Letztens habe ich von Thomas Brasch Vor den Vätern sterben die Söhne von 1976 gelesen. Ein Buch aus einer anderen Zeit, fertiggestellt vor seiner Ausreise aus der DDR, publiziert danach. Im Klappentext geistert ein Wort herum, bei dem die Älteren zwar noch nicken, die Jüngeren aber nur noch fragend aufblicken: Biermann-Streit bzw. Biermann-Ausbürgerung.
Das Buch dürfte heute nur noch wenige Leser finden, weil es sehr in seiner Zeit verhaftet ist. Es ist eine frustrierte Abrechnung mit einem Staat, der seine Bürger schon kriminalisiert, wenn sie Rolling Stones hören und mit einem kleinen Rausch in den Ostseedünen abhängen: kein Raum den Hippies im realexistierenden Bürokratismus.
In einer Erzählung (Und über uns schließt sich ein Himmel aus Stahl) wird eine Szene aus Frank Beyers großer Verfilmung von Die Spur der Steine geschildert (ohne sie namentlich zu nennen) und wie sich im Kinosaal Tumult regt, nachdem auf der Leinwand zu sehen ist, wie die Barka-Brigade einen Polizisten in einen Springbrunnen geworfen hat. Ich habe den Film zwei- oder dreimal gesehen (manchmal wird er im Spätprogramm im MDR wiederholt), und finde es bis heute unglaublich, wie schnell dieser Film als Provokation begriffen wurde. Er lief, meine ich, nur 3 Tage in den DDR-Kinos und wurde dann abgesetzt.
Warum der Film so provozierend war, macht Brasch‘ Erzählung umgehend deutlich: Dieser Staat hatte Angst davor, dass man sich über ihn lustig macht. Man kann gar nicht glauben, dass ein in vielerlei Hinsicht komödiantischer Kinofilm solche Reaktionen hervorrufen kann. So liest man heute über diese Stelle viel zu schnell hinweg. 1976 aber dürfte sie nicht nur die Angst des Staates, ausgelacht zu werden, vorgeführt haben. Zugleich belegt sie, wie wach die Erinnerung an die Provokation durch den Film rund 10 Jahre nach seinem Erscheinen weiterhin war.
Brasch führt mit dieser Szene das titelgebende Leitmotiv des Buchs vor Augen: Erik Neutsch‘ Roman und Beyers Verfilmung von die Spur der Steine muten, wenn man sie heute liest bzw. sieht, alles andere als provokant an. Ob sie so gemeint waren oder nicht, sei dahingestellt. Sie wurden auf jeden Fall als Provokation wahrgenommen. Knapp eine Generation später – bei Brasch – wird der Film zum Ausdruck der Vätergeneration, auf den man Bezug nimmt und der lebendig ist. Die Generation der (erwachsenen) Söhne dagegen wird nicht mehr nur vom Staat mundtot gemacht (wie Beyer), sondern in der Erzählung mit fadenscheinigen Gründen eingesperrt und getötet.
Um dieser Umkehrung der natürlichen Generationsfolge entgehen zu können, bietet Brasch‘ Buch nur eine Alternative an: den Stillstand. In der letzten Erzählung, Eulenspiegel, wird das offenbar. Am Ende bleibt Eulenspiegel mitten in Berlin stehen. Die Geschichte scheint aus den Fugen, klar ist nur eins: Sein Stillstand wird ihm deutlich, als er aus der vereinsamten Berliner Universität tritt. Ob der Narr nur meint, dass alles still steht, oder ob dem tatsächlich so ist, wird nicht erzählt. Gewiss ist bloß, dass er ausgespielt hat. So negiert der schmale Band von Brasch Marx‘ These, weltgeschichtliche Ereignisse ereigneten sich zweimal, erst als Tragödie, dann als Farce, dahingehend, dass es im Angesicht des Stillstands nicht die Tragödien sind, die als Farce wiederkehren, sondern die Komödien.
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Diejenigen, die bis hierher durchgehalten haben, seien hiermit daran erinnert, dass das Gewinnspiel (vgl. das vorhergehende Posting!) morgen ausläuft: Ein Kurzkommentar nach dem Muster ‚Ich will was gewinnen!‘ reicht zur Teilnahme 🙂
Veröffentlicht von kai bremer