Verhunzung und Übersetzung

27. September 2015

Verehrter Herr Doktor
Ich mag mein Deutsch nicht verhunzen lassen, und was ich bisher von Übersetzungen erlebt habe, habe ich als Verhunzung empfunden. Ich will auch mein Theil dazu beitragen, daß die Ausländer Deutsch lernen; deshalb gebe ich mir Mühe, mein Deutsch lesbar zu machen. Was ich nicht hindern kann, kann ich nicht hindern – aber mit meiner Autorisirung erscheint keine Übersetzung. Von Ihrem geschäftlichen Standpunkt aus kommt mir eine solche auch nicht erstrebenswerth vor.

Julius Wellhausen an Walter de Gruyter, 3.XI.1904

Als ich diese Abfuhr Wellhausens an seinen Verleger las, wurde mir erst deutlich, was es heißt, wenn man manchmal liest, dass vor hundert Jahren Deutsch vielleicht nicht die, wohl aber eine wesentliche Wissenschaftssprache war. Sich einer Übersetzung verweigern – das würde heute niemand ernsthaft erwägen und erst recht nicht von den Lesern erwarten, dass sie Deutsch lernen. The Times they are a-changin’.


Unzeitgemäßes

22. September 2015

Das Unzeitgemäße zu sagen, freilich nicht à la Nietzsche, ist Noblesse.

Julius Wellhausen an Adolf von Harnack, 5.II.1907

In Briefen bzw. Mails von Kollegen liest man derartige Bonmots auch heute. Damals wie heute ist es nicht die noblesse de robe, die Unzeitgemäßes sagt und schreibt, sondern die noblesse de cœur. Der aber fiele es nie ein, sich selbst so zu nennen.


Grammatik statt Humanismus

20. September 2015

Veni creator spiritus: er ist uns mehr wie je entschwunden. Ich glaube, es kommt nicht viel darauf an, wann das Griechische angefangen wird und ob auch die Juristen und Mediciner dazu gezwungen werden. Wenn es nur gründlich getrieben wird! Das geschieht nicht, wenn das Schwergewicht von der Grammatik weg auf den Humanismus gelegt wird. Caviar für die Jugend! Ich habe kein Zutrauen zu diesem Surrogat der verlorenen Religion, so wenig wie zu den anderen: Ideal-, Wagnerian-, National-, Vegetarian-, Kneippian-, Irvingian-ismus etc. Die alten Lateinschulen hatten den Vorzug größerer Freiheit und festerer Traditionen, selbst wenn man Griechisch erst auf der Universität lernte.

Julius Wellhausen an Adolf von Harnack, Pfingsten 1900.


„Was Frauen schauen“

17. September 2015

Letzte Woche habe ich Jonathan Safran Foers Extrem laut und unglaublich nah gelesen und mir gleich auch die Verfilmung mit Tom Hanks und Sandra Bullock besorgt. Auf der Schutzfolie der DVD prangte ein runder Aufkleber: „Was Frauen schauen“.

Was soll das sagen?
Vielleicht: In dem Film geht es um Themen, die Frauen interessieren?
Vielleicht auch: Die Film-Ästhetik ist irgendwie ‚weiblich‘?

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Über das bescheuerte Gendering der Werbeindustrie ist in den letzten Jahren schon viel geschrieben worden. Das will ich hier nicht wiederholen, auch wenn mich rosa Überraschungseier, Lego Friends und vermeintliche „Frauen“-Romane immer noch fassungslos machen. Der Aufkleber bestätigt diesen Eindruck, weil er im Hinblick auf den Film schlicht sinnlos ist. Erzählt wird die Geschichte von Oskar, der einige Dinge über seinen Vater herauszubekommen versucht. Der Vater ist 9/11 im World Trade Center gestorben. Oskar hatte ein sehr intensives Verhältnis zu seinem Vater. Der Film hat zwar (wie der Roman) ein einigermaßen versöhnliches Ende, aber er verhandelt weder Themen, die Männer weniger interessieren als Frauen, noch ist die Darstellungsweise irgendwie ‚weiblich‘ (wobei mir da vielleicht auch schlicht die Phantasie fehlt, wie das aussehen könnte).

Warum also dieser Aufkleber? Natürlich hätte ich es besser gefunden, wenn statt „Was Frauen schauen“ auf dem Aufkleber gestanden hätte: „Nach dem Roman von Jonathan Safran Foer“. Das wäre aus meiner Sicht auch deswegen angesagt gewesen, weil sein Name auf dem durchaus textlastigen DVD-Cover nicht zu finden ist. Dass sich die Werbeleute anders entschieden haben, sagt viel über den Status des Autors im Film aus.

Ich habe am letzten Freitag im Theater Osnabrück eine Inszenierung von Foers Roman gesehen. Sein Name war sowohl im Spielplan als auch auf dem und im Programmheft präsent. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, nur die Namen der Regisseurin (Annette Pullen!) und der Schauspieler zu nennen und dann auf die Werbeplakte für die Inszenierung „Was Frauen schauen“ zu texten. Doch habe ich mich nicht nur über mangelnde Anerkennung von Foers Werk geärgert. Er wird für die Rechte königlich honoriert worden sein, so dass diese Petitesse gewiss abgegolten ist. Nein, vielmehr geärgert hat mich, weil dadurch wichtige künstlerische Dimensionen des Films unterschlagen werden – also z.B. wie sich der Film zum Roman verhält (mal ganz davon abgesehen, dass der Roman seinerseits eine Verneigung vor Grass‘ Blechtrommel ist, was wiederum der Film unterschlägt).

Durch „Was Frauen schauen“ wird der Film auf eine völlig abwegige Rezeption reduziert und in seinem künstlerischen Anspruch verachtet. Der Aufkleber gendert also nicht nur unangemessen einen guten Hollywood-Film und diskriminiert Männer, indem er behauptet, dass sie sich für die Themen, die in dem Film verhandelt werden, nicht interessieren. Vor allem spricht aus ihm fehlende Wertschätzung für die künstlerische Leistung des Films selbst. Das nennt man wohl Bärendienst.

 


Liebeserklärung

16. September 2015

Anfänge wollen erklärt sein; hatte man schon die Idee, als Liebeserklärung die Philologie zu übersetzen?

Martin A. Hainz: Anfangen, in: Weimarer Beiträge 60 (2014), S. 452-463, hier S. 456.


Schon wieder Theater

12. September 2015

War gestern schon wieder im Theater bzw. stand am Ende davor und sah zwei Astronauten, hinter denen getanzt wurde. Einen Schnappschuss konnte ich davon auch machen.

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Was sonst noch zu sehen war (sehr viel!), habe ich bei nachtkritik geschrieben.


„Jungwissenschaftler“

10. September 2015

Lese eben in den „Bildungswelten“ der heutigen FAZ (Nr. 210, 10.9.2015, S. 6; leider derzeit nicht online) einen Artikel von Michael Hartmer, dem Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes. Er schildert präzise die derzeitige Beschäftigungssituation an deutschen Hochschulen und macht Hoffnung, dass sich „die Chancen des wissenschaftlichen Nachwuchses, Wissenschaft zum Beruf zu machen, erheblich verbessern.“ Die Zustände meint er mit folgendem Beispiel zu veranschaulichen: „Dem Arbeitsgericht in Gießen lag vor kurzem der Fall eines Jungwissenschaftlers vor, der nach nicht weniger als 16 Befristungen auf Entfristung klagte.“ Der ‚Jungwissenschaftler‘ geht übrigens auf die 50 zu.


Wiederlesen

9. September 2015

Wie sehr es sich lohnt, ein gutes Buch nicht nur einmal zu lesen, wird oft betont. Das ist natürlich nicht nur bei Büchern so, sondern auch bei Filmen, Serien, Theateraufführungen sowie bei besonderen Ereignissen. Als ich vor einigen Monaten angefangen habe, The Wire erneut zu schauen, ist mir erst aufgefallen, wie sehr die ganze Serie von Beginn an durchkomponiert ist und wie sehr schon zu Beginn Handlungsfäden und Motive angelegt sind, die erst viel später, teilweise sogar in späteren Staffeln wieder aufgeommen werden. Dass mir das jetzt klar wurde, lag daran, dass ich nun schon wusste, wie die Handlung verläuft, und mich darauf wohl nicht mehr so konzentriert habe, sondern meine Aufmerksamkeit mehr auf Details richten konnte.

Ähnlich verhält es sich, wenn man an einen Ort kommt, den man schon kennt und an den man bemerkenswerte Erinnerungen hat. Das können Sehenswürdigkeiten oder Naturschauspiele sein. Vor allem aber gilt das, so mein Eindruck, für Orte, die für den Besuch konzipiert sind – wie Museen oder Galerien, vielleicht auch öffentliche Plätze und Parks. Dorthin geht man auch beim zweiten oder dritten Mal sehr gern, weil man immer wieder Neues zu entdecken hofft. Mein Lieblingsmuseum ist das Berliner Naturkunde-Museum, dessen Weiterentwicklung ich seit vielen Jahren verfolge und das ich immer besuche, wenn sich dazu irgendwie die Gelegenheit bietet.

IMG_3353IMG_3388IMG_3361Anders verhält es sich, so mein Eindruck, wenn man seine eigenen Bücher, Aufsätze oder Kritiken nach einer Weile wieder in die Hand nimmt. In den meisten Fällen scheint es mir so zu sein, dass man mit dem, was man früher mal geschrieben hat, sehr unzufrieden ist. Das kennt jeder, der im Keller schon mal alte Schulhefte aus der Abi-Zeit oder die ersten Arbeiten aus dem Studium in die Hand genommen hat. Hefte und Mappen aus der Grunschulzeit sind noch niedlich. Für Ergüsse, die man als Erwachsener verbrochen hat, fühlt man sich hingegen zeitlebens verantwortlich, auch wenn das Verbrechen vielleicht längst verjährt ist.

Hinzu tritt noch eine zweite Erfahrung – nämlich die, dass man nicht nur die eigenen Gedanken banal und schlecht formuliert findet, so dass man sich dafür schämt, sondern dass zudem die Erinnerung an die Ereignisse um den Text herum wieder aufkommen.

Gestern habe ich einen Vortrag wieder gelesen, den ich vor sehr langer Zeit auf einer Tagung gehalten habe. Ich suchte darin nach einigen Informationen, von denen ich wusste, dass ich sie seinerzeit im Manuskript notiert hatte. Interessanterweise konnte ich mich zunächst gar nicht auf den Aufsatz selbst konzentrieren Als ich ihn auf dem Bildschirm aufrief, fiel mir erst einmal ein sehr unangenehmer Moment ein: ein Frühstück an einem Morgen der Tagung im Hotel „Stadt Hannover“ in Göttingen (an sich eine schöne Erinnerung, da es keins dieser sterilen Tagungshotels ist). Ich setzte mich an den Tisch eines französischen Kollegen. Zu meiner Überraschung sprach er weder Deutsch noch Englisch (auf der Tagung war am ersten Tag nur auf Deutsch und Englisch vorgetragen worden) und seine Bereitschaft, sich auf mein radebrechendes Minimal-Französisch einzulassen, bewegte sich an der Grenze zur Unhöflichkeit.

Das fiel mir also wieder ein, als ich den Aufsatz in einem seit Ewigkeiten nicht mehr geöffneten Ordner aufrief und noch bevor ich mich in dem Text auf die Suche nach der Information machte. Deswegen war ich dann beim Durchblättern auch erst einmal etwas unkonzentriert. Immer wieder tauchten Erinnerungen an die Tagung auf. Nur langsam begann ich zu lesen, und allmählich machte sich Überraschung breit über das, was ich da las.

An viele Details konnte ich mich gar nicht mehr recht erinnern. Es ging mir also ganz anders als beim Wiedersehen von The Wire. Meine eigenen Gedanken waren mir vielleicht nicht unbekannt, überrascht war ich über das, was da stand, nicht. Aber alles schien mir gewissermaßen abgelegt. Ganz so, als habe mein Gehirn sich gesagt, dass es sich das nicht alles merken muss, da das ja alles schon aufgeschrieben ist und also gut wiedergefunden werden kann. Die übliche Scham-Erfahrung setzte nicht ein, sondern vielmehr die Freude darüber, dass das damals Geschriebene gar nicht so dumm war, wie ich zunächst befürchtet hatte.

Die Frage, die ich mir nun seit gestern stelle, ist, ob der Aufsatz einfach eine glückliche Ausnahme von der Regel ist, dass man die eigenen Texte später für ziemlich belanglos hält. Vielleicht war ich schlicht milde mit mir gestimmt, weil ich mich daran erinnerte, wie tapfer ich das unangenehme Frühstück vor dem Vortrag überstanden hatte?

Vielleicht aber ist der Aufsatz auch gar keine Ausnahme und ich meine alten Texte einfach mal wieder lesen. Vielleicht mache ich dann ähnlich gute Erfahrungen wie im Frühjahr, als ich The Wire erneut gesehen habe.

Vielleicht aber richte ich mich auch bequem in meiner Erinnerung an diesen einen Morgen ein, als ich diesen einen Aufsatz wieder gelesen habe, und verkläre ihn zu einem wunderschönen Morgen, den Morgen einer kleinen Entdeckung.