Vom Überleben der Intellektuellen

8. September 2012

Gumbrecht hat im FAZ-blog erläutert, warum sich die Intellektuellen überlebt haben. Er beschreibt damit eine Dynamik, die schon vielfach bemerkt und teilweise beklagt wurde. So nach dem Motto: „Die Leute hören ja eh nicht mehr zu!“ Nun ist jedoch die Klage, dass die Leute nicht zuhören bzw. aufmerksam lesen, kaum etwas anderes als die verzweifelte Klage von Eltern über pubertierende Kinder. Als Ursache nennt Gumbrecht hingegen die zunehmende Nötigung zur Parteilichkeit. Sie ist natürlich fatal und macht jeden Versuch, sich Gedanken zur Sache zu machen, platt. Deswegen ist Gumbrechts Perspektive im Vergleich zur lamentierenden die viel überzeugendere.

Ich frage mich nur, ob ergänzend zu seinen Gedanken nicht auch ein anderer Fluchtpunkt möglich wäre: statt des sich Überlebens eine Privatisierung des Denkens, an der diejenigen, die vor wenigen Jahren noch als Intellektuelle begriffen wurden, ihre verbliebenen Leser teilhaben lassen. Ich denke an Hennig Ritters Notizhefte oder an Sloterdijks Zeilen und Tage, in denen ich seit gestern lese. Die große Leistung solcher Bücher besteht darin, dass die Autoren mit ihren Lesern Gemeinschaft herstellen, indem zusammen über Dummheit und Geschwätz gelacht wird. In diesem Sinne ist der Rückzug in die publizierten Notizen zur Zeit nicht weniger als der Versuch, das Überleben zu sichern. Gumbrecht dürfte darin vielleicht einen letzten Fluchtpunkt sehen, quasi ein Klassentreffen der verbliebenen Intellektuellen mit ihren Jüngern. Aber vielleicht ist die Privatisierung gar kein Zwischenschritt zum Verschwinden, sondern lediglich Ausdruck dafür, dass die eigenen Möglichkeiten realistischer eingeschätzt werden.


Kunze-Retro!

19. März 2012

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Lk 2,14) Diesen Satz aus der Weihnachtsgeschichte kennt fast jeder. Heute wird er meist etwas anders übersetzt („bei den Menschen seines Wohlgefallens“), aber das tut nichts zur Sache. Entscheidend ist, dass hier ein deutlicher Unterschied zwischen drei Instanzen markiert wird: zwischen Gott, dem Erzähler und ‚den‘ Menschen. Das geht in der Bibel ganz gut, weil der Erzähler quasi außerhalb des Erdenrunds steht und erzählt, wie Christius in die Welt gekommen ist. Der Erzähler weiß, dass der kleine Junge Jesus der Christus ist – anders als ‚die‘ Menschen, die nur ein Kind in der Krippe sehen würden, wenn die Engel sie nicht belehren würden.

An den Satz muss ich denken, wenn ich an Tagen wie gestern Politiker von ‚den‘ Menschen faseln höre. Sind sie selbst keine Menschen? Meinen sie, dass sie ähnlich wie der Bibel-Erzähler allwissende Wesen sind, die außerhalb des Geschehens stehen?

Man kann dieses Gerede noch steigern, indem man nicht von ‚den‘ Menschen spricht, sondern pars pro toto nur von ‚dem‘ Menschen: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ Wenn irgendein Vertreter der selbsterklärten ‚politischen Klasse‘ so spricht, dann ahmt er nicht nur biblischen Duktus nach und spielt den Seelsorger. Er tut zugleich so, als sei er nicht selbst Teil der Gesellschaft, und diskreditiert sich damit eigentlich als Bürgervertreter.

Kurzum: Mich nervt diese Art des politischen Geredes, weil ich sie als zutiefst undemokratisch empfinde.

Und wenn etwas stört, dann wird man dafür sensibel und stört sich daran immer öfter. Vielleicht ist deswegen bei mir der Eindruck entstanden, dass dieses Gerede erst in den letzten zwei, drei Jahren aufgekommen ist und zuletzt deutlich zugenommen hat. Am Wochenende nun habe ich Volker Brauns Hinze-Kunze-Roman (zuerst 1985) gelesen, in dem der DDR-Funktionär Kunze jenen eben zitierten Satz sagt: „Die Sorge um den Menschen geben wir nicht auf. Sie ist das Herzstück unserer Politik.“ (In meiner Neuausgabe Leipzig 2000, S. 138).

Braun lässt Kunze diesen Seelsorger-Satz sagen, nicht nur um dessen Formelhaftigkeit, sondern auch um die Abgehobenheit der politischen Klasse von der DDR-Bevölkerung bloßzustellen. Aus dem selbsterklärten Menschenversteher wird einer, der die Menschen gerade nicht versteht, weil er deutlich zwischen ihr und sich trennt. Das Gerede demaskiert den Sprecher. Deswegen habe ich mich diebisch über diesen Fund gefreut, weil ich mich in Zukunft nicht mehr über die sprachliche Unbedarftheit von Politikern, die durch ihre Wortwahl gerne innovativ wirken möchten, ärgern muss. Ich werd‘ mir sagen, dass das schlicht Kunze-Retro ist, eine intertextuelle Verneigung vor einem großen DDR-Roman, ein ironisches Augenzwinkern unter Braun-Lesern – und auf einmal wird die Welt viel schöner und bunter sein.


Konjekturale Praxis

10. Januar 2012

Jüngst ist eine Rezension zum Sammelband Konjektur und Krux erschienen, den ich 2010 mitherausgegeben habe. U.a. wird dem Band vorgeworfen, dass versucht worden sei, die „Heterogenität der Beiträge [zu] kaschieren.“ (in: editio 25 (2011), S. 225-230, hier S. 225). Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob es Aufgabe von Herausgebern ist, ‚Homogenität‘ herzustellen und alle Beiträge auf Linie zu trimmen, oder ob es gerade für theoretische Überlegungen nicht vielmehr produktiv ist, wenn unterschiedliche Positionen versammelt werden, um sie kenntlich zu machen und um dadurch Meinungsbildung anzuregen. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden, der Rezensent bevorzugt offenbar den ersten Weg – das ist sein gutes Recht.

Wenn wir vier Herausgeber den Pluralismus der Beiträge aber tatsächlich hätten „kaschieren“ wollen, hätten wir wohl kaum bereits auf der ersten Seite der Einleitung u.a. auf „Reibungsflächen“ hingewiesen und auf das Bemühen, „kontroverse, gleichwohl konstruktive Standortbestimmungen“ vorzunehmen. Wir hätten dann auch nicht Aufsätze, die sich zum Teil explizit widersprechen, nebeneinander publiziert.

Ebenso wie diese Unterstellung hat mich auch die Auseinandersetzung mit den Vorüberlegungen von Uwe Wirth und mir zum Gegenstand des Buches irritiert. Nachdem wir zunächst brav mit „Bremer und Wirth“ genannt werden, geht die Rezension dazu über, für den Beitrag nur noch einen Autor zu nennen: „glaubt Wirth“, „Wirths Plädoyer“ (ebd., S. 226). Damit macht der Rezensent nun gerade das, was eine Konjektur auszeichnet: Aufgrund seines Kontextwissens stellt er eine Vermutung auf, welcher der beiden Verfasser die kritisierte Passage geschrieben haben dürfte. Der Rezensent zeigt damit zweierlei: 1. Sein Autorverständnis sieht kooperative Schreibverfahren nicht vor. 2. Er vertraut seiner Kritiker-Divination. Klassischer Fall von performativem Widerspruch im kleinen Philologen-Stadel.


Sisyphos-Müller

3. Dezember 2011

Vor knapp einem Jahr hat Kristin Schulz eine beeindruckende Sammlung von vier Mp-3-CDs mit 36 Stunden O-Ton von Heiner Müller im Alexander Verlag veröffentlicht. Diese Sammlung ist in den folgenden Monaten mehrfach rezensiert worden – teilweise sogar sehr bald nach dem Erscheinen, so dass ich mich immer wieder gefragt habe, wer die CDs wirklich durchgehört hat; ob also die Kritiker wirklich in der Lage waren, sich ein zuverlässiges Urteil zu bilden.

Letzte Woche habe ich die letzten Tracks gehört – allerdings möchte ich gleich eingestehen, dass ich immer wieder einmal beherzt zum nächsten Track gesprungen bin, wenn mich der aktuelle gelangweilt hat oder er schlicht zu schwer zu verstehen war (die Qualität der frühen Aufnahmen entspricht nicht immer gegenwärtigen Standards). Dazu kommt noch, dass Tracks teilweise sehr umfangreiche Lesungen Müllers von anderen Autoren (Benjamin, Brecht, Kafka) bieten. Das ist vielleicht für den interessant, der gerade eine Studie zu Müllers Rezeption von X oder Y schreibt – aber warum sollte man sich das sonst anhören? Auch wiederholen sich seine Pointen und Analysen auf die Dauer. So kommt denn beim Hören immer mehr der Eindruck auf, dass die Tondokumente zwar auf jeden Fall durch das Heiner-Müller-Archiv hätten zugänglich gemacht werden müssen, aber warum sie auf dem freien Buchmarkt angeboten werden müssen, das leuchtete mir, je länger ich zuhörte, immer weniger ein, obwohl ich nun wirklich die für ein solches Vorhaben notwendige Begeisterung für Müller mitbringe.

Als ich dann aber die letzte CD einlegte, kam auf einmal die große Überraschung. Da ich längst schon nicht mehr in dem hilfreichen Buch zu den CDs nachlas, was mich erwartet, war ich sehr erstaunt, als auf einmal neben der Stimme Müllers eine zweite zu hören war. Die CD macht auf mit einer Brecht-Lesung von Ekkehard Schall und Müller, in der sich Schalls zerbrechlicher Moritat-Gesang und Müllers trockener, emotionsfreier Leseduktus abwechseln, was sehr reizvoll wirkt. Im Anschluss an diese Lesung folgt eine Diskussion, an der u.a. auch der jüngst verstorbene Friedrich Kittler teilnimmt. Es schließen sich kurze Gedicht-Lesungen an, die Müller nach seiner Speiseröhren-OP im Rahmen eines Fernsehgesprächs mit Alexander Kluge gehalten hat. Schließlich sind auch seine letzten öffentlichen Äußerungen wie etwa die Büchner-Laudatio auf Durs Grünbein zu hören.

Diese letzte CD wird damit – vermutlich ungewollt und nur wegen der chronologischen Anordnung der Dokumente – zu einem mehrere Stunden dauernden memento mori. Das geht deswegen so sehr unter die Haut, weil Müller sich nicht mehr mit Zynismus und Sarkasmus panzert. Wenn er im Gedicht über sein Spätwerk nachdenkt, dann geschieht das offensichtlich im Bewusstsein, eine großes (wenngleich auch kein umfangreiches) Werk hinterlassen zu haben. Zugleich stellt er sich aber nicht nur seinem Tod. Er kehrt zu seinen Anfängen zurück, indem er noch einmal betont, dass seines Erachtens nach politisch alles auf die Frage „Selektion oder Revolution?“ hinausläuft. Wie früh er diese Frage schon gestellt hat, wird erst beim Hören dieser CDs wirklich deutlich – und das macht klar, wie sehr Müllers Werk dem des Sisyphos ähnelt. Glücklicherweise scheint er darunter nicht so sehr gelitten zu haben wie sein berühmter Ahnherr.


Neofeminismus

26. November 2011

im Setzkasten – gestern in Osnabrück auf der Bühne.


Kulturwissenschaft und Kulturgeschichte

30. September 2011

Bevor ab Montag wieder über Gelehrte Polemik nachgedacht wird hier noch kurz ein paar Gedanken zu Kulturgeschichte und Kulturwissenschaft, ausgelöst durch einen konzentrierten Sammelband. Leider können die H-Soz-u-Kult-Beiträge immer noch nicht diskutiert werden. Kritik, Widerspruch und Zustimmung deswegen gerne hier!


Betrug?

2. September 2011

Da kann sich die Presseabteilung (oder wer auch immer den Klappentext geschrieben hat) aber freuen: Auf dem Schutzumschlag zu Christoph Heins neuem Buch Weiskerns Nachlass wird erklärt, dass im Roman „ein Panorama der Gegenwart, in dem Fälschung und Lüge selbst die intimsten Beziehungen durchdringen“, entworfen werde. Gestern nahm der Freitag diese Steilvorlage dankbar auf und plappert was von einem „betrogenen Betrüger“, von dem erzählt werde. Geht’s nicht noch ein bisschen größer?

Im Mittelpunkt des Romans steht ein 59 Jahre alter Dozent für Kulturwissenschaften und Literatur in Leipzig, der auf einer halben Stelle herumlungert und sich mit Bologna-Studenten und seinen Studien zu einem Librettisten aus dem 18. Jahrhundert, eben Weiskern, herumschlägt. Der Roman ist, wie man das von Christoph Hein gewohnt ist, souverän erzählt. Er liest sich gut herunter, zwischendurch muss man manchmal zurückschlagen, weil der Erzähler einem eine kleine Erwartungsfalle gestellt hat, und am Ende wartet der Roman mit einem wunderbaren Schlusskapitel auf, dass den Bogen zum Anfang schlägt und die ganze Erzählung allegorisch verdichtet. Soweit so sehr gut.

In der Kritik ist der Roman demenstsprechend auch mehrheitlich gut angekommen. Die Hinweise, dass die Ausführungen zu Weiskern manchmal eine gewisse historische Sorgfalt vermissen lassen (so in der Süddeutschen), könnte man dahingehend ergänzen, dass zwar gern von „Modulhandbüchern“ geschrieben wird, aber normale Uniabläufe Hein offenbar nicht besonders interessiert haben (wo fängt schon ein Seminar zur halben Stunde an?). Auch das Bild, das er von den Studenten zeichnet, ist recht flach. Bei Hein sind sie fast alle auf Äußerlichkeiten bedachte Möchtegernerwachsene – ein Eindruck, den alte Männer zu allen Zeiten von den Studenten gezeichnet haben. Doch so richtig stört all das keinen großen Geist.

Nein, auch die Kritik im Freitag ist an sich gar nicht so verkehrt. Wäre da nicht dieses erhabene Gerede vom Betrug, der nicht nur an der Hauptfigur, dem Dozenten Stolzenburg, stattfinde, sondern auch von ihm ausgehe. Dass er betrogen wird, bzw. versucht wird, ihn zu betrügen, das stimmt. Aber Stolzenburg selbst zu einem Betrüger zu machen, nur weil er sich nach einer massiven und völlig unmotivierten körperlichen Attacke von ein paar gewaltbereiten Gören nicht traut, das einer potentiellen Geliebten zu erzählen – das hat mit Betrug nichts zu tun, sondern mit ganz viel Scham und dem Selbsteingeständnis, es nicht weit gebracht zu haben. Und dass die Dame, der er das zunächst verheimlicht, nichts zu tun hat, als ihm mangelnde Offenheit vorzuwerfen, lässt vermuten, dass ihre Empathiefähigkeit eher unterentwickelt ist. Da kann sie noch so sehr betonen, wie oft sie schon enttäuscht worden sei. Mit Betrug hat das auf jeden Fall nichts zu tun, sondern nur mit dem Wissen, dass die höchstens 14-jährige mit der Schlagkette einem brutal vor Augen führt, wie tief unten man in der Gesellschaft angekommen ist.

Die Stärke von Heins Buch besteht aber darin, dass er seinen Protagonisten nach dem Vorfall und der damit einhergehenden Distanzierung der Fast-Affäre nicht vor Selbstmittleid in seiner kleinen Tragödie vergehen lässt, sondern dass er wieder aufsteht, um weiter an und für seinen Weiskern zu arbeiten, obwohl er weiß, dass es mit der geplanten Edition nichts wird. Gut erzählter Unialltag halt – nicht mehr und nicht weniger.


Aller Welt Freund

23. August 2011

Als ich in diesen Tagen Aller Welt Freund von Jurek Becker gelesen habe, hat mich das Nachwort genervt. „Selbst schuld, wer liest schließlich schon Nachworte!?“, könnte ich mir jetzt sagen. Die Antwort lautet natürlich: zumindest die, die selbst welche schreiben. Doch wie auch immer. Ich habe mich auf jeden Fall geärgert. Denn dieses Nachwort ist typisch für die Auseinandersetzung mit DDR-Literatur. Der Roman erschien Anfang der 80er und im Nachwort zu meiner Ausgabe (Leipzig: Faber & Faber 2002) wird sofort losgelegt mit einer klaren politischen Verortung Beckers zwischen Ost und West:

Auch er ist weggegangen. Auch er hatte in den Siebzigern das eine gegen das andere deutsche Land eingetauscht. Wie manche vor ihm und viele andere nach ihm. In seinem Paß, den für mehr als ein Jahrzehnt noch Farbe und Emblem der Deutschen Demokratischen Republik zieren sollten, befand sich ein Visum, das ihm die unbeschränkte Aus- und Einreise erlaubte. Diesen Paß, ein Privilegium, besaß er, ein für damalige Verhältnisse Privilegierter, seit Anfang der Siebziger. (S. 171)

Als ich das Nachwort las, habe ich mich nicht etwa geärgert, weil einer mit einem Privileg naturgemäß ein Privilegierter ist (und auch nicht über die ach so gebildet daherkommende lateinische Schreibweise). Solche sprachlichen Nervereien passieren schon mal. Nein, es war, weil Beckers kurzer Roman in manchen Situationen nicht nur komisch ist (und dementsprechend ganz und gar unmelancholisch), sondern mir geradezu aktuell erschien (was mir selten passiert und mich eigentlich auch gar nicht so sehr interessiert). Auf jeden Fall: Nichts von Ausreise, Einreise, Stasi, Knast, was weiß ich. Nein, ganz anders. Aus der Ich-Perspektive wird geschildert, wie ein depressiver Redakteur nach einem gescheiterten Suizid-Versuch die ersten Tage verbringt. Aktuell ist der Roman dabei nicht nur, weil man an den Gedanken des Erzählers beeindruckend genau teilhat, sondern weil die Menschen um ihn herum vielfach so unkompliziert sind, geradezu vorbildlich. So geht z.B. der Chef regelrecht freimütig mit den Problemen seines Mitarbeiters um:

Der Mann, von dem ich spreche, ist ein Kollege von Ihnen. […]. Heute nennt er die ganze Geschichte seine depressive Phase. Ich will offen zu ihnen sein, mein Junge: Vor kurzem habe ich ihn gefragt, was für Ratschläge man einer Person geben könnte, der es ähnlich geht wie damals ihm. (S. 156)

Nun kann ich es sehr gut verstehen, dass man in einem Buch, das in einer Reihe namens DDR-Bibliothek erscheint, immer wieder zu historischen Verortungen ansetzt. So wird dann auch in dem Nachwort über Beckers Weggang aus der DDR berichte und über die Schwierigkeiten der Publikation von Aller Welt Freund in der DDR. Aber muss man das wirklich? Kann man nicht einfach mal über ein gutes Buch schreiben, dass es gut ist, ohne zu erwähnen, dass es zu einer Zeit erschienen ist, als zwei deutsche Staaten kooexistierten (kann man sich schließlich ausrechnen), ohne mit dem Zeigefinger auf Beckers gewiss nicht immer leichte Situation hinzuweisen. Weder Ostalgie noch Anklage, das wär’s. Aller Welt Freund ist gerade deswegen ein starkes Buch, weil es weder glorifiziert noch offen kritisiert, sondern den Leser mit diesem Erzähler ganz allein lässt. Und diese Zweisamkeit kommt bestens aus ohne historisches Tralala.