Stille?

11. August 2011

Wenn George Steiner ein neues Buch publiziert, wird es wahrgenommen. Er ist einer der wenigen Philologen, dessen Studien weltweit erfolgreich verlegt werden, dessen Artikel über Fachkreise hinaus breite Resonanz finden. Den Höhepunkt der Wertschätzung in Deutschland erfuhr er vor einigen Jahren, als Außenminister a.D. Joseph Fischer eine Laudatio auf den Komparatisten aus Oxford hielt. In Fachkreisen hatten seine Bücher längst für viel Furore gesorgt und waren breit diskutiert worden.

Ich erinnere hier nur an sein emphatisches Plädoyer für die Präsenz des Kunstwerks in Von realer Gegenwart, das vor nunmehr beinahe 20 Jahren just zu dem Moment erschien, da der postmoderne Diskurs die direkte Beschäftigung mit der Literatur zu überlagern drohte. Steiner misst darin jeglicher wissenschaftlichen Auseinandersetzung etwa mit Literatur einen sekundären Status bei, da sie den Kunstgenuss immer nur vermitteln, bestenfalls erklären, nie aber ersetzen kann. Steiner wurde dadurch zu einem der Wegbereiter der Rephilologisierung, ohne dass man das damals schon so nannte und ohne dass dies später weiter reflektiert wurde.

Irritierend an der öffentlichen Beigeisterung für Steiner ist selbstredend, dass seine Essays und Studien damit faktisch einen performativen Widerspruch bilden, da sie einerseits für das Primäre der Kunsterfahrung plädieren und gleichzeitig selbst Ausdruck eben dieser sekundären Beschäftigung sind. Manche wohlmeinende Kritiker versuchten das dadurch zu retten, dass sie Steiner zum Künstler verklärten. Doch sein zweifellos brillanter Stil sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Tätigkeit weiterhin ‚sekundär’ in seinem Sinne bleibt.

Mich hat diese Diskrepanz von der Lektüre seiner Bücher jedoch nie abgehalten, weil seine Beobachtungen am Text vielfach zum Besten gehören, was man an zeitgenössischen philologischen Studien lesen kann und weil ich angesichts der Breite seiner Kenntnisse immer wieder nur bewundernd in die Knie gehe. Daneben war sein Buch Von realer Gegenwart für mich ein Schlüsseltext, weil in ihm der Dialog zwischen Literatur und ihrer wissenschaftlichen Analyse glückte – das Nachwort zur deutschen Ausgabe hat Botho Strauß geschrieben. Es zählt nach meinem Eindruck zum Klügsten, was in den Jahren nach 1989 an Poetologischem über deutsche Literatur formuliert wurde (leider steht Strauß’ Essay bis heute im Schatten des Anschwellenden Bocksgesangs).

Doch diese individuelle Wertschätzung ändert nichts daran, dass bei der Steiner-Lektüre ein widersprüchlicher Eindruck bleibt, der sich aus der geschilderten Hierarchisierung ergibt und der sich im Fall seines neuen Buches noch verstärkt: Der Titel Im Raum der Stille: Lektüren klingt einfach nur nach Betroffenheitskitsch, nach Selbstfindungsseminar und Meditation. Ihm ist zudem auch wieder ein performativer Widerspruch eigen, denn mit der Publikation wird der stille Raum der Lektüre verlassen und der der Mitteilung betreten, was nicht schlimm wäre, würde hier nicht der Habitus des Gelehrten in seiner Klause gepflegt, die just im Fall Steiners nun so gar nicht passt – gerade weil er ein Philologe ist, der die Öffentlichkeit, die Leser sucht, weil er für das Lesen begeistern will.

Zudem führt der Untertitel Lektüren den Leser auf die falsche Spur, denn in den meisten Artikeln, die Steiner ursprünglich für den New Yorker geschrieben hat, geht es gerade nicht in erster Linie um die Texte, sondern um die Autoren. Steiner beweist in dem Buch eben gerade nicht aufs Neue, dass er ein Meister der Lektüre ist, sondern dass er ebenso beeindruckend in der Lage ist, die historische Spezifik von und die biographischen Momente in literarischen Texten zum Klingen zu bringen. Manchmal ist es auch schlicht eine virtuos arrangierte Blütenlese, ergänzt um einige kluge Überlegungen (wie etwa im Aufsatz zu Karl Krauss und Thomas Bernhard).

Doch so ansprechend Steiners Stil ist und so kenntnisreich sein literarischer Fundus ist, so bleibt bei diesem Buch ein weiteres Problem: Steiner hat die Texte für ein zeitgenössisches Ostküsten-Publikum zwischen 1967 und 1992 geschrieben. Dementsprechend referiert er immer wieder historische Zusammenhänge und Textinhalte – zum Teil mit deutlichem Entdeckergestus. Ein zeitgenössischer deutscher Leser seines bei Suhrkamp publizierten Buches fühlt sich dagegen immer wieder verschaukelt, wenn ihm Dinge mitgeteilt werden, die er längst kennt und vielfach selbst gelesen hat – schließlich müssen weder Bernhard noch Celan irgendwem in Deutschland bekannt gemacht werden, der ein Steiner-Buch kauft.

Zudem sind diese Lektüren zum Teil nicht derart zeitlos, wie es Steiners Texte sonst sind. Das liegt natürlich daran, dass sie ursprünglich für die Zeitung geschrieben worden sind. Doch kann man Texte andererseits auch redigieren. Aber das ist nicht geschehen und deswegen fragt man sich bei der eigenen, nicht stillen, sondern zunehmend grummelnden Lektüre, warum etwa der Essay über Hermann Broch nicht zumindest etwas bearbeitet werden konnte. Weil das nicht passiert ist, reibt man sich nun verwundert die Augen, wenn das gegenwärtige New York mit seinen Punks mit dem Wien der klassischen Moderne verglichen wird. Die Irritation löst sich auf, wenn man im Anhang nachliest, dass der Text erstmals Mitte der 80er publiziert wurde – aber inwieweit kann er dann heute noch Gültigkeit beanspruchen? Zumal er abschließend dazu auffordert im folgenden Jahr – also 1986 – Broch zu lesen. Vermutlich hat sich aus Steiners Sicht dieser Appell inzwischen ja nicht erledigt. Doch warum sollte man das heute tun, wo Punks längst nicht mehr das New Yorker Stadtbild prägen (wenn sie’s denn überhaupt je getan haben)? Steiner hat vor fünf Jahren darüber nachgedacht, dass Denken traurig macht. Lesen manchmal auch.


Blut, Schweiß und ???

20. Juni 2011

Ekkehart Krippendorff hat letztens im Freitag (Nr. 22, S. 15) die Frage aufgeworfen, warum wir im Theater nicht mehr weinen. Ich habe mich natürlich sofort gefragt, wann ich zum letzten Mal im Theater geweint habe. Wenn mich meine Erinnerung nicht völlig täuscht, ist das schon sehr lange her. Ich war acht Jahre alt, als Winnetou direkt vor meinen Augen auf der Freilichtbühne in Elspe erschossen wurde. Ich kämpfte mit den Tränen, hatte sie aber noch unter Kontrolle. Winnetou wurde abgedeckt, Old Shatterhand trat an den Bühnenrand und hielt eine Trauerrede. Er schloss mit den Worten: „Winnetou ist tot, aber in unseren Herzen lebt er weiter.“ Und in dem Moment ritt Winnetou wieder am oberen Rand der Freilicht-Bühne hervor. Da konnte ich nicht mehr – zumal natürlich punktgenau die Winnetou-Melodie von Martin Böttcher erklang.

Ich erzähle das hier nicht, weil ich mich über Krippendorf lustig machen will. Ich finde Wirkungsästhetik in vielerlei Hinsicht eine spannende Sache. Aber mir fiel diese Situation sofort ein, weil sie zeigt, dass es solche und solche Tränen gibt: Krippendorf meint, wenn er von Tränen spricht, Lessings Mitleidsästhetik. Sie ist im Kern eine politische Theorie. Meine Tränen aber hatten mit Mitleid in diesem Sinne nichts zu tun, sondern mit Traurigkeit und Rührung durch Pathos. Die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen sind natürlich nicht immer klar zu ziehen, aber ich bin mir schon sicher, dass ich kein Mitleid fühlte bei meinem Tränenausbruch. Ich weinte auch nicht, weil ich in Winnetous Tod sowas wie das Ende der Humanität symbolisiert sah. Ich weinte, wie andere in Titanic weinten.

Es gibt also unterschiedliche Motivationen für Tränen. Und es gibt auch sowas, das vielleicht Tränen-Konjunkturen genannt werden könnte. Das Beispiel, das Krippendorf nennt (die Reaktionen auf Schillers Räuber), stammt aus einer Zeit, als es eine ganz andere soziale Akzeptanz von Tränen im Theatersaal gab als heute. Wer heute medial zu großen Emotionen angeregt werden will, dem fällt nicht gleich das Theater ein. Meistens legt er eine DVD ein. Das war im 18. und 19. Jahrhundert selbstredend nicht möglich und so ging man dafür ins Theater. Man kann also beklagen, dass das Theater in diesem Bereich seine Vorherrschaft an den Film abgegeben hat. Die Frage ist nur, ob Krippendorffs Hinweise damit schon erledigt sind.

Im Kern formulieren sie nämlich ein ganz anderes, ein strukturelles Problem jenseits des Medienwandels. Der Hinweis auf die Tränen des 18. Jahrhunderts mag dem ersten Eindruck nach erscheinen wie eine um ein paar Aspekte der Wirkungsästhetik erweiterte Werktreue-Debatte. Doch darum geht es nicht. Krippendorf hat sehr präzise zur Kenntnis genommen, dass die derzeit erfolgreichen Theatermodelle just der Gegenentwurf zum oben skizzierten Theaterverständnis sind. Sie firmieren vielfach unter dem Schlagwort ‚Diskurs‘. Auch dazu gibt es derzeit, gegen Ende der Theatersaison, zahlreiche Überlegungen. So hat diese Woche dradio Kultur einen Beitrag über das Theater als „Theorie-Tanker“ gesendet.

Krippendorffs Artikel wirft letztlich nichts anderes als die Frage auf, warum dieses Theater entgegen seinem Anspruch kaum politische Wirkung zeitigt. Seine Antwort lautet schlicht, dass politische Wirkung ohne emotionale Beteiligung kaum erreicht werden kann. Das ist bestimmt ein berechtigter Einwand. Das Problem seiner Kritik scheint mir nur zu sein, dass es anders als zu anderen Zeiten im Moment sehr schwer zu sagen ist, wie sowas wie eine Emotionalisierung des Theaters erreicht werden kann.

Der ‚Theorie-Tanker‘ ist schließlich nicht selten eine Mischung aus antimimetischer Ästhetik und einer Portion postmoderner Ironie. Die meisten Theatererfolge feierte er letztlich schon in den 1990er Jahren. Wenn man sich an sie erinnert, sollte man nicht so tun, als wären sie ohne emotionale Beteiligung ausgekommen. Aber sie setzten eben nicht auf Gefühle, die man vielleicht auf den gemeinsamen Nenner ‚Mitleid‘ bringen kann, sondern eben auf ironische Distanzierung.

So gesehen zielt der Angriff Krippendorffs eben doch ins Leere, weil er unterstellt, dass die Theatermacher Gefühle einfach außer Acht ließen. Aber so einfach ist das nicht. Vielleicht findet sich derzeit schlicht kein gemeinsamer Nenner, so dass alles disparat erscheint und weder eine neue Tränen-Konjunktur am Horizont heraufzieht, noch von den Harald Schmidts des Theaters die alte Strahlkraft ausgeht.

Eine Lösung könnte vielleicht eine Rückbesinnung auf eine möglichst vielfältige, den Zuschauer durch den Reichtum der Ideen überfordernde Ästhetik sein, die dem Diskurs ebenso wie dem Mitleid eben nicht absagt, aber auch nicht das eine oder das andere in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Ästhetik versucht eben gerade nicht, primär durch die Referenz auf das Außerhalb des Theaters zu überzeugen, sondern dadurch, dass es eine im besten Sinne des Wortes phantastische Gegenwelt erzeugt. Kulturwissenschaftler würden eine solche Form des Theaters mit Foucault vielleicht als Heterotopie bezeichnen.

Anlass für diesen Gedanken war die Uraufführung von Tom Peuckerts Gedächtnisambulanz in der Regie von Patrick Schimanski. Was da in Bielefeld geleistet wurde, war nicht weniger als ein surrealer Theaterabend, dessen Stärke gerade darin bestand, dass er so vielfältig war, dass wohl in jedem Zuschauer andere Assoziationen ausgelöst wurden und so die emotionale Beteiligung auch ganz unterschiedlich ausfallen konnte. Als die Zuschauer aus dem Theater traten, schienen einige noch ganz betroffen zu sein, andere angesichts der Bilderflut erschlagen, andere wiederum sprachen über eigene Erfahrungen mit Demenz-Kranken. Und der kleine Philologe freute sich zudem noch über die mal versteckten, mal offensiven Anspielungen auf die große und kleine Literatur in Peuckerts kurzem Stück.

Vielleicht besteht die große Herausforderung des Theaters eben darin, dass es nicht überlegt, ob es die großen Gefühle an- oder ausschalten soll, sondern darin, Theater so zu machen, dass die, die Gefühle anschalten wollen, das auch tun können, während die, die es nicht wollen, sie auch ausgeschaltet lassen können, ohne sich gleich über die ‚Anschalter‘ lustig machen zu müssen.


Autorschaft

19. März 2011

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder in der wiederholt gerühmten, von Peter Villwock besorgten Ausgabe von Brechts Notizbüchern (Bd. 7, Notizbücher 24 und 25, 1927-1930) gelesen. Die Ausgabe ist in jeder Hinsicht eine Wucht: Sie bietet Einblicke in Brechts Arbeitsweise – etwa in die Entwicklung des Fragment gebliebenen Fatzer. Es zeigt aber ebenso auch, wie sich bei Brecht Ideen und Konzepte (etwa zum Ruhm oder zur Theaterkritik) entwickeln. Gleichzeitig ist der Band aber auch so gelungen, weil die Kombination aus Transkription und Reproduktion keine Wünsche offen lässt und sich zudem im Anhang Kommentare finden, die im Netz fortgeschrieben werden. Vorbildlicher kann man eine Edition derzeit nicht veranstalten.

Die Ausgabe wirft eigentlich nur eine Frage auf: Warum geht es nicht immer so durchdacht und überzeugend im Hause Suhrkamp zu? Wohl gemerkt: Ich meine nicht, dass jede Edition derart ausführlich und umfassend sein kann. Aber man wundert sich schon sehr oft, wie dort mit so manchem Hausautor nach seinem Tod verfahren wird. Zum Teil werden geradezu fahrlässig Texte in kaum überzeugende Ordnungsmuster gepresst, wie in der Heiner-Müller-Werkausgabe. Zum Teil wird offenbar alles oder zumindest fast alles, was sich irgendwo und -wie findet, publiziert, ohne dass richtig deutlich wird, inwieweit das Material für die Öffentlichkeit vorgesehen war.

Diese Praxis ist freilich nicht frei von Ironie. Henning Ritter hat darüber in seinen Notizheften, die vorgestern mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden, nachgedacht (S. 332):

Keine Generation von Autoren hat ihre Autorschaft so ausgeschöpft wie jene Franzosen, die den Tod des Autors ausgerufen und den „Diskurs“ an seine Stelle gesetzt haben. Zu ihrem archivierten Nachlaß gehört nicht nur jeder Zettel, den sie beschrieben, sondern sogar ihre Stimme, das Flüchtigste der Selbstäußerung. Foucault, Barthes, Deleuze – sie werden von einer Generation von Schülern, meist selbsternannten, ediert, die sich autodidaktisch nichts anderes angeeignet haben als das Handwerk, ihre Meister zu edieren. Es sind nicht Schüler, die eine Lehre weitergeben, sondern solche, die das verlassene Feld der Autorschaft weiter pflegen.

Die hier von Ritter beschriebene Dialektik von Literaturtheorie und Editorik wirft nur die Frage auf, ob sie nicht ein Dilemma beschreibt, in dem jede Ausgabe steckt. Wie soll ich einen Text edieren, ohne dem Konzept ‚Autorschaft‘ zu frönen?


Beschleunigung

7. Januar 2011

Ein kurzes Posting, um die Verbreitung eines Artikels ein wenig zu beschleunigen …


Forschungsbilanzen

20. November 2010

In den vergangenen Tagen sind aus verschiedenen europäischen Ländern Nachrichten eingegangen, die vermuten lassen, dass die sog. Haushaltskonsolidierung sich jetzt die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche sowie die kulturwissenschaftlichen Institute vornimmt. In Österreich, Großbritannien, Italien und Frankreich vor allem.
In Deutschland scheinen die Regierungen in Bund und Land da noch etwas defensiver zu sein.

Hier geht es zwar landauf landab den Theatern und Museen ans Leder. Nicht schön, aber da unser aller Schutzpatron St. Florian und nicht St. Martin ist, sind wir ganz still und brav. Schließlich kommt bald St. Nikolaus und dann bekommen nur die lieben Kinderchen Nüsschen und Äpfelchen. Und Solidarität kann man schließlich auch dadurch bekunden, dass man im Netz virtuelle Unterschriftenlisten signiert. Hab ich auch schon gemacht letzte Woche.

Für die Politik aber ist das gegenwärtige Nicht-Sparen auch deswegen eine tolle Sache, weil sie so ihre Forschungsbilanz im EU-Vergleich aufbessert, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Die Pressesprecher in den Ministerien können schon mal die entsprechende Mitteilungen vorbereiten: Deutsche Forschunsbilanz im EU-Vergleich deutlich verbessert!


Bibliothekswandeln

6. November 2010

Während des Studiums bin ich samstags nach dem Frühstück gerne in die Bibliothek gefahren (die SUB in Göttingen, damals war der Neubau gerade so alt, dass die Kinderkrankheiten durch waren – also eine faktisch perfekte Bibliothek). Nachdem ich ein paar Dinge nachgeschlagen hatte, bin ich dann gerne durch die Gänge gegangen und habe Bücher und vor allem Fachzeitschriften ganz unterschiedlicher Diziplinen in die Hand genommen, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Das war manchmal frustrierend, weil man merkte, wie wenig man kennt und weiß. Aber es war auch unheimlich spannend – eine banale wie überraschende Weise, ganz unterschiedliche Bücher kennenzulernen. Gegen 15:30 bin ich dann in eine der nahe liegenden Kneipen gegangen, Premiere gucken.

In der letzten Ausgabe von „Forschung und Lehre“ in der FAZ (3.11.2010, Nr. 256, S. N5) hat Thomas Ewald beklagt, dass niemand mehr durch die Bibliotheken schlendere und in ihren Beständen stöbere. Das liege auch daran, dass die Bibliotheken immer nutzerfreundlicher würden und die Wege zum Buch, angefangen mit der Recherche, immer kürzer. Der Zufallstreffer werde minimiert.

Das ist natürlich naiv. Zunächst wird faktisch der Zufall bei der Recherche meistens nicht reduziert, weil viele Bibliotheksbenutzer die Filter nicht präzise genug bzw. schlicht falsch einstellen. Und wer ein Buch sucht, der möchte es in der Regel auch lesen und zwar mit möglichst wenig Aufwand. Wenn also im kommenden Jahr tatsächlich einige Bibliotheken die RFID-Technik einsetzen, um den Nutzer direkt zum Buch zu navigieren, dann ist das doch eine sehr kluge Sache, finde ich.

Wie oft ist ein Buch schlicht verstellt? Wie oft habe ich schon in einer fremden Bibliothek gestanden und wollte nur ganz schnell etwas nachschlagen? Nun wird man tatsächlich nicht mehr genötigt, die Regalmeter abzugehen, die gar nicht interessieren, sondern findet gleich das Objekt seiner Wissensbegierde.

Den Glücklichen, die die Zeit zum Stöbern weiterhin haben und die sich gerne vom bibliothekarisch organisierten Prinzip Zufall lenken lassen, die müssen ja nicht auf die RFID-Navis zurückgreifen. Beim Autofahren gibt’s ja auch keine Navi-Pflicht. Und wenn ich meine Sonntagserfahrungen hochrechne, gibt es immer noch sehr viele Menschen, die beispielsweise am Tag des Herrn völlig unmotiviert durch die Gegend schleichen und den Ausblick in die Herbstlandschaft genießen. Da werden sich von Zeit zu Zeit gewiss auch ein paar Bibliothekswandler finden.


Gelehrtenrepublik heute

8. Oktober 2010

Wenn ich irgendwo das Wörtchen ‚gelehrt‘ sehe, dann freue ich mich immer und denke: Hey, da ist ein Verwandter im Geiste. Von ‚gelehrt‘ spricht schließlich kein Mensch mehr. Nur noch irgendwelche seltsamen ‚Frühneuzeitler‘ wie der Verfasser dieser Zeilen, der seine Studenten von Zeit zu Zeit mit Texten nervt, die eigentlich kein Mensch mehr liest. Dass niemand (bzw. eben kaum jemand) von ‚gelehrt‘ spricht, ist auch ganz plausibel, weil die, die das Wort verwenden, damit in der Regel einen Bildungsstand markieren, den es in dieser Weise nicht mehr gibt: nämlich die Gelehrten der Frühen Neuzeit und der Aufklärung.

Dass diesen Gelehrten bis heute so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, liegt unter anderem daran, dass sie eine eigene, quasi virtuelle Republik hatten, die Gelehrtenrepublik (république des lettres bzw. res publica litteraria), in der eigene Gesetze und Modi des vergleichsweise freien Meinungsaustauschs herrschten, während in den realen Staaten noch Könige und Kirchenleute regierten, die nicht gerade freundlich auf Meinungspluralismus reagierten. Dieser vergleichsweise liberale Umgang miteinander ist der politische Grund für das Interesse an dieser Republik. Viele sehen in der Gelehrtenrepublik eine Art Vorläufer des bzw. Vorbild für den Republikanismus.

In der Aufklärung etwa haben sich bekennende Republikaner schon früh für den freien Zugang zur Bildung eingesetzt. Der wie immer kluge Robert Darnton hat daran jetzt erinnert, und ich muss schon gestehen, dass ich ein wenig neidisch bin, auf was für weise Staatsgründer die Amerikaner zurückblicken können. Darnton verbindet seine Hinweise auf Jefferson und Franklin mit Überlegungen für eine nationale digitale Bibliothek und er schließt pathetisch:

By creating a National Digital Library, we can make our fellow citizens active members of an international Republic of Letters, and we can strengthen the bonds of citizenship at home. We can find the money and the skill, but can we find the will?

Klingt toll, oder? Ich bin bei so viel Bildungsoptimismus immer ganz angetan. Da weiß man endlich mal wieder, für welche Programme es sich zu engagieren lohnt. Über den Aspekt der Bürgerbildung habe ich beispielsweise bei den ganzen Debatten um Open Access noch gar nicht nachgedacht und dem ersten Eindruck nach, muss ich Darnton da voll und ganz zustimmen.

Nur frage ich mich gleichzeitig, was seine Mitbürger zu so einem Programm wohl sagen würden, wenn man es ihnen zum Beispiel beim Einkaufsbummel in der Innenstadt vorstellen würde – man wünscht sich ja ein emphatisches „awesome“. Aber vorstellen kann man sich das nicht.


Unbedingte Universität III

21. September 2010

In der an dieser Stelle schon wiederholt erwähnten Reihe Unbedingte Universität des Diaphanes-Verlags ist auch ein Heftchen mit dem Titel Jenseits der Exzellenz. Eine kleine Morphologie der Welt-Universität von Jan Masschelein und Maarten Simons erschienen. Das Buch bietet in der ersten Hälfte eine präzise Analyse der dominierenden politischen Diskurse, namentlich der EU-Leitlinien für die Hochschulpolitik. Diese Analyse zeigt detailliert, wie sehr Bologna einen Bruch mit der europäischen Bildungstradition markiert.

Doch deutet schon dieses knappe Zusammenfassung auch die Kritik an, die man gegen das Büchlein vorbringen kann. Es ist nämlich schlichtweg undifferenziert und teilweise auch naiv. Zunächst ist es natürlich purer Eurozentrismus, wenn man EU-Verlautbarungen untersucht und im Titel von der Morphologie der Welt-Universität spricht.

Dann wird man selbstverständlich ‚dem‘ europäischen Bildungssystem nicht gerecht, wenn es nicht differenziert wird. Es gibt schließlich ganz unterschiedliche Universitätssysteme, die auf zwei grundlegend differente zurückgehen – nämlich auf das humanistisch-lutherische und das humanistisch-jesuitische Bildungsprogramm, das dann in der Frühen Neuzeit vielfach ausdifferenziert wurde.  Bildungstheoretiker – zumal wenn sie in Belgien forschen, das gewissermaßen an der Nahtstelle zwischen beiden Systemen steht – sollten das eigentlich deutlicher machen. Die Idee von Bologna war ja gerade die Vereinheitlichung und Anpassung einer sehr vielfältigen Hochschullandschaft, um europaweite Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Bologna ging es also gewissermaßen um ein groß angelegtes Artensterben und den Aufbau von Monokulturen – also um das, was die EU im Agrarsektor schon so erfolgreich betrieben hat. Demnächst kommt dann bestimmt die gen-manipulierte Bildungspolitik! Auf das Büchlein gemünzt aber heißt das: Wer diese Artenvielfalt nicht darstellt, der entzieht sich selbst die Grundlage, eine überzeugende Verlustgeschichte zu schreiben.

Schließlich stimmen Masschelein und Simons ein politisch motiviertes Loblied auf die Vorlesung an. Sie begründen dies nicht pädagogisch, sondern bemühen sich in Rückgriff auf Foucaults Heterotopie-Konzept darum, die Vorlesung als einen Ort des gemeinsamen leidenschaftlichen und tendenziell auch subversiven Denkens wiederzugewinnen:

Öffentliche Vorlesungen sind deshalb mit dem Entstehen eines neuen Bewusstseins verbunden oder mit einem Überraschen des Selbst, das die eigenen privaten Angelegenheiten übersteigt, dadurch dass Dinge zu einer öffentlichen Angelegenheit werden. Die Magie der Vorlesung kommt vielleicht dem nahe, was Latour ein „kollektives Experiment“ nennt. (S. 68)

Diese Begeisterung für die Vorlesung teilen ja bekanntlich nicht viele Menschen mit den beiden Autoren. Einmal davon abgesehen, dass Masschelein und Simons stillschweigend voraussetzen, dass die Vorlesung nicht etwa eine bloße Wiedergabe von Fakten ex cathedra ist (was sie in der guten alten Zeit freilich meist gewesen sein dürfte), finde ich an ihrem Vorschlag noch viel irritierender, dass der Erfolg ihres Konzepts vom sich öffnenden Raum des Denkens mit dem Charisma des Dozenten und der Aura der Veranstaltung steht und fällt. Charisma aber ist keine gute Voraussetzung für Kritik, und es stellt sich zudem die Frage, wie man eine solche Aura an einer normalen Massenuniversität schaffen soll. Oder wollen Masschelein und Simons zurück zur Gelehrsamkeit für ganz wenige, die zudem auch noch massiv alimentiert werden, wie das in Mittelalter und Früher Neuzeit oft der Fall war? Wohl kaum!

Es ist gewiss nicht immer verkehrt, sich an der Geschichte zu orientieren. Aber im Hinblick auf die Zukunft der Universitäten bietet ein Mischmasch aus ein paar poststrukturalistischen Ansätzen und einer Beschwörung der Zeit vor dem Sündenfall kaum Perspektiven für die Zukunft!