Spur der Steine

11. März 2011

Letztens habe ich von Thomas Brasch Vor den Vätern sterben die Söhne von 1976 gelesen. Ein Buch aus einer anderen Zeit, fertiggestellt vor seiner Ausreise aus der DDR, publiziert danach. Im Klappentext geistert ein Wort herum, bei dem die Älteren zwar noch nicken, die Jüngeren aber nur noch fragend aufblicken: Biermann-Streit bzw. Biermann-Ausbürgerung.

Das Buch dürfte heute nur noch wenige Leser finden, weil es sehr in seiner Zeit verhaftet ist. Es ist eine frustrierte Abrechnung mit einem Staat, der seine Bürger schon kriminalisiert, wenn sie Rolling Stones hören und mit einem kleinen Rausch in den Ostseedünen abhängen: kein Raum den Hippies im realexistierenden Bürokratismus.

In einer Erzählung (Und über uns schließt sich ein Himmel aus Stahl) wird eine Szene aus Frank Beyers großer Verfilmung von Die Spur der Steine geschildert (ohne sie namentlich zu nennen) und wie sich im Kinosaal Tumult regt, nachdem auf der Leinwand zu sehen ist, wie die Barka-Brigade einen Polizisten in einen Springbrunnen geworfen hat. Ich habe den Film  zwei- oder dreimal gesehen (manchmal wird er im Spätprogramm im MDR wiederholt), und finde es bis heute unglaublich, wie schnell dieser Film als Provokation begriffen wurde. Er lief, meine ich, nur 3 Tage in den DDR-Kinos und wurde dann abgesetzt.

Warum der Film so provozierend war, macht Brasch‘ Erzählung umgehend deutlich: Dieser Staat hatte Angst davor, dass man sich über ihn lustig macht. Man kann gar nicht glauben, dass ein in vielerlei Hinsicht komödiantischer Kinofilm solche Reaktionen hervorrufen kann. So liest man heute über diese Stelle viel zu schnell hinweg. 1976 aber dürfte sie nicht nur die Angst des Staates, ausgelacht zu werden, vorgeführt haben. Zugleich belegt sie, wie wach die Erinnerung an die Provokation durch den Film rund 10 Jahre nach seinem Erscheinen weiterhin war.

Brasch führt mit dieser Szene das titelgebende Leitmotiv des Buchs vor Augen: Erik Neutsch‘ Roman und Beyers Verfilmung von die Spur der Steine muten, wenn man sie heute liest bzw. sieht, alles andere als provokant an. Ob sie so gemeint waren oder nicht, sei dahingestellt. Sie wurden auf jeden Fall als Provokation wahrgenommen. Knapp eine Generation später – bei Brasch – wird der Film zum Ausdruck der Vätergeneration, auf den man Bezug nimmt und der lebendig ist. Die Generation der (erwachsenen) Söhne dagegen wird nicht mehr nur vom Staat mundtot gemacht (wie Beyer), sondern in der Erzählung mit fadenscheinigen Gründen eingesperrt und getötet.

Um dieser Umkehrung der natürlichen Generationsfolge entgehen zu können, bietet Brasch‘ Buch nur eine Alternative an: den Stillstand. In der letzten Erzählung, Eulenspiegel, wird das offenbar. Am Ende bleibt Eulenspiegel mitten in Berlin stehen. Die Geschichte scheint aus den Fugen, klar ist nur eins: Sein Stillstand wird ihm deutlich, als er aus der vereinsamten Berliner Universität tritt. Ob der Narr nur meint, dass alles still steht, oder ob dem tatsächlich so ist, wird nicht erzählt. Gewiss ist bloß, dass er ausgespielt hat. So negiert der schmale Band von Brasch Marx‘ These, weltgeschichtliche Ereignisse ereigneten sich zweimal, erst als Tragödie, dann als Farce, dahingehend, dass es im Angesicht des Stillstands nicht die Tragödien sind, die als Farce wiederkehren, sondern die Komödien.

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Diejenigen, die bis hierher durchgehalten haben, seien hiermit daran erinnert, dass das Gewinnspiel (vgl. das vorhergehende Posting!) morgen ausläuft: Ein Kurzkommentar nach dem Muster ‚Ich will was gewinnen!‘ reicht zur Teilnahme 🙂


Zeitdiagnosen

6. März 2011

Letztens lese ich bei Henning Ritter (Notizhefte, Berlin 2010, S. 260):

Arnold Gehlen ist, soweit ich sehe, der einzige, der die Affinität der modernen Literatur zum Kitsch festgestellt hat.

Wow! Wieder so ein Satz, der mich gleich fasziniert. Meinungsstark, pointiert, in die Mitte intellektueller Auseinandersetzungen zielend! Und ungemein klug natürlich auch: Indem Ritter Gehlens Votum wiederholt, bekräftigt er es.

Das Problem an dem Satz ist nur: Gehlen ist damit zugleich nicht mehr „der einzige“, der diese Affinität feststellt. Und so fragt man sich, ob es zwischen Gehlen und Ritter nicht noch einen dritten, vierten, fünften gegeben hat.

Ich denke mal, dass sich eine ganze Reihe von Pessimisten anführe ließe, die ins selbe Horn stoßen. Ich dachte zum Beispiel unvermittelt an Thomas Bernhard und seine Hasstiraden gegen alles mögliche. In seinem Briefwechsel mit Siegfried Unseld (Frankfurt/Main 2009, S. 260) finden sich die folgenden wunderbaren Sätze über die zeitgenössische Literatur:

Die Gleichgültigkeit hilft mir über alle Berge von Unrat.
Man kann nicht genug Gegner sein.
Der Pegel des Stumpfsinns steigt.

Das ist Bernhard von seiner besten Seite: sich erst als der große Gleichgültige ausstellen und dann verbal loskotzen. Ganz großes Kino. Toll ist diese (wie so viele andere) Schimpfkanonaden Bernhards gerade deswegen, weil sie durch den performativen Widerspruch (angebliche Gleichgültigkeit vs. engagierte Haßtirade) ironisch gebrochen wird. Sie legt dadurch die Hybris des Einsamen bloß, der verzweifelt um sich schaut und überall Unrat, Stumpfsinn, Kitsch diagnostiziert. Man möchte ihm sanft die Hand auf die Schulter legen und zuraunen: Stimmt schon, Väterchen, früher war alles besser. Aber man tut’s natürlich nicht, weil klar ist, dass sein Weltschmerz eh nicht zu lindern ist. So hält man die Klappe und erfreut sich am Poltern. Die distinguierten Weltschmerzbekundungen sind dann nur mehr eine weniger komische Variante dieser Zeitgeistkritik.

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Damit Ihr es nicht beim Klappehalten belasst, folgt jetzt das versprochene Gewinnspiel zum 100. Posting (das das vorliegende ist): Jeder, der hier bis zum kommenden Samstag einen Kommentar hinterlässt, nimmt an der völlig privat und unter Ausschluss von Notaren u.ä. Menschen erfolgenden Verlosung eines Philologie-Readers bei Reclam, eines Rinke-Arbeitsbuches bei Lang und einer demnächst erscheinenden Studienausgabe von Kleists Herrmmannsschlacht bei Reclam teil. Das inhaltliche Niveau des Kommentars erhöht nicht die Chance auf einen Gewinn! Viele Glück!


1979

3. März 2011

Das Jahr 1979 könnte sich eines Tages als das wichtigste und folgenreichste seines Jahrhunderts erweisen. Denn damals wurde im Iran bewiesen, daß der Säkularisierung genannte Prozeß umkehrbar ist und nicht, wie man bis dahin glaubte, unumkehrbar. […] Seither hat es vielerlei Phänomene der Wiederkehr gegeben, als bedeutsamstes die Wiederkehr der Religion.

Das schreibt Henning Ritter in seinem Buch Notizhefte (Berlin 2010, S. 251). Diese Wiederkehr bzw. Rückkehr bzw. Renaissance ist bekanntlich schon in den 90ern von Derrida und anderen beobachtet worden und hat nach 9/11 auch außerhalb der Kulturwissenschaften viel Interesse gefunden. Trotzdem hat mich Ritters Hinweis hellhörig gemacht, denn er ist vom Grundgestus her typisch, weil er sich im Umgang mit dieser ‚Wiederkehr‘ ganz und gar unbeteiligt gibt.

Dieser Grundgestus findet sich schon bei Christian Krachts gewiss viel zu einseitig rezensiertem Roman 1979. Immer wenn diese ‚Wiederkehr‘ festgehalten wird (sei es literarisch wie bei Kracht, sei es essayistisch-reflektierend wie bei Ritter oder letztlich auch Derrida), dann wird so getan, als habe man selbst damit gar nichts zu tun, als stehe man außerhalb des Geschehens. Das ist ein typisch wissenschaftlicher Grundgestus (und auch einer des Dandys, s. Kracht!), der zumindest im Fall der Wissenschaft wohl sinnvoll ist, die Betrachtung zumindest leichter macht. Aber er birgt die Gefahr in sich, dass diese ‚Rückkehr‘ als etwas Fremdes ausgestellt wird, von dem man sich besser fern hält. Doch kann man diese Ereignisse dann auch wirklich begreifen?

Bemerkenswert an dieser Distanznahme ist, wie sie sich zu dem verhält, was Ritter vorsichtig als den ‚Säkularisierung genannten Prozeß‘ umschreibt. Mit seiner Formulierung kommt, so scheint mir, ein Erstaunen zum Ausdruck, das feststellt, dass das, was bisher als eine Art Axiom der Kulturentwicklung begriffen wurde – eben die Säkularisierung -, nicht derart linear vonstatten geht, wie meist angenommen wurde und noch wird. So kann dann 1979 zu einem Schlusspunkt der Säkularisierung werden.

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen mag die Hoffnung aufkommen, dass die ‚Säkularisierung‘ doch noch gegen die ‚Rückkehr der Religion‘ obsiegen wird. Dann wäre, anders als Ritter meint, 1979 nur mehr als ein Moment der Stagnation anzusehen (und 9/11 beispielsweise auch). Da gegenwärtig vermutlich niemand absehen kann, wie es wird, fehlen bezeichnenderweise generalisierende Äußerungen, die eine solche Prognose wagen. Vielleicht ist deswegen eben jetzt ein guter Augenblick, um sich klar zu machen, wie wenig plausibel es ist, historische Entwicklungen linear zu denken. Meine beiden Ex-Kollegen Martin Treml und Daniel Weidner setzen deswegen schon seit einiger Zeit auf ein Konzept, das sie ‚Dialektik der Säkularisierung‘ nennen.

Wenn man sich aktuelle Berichte aus Nordafrika anschaut oder liest, so scheint sowohl von 1979 als auch von 1989 Faszination auszustrahlen. Wenn am Ende ein Demokratisierung stehen sollte, mögen sich die Freunde der Säkularisierung vielleicht gemeinsam mit Candide zurücklehnen und 1979 als Fußnote der Geschichte abtun. Ob sie aber ein für alle mal Recht behalten, bleibt dahingestellt – zumal ja auch die vermeintlich säkulare Welt nicht zwingend eine ‚gute‘ ist. Zumindest in dieser Hinsicht ist Krachts Roman viel klüger als die meisten Theorien – vielleicht hatten deswegen die meisten Kritiker mit dem Roman ihre Schwierigkeiten.


September

27. Februar 2011

Irgendwann nach knapp 400 Seiten schließt sich ein kleiner Kreis. Muna erinnert sich, wie sie vor einigen Jahren unter einem Bett lag, in dem ihre Schwester gerade mit einem Mann schlief. Eine komische Szene, die zugleich ihre Schutzlosigkeit vor Augen führt und die von ihr erwartete Sprachlosigkeit. Muna will schreien und traut es sich nicht.

Mit Muna möchte man in diesem Moment glatt ein wenig Mitleid haben, wenn von ihr nicht so dermaßen stilisiert und gestelzt erzählt würde. Die Geschichten von Muna, aber auch die vom Goethe-Forscher Martin, der die meiste Zeit an der amerikanischen Ostküste zubringt, sind in Thomas Lehrs Roman September in eine dahinfließende Wortfolge gegossen, die Einblicke erlauben in verschiedene Figuren – allen voran zwei Väter, die ihre Töchter verlieren, einmal 9/11, einmal einige Jahre später im Irak. Aber die avancierte, atemlos wirkende Schreibform, die durch Umbrüche und Leerzeilen nur selten ein wenig Luft lässt, hat mich so gar nicht überzeugt. Und übrigens andere auch nicht. Wohlgemerkt – ich habe nichts gegen experimentierfreudiges Erzählen. Nizon etwa spielt in Das Jahr der Liebe mit dem Verhältnis von Interpunktion und Absatz sehr geschickt, sogar so geschickt, dass man es gar nicht bemerken muss. Bei Lehr wirkt das dagegen vom ersten Absatz an unheimlich gewollt, weil er mit den immer gleichen Mitteln arbeitet: Erzählen ohne Punkt und Komma, nur selten mal ein Kalauer: „Krieg als Fortsetzung des Computerspiels mit verheerenden Mitteln“ (S. 352).

Ich habe mich sehr auf den Roman gefreut, schließlich war er in der FAZ vielversprechend rezensiert worden. Als mir dann beim Lesen rasch klar wird, dass sich der Roman mit Goethes West-östlicher Divan auseinandersetzt, freue ich mich auf die Lektüre um so mehr. Aber wie das so ist, manchmal treffen Kritiken schlicht nicht den eigenen Geschmack und vor allem ist die Enttäuschung größer, wenn die Erwartung hoch ist. Statt des Eindrucks, einen starken Roman gelesen zu haben, bleibt am Ende nur der Eindruck, dass der Verzicht auf Punkt und Komma und ein paar Anspielungen noch keine intelligente Annäherung an den 11. September ausmachen.

Vielleicht liegt das daran, dass Lehr in seinem Roman die Frage nach dem Status der Religion nicht stellt. Stattdessen macht er sich über die gewiss schlichte Religiosität des amerikanischen Präsidenten lediglich lustig (und zugleich über dessen nicht besonders große Sprachbegabung):

Eswarsehremotionalfürmich
ichhabegebetet
während
ICH
herumging
(S. 334)

Natürlich ist es angesichts des wohlfeilen Antiamerikanismus deutscher Intellektueller schon ein Fortschritt, wenn G.W. Bush nicht als bloßer Schwachkopf dargestellt wird. Aber ist dieser Fortschritt wirklich groß, wenn aus ihm ein Egozentriker wird, dessen religiöses Missionsbewusstsein derart verharmlost wird?


Keine Zeit

25. Februar 2011

Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, dann habe sich in den vergangenen Wochen Entschuldigungen gehäuft, um die Vernachlässigung des eigenen Blogs zu rechtfertigen. Ganz egal, ob Kultur oder Wissenschaft: Mal wurden berufliche Gründe angeführt, mal Termine, mal andere Schreibverpflichtungen und natürlich Prüfungsbelastungen zum Semesterende bei Kollegen oder in studentischen Blogs. Auf geht’s noch dachte Christine Dössel sogar laut darüber nach, das Bloggen gleich ganz dran zu geben.

Ich muss gestehen, dass mir in den letzten Wochen auch schon wiederholt der Gedanke kam, zumindest eine kurze Rechtfertigung zu posten oder eine kleine Klage anzustimmen, dass ich im Moment einfach nicht dazu komme, hier was Anständiges unterzubringen. Aber warum eigentlich? Christine Dössel schreibt vom Stress, den man sich selbst macht, obwohl er ganz und gar unnötig ist. Wie kommt das? Weswegen dieser Irrglaube, die Welt wartet auf irgendwas von meinem Schreibtisch? Ist’s Hybris?

Vielleicht auch, aber (hoffentlich!) nicht nur: Bei einem Blog, der von einer Person oder von nur wenigen betrieben wird, dürfte wohl jedem Leser klar sein, dass es mal Durststrecken gibt. Und dass im Netz eh viel zu viel Belanglosigkeiten herumgeistern, ist auch klar. Also spricht an sich nichts gegen längeres Schweigen. Die Neigung, sich zu rechtfertigen, liegt vermutlich also nicht zuletzt daran, dass man sich mit Leuten vergleicht, die entweder im weiteren Sinne professionell bloggen oder aber schlicht mehr Zeit haben als man selbst. Die Entschuldigungen zeigen, dass man sich einerseits vergleicht, dass man andererseits aber auch Prioritäten setzt, bei denen das Bloggen nicht ganz oben steht – sonst würde eben nicht längere Zeit Funkstille herrschen.

Als ich die Kommentare zu den Entschuldigungen gelesen habe, zeigte sich zweierlei: Freude, das wieder was publiziert wird, und Verständnis, dass länger nichts kam. Wie schnell die Kommentare folgten, zeigt zudem, wie viele Leser sich über Mail-Abos und RSS-feeds informieren lassen. Das ist gerade für Blogs, die nicht dauernd was raushauen, ein wichtiger Hinweis darauf, dass man Vertrauen genießt. Ich betone das, weil gerade gegen das wissenschaftliche Bloggen immer wieder eingewandt wird, dass eine vergleichsweise rasante Publikationsform wissenschaftlichen und anderen differenzierteren Ausdrucksformen keinesfalls zuträglich sein könne. Wenn aber mein Eindruck richtig ist, dann besteht die Notwendigkeit zum permanenten Publizieren gar nicht so sehr, wie immer behauptet wird. Die Reaktionen auf Dössels Artikel lassen zumindest vermuten, dass die Leserschaft von Blogs sich längst schon vielmehr ausdifferenziert hat, als das so mancher meint.

Aber vielleicht ist das auch alles nur Quatsch und ich suche eine Rechtfertigung dafür, dass ich hier endlich mal wieder was unterbringe. Damit ihr jetzt alle schön regelmäßig vorbeischaut, kündige ich hiermit schon mal ein Gewinnspiel für das 100. Posting an. Ist nicht mehr lang hin!


Einen Männerversteher

14. Januar 2011

habe ich gestern abend kennengelernt.


Beschleunigung

7. Januar 2011

Ein kurzes Posting, um die Verbreitung eines Artikels ein wenig zu beschleunigen …


Schweizer Standort

4. Januar 2011

Für mein Seminar zur Gegenwartsdramaturgie habe ich Frischs Graf Öderland. Eine Moritat in zwölf Bildern gelesen. Das Stück ist eigentümlich emotionsfrei. Die Figuren sind keine Charaktere; Identifikation fällt damit aus. Doch sind sie auch keine Typen; damit fallen Komik und Parabel aus. Die Szenen bauen aufeinander auf, Aktion und Reaktion sind in sich schlüssig. Doch ändert das nichts daran, dass die Fabel dermaßen absonderlich ist, dass ich mich eher an eine Pro7-Mystery-Serie erinnert fühlte, denn an eine überzeugende dramatische Handlung (immer wenn Graf Öderland auf Widerstand stößt, holt er seine Axt raus und zerdeppert ein paar Schädel …). Glücklicherweise sah das Seminar das in den beiden sehr lebhaften Diskussionen anders als der Dozent.

Einen konventionellen Spannungsbogen habe ich auch nicht so richtig gefunden, gleichzeitig aber ist die Dialogführung sehr konzentriert. Das ganze Stück erinnert in seiner Formvollendetheit an das absurde Theater von Beckett, nur dass es nicht absurd ist. Immerhin aber endet es mit einem hübschen performativen Widerspruch. Von allem also ein bisschen. Selten hat mich ein Stück so dermaßen überfordert und gleichzeitig gelangweilt. Warum weckt es nicht meinen Ehrgeiz, es endlich zu verstehen. Vielleicht ist es einfach nur schlecht?

Jetzt lese ich im knappen und trotzdem in jeder Beziehung überzeugenden Sammelband Wir stehen da, gefesselte Betrachter. Theater und Gesellschaft (hg. von Elio Pellin und Ulrich Weber. Göttingen, Zürich 2010) einen wunderbaren Aufsatz von Peter Utz (Die Katastrophe im Blick. Literarische Betrachtungen zur Schweiz auf der Zuschauerbank, S. 15ff.) zu Frischs Überlegungen zum Schweizer „Standort“. Frisch meinte – unter Rückgriff auf verschiedene Vorgänger -, das Schweizer Bewusstsein sei wesentlich vom Zuschauen bei den historischen Tragödien (zumal denen des 20. Jahrhunderts) geprägt. Deswegen grenzte er die Katharsis auch entschieden aus seinen Überlegungen aus.

Diese Information korrespondiert mit einem Gedanken, der auch schon im Seminar geäußert wurde: Wenn man Frischs Überlegungen zum ‚Standort‘ kennt, dann wird Graf Öderland zumindest in einer Hinsicht interessant. Denn hier sitzt nicht nur das Publikum im Theater und sieht dem Aufstieg Graf Öderlands zu einer Art Staatschef unbeteiligt zu. Es gibt zugleich auch Figuren, die dem Aufstieg ihrerseits recht teilnahmslos zuschauen. Das Publikum kann sich gewissermaßen selbst beim Zuschauen zuschauen. Das ist natürlich ein netter Gag und etwas subversiver als beispielsweise Brechts Zeigefinger Drama Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Nur kann man diese luhmannsche Freude an der Beobachtung zweiten bzw. dritten Grades heute noch irgendwie vermitteln? Sie setzt eine Lust an der Neutralität voraus, die schon vielen Zeitgenossen von Frisch suspekt war. Trotzdem mag sie in der Schweiz weiterhin lebendig sein. Zugestanden. Aber außerhalb der Schweiz? Gibt es eine Aktualität des Stücks, die es rechtfertigt, Graf Öderland heute noch auf eine Bühne zu bringen? In Basel ist es jüngst versucht worden, an diesem Wochenende folgt auch das Theater in Gießen, was auch Anlass für die Beschäftigung mit dem Stück im Seminar war. Ich bin gespannt, ob man in Mittelhessen eine Löung unabhängig vom Schweizer Standpunkt findet. Ein Probenbesuch vor Weihnachten ließ das zwar hoffen, aber er machte zugleich auch deutlich, dass bei Frisch immer alles wie Reißbrett wirkt.

Moritz Rinke erinnert gern daran, dass Frisch seine Dramen auf einem Bierdeckel konzipieren konnte und er (Rinke) das nicht könne, Frisch deswegen aber bewundere. Als ich die Geschichte vom Bierdeckel zum ersten Mal hörte, musste ich unweigerlich an Friedrich Merz denken. Was die Leute so alles auf Bierdeckel bringen wollen. Mir reicht es voll und ganz, ein Bier ‚drauf abzustellen, damit es nicht auf den Tresen suppt. Frischs Dramatik hat mir die Geschichte auf jeden Fall nicht näher gebracht, aber vielleicht liegt das auch schlicht daran, dass ich mich im Theater fürs Zugucken interessiere und nicht fürs Zugucken beim Zugucken.