Archivpluralismus

3. Mai 2010

Marcel Lepper, Leiter der Arbeitsstelle ‚Geschichte der Germanistik‘ in Marbach,  hat 2008 die Frage gestellt: Zu welchem Ende sammelt und ediert man Vorlesungen aus Wissenschaftlernachlässen? (in: Geschichte der Germanistik 33/34, S. 48-56). In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Trajekte des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung zeigt Herbert Kopp-Oberstebrink, dass diese Frage schon vor über hundert Jahren aktuell war.

Unter dem Titel „Archive für Litteratur!“ (Trajekte 20 (2010), S. 37-45) hat der Berliner Philosophiehistoriker Überlegungen Wilhelm Diltheys zur Gründung von Literaturarchiven publiziert. In Auseinandersetzung mit dem damals jungen Weimarer Archiv spricht sich Dilthey für die Gründung von weiteren Archiven aus, die verschiedene Anliegen verfolgen – u.a. auch die Archivierung von Gelehrtennachlässen. Dilthey verfolgte, das zeigt Kopp-Oberstebrink überzeugend, die „Rekontextualisierung“ (S. 44) und arbeitete so einem erweiterten Literaturbegriff vor, der sich erst viele Jahrzehnte später durchsetzen sollte.

In den letzten Jahren ist Marbach wiederholt vorgeworfen worden, dass es sich zu sehr den Gelehrtennachlässen zuwende und zu wenig der Literatur. Dilthey wäre die Schwerpunkterweiterung Marbachs mutmaßlich sehr sympathisch gewesen – sowohl methodisch als auch im Hinblick auf den Archiv-Pluralismus. Schließlich ermöglicht erst dieser die Rekonstruktion einer differenzierten Entwicklungsgeschichte, die Diltheys Anliegen war. Dass wir dieser heute kritischer gegenüberstehen als er, stellt eine Herausforderung eigener Art da – aber keinen Widerspruch dazu, dass es sinnvoll ist, über seine Konzepte erneut nachzudenken.


Museum und Archiv

1. Mai 2010

Wer Handschriften von Schriftstellern lesen möchte, muss in Deutschland ins Archiv gehen. Nun sind Archive bekanntlich keine Museen. Ins Museum geht man, um in der Freizeit ein wenig das zu genießen, was man Allgemeinbildung nennt. Ins Archiv dagegen geht man, weil man eine bestimmte wissenschaftliche Frage hat und diese beantworten will. Im Archiv wird also wissenschaftlich gearbeitet.

Was aber tun die, die eine Handschrift nicht gleich bearbeiten, sondern schlicht einmal eine oder gar gleich mehrere in ihrer Freizeit lesen oder auch nur ansehen wollen? Ihnen bleibt nur der Weg in eins der großen Archive – immerhin habe sie meistens einige Ausstellungsräume. Das gilt insbesondere für die vier großen Literaturarchive: das Archiv der Akademie der Künste in Berlin, das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar und das Goethe-Schiller-Archiv in Weimar. Marbach hat zudem mit dem Literaturmuseum der Moderne den Weg gewiesen, wie eine kluge Verbindung aus Archivbeständen und Museum aussehen kann.

Aber das, was den Schriftsteller im Kern ausmacht, ist weiterhin bemerkenswert peripher: Ein Museum in erster Linie für Handschriften aller Epochen gibt es in Deutschland nicht. Man kann ins entlegenste Kaff kommen und findet ein Literaturmuseum. Das ist dann meist ein Haus, in dem irgendein Schriftsteller geboren wurde, den heute kaum noch jemand kennt und der zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr mit seinen Eltern diese trostlose Gegend für immer verlassen hat. Das vermeintliche Museum hat also meist nicht vielmehr als eine Kopie vom Taufregister zu bieten und vielleicht noch ein vergilbtes Photo vom Nachbarn oder Onkel. An der Kasse werden immerhin ein paar Bücher verkauft, und wenn man viel Glück hat, findet man dort ein Buch, das lange schon vergriffen ist. Über die Arbeitsweise des Schriftstellers, also über sein Schreiben, erfährt man dagegen wenig.

Vor allem aber erfährt man in solchen Dichter-Museen über das Schreiben im Allgemeinen nichts: Wie hat es sich entwickelt, welche Formen des schriftstellerischen Schreibens gibt es? Sind Schriftsteller eher diszipliniert oder krickeln sie herum? Welche technischen Hilfsmittel haben sie zu welchen Zeiten bevorzugt? Haben sie ganz viele Notizen angelegt oder scheint alle ihre Ideen immer schon im Kopf zu sein?

Man lernt sehr viel über einen Schriftsteller, wenn man sich einmal in Ruhe einen Nachlass im Archiv anschaut. Das ist klar. Aber den Vergleich ermöglicht das noch lange nicht. Das kann nur ein Museum leisten, dessen Kuratoren viele Nachlässe kennen und mit der Geschichte des Schreibens vertraut sind. Ein Museum, das all das auf spannende Weise vermittelt, gibt es in Deutschland nicht.

Offenbar ist man hier der Meinung, dass das außer ein paar Philologen eh niemanden interessiert. Wenn man sich aber einmal klar macht, wo überall Schriftsteller-Museen und -Sammlungen sind und dass es andererseits in diesem Land kein einziges Museum gibt, das sich der Schrift widmet, so wird rasch die Diskrepanz deutlich. Ich glaube auch nicht, dass das ein Museum nur für ein paar Freaks wäre. Wie spannend alte Handschriften sein können, weiß jeder, der einmal in den Schulheften der Eltern gewühlt hat.

In Frankreich ist man einen anderen Weg gegangen. Dort gibt es seit einigen Jahren das Musée des Lettres et Manuscrits. Es zeigt nicht nur Handschriften berühmter Schriftsteller, sondern eben auch Briefe und andere Handschriften seit dem Mittelalter. Allen, denen der Weg nach Paris zu weit ist, präsentiert sich das Museum im Netz. Dort kann man zum Beispiel mit einer virtuellen Lupe über den Handschriften herumfahren und sich ein wenig als Hobby-Kodikologe versuchen, wobei man gut beraten ist, die Ansicht im Browser hochzufahren, sonst erkennt man oft gar nichts. Aber das ist nicht so schlimm. Dass eine Internet-Präsenz keinen Museumsbesuch ersetzen kann, ist eh klar.

Warum hat Deutschland ein solches Museum nicht? Es müsste eins sein, das nicht auf eine bestimmte Epoche konzentriert ist und das zu zeigen versucht, wie sich die Geschichte eines Landes in seiner Schriftgeschichte spiegelt. Wäre doch spannend, wenn man mal sehen könnte, ob sich Notizen von Kaisern und Königen sehr von einer Merkel-SMS unterscheidet.


Einbahnstraße III

24. März 2010

Was Philologie ist und kennzeichnet, darüber wird weiterhin trefflich gestritten. Der kulturwissenschaftlich orientierte Flügel der Philologie schreibt sich neben Gewährsmännern wie Erich Auerbach und Sigmund Freud gerne Walter Benjamin auf die Fahnen. Das ist genealogisch plausibel, aber so richtig klar war mir nie, wie sich Benjamin selbst zur Philologie verhielt. Über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik ein Buch zu schreiben ist eins, einen Begriff von Philologie zu haben etwas anderes. Nun lese ich in der Weimar-Reflexion in der Nachtragsliste zur Einbahnstraße über Goethes Gartenhaus:

„Noch warten wir auf eine Philologie, die diese nächste, bestimmendste Umwelt – die wahrhafte Antike des Dichters – vor uns eröffne. Dies Arbeitszimmer war die cella des kleinen Baus, den Goethe zwei Dingen ganz ausschließlich bestimmt hatte: dem Schlaf und der Arbeit.“ (S. 122f. in der neuen, von Detlev Schöttker hrsg. Ausg.)

Dieser Hinweis ist historisch bemerkenswert und irritierend zugleich. Benjamin wird gerne als Avantgarde betrachtet, aber mir ist kein bisschen klar, ob sein hier angedeutetes Philologie-Konzept tatsächlich für eine postmodern-kulturwissenschaftlich argumentierende Philologie einschlägig ist bzw. sein kann. Mit dem Hinweis auf die mönchische Einsamkeit („cella“) konzentriert sich Benjamin ganz auf den Autor, er nimmt seine Arbeitsbedingungen in den Blick und fragt nach den materiellen Voraussetzungen der dichterischen Arbeit. Das ist historisch auf jeden Fall eine andere Perspektive auf Philologie als die Lachmannsche Textkritik ein Jahrhundert zuvor oder die Rekonstruktion der Kulturgeschichte mit Hilfe von literarischen Zeugnissen, wie sie die historistische und geistesgeschichtlich orientierte Philologie etwa von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff zu Benjamins Zeit propagierte. Insoweit war Benjamin innovativ. Aber gilt das auch aus heutiger Sicht?

Was Benjamin hier in den Blick nimmt, sind die Arbeitsvoraussetzungen und -bedingungen eines Ausnahme-Schriftstellers, eben des Genies Goethe, zur Rekonstruktion von dessen Schreibsituation und vielleicht auch zur Rekonstruktion der Frage, wie der künstlerische Text entstanden ist. In diesem Sinne ist Benjamin vielleicht ein Vorläufer der critique génétique, die ihn allerdings – soweit ich sehe – nur partiell wahrgenommen hat, etwa durch Davide Giuriato in seiner Dissertation. Eine radikal postmodern, also gewissermaßen autorfreie Philologie (wenn es sie denn überhaupt geben kann), kann sich auf Benjamin dagegen nicht berufen.


Konjektur und Krux

16. Februar 2010

Von morgen an findet in Frankfurt die Plenartagung der AG Germanistische Edition statt. Uwe Wirth und ich werden dort ein Panel gestalten und einige Thesen unserer Überlegungen zu Konjektur und Krux aus den vergangenen Jahren vorstellen.

Hintergrund unserer Arbeiten waren semiotische Beobachtungen von Uwe Wirth und philologiegeschichtliche Beobachtungen von mir, die auf das selbe Ergebnis hinauslaufen: Was eine philologische Konjektur ist, das lässt sich weder historisch noch methodologisch präzise fassen.

Daraus lassen sich zwei Thesen ableiten. Die erste lautet: Eine Grenzziehung zwischen Emendation und Konjektur ist  oftmals problematisch. Die zweite These lautet: Philologie (und das heißt nicht nur, aber eben auch: Editionsphilologie) ist ohne Hypothesenbildung und aus dieser hervorgehender Konjekturbildung nicht möglich.

So provozierend diese Thesen für viele Philologen sein mögen: Ich bin weiterhin optimistisch, dass mittels der Diskussionen, die wir bereits um das Thema geführt haben und nun in Frankfurt fortsetzen, die von mir immer wieder wahrgenommene Kluft zwischen Editionsphilologie und Literaturwissenschaft (und hier insbesondere Literaturtheorie) verringert werden kann. Nur mittels am Material geschulter Reflexion können die theoretischen Positionen der Gegenwartsphilologie überprüft werden. Es ist nicht hinreichend, ein Loblied auf die Philologie als Textpflege bzw. als text curatorship zu singen, wenn man sich keine Mühe macht, sich präzise mit den theoretischen und methodischen Voraussetzungen dieser Pflege auseinanderzusetzen.


Überforderungen

15. Februar 2010

Am Wochenende habe ich das kurzweilige, insgesamt leider etwas oberflächliche Buch The Numerati von Stephan Baker, der auch ein großartiger blogger ist, über das Anschwellen des Datenmaterials und dessen vielfältige und beängstigende Wirkung gelesen.

Im Kapitel über blogs zitiert Baker einen Analytiker: „Sarcasm […] stumps the machine on a regualr basis.“ (S. 113) Im Folgenden führt er aus, warum Programme zur Analyse von Meinungsbildung in blogs zumindest derzeit noch an ihre Grenzen kommen. Sie sind nämlich meistens überfordert, Aussagen als Ironie, Spott oder Sarkasmus zu verstehen, weil sie die unterschwellige Markierung der dabei erfolgenden Bedeutungsumkehr normalerweise nicht erkennen.

Vermutlich sind uns also die Maschinen schon viel näher als wir uns das eingestehen. Schließlich verstehen auch die meisten Mitmenschen ironische Äußerungen nicht.


Vom Drama im Elfenbeinturm

26. Januar 2010

„Die Geschichte der modernen Dramatik hat keinen letzten Akt, noch ist kein Vorhang über sie gefallen.“ Das schreibt Peter Szondi 1956 am Ende seiner inzwischen epochalen Theorie des modernen Dramas. Wer sich aber heute mit dem Drama befasst, bekommt rasch der Eindruck, dass der Vorhang inzwischen doch gefallen ist. Das Drama ist in der literaturwissenschaftlichen Lehre und Forschung meist nur mehr ein Artefakt, das keinerlei Bezug zur Gegenwart zu haben scheint. Eine Dramentheorie wie die Szondis, die nicht zuletzt Folge seiner zahlreichen Theaterbesuche war, ist überfällig. Doch niemand scheint bereit, ihr einen weiteren Akt hinzuzufügen.

Das fehlende Interesse an der Gegenwartsdramatik schlägt sich auch in den Standardwerken zur Dramenanalyse nieder. Der gegenwärtige Boom der deutschsprachigen Lehrbücher für den Universitätsunterricht hat bemerkenswerterweise sich bisher nicht auf die Dramenanalyse ausgewirkt. Wer zum Beispiel als Germanist nach einem Lehrbuch aus der Feder eines Germanisten Ausschau hält, der muss auf das Buch von Bernd Asmuth zurückgreifen. Das Standardwerk im deutschsprachigen Raum stammt vom Anglisten Manfred Pfister.

Das ist natürlich auch gar nicht schlimm, beide Bücher sind inzwischen im Universitätsunterricht etabliert. Und trotzdem befällt mich bei der Lektüre beider Bücher – im Moment unterrichte ich mit dem Asmuths, mit dem Pfisters setze ich mich für eine Studie auseinander – immer wieder ein unbestimmtes Gefühl, das mich fragen lässt: Wo bleibt das Theater?

Woher kommt dieses Gefühl?

In diesen Tagen nun lese ich An Introduction to the Study of Plays and Drama von Sibylle Baumbach und Ansgar Nünning, zwei hochgeschätzte Anglisten aus Gießen. Und endlich weiß ich, was mir bei den beiden anderen Büchern gefehlt hat: die performative Dimension des Dramas auch bei der Analyse zu berücksichtigen – und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch konkret durch die Präsenz des Dramas. In dem Buch findet man ganz praktische Hinweise wie etwa den, das Drama immer auch laut zu lesen. Das ist banal und doch sehr effektiv, wenn sich einmal keine Gelegenheit zum Theaterbesuch bietet. Wie heißt es bei Baumbach und Nünning so prägnant:

„Drama does not reside in an ivory tower and neither should you while studying it.“


Von der Notwendigkeit des Edierens

7. Januar 2010

Jüngst sind weitere Texte aus dem Nachlass von Hans Blumenberg publiziert worden (Geistesgeschichte der Technik. Aus dem Nachlass hrsg. von Alexander  Schmitz und Bernd Stiegler. Frankfurt/Main 2009). Sie bieten nicht etwa, wie man vielleicht meinen könnte, eine solche Geistesgeschichte, sondern verschieden gelagerte Vorüberlegungen dazu. Im ersten Text („Einige Schwierigkeiten, eine Geistesgeschichte der Technik zu schreiben“) heißt es:

„Die Auffassung von der Erfindung als einem schutzwürdigen, nicht auf eine Sache, sondern auf die Idee von einer Sache bezogenen Eigentum hat geistesgeschichtliche Voraussetzungen, in denen traditionelle Auffassungen von der Wirklichkeit und vom Menschen fraglich werden.“ (S. 15)

Die philosophischen Voraussetzungen davon reflektiert Blumenberg sodann und man kann – wie eigentlich immer – davon nur profitieren. Was mich hier interessiert, ist aber ein ganz anderes Feld. Denn die Folgen dieser veränderten „Auffassung von Erfindungen“ hatte im 19. Jh. auch fundamentale Folgen für die Philologie, genauer die Editorik. Hans-Harald Müller hat jüngst einen Aufsatz über Wissenschaftsgeschichte und neugermanistische Editionsphilologie publiziert (in: editio 23 [2009], S. 1-13). Darin schildert er, dass Editionsphilologie im 19. Jh. ein einträgliches Geschäft gewesen sei – anders als es das heute meist sei. Und dass besonders Gelehrte ohne einen richtigen Lehrstuhl gut von dieser Arbeit leben konnten.

Die Voraussetzung für den Aufschwung der Editionsphilologie ist das im frühen 19. Jh. fundamental veränderte Urheberrecht. In dem Moment, da die Idee und die daraus resultierende Arbeit eines Philologen zu einer Art „Erfindung“ wird, wird diese das Eigentum des Schöpfers – und nicht mehr das der Allgemeinheit wie ehedem im Absolutismus. Das ist eine der Kernthesen, die hinter Blumenbergs Überlegungen steht.

Vielleicht sollten die radikalen Vertreter der Open-Access-Bewegung einmal überlegen, ob sie nicht auf dem besten Weg sind, einem akademischen Neo-Feudalismus den Steigbügel zu halten.


Philologischer Sophismus

4. Januar 2010

Thomas Steinfeld, Leiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, ist nicht nur ein Kenner des Literarischen Lebens, sondern auch ein kluger Liebhaber der Philologie – und er zeigt das auch gerne. Jüngst hat er ein Loblied auf die philologische Skepsis publiziert (in: Jürgen Paul Schwindt: Was ist eine philologische Frage?, Frankfurt/Main 2009, S. 211-226), in das ich so gerne miteinstimmen möchte – frei nach dem Lebensmotto aller Philologen: Skeptiker aller Ländern vereinigt Euch!

Steinfeld macht überzeugend klar, dass Philologie nicht die Aufgabe hat, ein literarisches Werk literaturkritisch und philosophisch zu bewerten. Diese These entlehnt er dem großen Philologen August Böckh. Als zweiten Gewährsmann führt Steinfeld, und das mag zunächst überraschen, Paul de Man an. Der habe in einem „Aufsatz zur Lage der Disziplin“ (S. 224) eben eine solche Skepsis gefordert, die das Werk nicht in einem klar umrissenen Feld kulturell gesicherten Wissens verortet, sondern eben einer solchen Praktik skeptisch misstraut.

Leider zitiert der Philologe Steinfeld den Aufsatz von de Man nicht richtig (seine Fußnote erweckt den Eindruck, als handle es sich um The Resistance to Theory und nicht etwa um Return to Philology, in: The Resistance to Theory, Minneapolis, London 1986, S. 21-26).  Auch geht es de Man nicht um irgendeinen Lagebericht, er polemisiert offen gegen ideengeschichtlich und moralisierend argumentierende Kollegen. Schließlich verkürzt Steinfeld de Man, wenn jener meint, dieser habe gefordert, sich auf die Philologie des 18. Jahrhunderts rückzubesinnen. Das interessiert de Man aber gar nicht, vielmehr kritisiert er: „The link between literature (as art), epistemology, and ethics is the burden of aesthetic theory at least since Kant.“ (S. 25)

Was de Man will, ist vielmehr ein Zurück zu einem Verständnis von Philologie, wie es in der Antike entwickelt wurde und bis in die Frühe Neuzeit hinein gültig war: Es geht ihm um eine Allianz von Rhetorik und Philologie, die er primär als deskriptive Wissenschaften versteht und die die Dynamiken eines Textes präzise erfassen und darlegen soll – nicht mehr. Wenn Steinfeld über dieser Forderung stillschweigend hinweg geht und meint, die moderne Philologie gebe „das Theologische, den Anspruch auf Wahrheit […] ja nicht auf“ (S. 225), dann hat er nicht unrecht – aber dann konstatiert er eben eine Praktik, gegen die de Man opponiert. Steinfeld suggeriert eine Harmonie zwischen Skepsis und Sinn, wo sie sich laut de Man unvereinbar gegenüberstehen. Und da dessen Aufsatz in Deutschland weitgehend unbekannt ist (eine deutsche Übersetzung liegt derzeit nicht vor), kann Steinfeld darauf hoffen, dass ihm niemand auf die Schliche kommt – ethisch argumentierende Rhetoriker und später auch Philologen hatten einen Namen für ein derart geschicktes Argumentieren: Sophismus.