Marionettentheater

13. Dezember 2010

Wenn der Autor weiß, daß er Bedeutung produziert, und die von ihm produzierte Bedeutung kennt, dann ist seine Herrschaft gesichert. Doch wenn das nicht der Fall ist, wenn Bedeutungen erzeugt werden, die er nicht intendierte, und wenn, andererseits, die intendierte Bedeutung das gewünschte Ziel verfehlt, dann ist er in Schwierigkeiten. Eine der Konsequenzen eines solchen Verlusts von Kontrolle über die Bedeutung ist die, daß er nicht länger fähig ist, sie vorzutäuschen.
(Paul de Man: Ästhetische Formalisierung: Kleists Über das Marionettentheater, in: ders.: Allegorien des Lesens. Frankfurt/Main 1988, S. 205-233, hier S. 223f.)

De Mans Überlegungen zu Kleists kurzem Text Über das Marionettentheater sind in den letzten gut zwei Jahrzehnten vielfach reflektiert und weiterentwickelt worden. De Man selbst hat das mit seinem Aufsatz schon gebahnt, indem er deutlich gemacht hat, wie groß die Differenz zwischen Schillers Idealismus und Kleists Formästhetik ist.

Aber nicht nur in der Literaturwissenschaft, auch auf dem Theater gilt Kleist mindestens seit den 80ern als ein wesentlicher Wegbereiter der Postmoderne. Das liegt zum einen daran, dass viele theoretische Überlegungen zum postdramatischen Theater eben an der Dekonstruktion de Mans geschult sind. Das liegt zum anderen daran, dass einflussreiche Dramatiker wie Müller oder Jelinek sich ihrerseits intensiv mit Kleist auseinandergesetzt haben und seine – im wörtlichen Sinne – ‚Bedeutungslosigkeit‘ betont und in ihrem Werk produktiv rezipiert haben.

De Man hat seine Überlegungen zu Kleists kurzem Prosa-Text vor allem auf Erzählliteratur bezogen:

Daher die Notwendigkeit, den Leser durch einen beständigen Wechsel von Finten und wirklichen Schlägen in die Irre zu führen: um seine Kontrolle sicherzustellen, bedarf der Autor der Verwirrung des Lesers. Lesen ist einem Gefecht vergleichbar, dessen Kämpfer über die Realität oder Fiktionalität ihrer Äußerungen streiten, über die Fähigkeit zu entscheiden, ob der Text eine Fiktion oder eine (Auto-)Biographie, eine Erzählung oder historisch, spielerisch oder ernsthaft sei.
(Ebd., S. 224)

Doch was passiert bei diesem Verwirrspiel, wenn eine zweite Autorität in Gestalt eines Theaterregisseurs hinzutritt, die zunächst ihr eigenes Gefecht mit dem Text führt, dann dieses Gefecht durch den Meta-Reflektionswolf dreht, das Ergebnis präsentiert und schließlich doch nicht verhindern kann, dass zumindest ein Teil der Zuschauer das Gefecht mit dem dramatischen Text suchen und am Gefecht mit der Meta-Reflexion gar nicht interessiert sind. Manche Regisseure stellen sich dann hin und rufen: „Ätsch! Wenn Du Dich nicht für meine Meta-Reflexion interessierst, dann bleib doch gleich mit Deinem blöden Drama zuhause!“ Die meisten Regisseure aber sind schlauer und nicht so schnell eingeschnappt. Das liegt schon daran, dass sie meistens ganz gute Nehmerqualitäten haben. Viel bessere als Kritiker oder Publikum.

Denn auch wenn es Kritik und Publikum oft nicht wahrhaben wollen, sind die Gefechte mit dem Text, die auf der Bühne reflektiert werden, alles andere als subjektiv oder zufällig. Die Inszenierung zeigt in vielen Fällen den Kontrollverlust, von dem de Man spricht, auf, macht den Autor damit ohnmächtig und zeigt diese Ohnmacht zugleich an. So kann gerade derjenige Regisseur, der den Text auf der Bühne weiterentwickelt, dem Autor gerecht werden. Nur schade, dass die Autoren es den Regisseuren meist nicht danken.

Die Frage ist nur, wie man mit einem Drama umgehen soll und kann, dessen Autor das mit Finten und Irreführung nicht befriffen hat und stattdessen Texte schreibt, die um jeden Preis versuchen, die Inszenierung festzulegen. Wenn es sich um einen Autor mit offensichtlichem Regulierungswahn handelt, hat es der Regisseur einfach. Er kann sich dazu verhalten oder nicht.

Viel schwieriger wird es, wenn der Autor sein Werk für wer weiß wie offen und gleichberechtigt hält und in Wirklichkeit ein starres Bedeutungsmonster geschrieben hat. Mir scheint das bei der so vielfach gerühmten britischen Blut- und Spermadramatik der Fall zu sein. Anders als Sarah Kane pflegen Autoren wie Mark Ravenhill oftmals eine starre Kammerspielästhetik. Die pubertäre Freude an der Grenzverletzung kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie konventionell Dialogführung, Handlungskomposition sowie der Umgang mit Raum und Zeit sind. Die Spießer der Welt sollen mittels der vermeintlichen Wirklichkeit und einem zynisch-kalten Lächeln schockiert werden. Doch die schockierend einfältige Spießigkeit der Ausdrucksform dieser Dramatik wird viel zu selten wahrgenommen.

Kleist, dessen kleiner Text Über das Marionettentheater gestern seinen 200. Geburtstag feierte, meinte in einem Epigramm mit dem Titel Voltaire im Phöbus (April/Mai-Heft 1808):

Lieber! ich auch bin nackt, wie Gott mich erschaffen, natürlich,
Und doch häng‘ ich mir klug immer ein Mäntelchen um.


Aufrüstung

30. August 2010

Das Kleist-Jahr 2011 wirft seine Schatten voraus. 200. Todestag, da muss schon was kommen. Fleißig aktualisieren die Verlage ihre Bestände und bereiten neue Ausgaben vor. Doch aus den heiligen Hallen der Textkritik wollen wir heute einmal nicht berichten.

Nein. Heute gilt es, einen großen Theatermann zu preisen, der im nächsten Jahr mal gleich die ganze Dramatik von Kleist (großartiges Wortspiel, nicht wahr?) in seinem Theater geben will: Armin Petras. Und das nicht als so ein Spaß-Ding à la ‚Shakespeare in 90 Minuten‘, sondern so richtig ernsthaft und anspruchsvoll (was bei Petras zum Glück ja nicht meint, dass das Spektakel zu kurz kommt). Aber angesichts dieser Kleist-Flut fragt man sich natürlich sofort, ob er schon mal heimlich auf den guten Heinrich angestoßen hat, dass der so früh Sch(l)uss gemacht hat mit Werk und Leben (keine Sorge, mehr Kalauer gibt es heute nicht). Solche ‚Der ganze X oder Y‘-Projekte zielen schließlich so dermaßen auf Öffentlichskeitswirkung ab, dass man sie meiner Meinung nach jedem Intendanten und Regisseur verbieten sollte.

Im Klartext: Was soll das? Auflösung auf diese Frage versprach Anfang des Monats ein Interview in der Berliner Zeitung, mit dem Titel „Kämpfen, fallen, saufen“ was eher nach Kreisklasse klingt und nicht nach Bundesliga. Auf jeden Fall meinte Petras da über Kleists Hermannsschlacht:

„Eigentlich geht es doch nur um ideelle oder emotionale Aufrüstung. Alles was Herrmann tut, ist dazu da, die Deutschen zum Kämpfen zu bringen. Das ist für mich interessant, auch die Ausgangssituation. Ich finde, dass Deutschland heute moralisch ähnlich darniederliegt.“

Ich verzichte jetzt mal auf Hinweise, in welche Tradition Petras damit gewollt oder ungewollt tritt – von einem Regisseur, der sich im Interview als guter Kenner der Hermannsschlacht und von dessen Rezeptionsgeschichte ausweist, kann man eigentlich ein wenig mehr Vorsicht bei der Wortwahl erwarten. Ich will jetzt auch gar keine Mutmaßungen darüber anstellen, an was sich nach Petras‘ Meinung dieser Niedergang festmachen lässt. Und leider klärt das der Interviewer der Berliner Zeitung auch nicht so richtig.

Viel spannender finde ich die Frage, ob Petras dann auch mit dem Käthchen „Aufrüstung“ betreiben und mit dem Zerbrochenen Krug die Moral wieder aufrichten will – das dürfte dann vielleicht kein spannender Theaterabend sein, aber zumindest ein komischer …


Maske und Gegenwartstheater

2. August 2010

In der SZ hat vor einigen Wochen Christopher Schmidt berichtet, dass Hans Belting in München über „Theater und Maske“ gesprochen und dabei „implizite Kritik am Gegenwartstheater“ geübt habe (SZ 162, 17./18.7., S. 16). Der Artikel lässt vermuten, dass Beltings Vortrag auf seinen umfassenden Überlegungen aufbaut, die er in Das echte Bild (München 2005) formuliert hat. Schon dort hat er sich ausführlich zum Umgang mit der Maske seit der Antike geäußert und ist dabei weit über die Grenzen der Kunstgeschichte hinausgegangen. So hat er etwa die Bedeutung des lateinischen Worts persona gewohnt souverän dargelegt. Seine Ausführungen nutzt er in seiner Studie, um zu erklären, in welchem Verhältnis Maske und Gesicht primär in der darstellenden Kunst zueinander stehen.

Beltings Pointe in seinem Vortrag scheint nun gewesen zu sein, dass er seine bildwissenschaftlichen Überlegungen in Beziehung gesetzt hat zum Umgang des Theaters mit der Maske. Schmidt schreibt: „Theater hat sich von jeher als Spiegel verstanden, doch als es unter dem Schlachtruf der Natürlichkeit die Maske zerbrach, hat es sich von seiner eigenen Natur entfremdet.“ Dass das Postulat der Natürlichkeit im Widerspruch zur Maske als Requisit steht, ist klar. Nur muss man an dieser Stelle doch zwei Fragen stellen, nämlich:

1. Bedeutete das Natürlichkeitspostulat tatsächlich das Ende der Maske?

2. Ist das Natürlichkeitspostulat im Gegenwartstheater tatsächlich weiterhin existent?

Die Fragen zu stellen, heißt, sie zu verneinen: Natürlichkeit ist die große Forderung des bürgerlichen Trauerspiels. Lessing und vor allem Diderot können hierfür als wichtige Repräsentanten genannt werden. Ihre Bedeutung für das europäische Theater kann kaum unterschätzt werden. Aber ebenso dürfte auch unbestritten sein, dass sie in den vergangenen 200 Jahren nicht nur auf Zustimmung gestoßen sind. Goethes Faust 2 und Brechts Dramatik (welch eigentümliche Allianz in diesem Punkt!) mögen hier als Gegenbeispiele genügen. Noch viel wichtiger scheint mir aber zu sein, dass Beltings Hinweis nichts mit dem Gegenwartstheater zu tun hat. Ich war in der letzten Spielzeit nicht oft im Theater, aber eine Inszenierung, an die ich mich besonders gerne zurückerinnere, arbeitete mit Masken, nämlich Karin Beiers wunderbare Kölner Aufführung von Grillparzers Das goldene Vlies. Und die ist immerhin mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet worden.

Vielleicht ist der Ausdruck „Gegenwartstheater“ in dem Artikel von Schmidt aber gar nicht auf das bezogen, was ich darunter verstehe (und ob Belting sich tatsächlich auf die Gegenwart bezogen hat, wird auch nicht recht klar). Vielleicht meint Schmidt in seinem Artikel schlicht eine Ästhetik, die durch die Aufklärung angestoßen wurde und der heute noch viele Zuschauer anhängen – trotz Brecht und seiner Epigonen, trotz der Rückkehr zur antiken Dramatik etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder dann erneut seit den 70er Jahren.

Die eigentliche Pointe des Vortrags von Belting wäre dann nur, dass er gerade keine Kritik am Gegenwartstheater üben würde, sondern an einer bestimmten Rezeptionserwartung des Publikums. Nämlich an der Erwartung, ‚natürliches’, also maskenfreies Theater zu sehen. Dieses Bedürfnis äußert sich in fast jeder Aufführung im Pausengespräch, wenn sich gut situierte Menschen endlich mal wieder einen ‚echten’ Schiller o.ä. wünschen, wie das vor einiger Zeit ein Bundespräsident tat, der dann auch umgehend zurückgetreten ist, als er eingesehen hat, dass er von Theater keine Ahnung hat. Doch das nur am Rande.

Das eigentliche Problem ist also, was ‚echt’ meint. Wer eine Antwort darauf sucht, dem sei das genannte Buch von Belting nur empfohlen – auch wenn es vom Theater nur am Rande handelt: es ist echt gut!


Zeitfenster

11. Juni 2010

Letzte Woche war Moritz Rinke für drei Tage in Gießen zu Besuch. Am Mittwoch hat er im Literarischen Zentrum aus seinem Roman gelesen. Von Donnerstag an haben meine Kollegin Petra Bolte-Picker und ich einen Workshop mit und über ihn veranstaltet. Wir haben zu diesem Zweck einige Theaterpraktiker und Kollegen eingeladen, um in unterschiedlichen Einheiten an Rinkes Texten zu arbeiten.

Zur Vorbereitung des Workshops haben wir in zwei parallelen Seminaren Rinkes Dramen und den Roman gelesen, so dass wir sehr intensiv vorbereitet waren und ganz konkret arbeiten konnten. So haben wir mit Unterstützung von Sibylle Broll-Pape vom prinz regent Theater Bochum Szenen aus den Nibelungen erarbeitet und uns mit Unterstützung des Kritikers Thomas Irmer mit der Hörspiel-Fassung davon auseinandergesetzt. Stephan Kraft aus Bonn hat kritisch die Verfilmung von Vineta mit dem Drama verglichen, und Harald Wolff vom Staatstheater Braunschweig hat anhand von Umberto dramaturgische Perspektiven für das Stadttheater entwickelt. Dazu kamen noch Einheiten, die Petra, Rinke und ich angeboten haben.

Das einzige Problem, das sich während des Workshops immer wieder ergab, war, dass die angesetzten Zeitfenster viel zu knapp waren. Dabei wurden einige Einheiten schon parallel angeboten und niemals die viel zu knappen 90 Minuten Seminareinheiten angesetzt. Manchmal dachte ich, wir hätten aus jeder Einheit einen ganzen Workshop machen können. Die gemeinsame Arbeit in der alten UB in Gießen war auf jeden Fall eine ganz tolle gemeinsame Erfahrung. Man soll’s nicht glauben, aber die Arbeit im Elfenbeinturm kann richtig Spaß machen!


In Staub …

28. Mai 2010

Seit Wochen nimmt sich das Theater wieder einmal wichtig. Indizien?

1. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier hat sich in Neuhardenberg gegen das Regietheater gewandt und damit deutlich gemacht, dass ein bestimmter Inszenierungstyp bei ihm prinzipiell keine Chance hat.

2. Botho Strauß hat gegen Gegenwartstheater und Schauspieler, die auch sowas Niederes wie den Tatort bedienen, gewettert, um Jutta Lampe zu preisen. Die Lampe ist freilich eine derart großartige Schauspielerin, dass es gewiss nicht notwendig gewesen wäre, den Rest klein zu machen, um sie erstrahlen zu lassen. Deswegen liegt der Verdacht nahe, dass es Strauß in seiner Laudatio gar nicht um die Lampe, sondern um sein eigens Unbehagen am Theater ging. Der Widerspruch liess auf jeden Fall nicht lange auf sich warten. Allerdings waren die Einwände von Ulrich Khuon und Thomas Ostermeier insgesamt derart differenziert, dass sich ein Streit aus Strauß‘ Polemik kaum ergeben wird. Eigentlich ein Jammer, wenn ein Lessing-Preisträger nicht einmal einen anständigen Streit anzetteln kann.

3. Der Jury-Entscheid auf dem Heidelberger Stückemarkt wird derzeit zum Skandal hochgepuscht. Die Jury hat sich geweigert, ein Stück auszuzeichnen und stattdessen dafür plädiert, das Preisgeld an alle ausgewählten Dramatiker auszuschütten. Eigentlich ein kluger Gedanke, trotzdem provozierte er. Glücklicherweise wehren sich die Jury-Mitglieder. So hat Christine Dössel von der SZ eine, wie ich finde, überzeugende Erwiderung verfasst. Zumindest diese Kontroverse hat das Zeug, sich weiterzuentwickeln – man darf gespannt sein.

Der Mai ist für solche Auseinandersetzungen ein günstiger Monat. Schließlich werden in Berlin beim Theatertreffen, eben in Heidelberg und in Mülheim permanent irgendwelche Inszenierungen, Dramen und manchmal auch Schauspieler zum ‚xxx des Jahres‘ erklärt, so dass andauernd irgendwer eine Rede halten oder ein Statement abgeben muss, was offenbar gerne zum Anlass genommen wird, um das eigene Unbehagen zum Ausdruck zu bringen. Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass das alles nur Stürmchen im Wasserglas sind. Wer sich mit dem Theater auskennt, sollte doch wissen, dass Hybris ein schlechter Ratgeber ist.

Und vor allem fragt man sich, ob das Theater tatsächlich irgendwie von diesen Auseinandersetzungen profitiert. Ich weiß es nicht, doch ich befürchte, dem ist nicht so. Besser beraten scheint das Theater zu sein, wenn es sich vom ganzen Tamtam fernhält, seinen Job erledigt und das Publikum statt mit polemischen Reden mit guten Inszenierungen zu überzeugen versucht.

Am Mittwoch war ich in Bochum im prinz regent theater, einem auch überregional bekannten Off-Theater. Premiere hatte dort Kleists Prinz von Homburg. Regie führte die Hausherrin Sibylle Broll-Pape. Sie hat die bescheidenen Mittel des Hauses hervorragend genutzt und Kleists Drama ganz konzentriert auf die Bühne gebracht, ohne dabei in irgendeiner Weise antiquiert zu wirken. Den Schlachtplan etwa erläutert der Kurfürst an einer großen projektierten Karte von Fehrbellin. Doch lenken solche technischen Hilfsmittel nicht vom Kern des Dramas ab, so dass sein Zentrum auch das Zentrum der Inszenierung bleibt: mit einem Prinzen, dem man seine Zerrissenheit zwischen Lebenssehnsucht und Heroismus voll und ganz abnimmt.

Gleichzeitig ist die Aufführung auch mutig: Den berühmtesten Satz des Stücks („In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!“) brüllen die Schauspieler mit einer Begeisterung für die Sache des Kurfürsten, dass man gleich weiß, warum das Drama sich derart gut eignete, um von den Nazis vereinnahmt zu werden. Aber eben weil die Inszenierung die Kriegsbegeisterung nicht ausspart oder ‚dekonstruiert‘, funktioniert die Aufführung: Nur ein Prinz, der alles für den Ruhm zu geben bereit ist und dem gerade deswegen seine Natalie nicht das Einzige ist, dem kann am Ende Kottwitz zurufen: „Ein Traum, was sonst.“

Die Aufführung hat 1. belegt, dass eine starke Regiehandschrift kein Widerspruch zur Auseinandersetzung mit dem Drama sein muss (wie Stadelmaier meint), dass 2. sich ‚das‘ Theater heute nicht durch Bildungsferne auszeichnet (wie Strauß meint) und trotzdem lebendig sein kann und dass 3. gute Stücke nicht vom Himmel fallen und man nicht partout dauernd neue produzieren muss (wie der Kritiker der Heidelberger Jury meinen).

Das Publikum im ausverkauften Haus in Bochum hat den Abend genossen, der lange Schlussapplaus spricht dafür – ganz so als wollte man den Aufgeregten in Berlin, Heidelberg und anderswo zufrufen: „In Staub mit allen Reden vom Theater.“ Nur gingen diesem Ruf die Militanz, die Wut und selbstredend der Patriotismus der Brandenburger ab, was gewiss dazu führen wird, dass die Wichtigtuer den Ruf aus Bochum nicht hören werden. Schließlich sind die, die dauernd brüllen, oft schwerhörig.


Theaterkritik

18. Mai 2010

Ich seh’s ja ein: gestern von einer Inszenierung zu schreiben, die schon 2 Jahre alt ist, das ist wirklich sowas von old school und wenig netzkonform, dass ich mich schon schämen muss. Wäre ich voll im Trend, wäre ich z.B. am Sonntag nach Neuhardenberg gefahren und hätte mir einen Vortrag über Theaterkritik angehört, statt hier verklärt von Thalheimers Inszenierung zu schwärmen. Dann wäre mir gewiss auch gleich klar geworden, wie verkommen und besch*** das Regietheater ist. So aber hat mir das Regietheater bzw. Regisseurstheater einen wirklich guten Abend beschert, und ich musste mich nicht ärgern wie Esther Slevogt.


Symbolik des Sehens

17. Mai 2010

Gestern habe ich Ibsens Wildente im Deutschen Theater Berlin gesehen – von Michael Thalheimer inszeniert. Er hat das Stück wie schon in seinen vorherigen Arbeiten skelettiert, ohne es zu töten. Seine Arbeit gleicht einem Untoten, der anmutig laufen kann, obwohl ihm Muskeln und Sehnen fehlen, und der eigentlich klappern müsste, dass einem angst und bange wird. Nach gut anderthalb Stunden war Schluss, aber man hatte nicht eine Sekunde den Eindruck, auch nur ein Detail des Dramas verpasst zu haben.

Wesentlich für die Inszenierung ist das Bühnenbild. Auf der Drehbühne ist ein gewaltiger Zylinder angebracht, dessen obere kreisrunde Fläche schräg abfällt, so dass man vom Parkett aus mal eine leicht gekrümmte Wand sieht, die den Blick auf den eigentlichen Bühnenraum versperrt und die Schauspieler an die Rampe zwingt. Wird der Zylinder um 90° gedreht, sieht man eine Schräge, die den Blick in den Bühnenraum diagonal von oben links nach unten rechts durchschneidet. 90° weiter sieht man eine Schräge, die von der Rampe nach hinten gewaltig ansteigt, so dass die Figuren, die sich doch so nah sein sollen, nicht nur weit entfernt voneinander, sondern auch in ganz unterschiedlicher Höhe stehen, sitzen, hocken. Olaf Altmann hat dieses geometrische Experiment genial eingerichtet.

Schon dieser Bau kündigt an, dass es hier ums Sehen geht. Jeder, der das Stück kennt, weiß, dass eine derart offensive Thematisierung der Perspektive mit dem Inhalt korrespondiert. Schließlich möchte der wahrheitsverliebte Gregers Werle seinem Freund Hjalmar Ekdal die Augen öffnen: Nicht Hjalmar ist der Vater der süßen Hedvig, sondern Gregers Vater, der ein skrupelloser Mensch war und vielleicht noch ist, weswegen sein Sohn mit ihm bricht.

Gregers Abscheu gegen seinen Vater hat ihn zu einem fürchterlichen Prinzipienreiter gemacht – zu einem Menschen, den man auf keinen Fall in seinem Freundeskreis haben will, denn er verkündet nicht nur schonungslos jede Wahrheit ungefragt. Vor allem geht ihm jedes Taktgefühl für das Gefühlsleben seiner Mitmenschen ab. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das ist Gregers Lebensmotto. Aber wo nur sie herrscht, da folgen die Kollateralschäden zwangsläufig. Nachdem Gregers ihr was von einem Opfer erzählt hat, erschießt sich die kleine Hedvig, um ihre Liebe zu ihren Eltern zu beweisen.

Thalheimer verzichtet in seiner Inszenierung wie üblich auf Aktualisierungen und politische Bezugnahmen, zu denen sich das Stück gewiss eignen würde. Gregers ist ein Wahrheitspedant – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Katastrophe ist privat, und das Private ist nicht politisch.

Dass niemals der Verdacht aufkommt, es könnte anders sein, liegt an Sven Lehmann, der den Gregers ganz dezent und unaufdringlich spielt, so dass die geballte Ladung Wahrheitssehnsucht nicht nur glaubwürdig, sondern regelrecht zwingend erscheint. Lehmanns Gregers ist einer, der von der Ehe seiner Eltern traumatisiert zu sein scheint und seine einzige Lebensaufgabe darin sieht, die Wahrheit ins rechte Licht zu setzen. Dabei wirkt er niemals komisch oder wie die Karikatur eines Pedanten. Gleichzeitig weckt Lehmanns Spiel auch niemals Mitleid für den Mann mit der schweren Kindheit, auf die sonst so gerne verwiesen wird, um erwachsene Menschen von ihrer Verantwortung zu befreien. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Hedvig sich das Leben nimmt. Gregers ist schuld, gerade weil er weiß, was Leid heißt.

Am Ende schleicht Lehmanns Gregers von der Bühne, gebeugt, voran tastend – ganz so, wie es sein erblindender Vater und seine erblindende Halbschwester Hedvig das ganze Stück über tun. Gerade in dieser Schlussszene zeigt sich noch einmal die ganze schauspielerische Brillanz Lehmanns. Eine leichte Wölbung der Schultern und eine knappe Geste des Tastens genügen, und jeder im Publikum weiß, dass der Mann, der Hjalmar sehen machen wollte, in Wirklichkeit der Blinde ist.

Thalheimer setzt damit einen symbolischen Schlusspunkt, der vielleicht zu viel des Guten ist, weil er das eh schon symbolgesättigte Drama überfrachtet. Letztlich kommt mit dieser Schlussszene etwas zum Ausdruck, was die Inszenierung an Gregers brandmarkt: das von Selbstzweifeln freie Selbstbewusstsein, genau zu wissen, was man sehen muss und was man vom Gesehenen zu halten hat.

Vielleicht aber wollte Thalheimer auch gerade einen solchen Impuls provozieren: sich frei zu machen, von den Menschen, die uns sehen machen wollen und vorgeben, den einzigen Weg zur Wahrheit zu kennen. Dann wäre Thalheimer nicht nur ein Theater-Pathologe sondergleichen, sondern auch ein Regisseur, der sich einem Skeptizismus öffnet, wie er derzeit ganz selten auf dem Theater ist. Schließlich würde dieser Skeptizimus davon leben, dass man genau hinschaut. Das Gegenwartstheater will davon meist nichts wissen und drischt mit dem Vorschlaghammer auf uns ein: Seid skeptisch, seid kritisch! Dazu ist Thalheimers Bühnenkunst ohne jeden Zweifel ein wunderbarer Gegenentwurf.


Boulevard

15. April 2010

Theaterpause. Nach den ersten fünf Szenen von Botho Strauß‘ Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau. Neunzig Minuten sind vorbei. Neunzig Minuten folgen. Doch keine Ermüdung angesichts des leichten Spiels. Und vor allem angesichts des Dramas, das endlich wieder einmal zeigt, warum Strauß ein großer Dramatiker ist. Knappe, witzige Dialoge. Spiel im Spiel-Situationen und ironische Durchbrechungen der Illusion. Eine Revue, die durch sieben hervorragende Jazz-Musiker gerahmt und begleitet wird. Und der kleine Philologe im Publikum darf sich auch noch freuen, dass er einige intertextuelle Bezüge entdeckt hat, die er besonders komisch findet.

Der Mann vor mir in der Warteschlange an der Bar raunt seiner Frau zu: „Na ja, ist halt schon ein bisschen Boulevard.“ Sie nickt, zögert und meint dann vorsichtig: „Aber mir hat’s gefallen.“ Er: „Aber Tiefgang hat es nicht.“

Tiefgang. Leichtes Spiel ist keine Schenkelklopfer. Ich musste immer wieder lachen, weil Strauß auf ganz vielfältige Art und Weise Alltagsabsurditäten aufnimmt und weiterspinnt. Bei ihm gibt es keinen running gag, aber immer wieder fällt ein ängstlich oder gar hysterisch gehauchtes „Bald!“ – verbunden mit einer Miene, die die freundlichen Wachturm-Verkäufer aufsetzen, um mein Interesse an der Endzeit zu wecken. In diesem „Bald!“ kommt die ganze deutsche Beladenheit zum Ausdruck, die wunderbare Momente nicht wahrnehmen will. Wer im Alltag „Bald!“ sagt, sagt „Tiefgang“ im Theater.

Am Ende von Leichtes Spiel spricht Cornelia Froboess den Schlussmonolog, bestimmt zwanzig Minuten lang. Ein langer Rückblick auf ein Leben mit seinen Abgründen und seinen schönen Facetten. Aber am Ende steht das Alter, die Entmutigung. Kein Untergang, ein langsamer Niedergang. Froboess‘ Käthchen spricht von einem Leben, das eine Revue war, aber jeder Versuch, die Revue noch einmal zu spielen, scheitert. Der Akku ist leer. Zwanzig Minuten lang ein erlahmendes Aufbäumen gegen die Zeit. Vielleicht war das der Tiefgang, nach dem der Herr sich sehnte. Ich bin auf jeden Fall eingenickt.