Leseliste Januar

31. Januar 2015

Im Blog Notizhefte von Norman Weiß finden sich regelmäßig prägnant kommentierende Einträge zu dem, was er zuletzt gelesen hat. Das hat mich motiviert, etwas Ähnliches zu versuchen – allerdings mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Norman listet auf, was er privat liest (beeindruckend viel übrigens). Beim kleinen Philologen lässt sich private Lektüre von der professionellen nicht einfach trennen. Deswegen habe ich Anfang des Jahres begonnen, die Bücher und Zeitschriften, die ich (weitgehend) vollständig gelesen habe, aufzulisten, um dieses Ineinander von ‚privat‘ und ‚beruflich‘ zu dokumentieren.

8.1.2015: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Roman. In der Fassung der EA mit Anhang und einem Nachw. hg. v. Thomas F. Schneider. 2. Aufl. Köln 2014. Gelesen in drei Tagen für mein MA-Seminar zum Ersten Weltkrieg. Vollständig habe ich den Roman vorher nicht gelesen, allerdings hatte ich zuvor schon das von August Diehl sehr gut gelesene Hörbuch ganz gehört.

9.1.2015: Alexander von Schönburg. Smalltalk. Die Kunst des stilvollen Mitredens. Berlin 2015. Gelesen seit dem 5.1. Hatte mich im Herbst für einen Vortrag mal wieder mit den einst jungen Herrn von Tristesse royale beschäftigt. In den kommenden Wochen steht die Ausarbeitung des Vortrags an. Als jetzt von Schönburgs Buch erschien und ich mich an einige konversationsmäßig gruselige Runden der letzten Zeit erinnerte (sie bestätigten auf erschreckende Weise Bohrers Provinzialismusthese), musste ich es einfach haben. Der Gute dampfplaudert auf 300 Seiten – elegant, nicht ganz so pointiert wie es von Stuckrad-Barre beherrscht, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Man wünscht sich einen langen Club-Abend mit ihm – idealerweise in seinem Lieblingshotel in Manhattan.

15.1.2015: Das Januar-Heft vom Merkur. Gelesen seit dem 6.1. Der Herausgeber Christian Demandt hatte mir nach unserer gemeinsamen Veranstaltung im Dezember vom Relaunch der Zeitschrift erzählt. Deswegen habe ich sie mir gleich besorgt – den meisten Aufsätzen des Heftes entsprechend übrigens in der elektronischen Fassung, so dass ich zur neuen Haptik des Hefts leider nichts sagen kann. Hole ich nach. Die Artikel des Hefts haben das bekannte (= außergewöhnlich gute) Niveau. Besonders spannend fand ich den Artikel über das Goethe-Haus in Weimar. War dort während es Studiums wiederholt. Die Führungen damals stellen sich nach der Lektüre jetzt ganz anders dar.

16.1.2015: James Turner: Philology. The Forgotten Origins of the Modern Humanities. Princeton, Oxford 2014. Begonnen irgendwann Ende letzten Jahres. Habe ich mir nicht nur aus allgemeinem Interesse beschafft, sondern weil ich derzeit an einigen philologischen Fragen sitze. Da schien mir eine derartige Synopse sehr hilfreich. Das Buch überzeugt besonders deswegen, weil es anders als in den meisten deutschen Darstellungen zur Philologiegeschichte die Bibelphilologie berücksichtigt. Fluchtpunkt ist, wie der Untertitel besagt, die Entstehung der angloamerikanischen Humanities im frühen 20. Jahrhundert. Deswegen wird die deutsche Philologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen – und zwar als zentrale Bezugsgröße für die Philologie in Großbritannien und Amerika; dann auch die Entstehung der Kunstgeschichte und weiterer Disziplinen. Interessant wäre – den genealogischen Zugriffs Turners ergänzend – ein Vergleich zwischen den deutschen Geisteswissenschaften und den Humanities.

16.1.2015 Dieter Burdorf: Die Zukunft der Philologien. Heidelberg 2014. Begonnen am selben Tag als ergänzende Lektüre zu Turner. Habe ich teilweise kursorisch gelesen, wie man sich denken kann. Das lag aber nicht an der Qualität der Einzeltexte, sondern daran, dass ich die hier in verschiedenen Beiträgen präzise rekonstruierten Forschungsstände ganz gut kenne. Außerdem habe ich mir erlaubt, Beiträge, die mich fachlich nicht oder kaum berühren, zu überspringen.

25.1.2015 Herman Melville: Billy Budd. Die großen Erzählungen. Hanser 2009. Begonnen irgendwann Anfang Dezember. Habe in den letzten Jahren immer wieder Melville gelesen und in verschiedenen Fassungen gehört (Moby Dick natürlich, dann aber auch die Gedichtsammlung John Marr). Beeindruckend gute Erzähler, der mich immer wieder an einen wunderschönen Urlaub an der Ostküste vor zwei Jahren erinnert.

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30.1.2015 Christoph König: „O komm und geh“. Skeptische Lektüren der Sonette an Orpheus von Rilke. Göttingen 2014. Begonnen irgendwann Anfang Dezember. Das Buch interessierte mich nicht nur deswegen, weil ich derzeit an einem Rilke-Projekt mit dem Verfasser sitze. Noch mehr interessierte mich, was er im Titel „skeptische Lektüren“ nennt. König hat schon an verschiedenen Orten seine an Szondi und Bollack geschulte philologische Hermeneutik ausgeführt. Hier kommt sie erstmals umfassend zur Anwendung. Ein beeindruckend dichtes Buch.

31.1.2015 Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Eine Liebe Swanns. Teil 1. Adaptiert und gezeichnet von Stéphane Heuet. München 2012. Begonnen schon vor dem Jahreswechsel, gestern Abend habe ich die zweite Hälfte gelesen. Vor einigen Monaten hatte ich mir vorgenommen, Prousts epochales Werk Stück für Stück kennenzulernen. Die Idee ist, das auf dreierlei Weise zu machen: erst lese ich ein Buch, dann höre ich es als Hörbuch, um es schließlich in der Comic-Fassung vom Münchener Knesebeck-Verlag zu lesen. Bin gespannt, wie weit ich damit komme.


Das Glück des Schmetterlingssammlers

10. Januar 2015

Eben habe ich Politische Geologie, elf Kurzgeschichten von Alexander Kluge im neuen Merkur, gelesen. Kluge ist seit Jahrzehnten der Meister des historischen Erzählens, ein großartiger Stilist ist er zudem. Er kennt unendlich viele Geschichten und hat unendlich viel zu erzählen. Seine Erzählungen machen neugierig: die Orte, von denen er erzählt, möchte man besuchen, die Geschehnisse auf ihre Wahrheit hin überprüfen, um sich dann doch lieber wieder von einer neuen Geschichte fesseln zu lassen.

Zugleich aber immer wieder dieselbe Ernüchterung: Warum nur diese starre Form? Kluges Miniaturen erfreuen den Liebhaber von Setzkästen, den Schmetterlingssammler, der in der Variation des Immergleichen sein Glück findet. Wie passt das zur Opernliebe von Alexander Kluge?


24. November 2014

IMG_30703. Juni 1937 – 22. November 2014


Schwimmübung

17. Oktober 2014

Habe mich mal wieder als Rezensent versucht und über „Wassererzählungen“ von John von Düffel geschrieben. Kein leichtes Unterfangen, weil er es in dem Buch dem Leser gar nicht so leicht macht, wie man zunächst meint. Meine Kritik findet Ihr auf der Seite vom LZG. Die Lektüre erinnerte mich auch an eine wunderbare LZG-Lesung, die ich moderieren durfte.

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Bilderflut

15. September 2014

Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei – als ich letztens einem biederen Bekannten erzählte, dass ich demnächst ein Stück mit diesem Titel sehe, sah er mich fassungslos an. Vermutlich hätte ihm der Theaterabend gestern auch deswegen nicht gefallen, weil In Osnabrück in Heiner Müllers Stück Gundling seinen Jacob Paul herausholt und mit ihm spielt. Eine solche Szene erfüllt für schlichte Gemüter genau das Vorurteil, das sie gegenüber zeitgenössischem Theater pflegen. Dabei war es nur ein Bild, das sich wunderbar in einen tollen Theaterabend mit großen Bildern einfügte. Wie, das beschreibe ich auf nachtkritik.


Laubpuster

1. September 2014

Nach einem ausgefallenen Sommer wie diesem ist es Zeit, sich für den Herbst zu rüsten. Also wird es allüberall demnächst wieder den Laubpuster-Terror geben. Gestern gab es davon schon mal einen Vorgeschmack im Theater Bielefeld.


Erinnerungen

28. Juli 2014

Habe endlich einen Rückblick auf eine Lesung und ein paar Gedanken zu Moritz Rinkes Erinnerungen an die Gegenwart niederschreiben können, die das Literarische Zentrum Gießen dankenswerterweise im Blog und als PDF publiziert hat.


Aspekte der Fremdheit

16. Juli 2014

Auch wenn hier viel zu lange nichts passiert ist, ist es nicht so, dass ich nicht geschrieben habe. Nur eben nicht hier. Gestern benötigte ich zum Schreiben ausnahmsweise wieder Papier und meinen Füller samt Tinte.

Papier war allerdings aus, die Patrone zeigte bedrohlich wenig Tinte an. So dachte ich mir: ein Anlass, um mit der Hand zu schreiben, der will gefeiert sein. Also auf in den nächsten mir bekannten Laden, in dem es Papier und Tinte gibt. Der Laden, der mir sofort einfiel (nicht weil ich ihn regelmäßig besuche, sondern weil er in der Nähe meiner Bank liegt), hat viele Fenster, die mit bunt bedruckten Karten, Büttenpapier und aufwendigen Schreibutensilien dekoriert sind.

In dem Laden findet sich eine kleine Sitzecke, in der Kaffee und vor allem Tee getrunken wird. Tee gibt es in dem Laden auch zu kaufen. Kaffee, soweit ich gesehen habe, nicht. Die Tische in der Sitzecke sind klein, man kann an ihnen also nicht richtig schreiben. Die Kaffee- und Teeecke ist also eine zum bloßen Verweilen.

In dem Laden gibt es ferner ein paar Bücher auf einem zentralen Auslagetisch, auf dem in Feinkostläden besonderes Gebäck und Marzipanschweinchen präsentiert werden. Die Bücher, die dort lagen, nennt man im Fachjargon Geschenkbücher. Sie sind hübsch bedruckt, einige sind aus handgeschöpftem Papier – irgendwie Ratgeberliteratur, die sich mir nicht erschließt.

Wenn ein Mann den Laden betritt, scheint das bemerkenswert. Aus den Blicken der Frauen vor und hinter dem Tresen sprach offensichtlich Erstaunen. Eine ältere Dame begrüßte mich freundlich: „Sie suchen sicher ein Geschenk.“ „Danke, ich komm schon zurecht.“

Kam ich aber nicht. Die Aufstellung der Notizbücher überforderte mich, weil sie über verschiedene Wände verteilt waren. Meiner Meinung nach normale Hefte wurden in einem Regal präsentierte, in das außer mir kein in dem Moment im Laden anwesender Mensch problemlos einen Blick hätte werfen können. Die Auswahl an meiner Meinung nach normalen Notizbüchern war eher mau (blanko fand ich gar nicht). Dafür waren die Umschläge der vorrätigen Bücher umso vielfältiger. Dummerweise stehe ich jedoch bei Notizbüchern eher auf farbliche Einfalt, sicher nicht auf neon oder betont-natur-rot-orange-was-weiß-ich. Immerhin aber wurde ich fündig (liniert).

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Schwieriger gestaltete sich die Suche nach der Tinte. Schließlich gab ich auf und fragte die freundliche Dame. Meiner Meinung nach normale Fünfer-Patronenpäckchen, wie ich sie seit meiner Schulzeit kenne, schien es gar nicht zu geben. Sie wurden mir zumindest nicht angeboten. Dafür aber viele kleine Tintenfässchen, die mich ein wenig an Revell-Farbtöpfchen erinnerten: „Ne, ganz normale Parker-Patronen. In schwarz.“ „Parker haben wir nicht, aber dahinten sind welche, die müssten auch passen.“ Ich habe dann nur drei Notizbücher gekauft.

Am letzten Wochenende habe ich ein Seminar zur Interkulturellen Literaturwissenschaft gegeben. In den Erzählungen und Romanen, die wir behandelt haben, werden viele Fremdheitserfahrungen verarbeitet, die sich in erster Linie durch Migration oder durch steten Wechsel der Lebensstationen ergeben. An einem Ort Fremdheit zu erfahren, der mir an sich seit der Grundschulzeit vertraut schien, hat mich noch mehr beeindruckt als die literarischen Schilderungen.