Dramaturgie heute?

8. Dezember 2009

Bernd Stegemann, Gast-Dramaturg der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, hat jüngst eine Anthologie zur Dramaturgie publiziert. Wer eine Einführung in das Berufsbild des Dramaturgen erwartet, wird enttäuscht. Doch ist es gar nicht das Anliegen Stegemanns, eine solche vorzulegen. Das macht er in der Einleitung umgehend klar. Vielmehr geht es ihm darum, wesentliche Texte zur Dramentheorie von Aristoteles bis zur Gegenwart sowie wesentliche Sekundärtexte dazu zu versammeln. Um es gleich vorweg zu sagen: Die Auswahl ist sehr überzeugend, auch wenn sich manch ein kreuzbraver Philologe gewiss gewünscht hätte, dass die hier präsentierten Häppchen das eine oder andere Mal etwas länger gewesen wären. Auch Stegemanns mehrseitige Einführungen zu den historisch aufeinander aufbauenden Kapiteln (es werden also nicht thematische Schwerpunkte gebildet) sind sehr informativ. Über die Akzentsetzung kann man gewiss trefflich streiten (warum etwa wird in der Einleitung zur Dramaturgie des Idealismus auf 13 Seiten Hegels ästhetische Theorie vorgestellt, um dann die Überlegungen zu Goethe und Schiller auf nicht einmal einer Seite (!) darzulegen?). Aber insgesamt eignet sich das Buch als Reader hervorragend für den akademischen Unterricht. Ich erprobe es im Moment in einem Seminar.

Interessant sind auch Stegemanns einleitende Überlegungen zur Handlung. Er versucht diese durch die Aufsplittung in Situationen zu erfassen, so dass er klären muss, was eine Situation ist. Stegemann versucht dies zu lösen, indem er von der Figur ausgeht, die in einer Folge von Situationen steht und versucht, sich ergebende Konflikte so zu lösen, dass sie in Einklang gebracht werden können mit der Selbstwahrnehmung. Dementsprechend geht Stegemann auch auf philosophische Modelle von Kierkegaard, Heidegger und Sartre zurück. Der Mehrwert dieses Verfahrens  ist, dass Stegemann dadurch als Grundvoraussetzung von Dramaturgie die Teilnahme des Rezipienten am Bühnengeschehen begründet: „Wie würde ich mich in dieser oder jener Situation verhalten?“ Stegemanns Dramaturgie zielt also auf die politische oder moralische Funktion der Bühne als einen Ort, auf dem Verhalten spielerisch überprüft wird. Das Problem an einem solchen Konstrukt ist freilich vielfältig: Was ist, wenn die Möglichkeit der Entscheidung weitgehend ausfällt (wie etwa in der antiken Tragödie)? Wer oder was legitimiert das Theater, bestimmte Verhaltensnormen zu thematisieren bzw. zu kritisieren? Und was ist mit all den Inszenierungen, die gar keine Handlung mehr haben (etwa auf dem sog. postdramatischen Theater)? Handelt es sich dann gar nicht mehr um Dramaturgie? Stegemann selbst bietet darauf immerhin indirekt Antworten, da er am Ende verschiedene Reflexionen zum postdramatischen Theater  und zur aktuellen Kommunikationstheorie versammelt. So macht das Buch am Ende deutlich, dass Stegemanns Position in der Einleitung nur eine von unterschiedlichen ist. Das mag zunächst verwirren. Man kann es aber auch als Stärke des Buches begreifen – ganz so wie es sowohl Schwäche als auch Stärke des Gegenwartstheaters ist, dass es einen unübersehbaren Pluralismus der Inszenierungstechniken und Regieschulen gibt, was freilich nicht immer nur auf Zustimmung stößt, sondern oft auch Irritation auslöst.


Kurzkrimis und andere Nervenkitzler zum Advent

7. Dezember 2009

Jan Seghers, dessen Frankfurter Marthaler-Krimis, nicht nur Krimi-Freunde in Hessen sehr schätzen, hat im letzten Jahr (2008) bei Rowohlt (rororo 24864) eine Anthologie mit 24 Kurzkrimis von namhaften deutschsprachigen Krimi-Autoren herausgegeben. Nun ist die zweite Auflage davon erschienen. Das Buch heißt Der Tod hat 24 Türchen. Ein mörderischer Adventskalender. Beiträger sind u.a. Friedrich Ani, Gisa Klönne, Sandra Lüpkes, Petra Oelker und Jan Costin Wagner. Seghers selbst hat nur ein Vorwort in Gestalt eines Dialogs zwischen dem Herausgeber und der Lektorin beigetragen, das nicht nur eine kurze Poetik des spannenden Erzählens liefert, sondern auch wunderbar zeigt, wie man jenseits von Spannung auch ganz viel Witz in kurzen Erzählungen unterbringt und warum es so schwer ist, eine gute Kurzgeschichte zu erzählen.

Die Mehrzahl der Geschichten sind Krimis, wobei der Facettenreichtum des Genres in dieser Anthologie überzeugend dargelegt wird. Die Perspektiven, aus denen von den Verbrechen berichtet wird, wechseln von Geschichte zu Geschichte. Auch wird das Spektrum vom klassischen ‚Rätsel-Krimi‘ („Wer ist der Täter und wie hat er es gemacht?“) bis hin zur rasanten Action-Erzählung ausgereizt.  Ergänzt werden die Krimis um einige andere Erzählungen, die ebenfalls sehr spannungsreich und nicht nur deswegen sehr unterhaltsam sind, denen aber keine klassische Straftat zu Grunde liegt. So treffen in Sandra Lüpkes Julklapp vier Freundinnen zum alljährlichen Wichteln zusammen. Aber eine verschenkt anders als in all den vorherigen Jahren kein schlecht riechendes Deo, sondern ein Foto, das der Erzählung eine brutale, wenn auch nicht tödliche Wendung verleiht. Eine großartig-unterhaltsame Anthologie, die zugleich eine überzeugende Leistungsschau der deutschsprachigen Krimi-Landschaft liefert.


Deutsche Digitale Bibliothek

4. Dezember 2009

Vorgestern hat Staatsminister Neumann erste Rahmenideen zur Deutschen Digitalen Bibliothek formuliert – um so ein staatlich organisiertes Gegenstück zur weltweit von google organisierten Bibliothek zu begründen. Das ist eine feine und richtige Idee (freilich hinkt Deutschland der Entwicklung entschieden hinterher). Einmal abgesehen davon, dass bei der Umsetzung zahlreiche Schwierigkeiten zu berücksichtigen sind und dass die Finanzierung wohl auch noch nicht geklärt ist (vgl. dazu den Artikel in der FAZ): Wichtig ist, dass auf diese Weise Unabhängigkeit von den Interessen eines Weltkonzerns hergestellt wird und dass so ins virtuelle Archiv die Kulturgüter und Artefakte eingespeist werden, die Fachleute aus Museen, Archiven und Bibliotheken für archivierungswürdig erklären und niemand anders mit mutmaßlich weniger unabhängigen Interessen. Für die Geisteswissenschaften wird aber nicht nur die Frage wesentlich werden, was in diese Bibliothek aufgenommen wird, sondern auch wie die digitalisierten Dinge und Aussagen zueinander in Beziehung gesetzt werden, welche Regeln und Gesetze für ihre Verzeichnung aufgestellt werden, wie ihre erfolgreiche Archivierung im Sinne Foucaults angegangen wird: „Das Archiv ist auch nicht das, was den Staub der wieder unbeweglich gewordenen Aussagen aufsammelt und das eventuelle Wunder ihrer Auferstehung gestattet; es ist das, was den Aktualitätsmodus der Aussage als Sache definiert; es ist das System ihres Funktionierens.“ (Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Übersetzt von Ulrich Köppen. Frankfurt/Main 1981, S. 188).


Gelehrte Polemik heute

3. Dezember 2009

Gerd Fritz hat vor einigen Monaten sehr kluge Überlegungen zur Funktion der Kontroverse in den Geisteswissenschaften angestellt (vgl. http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/). Ergänzend muss aber auch über die Frage nachgedacht werden, wie wir in den Geisteswissenschaften insgesamt die Akzeptanz von vergleichsweise ‚weichen‘ und auch instabilen Formaten wie dem weblog steigern können. Ein grundlegendes Problem ist schon der Umfang. Webformate sind für intensive Auseinandersetzungen kaum geeignet, weil die Leser kurze Artikel und klare Positionen (also keine differenzierten Meinungen) bevorzugen.


Gelehrte Polemik – Tagung

3. Dezember 2009

Carlos Spoerhase und ich haben im September eine Tagung zur gelehrten Polemik im 17. und 18. Jahrhundert veranstaltet (vgl. http://gelehrtenrepublik.wordpress.com). Im Moment bemühen Carlos und ich uns um die Fortsetzung dieses Vorhabens.


Kleists „Hermannsschlacht“

3. Dezember 2009

Im Moment erarbeite ich eine kritische Ausgabe der Hermannsschlacht für den Reclam-Verlag. Das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, diesem Monster zu begegnen, ohne vor ihm Reißaus nehmen zu müssen. Die Konzentration auf die Textkritik hilft, den unerträglichen Nationalismus des Stücks auszublenden.


Betrachtungen im und aus dem Elfenbeinturm

3. Dezember 2009

Es ist eigentlich ein Unding, dass die Philologie noch nicht ihre Liebe zum weblog entdeckt hat. Schließlich bietet es ihr die Möglichkeit, die viel beschworene Liebe zum Wort einmal vor aller Augen zu dokumentieren. Und da die Philologie eine gnadenlose Eklektikerin ist, so bleibt auch mir nur die gnadenlose Beschränkung auf die Themen, zu denen ich aktuell arbeite.