schülern, meist selbsternannten, ediert, die sich autodidaktisch nichts anderes angeeignet haben als das Handwerk, ihre Meister zu edieren. Es sind nicht Schüler, die eine Lehre weitergeben, sondern solche, die das verlassene Feld der Autorschaft weiter pflegen.

Die hier von Ritter beschriebene Dialektik von Literaturtheorie und Editorik wirft nur die Frage auf, ob sie nicht ein Dilemma beschreibt, in dem jede Ausgabe steckt. Wie soll ich einen Text edieren, ohne dem Konzept ‚Autorschaft‘ zu frönen?


„The Wire“ und die Folgen …

17. März 2011

Pünktlich zur Buchmesse gibt’s alle Jahre (bzw. halbe Jahre) wieder ein paar Katastrophenszenarien, die mindestens den Tod der Buchkultur, gerne auch gleich das Ende der Lesekultur oder manchmal sogar den Untergang des Abendlandes prophezeien. Allein schon weil letzteres gegenwärtig mindestens geschmacklos wäre, setzt der Freitag dieses Frühjahr auf ein moderates, aufgeklärt daherkommendes Szenario: das Ende der Lesekultur durch anspruchsvolle amerikanische Fernsehserien (vgl. Der Nicht-Leser in uns).

Die wohl witzig gemeinte These des Artikels ist, dass differenzierte, jüngere Menschen, die früher zum Zeitvertreib Romane gelesen haben, inzwischen lieber Fernsehserien wie The Wire gucken – pars pro toto wird auf 10 angehende Kulturwissenschaftler aus Hildesheim verwiesen, die mehrheitlich auf The Wire abfahren, von denen aber nur einer einen potentiellen Buchpreisträger kennt.

Für mich ist der Erfolg von Fernsehserien in DVD-Boxen ja vor allem ein Indiz für die Abkehr vom Fernsehen, wie wir es bisher kennen. Mit Lesekultur hat das erst einmal wenig zu tun. Aber egal. Darum soll es hier gar nicht gehen.

Interessant finde ich den Artikel nämlich, weil die Wirkung von The Wire auf die Lesekultur („Verheerend“!) durch einen FAZ-Artikel („kluger Beitrag“) ausgelöst worden sei. Seit Jahren beklagt sich die Kritik über ihren schwindenden Einfluss auf die ästhetische Meinungsbildung, aber in diesem Fall soll – schwupps – ein Artikel hinreichen, um den Boom einer Serie auszulösen? Bei einem Publikum, das nicht gerade zu den Stammlesern des FAZ-Feuilletons zählt? Wie kommt man zu solch einer steilen These?

Ich stell mir das so vor: Da sitzt ein netter Freitag-Kritiker an seinem Rechner und bekommt mit, dass die Leute gar nicht mehr Fontane lesen (als wenn sie das vor 10 Jahren noch getan hätten) und auch keine Buchpreisträger mehr kennen (kannten sie vor 10 Jahren auch nicht, freilich aus anderen Gründen). Er trifft ein paar coole Hildesheimer Kulturwissenschaftler, die von The Wire schwärmen, und so denkt er sich: „Mensch, da war doch mal dieser FAZ-Artikel, in dem die Serie der ‚Balzac für unsere Zeit‘ genannt wird. Bestimmt hat dieser Artikel die jungen Leute veranlasst, sich Abend für Abend The Wire anzuschauen, statt zu lesen. Tja, das ist halt die FAZ. Solch eine Wirkung, die bekomm‘ ich mit meinen Freitag-Artikeln bestimmt nie. Schon schade.“ So wird aus einer kleinen Frustration ein kleines katastrophisches Begleitkonzert zur Buchmesse. Und der Kultstatus der Serie wird gleich mit zementiert.

P.S.: Ich habe immer noch nicht begriffen, warum es überraschend sein soll, dass Kulturwissenschaftler Fernsehserien schauen und nicht in erster Linie lesen.

P.P.S.: Ich kenne Leute, die lesen Bücher und kaufen sich Fernsehserien.

P.P.P.S.: Ich besitze nicht nur The Wire, sondern auch mehrere Staffeln Friends. Der Untergang des Abendlandes steht bevor!


Die Sieger

14. März 2011

des „philology & irony“-Gewinnspiels stehen fest:

regnrk aus Berlin hat das Rinke-Arbeitsbuch gewonnen,

stromgeist aus Gießen den Philologie-Reader und

jge aus Detmold die kritische Studienausgabe der Herrmannsschlacht.

Den Siegern wird ihr Gewinn in den kommenden Tage zugeschickt (bzw. sobald die Kleist-Ausgabe ausgeliefert wird)!

Herzlichen Glückwunsch!


Spur der Steine

11. März 2011

Letztens habe ich von Thomas Brasch Vor den Vätern sterben die Söhne von 1976 gelesen. Ein Buch aus einer anderen Zeit, fertiggestellt vor seiner Ausreise aus der DDR, publiziert danach. Im Klappentext geistert ein Wort herum, bei dem die Älteren zwar noch nicken, die Jüngeren aber nur noch fragend aufblicken: Biermann-Streit bzw. Biermann-Ausbürgerung.

Das Buch dürfte heute nur noch wenige Leser finden, weil es sehr in seiner Zeit verhaftet ist. Es ist eine frustrierte Abrechnung mit einem Staat, der seine Bürger schon kriminalisiert, wenn sie Rolling Stones hören und mit einem kleinen Rausch in den Ostseedünen abhängen: kein Raum den Hippies im realexistierenden Bürokratismus.

In einer Erzählung (Und über uns schließt sich ein Himmel aus Stahl) wird eine Szene aus Frank Beyers großer Verfilmung von Die Spur der Steine geschildert (ohne sie namentlich zu nennen) und wie sich im Kinosaal Tumult regt, nachdem auf der Leinwand zu sehen ist, wie die Barka-Brigade einen Polizisten in einen Springbrunnen geworfen hat. Ich habe den Film  zwei- oder dreimal gesehen (manchmal wird er im Spätprogramm im MDR wiederholt), und finde es bis heute unglaublich, wie schnell dieser Film als Provokation begriffen wurde. Er lief, meine ich, nur 3 Tage in den DDR-Kinos und wurde dann abgesetzt.

Warum der Film so provozierend war, macht Brasch‘ Erzählung umgehend deutlich: Dieser Staat hatte Angst davor, dass man sich über ihn lustig macht. Man kann gar nicht glauben, dass ein in vielerlei Hinsicht komödiantischer Kinofilm solche Reaktionen hervorrufen kann. So liest man heute über diese Stelle viel zu schnell hinweg. 1976 aber dürfte sie nicht nur die Angst des Staates, ausgelacht zu werden, vorgeführt haben. Zugleich belegt sie, wie wach die Erinnerung an die Provokation durch den Film rund 10 Jahre nach seinem Erscheinen weiterhin war.

Brasch führt mit dieser Szene das titelgebende Leitmotiv des Buchs vor Augen: Erik Neutsch‘ Roman und Beyers Verfilmung von die Spur der Steine muten, wenn man sie heute liest bzw. sieht, alles andere als provokant an. Ob sie so gemeint waren oder nicht, sei dahingestellt. Sie wurden auf jeden Fall als Provokation wahrgenommen. Knapp eine Generation später – bei Brasch – wird der Film zum Ausdruck der Vätergeneration, auf den man Bezug nimmt und der lebendig ist. Die Generation der (erwachsenen) Söhne dagegen wird nicht mehr nur vom Staat mundtot gemacht (wie Beyer), sondern in der Erzählung mit fadenscheinigen Gründen eingesperrt und getötet.

Um dieser Umkehrung der natürlichen Generationsfolge entgehen zu können, bietet Brasch‘ Buch nur eine Alternative an: den Stillstand. In der letzten Erzählung, Eulenspiegel, wird das offenbar. Am Ende bleibt Eulenspiegel mitten in Berlin stehen. Die Geschichte scheint aus den Fugen, klar ist nur eins: Sein Stillstand wird ihm deutlich, als er aus der vereinsamten Berliner Universität tritt. Ob der Narr nur meint, dass alles still steht, oder ob dem tatsächlich so ist, wird nicht erzählt. Gewiss ist bloß, dass er ausgespielt hat. So negiert der schmale Band von Brasch Marx‘ These, weltgeschichtliche Ereignisse ereigneten sich zweimal, erst als Tragödie, dann als Farce, dahingehend, dass es im Angesicht des Stillstands nicht die Tragödien sind, die als Farce wiederkehren, sondern die Komödien.

***

Diejenigen, die bis hierher durchgehalten haben, seien hiermit daran erinnert, dass das Gewinnspiel (vgl. das vorhergehende Posting!) morgen ausläuft: Ein Kurzkommentar nach dem Muster ‚Ich will was gewinnen!‘ reicht zur Teilnahme 🙂


1979

3. März 2011

Das Jahr 1979 könnte sich eines Tages als das wichtigste und folgenreichste seines Jahrhunderts erweisen. Denn damals wurde im Iran bewiesen, daß der Säkularisierung genannte Prozeß umkehrbar ist und nicht, wie man bis dahin glaubte, unumkehrbar. […] Seither hat es vielerlei Phänomene der Wiederkehr gegeben, als bedeutsamstes die Wiederkehr der Religion.

Das schreibt Henning Ritter in seinem Buch Notizhefte (Berlin 2010, S. 251). Diese Wiederkehr bzw. Rückkehr bzw. Renaissance ist bekanntlich schon in den 90ern von Derrida und anderen beobachtet worden und hat nach 9/11 auch außerhalb der Kulturwissenschaften viel Interesse gefunden. Trotzdem hat mich Ritters Hinweis hellhörig gemacht, denn er ist vom Grundgestus her typisch, weil er sich im Umgang mit dieser ‚Wiederkehr‘ ganz und gar unbeteiligt gibt.

Dieser Grundgestus findet sich schon bei Christian Krachts gewiss viel zu einseitig rezensiertem Roman 1979. Immer wenn diese ‚Wiederkehr‘ festgehalten wird (sei es literarisch wie bei Kracht, sei es essayistisch-reflektierend wie bei Ritter oder letztlich auch Derrida), dann wird so getan, als habe man selbst damit gar nichts zu tun, als stehe man außerhalb des Geschehens. Das ist ein typisch wissenschaftlicher Grundgestus (und auch einer des Dandys, s. Kracht!), der zumindest im Fall der Wissenschaft wohl sinnvoll ist, die Betrachtung zumindest leichter macht. Aber er birgt die Gefahr in sich, dass diese ‚Rückkehr‘ als etwas Fremdes ausgestellt wird, von dem man sich besser fern hält. Doch kann man diese Ereignisse dann auch wirklich begreifen?

Bemerkenswert an dieser Distanznahme ist, wie sie sich zu dem verhält, was Ritter vorsichtig als den ‚Säkularisierung genannten Prozeß‘ umschreibt. Mit seiner Formulierung kommt, so scheint mir, ein Erstaunen zum Ausdruck, das feststellt, dass das, was bisher als eine Art Axiom der Kulturentwicklung begriffen wurde – eben die Säkularisierung -, nicht derart linear vonstatten geht, wie meist angenommen wurde und noch wird. So kann dann 1979 zu einem Schlusspunkt der Säkularisierung werden.

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen mag die Hoffnung aufkommen, dass die ‚Säkularisierung‘ doch noch gegen die ‚Rückkehr der Religion‘ obsiegen wird. Dann wäre, anders als Ritter meint, 1979 nur mehr als ein Moment der Stagnation anzusehen (und 9/11 beispielsweise auch). Da gegenwärtig vermutlich niemand absehen kann, wie es wird, fehlen bezeichnenderweise generalisierende Äußerungen, die eine solche Prognose wagen. Vielleicht ist deswegen eben jetzt ein guter Augenblick, um sich klar zu machen, wie wenig plausibel es ist, historische Entwicklungen linear zu denken. Meine beiden Ex-Kollegen Martin Treml und Daniel Weidner setzen deswegen schon seit einiger Zeit auf ein Konzept, das sie ‚Dialektik der Säkularisierung‘ nennen.

Wenn man sich aktuelle Berichte aus Nordafrika anschaut oder liest, so scheint sowohl von 1979 als auch von 1989 Faszination auszustrahlen. Wenn am Ende ein Demokratisierung stehen sollte, mögen sich die Freunde der Säkularisierung vielleicht gemeinsam mit Candide zurücklehnen und 1979 als Fußnote der Geschichte abtun. Ob sie aber ein für alle mal Recht behalten, bleibt dahingestellt – zumal ja auch die vermeintlich säkulare Welt nicht zwingend eine ‚gute‘ ist. Zumindest in dieser Hinsicht ist Krachts Roman viel klüger als die meisten Theorien – vielleicht hatten deswegen die meisten Kritiker mit dem Roman ihre Schwierigkeiten.


Der Boss und die Box

27. Dezember 2010

Vor gut einem Monat las ich das erste Mal von einer Special-Box zu Bruce Springsteens „Darkness on the Edge of Town“. Auf seiner Homepage wird die Box, die aus 3 CDs, 3 DVDs sowie einem Reprint von seinem Collegeblock mit seinen Notizen besteht, als ganz wesentliche ‚Dokumentation‘ gefeiert.

Ich mochte das Album immer sehr, nicht nur musikalisch. Es ist auch mit vielen Erinnerungen verbunden. Mein Onkel hatte es mir irgendwann Ende der 80er einmal vorgespielt, nachdem wir gemeinsam auf einem Konzert vom „Boss“ waren, wie man damals ehrfurchtsvoll (und im Rückblick völlig bescheuert) sagte. Das war die große Zeit des Stadion-Rocks, für Minderjährige wie mich unheimlich beeindruckend und auch noch nicht verrufen. Es ging nur noch um Superlative. Springsteen etwa machte nach zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um dann weitere zweieinhalb Stunden zu rocken. Das war die Vorwegnahme des Discounter-Prinzips („Kauf eins, nimm zwei!“) im Rock und hat mich nicht eine Minute gestört, sondern ausschließlich fasziniert.

Die 70er waren damals schon weit weg, aber durch meinen Onkel schien mir das Album sehr nahe. So war „Darkness on the Edge of Town“ ein Schlüssel zu dieser fremden Zeit, auch wenn ihm die Brachialität des zeitgleich einsetzenden Punk völlig abgeht. Als ich vor einem Jahr Louis P. Masurs Buch über „Born to run“ gelesen habe, hat mich daran wahnsinnig genervt, dass er für „Darkness“ so wenig überhat und stattdessen den spätpubertären Charme von „Born to run“ lobt und kaum die Entstehungszeit einzufangen vermag.

Nun also die Box zu ‚meinem‘ Springsteen-Album – die Erwartungshaltung war selbstredend hoch. Noch bevor ich die ‚Dokumentation‘ in den Händen halte, lese ich in der FAZ eine wunderbar spitze Rezension dazu von Tobias Rüther (finde sie leider nicht im Netz), die mich schon ahnen lässt, dass ich mit dem Ganzen irgendwie nicht klarkommen werde. Warum vertraue ich nicht einfach mal der Kritik?

Meine Befürchtungen erfüllen sich dann auch. Ich bin einerseits begeistert von der Präzision, mit der Springsteens Collegeblock reproduziert wurde. Aber dass das geht, verwundert den kleinen Philologen selbstredend nicht. Die 3 CDs sind schnell das erste Mal gehört (wobei eine ja eh das hinlänglich bekannte Album ist), die erste DVD mit der Dokumentation über die Arbeit an dem Album lege ich umgehend ein. Das alles ist insgesamt kein aufgewärmter Mist wie so viele andere Boxen, aber meine Hoffnungen erfüllt es nicht. Woran liegt das?

Auch wenn es ganz interessant ist zu sehen, wie Springsteen im Studio rumnervt bzw. ‚rumbosst‘, so richtig erfährt man nicht, wie gearbeitet wurde. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie detailversessen er war, wie immer wieder aufs Neue an den Tracks gefeilt wird. Aber ist das was Besonderes? Vor allem wundere ich mich, dass ich keine einzige Note richtig zu Gesicht bekomme, niemals ausführlich Akkordfolgen besprochen werden. Wenn Springsteen auf die Arbeit zurückblickt, geht es um Gefühle, manchmal noch um irgendwelche difusen Klangeindrücke, aber nie um konkrete musikalische Entscheidungen.

Springsteen und die Manager von Columbia pflegen mit der Box ausschließlich den Kult. Sie stellen den Malocher aus New Jersey als Genie aus, der darüber räsoniert, dass „Darkness on the Edge of Town“ nicht nur durch ‚künstlerischen Instinkt‘, sondern auch durch ‚künstlerische Intelligenz‘ gekennzeichnet sei. Aber wie sich die manifestiert, erfährt man nicht. Wirklich spektakuläre Infos oder gar sowas wie Werkstatteinblicke gibt es nicht wirklich. Vielleicht bin ich ja naiv, aber teure Neuausgaben von Büchern, die ich schon habe, kaufe ich mir doch auch nur, wenn sie mir beim Verstehen des Buches helfen und etwa Einblicke in die Produktion bieten und nicht nur ein paar nette Illustrationen und Assoziationen. Hier aber wird ein Genie dokumentiert, das nie eins war. Springsteen-Boxen müssen seinen Schweiß dokumentieren, ja ihn regelrecht riechen lassen. Letztlich ist der das Kultobjekt aller Springsteen-Fans gewesen. Wer das nicht begreift, dokumentiert nur, dass ihm jeder künstlerische Instinkt abgeht, wenn er von künstlerischer Intelligenz faselt.


Ich, Rainer Franz Freud

4. Oktober 2010

Wohl jeder, der regelmäßig schreibt, kennt diesen Effekt: Man liest seine Texte nach einiger Zeit, stellt fest, dass man immer wieder zu den gleichen Wendungen greift und einfältig die immer gleichen Satzkonstruktionen pflegt, obwohl es so viele andere und (im Moment der Selbstkritik) viel schönere gibt. Der eigene Text wirkt auf einmal einfältig und monoton – insbesondere im Vergleich zu dem Buch, das man gerade liest, oder zu dem Seite-3-Artikel, den man am letzten Samstag gelesen hat.

Nur wenige haben das Glück, einen eigenen Stil auszubilden, ganz wenige , dann auch noch das Glück, anderen Lesern zu gefallen. Manche versuchen sich dieses Glück zu erarbeiten, indem sie dem Stil von anderen nacheifern. Thomas Mann ist bemerkenswerterweise immer noch so ein Vorbild … Wer einen solchen (meist unerreichbaren) Gradmesser nicht hat und trotzdem wissen will, wessen Stil er pflegt, der kann das jetzt ganz und gar objektiv testen.

So ein Stil-Test ist eine lustige Sache. Ich habe mal drei Texte aus diesem blog eingegeben und pflege demnach mal den Rilke-, mal den Freud- und mal den Kafka-Stil. Nun wollte ich natürlich auch wissen, wie zuverlässig dieser Test ist. Alle eingegebenen Goethe-Texte waren laut Test auch von Goethe. Soweit so gut. Dummerweise sind aber auch die von Schiller und Kleist im Goethe-Stil. Eine arg kluge Stilanalyse-Maschine zu überlisten, macht dem kleinen Philologen natürlich diebisch Spaß. Aber im Grunde geht es den Programmierern ja nicht darum, meinen Stil zu analysieren, sondern mir virtuell mein ego aufzumöbeln. Ich darf mich also zufrieden zurücklehnen und sagen: Ich, Rainer Franz Freud. Tolle Sache!