Volksbühne Berlin

8. Dezember 2016

Eigentlich steht bei meiner Rundreise durch die Berliner Bühnenlandschaft das heutige Konzerthaus am Gendarmenmarkt auf dem Programm. Aber da die Debatte um die Neuausrichtung der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz weiterhin virulent ist, dachte ich mir, dass ich meinen Beitrag dazu vorziehen sollte. Beginnen wir vielleicht mit einem alternativen Blick. Ich hatte letztens das Glück, den amerikanischen Lyriker Donald Berger folgendes Gedicht lesen zu hören:

People’s Stage

I love how you looked on that day.
I didn’t know you and still
Don’t know you,
The day of the walking X’s, no, the walking wheels.

I have to be home before two.
I let in a miniature face.
The shadow under the S-Bahn bridge is cold.
The man-sized graffiti almost a comfort.

Take those thoughts of a hand the fireflower put it
Over the window that reads, in English,
The Unknown Friends.

(Donald Berger: The Long Time. Die währende Zeit. Poems/Gedichte. Aus d. Englischen v. Christoph König. Göttingen 2015, S. 10).

Als ich schon vor längerer Zeit die Volksbühne nachgebaut habe, hing mir – wie so vielen – noch der Tod von Bert Neumann nach. Ich wollte deswegen auf jeden Fall auch das große ‚OST‘ auf dem Dach der Volksbühne realisieren, was bei Lego ja nicht so leicht ist, weil Lego insgesamt kein Freund von Biegungen, sondern von Ecken und Kanten ist. Dementsprechend war aber der Rest der Volksbühne verhältnismäßig gut zu realisieren.

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Was ich damals hingegen nicht nachgebaut habe, war das ‚Räuber-Rad‘ oder auch ‚laufende Rad‘ aus Castorfs Räuber-Inszenierung (die ich leider nie gesehen habe). Dass ich’s nicht gebaut habe, war auch dem Umstand geschuldet, dass das Rad auf dem Vorplatz steht. Bergers Gedicht aber hat mich daran erinnert, wie sehr das Rad den Besuchern der Volksbühne schon früh signalisiert, dass sie jetzt einen besonderen Raum betreten – einen Raum, in dem andere, nicht-bürgerliche Ordnungen und die ganze Energie des Sturm und Drang herrscht.

Dieser Raum, den die Volksbühne bis heute besetzt, symbolisiert ideal, was sich seinerzeit schon Ivan Nagel und seine Mitstreiter von dem Haus erhofften, als sie das bis heute wirkungsmächtige „Gutachten“ (das ja eher ein Masterplan für die Berliner Theaterlandschaft war) vorlegten:

Das hässlichste große Theater Berlins ist (ebenfalls deshalb) am besten geeignet, um ein junges Theater zu gründen: mit ästhetischer Innovationslust, politischer Schärfe wie (und sicher ganz anders als) die einstige Schaubühne am Halleschen Ufer. In diesem Haus, mit der U-Bahn vor den Pforten, zwischen Prenzlauer Berg und Kreuzberg gelegen, den Platz mit dem Programmkino Babylon teilend, dem Liebknecht-Haus brisant benachbart, aus Art déco- und SED-Bau mit kostbar scheußlichem Material zusammengesetzt, ließe sich etwas bewegen. Das Haus ist nicht nur auf der Hauptbühne, sondern in drei Foyers und einer Studio-Bühne bespielbar: in seiner besten Nachkriegs-Zeit haben das Benno Besson, Manfred Karge/Matthias Langhoff, Heiner Müller vorgeführt – in Ostberlin unvergessen.

(Ivan Nagel: Streitschriften. Politik, Kulturpolitik, Theaterpolitik. Berlin 2001, S. 133).

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Verteidiger der aktuellen Entscheidung zur Neuausrichtung der Volksbühne erinnern gerne daran, dass auch das Gutachten von 1991 für viel Widerstand gesorgt hat. Das ist zweifellos richtig. Nur artikulierte sich der damals vor allem, weil die Westberliner Theaterlandschaft beschnitten wurde. Die Entscheidung, Castorf die Volksbühen zu überantworten, wurde zwar nicht immer begrüßt, aber im Zentrum der Debatte stand diese Entscheidung nicht.

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Dieser Blick zurück auf das Gutachten von Nagel führt vor, dass die Vorschläge damals auf der Basis von verschiedenen klar benennbaren Kriterien formuliert wurden: die neue Leitung sollte ein historisches Bewusstsein für den genius loci haben, ästhetisch innovativ, politisch ’scharf‘ sowie ‚jung‘ sein, was sich sowohl auf die Belgeschaft als auch das Publikum beziehen dürfte. Die künstlerische Spannung ergab sich also allein schon aus diesen Voraussetzungen: aus der ästhetischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Ziel, dafür mit ‚anderen‘ Mitteln ein ‚anderes‘ Publikum zu gewinnen.

In Berlin wurde knapp ein Jahrzehnt später, mit dem Wechsel der künstlerischen Leitung an der Schaubühne, erneut versucht, eine solche Grundspannung zu erzeugen. Auch die Besetzung der aktuellen Intendanz am Gorki, mit Shermin Langhoff seit 2013, war von einer solchen Innovationslust gekennzeichnet. Die aktuellen Entscheidungen in Berlin hingegen orientieren sich ganz augenscheinlich an einer ganz anderen Größe, nämlich am vermeintlichen Publikumsgeschmack. Das hat dazu geführt, dass auf einmal eine Riege älterer und alter Männer zusammen mit Sasha Waltz die Leitung aller demnächst vakanten Häuser überantwortet wird – in der Hoffnung, dass die das schon richten werden, weil sie’s bisher ja auch nicht schlecht gemacht haben.

Dass das bei der Volksbühne besonders viel Widerstand ausgelöst hat – und das sollte man sich in aller Deutlichkeit klar machen –, ist nicht nur dem Umstand zu verdanken, dass Castorf in den letzten 25 Jahren ein ganz einzigartiges Theater mit ganz speziellen Publikumsbindungen geschaffen hat. Es ist auch dem Umstand geschuldet, ästhetische Fragen nicht nur aktuell-diskursiv, sondern auch historisch zu reflektieren und so Ausdrucksformen Raum zu geben, die beispielsweise Nagel sicherlich fern standen. Offenbar ästhetisch wie politisch großzügig hat er gleichwohl ein Theater ermöglicht, das inzwischen ein Viertjahrhundert der Theatergeschichte Berlins geprägt hat. Man kann sich nur wünschen, dass mit dem heutigen Tag eine solche Hellsichtigkeit wieder in die Kulturpolitik Berlins einkehrt.

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Gar nicht so feine Unterschiede – oder: Prousts Dramaturgen

26. November 2016

Als ich vor kurzem den 4. Band von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gelesen habe, stutzte ich bei folgendem Satz:

Ungewiss, ob Ibsen oder d’Annunzio tot waren oder noch lebten, sah er bereits Schriftsteller und Bühnenautoren seiner Frau Besuche machen und sie in ihre Werke einbringen.
(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4: Sodom und Gomorrha. Übers. v. Bernd Jürgen Fischer. Stuttgart 2015, S. 97).

Zwei Formulierungen irritierten mich. Einmal ‚in ihre Werke einbringen‘. Ich habe wohl verstanden, was gemeint ist. Doch ist diese Wendung eigentümlich unkonkret und unkonventionell. ‚Eingehen lassen‘ oder ‚Eingang finden‘ schienen mir spontan bessere Lösungen.

Zudem stutzte ich ob des Paars ‚Schriftsteller und Bühnenautoren‘. Warum stand da nicht ‚Dramatiker‘, dachte ich sofort. Klar: weil Dramatiker auch Schriftsteller sind. ‚Bühnenautoren‘ sind selbstredend auch ‚Schriftsteller‘, aber ‚Schriftsteller und Bühnenautoren‘ reflektiert immerhin die unterschiedlichen Publika der beiden – einmal die Leser, einmal die Zuschauer. Also erst einmal schauen, was Proust selbst schreibt:

Incertain si Ibsen ou d’Annunzio étaient morts ou vivants, il voyait déjà des écrivains, des dramaturges allant faire visite à sa femme et la mettant dans leurs ouvrages.
(so in der Ausgabe von 1919, S. 89).

Selbst wenn man wie ich nicht gerade gut Französisch beherrscht, bemerkt man gleich, wie sehr die Übersetzung mit diesem Satz kämpft. War das ein Beispiel dafür, weswegen nicht wenige Kritiken die neue Reclam-Ausgabe, die ich lese, zwar begrüßt, sich jedoch letztlich festgelegt hatten, dass die Suhrkamp-Übersetzung von Eva Rechel-Mertens besser sei? Also mal sehen, wie sie übersetzt hat:

Ungewiß, ob Ibsen oder d’Annunzio tot oder lebendig waren, sah er schon, wie Schriftsteller und Dramaturgen seiner Frau Besuche machten und sie in ihren Werken nannten.
(Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 4.1: Sodom und Gomorra. Übers. von Eva Rechel-Mertens. Frankfurt/M. 1982, S. 98).

‚In ihren Werken nennen‘ ist zwar meinem Eindruck nach zu prosaisch für Prousts Stil, aber ein wirkliches Urteil traue ich mir hier nicht zu. Auf jeden Fall trifft es den umschriebenen Umstand deutlich klarer als das bei der Übersetzung von Fischer der Fall ist.

Bemerkenswerter finde ich das Begriffspaar ‚Schritsteller und Dramaturgen‘. In Seminaren und in Pausengesprächen im Theater erlebe ich es immer wieder, dass ‚Dramatiker‘ und ‚Dramaturgen‘ nicht unterschieden werden bzw. dass manche Menschen ‚Dramaturg‘ sagen, obwohl sie ‚Dramatiker‘ meinen (umgekehrt übrigens nie). Je nach Gesprächssituation kann man das korrigieren – im Seminar regelmäßig, in der Theaterpause mag das die Höflichkeit verbieten. Allerdings ist mir diese begriffliche Unbeholfenheit bisher noch nie in seriösen Texten begegnet. Dass die so sehr gelobte Übersetzung von Rechel-Mertens diesen Bock schießt, hat mich deswegen irritiert. Immerhin zeugt er nicht nur von der Unkenntnis des Berufsstand ‚Dramaturg‘. Er zeugt auch davon, dass Rechel-Mertens sich in ihrer Wortverwendung absolut gewiss gewesen sein muss. Denn natürlich hätte ihr der Blick in jedes x-beliebige Wörterbuch gezeigt, dass der ‚dramaturge‘ im Unterschied zum ‚Dramaturg‘ nichts anderes macht, als Dramen zu schreiben.

Bleibt freilich das Problem, wie man ‚dramaturge‘ an dieser Stelle übersetzt. Bemerkenswert ist, vermute ich, zunächst, dass Proust nicht von ‚poète‘ oder ’nouvelliste‘ spricht. Die Herzogin von Guermantes, von der hier berichtet wird, fand also, so darf man mutmaßen, Eingang in längere literarische Erzählungen und in Dramen. Wenn man sich weiterhin klar macht, wie leidenschaftlich der autodiegetische Erzähler ins Theater geht, sollte man ‚dramaturge‘ möglichst gleichlautend und also mit ‚Dramatiker‘ übersetzen. Natürlich ist die geläufigste Übersetzung für ‚écrivains‘ ‚Schriftsteller‘, aber aus den oben genannten Gründen fügt sich das nicht gut neben ‚Dramatiker‘. Deswegen wäre an sowas wie ‚Roman-Autor‘ zu denken, womit zugleich das Problem umschifft wäre, das sich ergeben hätte, wenn man ‚Romancier‘ gebraucht hätte. Elegant ist ‚Roman-Autor‘ zweifellos nicht, aber sicherlich besser als ‚Dramaturg‘, wenn ‚Dramatiker‘ gemeint ist.

 

 


„Rondo“

7. November 2016

Ob ein paar Glücksgluckser, Fuchtelfinger, Tamtam und Tutu sowie eine Bühnenbühne schon einen guten Theaterabend machen, könnt Ihr auf nachtkritik.de lesen.


Gender Trouble

30. Oktober 2016

img_5191img_5193Bin gestern wieder im Theater gewesen und habe einen Gender Trouble der etwas anderen Art gesehen. Auf nachtkritik.de habe ich drüber geschrieben.


Staatsoper Unter den Linden

20. September 2016

Als noch um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses gestritten wurde, erinnerten die Befürworter einer vollständigen Rekonstruktion gerne daran, dass Unter den Linden bereits einige komplett wiederaufgebaute Gebäude stünden – neben der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Alten Wache insbesondere die Staatsoper, ehedem Königliche Oper Unter den Linden. Sie war, gut hundert Jahre alt, 1843 bis auf ihre Grundmauern abgebrannt und wurde anschließend innerhalb von vier Jahren wieder komplett an gleicher Stelle nachgebaut.

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In meinem Arbeitszimmer hängt ein kolorierter Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert, der den Blick Richtung Schloss freigibt. Am linken Rand sieht man die Fassade der Staatsbibliothek, am rechten das Reiter-Standbild Friedrichs II. Das eigentliche Zentrum des Bildes aber ist die Staatsoper, das Schloss verschwindet dahinter blass, seine Kuppel löst sich fast schon im hellblauen Himmel auf, der das Bild ganz eigentümlich verwaschen überwölbt.

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Bis heute erinnert mich das Bild an die Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses. Wenn man sich das Bild anschaut, bekommt man eine Ahnung vom historischen Gesamtensemble Unter den Linden und begreift, was gegen eine Lücke hinter der Oper sprach; der Linden-Boulevard hätte eigentümlich offen gewirkt. Das war auch ein Argument der Befürworter des Schlosses. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn zumindest in meinem Bild ist die Oper das Zentrum, nicht das Schloss. Das mag erklären, warum sich der preußische König 1843 entschied, die Oper wieder aufzubauen. Sie ist sehr markant und verkündet den musenfreundlichen Anspruch des preußischen Staats.

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Gleichzeitig aber führt eben dieser Blick noch ein Zweites vor, das dem Opernbesucher immer sogleich klar ist und das sich in der Architektur des Portikus mit ihren seitlichen Treppenaufgängen niedergeschlagen hat: Notgedrungen nähert man sich der Staatsoper von der Seite, entlang der Linden. Das irritiert mich immer wieder (auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Opernhaus vor seiner renovierungsbedingten Schließung nicht oft besucht habe). Anders als bei anderen Musentempeln kann man sich der Oper nicht frontal nähern. Die Linden sind hier sogar durch den gegenüberliegenden Ostflügel der Humboldt-Universität verhältnismäßig eng. Ein gezielter, den Zuschauer quasi zu einem säkularen Kunstgottesdienst einladender Gang direkt auf das Gebäude zu ist bei der Staatsoper anders als beim nur wenige Meter entfernten Alten Museum, dem der Lustgarten vorgelagert ist, oder beim ehemaligen Schauspielhaus, dem heutigen Konzerthaus am Gendarmenmarkt, nicht möglich.

Der Stich in meinem Arbeitszimmer vermittelt den Eindruck eines uneingeschränkten Bekenntnisses zur Kunst in Preußen, die Orientierung des Portikus parallel zum Boulevard lässt daran hingegen Zweifel aufkommen. Kein frontales Zuschreiten auf das Haus, sondern praktisches Vorfahren, um in ihm zu verschwinden. Der Blick entlang der Linden und zumal auf die Oper führt das Bekenntnis zur Fassade vor. Der Neubau des Schlosses hat dieses Bekenntnis in sein historisches Recht gesetzt.

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Zukunftsmusik

17. September 2016

War es bislang statusfördernd, möglichst mobil und kosmopolitisch aufzutreten, wird eine feste regionale und lokale Verankerung in Zukunft zum eigentlichen Luxus. Auf eigene, lokal beschränkte gegenständliche Ressourcen zurückzugreifen, darunter eine nicht nur virtuelle Bibliothek, wäre dann wieder Statussymbol.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 643.


Normalfall

14. September 2016

Dass Philologie vielsprachig ist, bildet den Normalfall; irreführend wäre es gerade deshalb, die Komparatistik als komplementäre Ergänzung von Einzelphilologien aufzufassen (wie es seit dem 19. Jahrhundert, mancherorts noch heute, geschieht).

Robert Stockhammer: Afrikanische Philologie. Berlin 2016, S. 14.


Frauengold und Realismus

12. September 2016

Derzeit boomt in der Belletristik (wieder einmal) der autobiographisch fundierte Realismus, auch wenn Kempowski bald zehn Jahre tot ist und Kurzeck fast vier. Von Kurzeck ist Anfang des Jahres das Fragment vom sechsten Band seines Zyklus Das alte Jahrhundert erschienen. Gerhard Henschel jagt mit viel eigenem und Kempowskis Witz seinen Helden Martin Schlosser durchs Leben, das sehr dem des Autors gleicht (zuletzt in Künstlerroman). Andreas Meier hat den Horizont seines Erzählers jüngst immerhin bis in den Kreis erweitert und lässt ihn damit die Landschaft erleben, die auch Kurzecks „Ich“ nach der Vertreibung Heimat wurde. Joachim Meyerhoff hat es mit dem dritten Teil seines autobiographischen Roman-Projekts Alle Toten fliegen hoch auf die Longlist zum deutschen Buchpreis gebracht. Benjamin von Stuckrad-Barre hat all diesen Ego-Dokumenten vielleicht gar die Krone aufgesetzt, indem er mit Panikherz eine herzergreifende, anti-ironische Konversionserzählung vorgelegt hat, bei der man sich die ganze Zeit fragt, ob das überhaupt noch Literatur ist oder eine über 550 Seiten lange Beichte.

Dieser Realismus ist sehr traditionsbewusst, auch wenn er sich ganz der Gegenwart bzw. jüngsten Vergangenheit verhaftet gibt. Henschels Romane sind nicht nur eine stillistische Verneigung vor Kempowski. In Bildungsroman wird auch erzählt, wie Martin Schlosser Kempowski kennenlernt. Von Stuckrad-Barre singt nicht nur ein Loblied auf seinen Retter Udo Lindenberg, sondern ebenso auf die Literatur von Bret Easton Ellis. Meyerhoff kokettiert mit dem einfältigen Staunen des Schelmenromans und lässt den Leser gerade dadurch permanent zweifeln, ob das alles tatsächlich so passiert ist.

Auf je unterschiedliche Weise sind die Romane also alle kleine literarische Ereignisse. Aber ihr wesentlicher Kniff ist immer wieder, dass sie den Reiz des Authentischen verströmen. Der ergibt sich bei von Stuckrad-Barre angesichts der Schonungslosigkeit, mit der von seinen Abstürzen berichtet wird. Henschel schildert kleine Details, die die historische Differenz wunderbar ironisch aufblitzen lassen, wenn Schlosser in den 1980er Jahren beispielsweise angeekelt feststellt, dass sich seine neue Freundin die Achseln rasiert.

An diesem Realismus-Boom kommt man also derzeit nur schwer vorbei und ich habe mich ihm zuletzt auch gerne hingegeben. Meist war die Lektüre ein Spaß, selten mal pflichtbewusstes Abarbeiten. Aber irgendwie stellte sich zuletzt immer häufiger das Gefühl ein, dass mir was fehlt. Was das war, wurde mir jetzt deutlich, als ich Christopher Kloebles neuen Roman Die unsterbliche Familie Salz gelesen habe.

img_5121 Anders als die vielen autobiographisch fundierten Romane versucht Kloeble einfach mal eine tolle Geschichte so zu erzählen, wie das eben nur Literatur kann. Von Kapitel zu Kapitel wechseln die Erzähler, die Geschichte der Familie Salz springt zu Beginn von der Gegenwart ein Jahrhundert zurück, um sich dann in Episoden der Gegenwart wieder zu nähern und in der Zukunft zu schließen. Das alles wird entspannt und unspektaktulär erzählt, zielt anders als viele realistische Romanen nie auf billige Pointen.

Zudem ist die Geschichte der Familie Salz eine besondere, wie sie sich nur in der Literatur ereignen kann. Denn besonders die Frauen der Familie haben ein besonderes Verhältnis zu Schatten – ihren eigenen und fremden. Ein Kapitel erzählt gar ein Schatten. Hier zeigt sich dann die ganze erzählerische Meisterschaft von Kloeble, weil das nie phantastisch oder abgedreht klingt, sondern angesichts der besonderen Familiengeschichte schlicht plausibel.

Kloebles Erzählkunst zeigt sich aber auch daran, wie er mit Details umgeht. Man kann das an „Frauengold“ gut erläutern. Bis vor ein paar Monaten wusste ich nicht, was das ist. Dann las ich in Panikherz, wie Thomas Gottschalk Benjamin von Stuckrad-Barre davon erzählte:

Er zeigt mir auf seinem iPhone einen Werbespot aus den 60er-Jahren, um zu illustrieren, wogegen es damals ging und was die Bundesrepubliksnormalität war: „Frauengold“. Das war einfach Alkohol, ein als stimmungsaufhellendes Tonikum getarnter Trümmerfrauenflachmann. Der Mann geht zur Arbeit, die Frau kocht und macht sauber. Und gegen Traurigkeit, Einsamkeit und Sinnlosigkeit kippt sie sich tagsüber Frauengold genannten Alkohol ins Hirn, dann muss man nicht zickig sein, sonder hat was Warmes auf dem Tisch, wenn Vati heimkommt, oder entschuldigt sich beim Chef, wenn der einen angeschrien hat – mit Frauengold intus konnte man das lockerer sehen, war man wohl mal wieder frauentypisch hysterisch gewesen.
(S. 518)

In Panikherz symbolisiert „Frauengold“ das spießige Patriachat der 50er und 60er Jahre. Der Erzähler distanziert sich davon deutlich und urteilt moralisch über die Zeit.

In Kloebles Roman ist die junge Aveline Salz von „Frauengold“ abhängig. Das wird aus ihrer Sicht erzählt, so dass sich der Blickwinkel auf dieses Gesöff gänzlich ändert. Natürlich geht man zu ihrem Alkoholismus gleich auf Distanz, aber Kloeble schafft zugleich Verständnis für die Figur, statt auf Zeitkritik zu setzen. Ihm gelingt es, ein Gefühl dafür zu vermitteln, warum ein später dann verbotenes, heute von den meisten Menschen vergessenes Getränk einmal ein wirklicher Erfolg war – gerade weil Aveline Salz keine Trümmerfrau ist und auch keine platte patriachale Erwartung erfüllen muss. Auf dieses und viele andere Weisen führt Die Geschichte der unsterblichen Familie Salz vor, warum es manchmal viel spannender ist, einen Roman zu lesen, der nicht in erster Linie darum bemüht ist, möglichst das zu erzählen was war oder sicher hätte gewesen sein können, sondern eine besondere Geschichte, statt bloß distanziert und ein paar krachende Phrasen rausschießend auf „Bundesrepubliksnormalität“ zurückzublicken.

Aveline Salz ist eine Abiturientin und zu jung für „Frauengold“. Aber Kloebele lässt sich von solchen Eckdaten gar nicht irritieren. Er lässt sie, statt auf die Abifeier zu gehen, lieber drei Flaschen „Frauengold“ kaufen und sich ins Bett legen. So sieht kein Zeitpanorama aus, sondern ein Blick in Abgründe – in zeitlose Abgründe.