Normalfall

14. September 2016

Dass Philologie vielsprachig ist, bildet den Normalfall; irreführend wäre es gerade deshalb, die Komparatistik als komplementäre Ergänzung von Einzelphilologien aufzufassen (wie es seit dem 19. Jahrhundert, mancherorts noch heute, geschieht).

Robert Stockhammer: Afrikanische Philologie. Berlin 2016, S. 14.

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Welterklärer

7. September 2016

Marshall McLuhans berühmte Gutenberg-Galaxis wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein temporal begrenzter Ausschnitt aus Spenglers umfassenderem Gebäude und teilt mit diesem mehr als die Geste universaler Welterklärung.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 578.

Yeeha!


Werkpflege

6. September 2016

In dem Moment, da die Philologie als Disziplin zur Verwaltung und kritischen Einordnung der Überlieferung auf den Plan tritt, wird es für jeden um sein Werk bemühten Autor überlebensnotwendig, Voraussetzungen zu schaffen, um selbst Objekt der Philologie werden zu können. Die sichersten und offensichtlichsten Strategien sind zum einen Demonstrationen, wie das eigene Werk philologisch erschließbar wäre – und zum anderen die Bereitstellung von Manuskripten, dem hauptsächlichen Arbeitsgebiet der Philologen.

Christian Benne: Die Erfindung des Manuskripts. Zur Theorie und Geschichte literarischer Gegenständlichkeit. Berlin 2015, S. 253f.

Das zum Thema Poetik-Vorlesung und Schriftsteller-Vorlass.


Geisteswissenschaftler

5. September 2016

Wenn du ihm bei kleineren Reparaturen hilfst, sieht er dir jedes Mal ungläubig zu, als wärst du die erste Frau der BRD, die mit Werkzeug umgehen kann. Er tut dir leid. Du tröstest ihn: „Bist eben ein Geisteswissenschaftler.“

Christopher Kloeble: Die unsterbliche Familie Salz. München 2016, S. 207.


Verfehlung

25. August 2016

Vielleicht verfehlte die Philologie der Philologen die Philologie der Literatur auch deshalb, weil sie sich eine zu geringe Vorstellung von der Verfassung der letzteren machte und nur das in den Werken anzuerkennen bereit und imstande war, das ihrem eigenen Können entsprach.

Jürgen Paul Schwindt: Thaumatographia oder Zur Kritik der philologischen Vernunft. Heidelberg 2016, S. 11.


Konjekturalwissenschaft

11. März 2016

Denis Thouard: Die Antinomie von Recht und Philologie, in: Geschichte der Germanistik 45/46 (2014), S. 88-96, hier S. 93:

Die Philologie dagegen [im Unterschied zum Recht, KB] kann sich Zeit nehmen, weil sie sich auf der Basis der Emendatio entwickelt. Sie nimmt eine gegebene Vulgata und verbessert sie. Sie geht bis zum Verstehen der Texte, das eine unendliche Aufgabe ist [DT verweist hier auf Schleiermacher]. Sie schreitet durch Kontroversen, Auseinandersetzungen, die die Gemeinschaft ihres wissenschaftlichen Feldes bezeugen. Sie kann sich auf die grammatischen Normen einer Sprache stützen, was aber nicht reicht, um die Einzigartigkeit eines Werkes zu ergründen. Deswegen wird der Philologe versuchen, der sich zur Hermeneutik aufschwingt, die Eigengesetzlichkeit eines Kunstwerks oder eines Texts nur aus sich selbst zu entwickeln. Wenn er keinen direkten, intuitiven oder divinatorischen Zugang zu dieser Gesetzmäßigkeit des Werkes in Anspruch nehmen kann, muss er mit bloßen Vermutungen verfahren. Die Philologie ist folglich eine Konjekturalwissenschaft.


Die letzte Wendung des Cultural turn

31. Januar 2016

Der Cultural turn hat, so die Meinung nicht weniger, in den letzten rund 15 Jahren erhebliche Bereiche des ehedem als ‚geisteswissenschaftlich‘ bezeichneten Wissenschaftsbetriebs verändert. Nach Meinung einiger zum Guten, nach Meinung anderer zum Schlechten. Auf den Cultural turn folgten nicht wenige weitere ‚Wenden‘, die manche als Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung, manche gar als das nächste heiße Ding betrachteten. Andere haben all das als kalten Kaffee abgetan oder gar als akademische Phrasendrescherei gebrandmarkt. Zweifellos ein lustiges Treiben auf dem Jahrmarkt der akademischen Eitelkeiten, bei dem nicht selten der Eindruck aufkam, dass es bei all dem gar nicht mehr um die Sache ging, sondern nur noch darum, das Hamsterrad am Laufen zu halten. Doch egal, wie man zu all dem steht – Fakt ist, dass es wohl noch nie derart viele Menschen gab, die sich professionell mit Kultur beschäftigen wie gegenwärtig.

Im Kontext all dieser Wendungen und Windungen wurde natürlich breit diskutiert, was Kultur eigentlich ist und wie sie analysiert werden kann. Uwe Wirth hat in seinem Suhrkamp-Reader Kulturwissenschaft (Frankfurt/Main 2008, S. 64) beispielsweise festgehalten:

Kultur als selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe ist ein Gewebe aus ‚Konjekturen und Projektionen‘, dessen Mythen, Metaphern, materielle Bilder, ideologische oder epistemische Weltbilder sind. Dieses konjekturale Gewebe impliziert wiederum ein Geflecht von kulturspezifischen Handlungsweisen respektive ‚Praktiken‘.

Andere haben es sich leichter gemacht und verweisen auf die begriffsgeschichtlich relevante Opposition von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘. Wer’s etwas emphatischer mag, verknüpft zudem, wie seit Heinrich Rickerts Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft (zuerst 1899) nicht unüblich, ‚Kultur‘ mit der Pflege von ‚Werten‘. Gerade dieser wertphilosophische Kultur-Begriff, so scheint mir, hat sich aufgemacht, um dem Elfenbeinturm den Rücken zuzukehren, was angesichts der Vielzahl von Kulturwissenschaftlern und -historikern aktuell vielleicht gar nicht so bemerkenswert ist. Vor allem aber hat sich, so zumindest mein Eindruck, das Sprechen über Kultur massiv intensiviert. Heute ist alles Kultur und jeder äußert sich dazu.

Menschen, die mich immer mal irritiert angeschaut haben, wenn ich von meiner Profession erzählt habe, und mit ihrer Körpersprache andeuteten, für wie irrelevant sie das halten, erklären mir jetzt Kultur. Bevorzugt die Vorderasiens und Nordafrikas. Zugegeben – davon habe ich so gut wie keine Ahnung. Das Problem ist nur: Die Kulturerklärer kennen sich damit entweder so wenig aus wie ich oder sie haben dort höchstens ihre Füßchen ins Mittelmeer gehalten und von der Kultur vor Ort nur mitbekommen, dass die Kellner manchmal nur Englisch und nicht Deutsch sprechen. Letztens meinte eine Kulturerklärerin zu mir ernsthaft, sie überlege Türkisch zu lernen, um mit ‚denen‘ über den Koran zu diskutieren. Mein Hinweis, dass es dann besser sei, Arabisch zu lernen, hat sie überfordert.

Ich finde nicht, dass man zwingend wissen muss, in welcher Sprache ein heiliger Text geschrieben ist, auch wenn ich zugestehen muss, dass ich mal zusammengezuckt bin, als mir in einer Klausur erklärt wurde, dass die Bibel ‚eigentlich auf Latein‘ verfasst sei. Schlimm ist, wenn man sich seiner fehlenden Bildung nicht bewusst ist und das nicht nur mit Phrasen kaschiert, sondern sich sogar für gebildeter hält als die, über die gesprochen wird.

Eben das passiert, wenn von ‚unserer‘ und ‚deren‘ Kultur gesprochen wird. Rassistische Phrasen sind in dieser Hinsicht wenigstens ehrlich. Rassismus spricht unumwundern von der ‚Natur‘ bestimmter Menschentypen. Einem solchen vermeintlich naturwissenschaftlichen Rassismus frönen heute nur wenige Menschen. Er lässt sich benennen, zu ihm kann man sich politisch verhalten oder auch nur den Kopf schütteln. Auf jeden Fall ist er recht gut erkenn- und benennbar.

‚Kultur‘ hingegen ist mit Bezug auf menschliche Gemeinschaften und ihre Werte ein durch und durch positiv konnotierter Begriff. Wird er ohne Differenzierung öffentlich geäußert, kann er alles mögliche meinen und auf ganz unterschiedliche Weise verstanden werden. Wer von ‚Kultur‘ spricht, benennt nicht etwa ein politisches Problem oder deutet vielleicht gar an, wie ein politisches Problem gelöst werden kann. Wer von ‚Kultur‘ gegenwärtig spricht, verschleiert vielfach die eigene politische Meinung und diskriminiert mittels des Kulturgeredes. Der Verständnis heuchelnde kleine Bruder vom Kulturgerede ist übrigens der Hinweis, dass ‚die‘ erst lernen müssen, mit unserer Freiheit umzugehen.

Gestern habe ich mir vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn die Zehn Gebote an das Kulturgerede angepasst würden. Das 7. Gebot z.B.: „‚Die‘ müssen verstehen, dass man in unserer Kultur nicht einfach das Portemonnaie einem anderen Menschen aus der Hosentasche zieht.“ Ist vielleicht ein blödes Beispiel, macht aber klar, dass das Kulturgefasel davon ablenkt, dass Diebstahl – soweit ich sehe – nirgendwo auf der Welt akzeptiert ist und z.B. in den Ländern, mit denen die neuen Kulturkenner so bewandert zu sein meinen, deutlich härter bestraft wird als in Deutschland.

Doch was heißt das für den Elfenbeinturm, der meinem Eindruck nach mit seinem inflationären Gebrauch von ‚Kultur‘ seinen Teil dazu beigetragen hat, dass das Gerede von der Kultur sich dermaßen unreflektiert ausgebreitet hat?

Zunächst dürfte klar sein, dass ‚Kultur‘ kein verlorenes Schäfchen ist, dass sich mit ein paar klugen Hütehunden wieder heim in die heilige Academia treiben lässt. Heißt das nun im Umkehrschluss, dass der Elfenbeinturm gut beraten wäre, eine Zeitlang auf den Begriff zu verzichten? Das wäre vielleicht die bequemste Lösung. Doch ist natürlich unklar, ob das was bringt, eben weil das Schäfchen längst entwischt und dabei ist, kleine zauselige Lämmchen in die Welt zu setzen.

Zudem sollte ein zentraler Begriff der letzten Jahre nicht einfach aufgegeben werden, weil er aktuell radikal banalisiert und diskreditiert wird. Wer die ‚Kultur‘ professionell erforscht, muss auf ihrer Komplexität bestehen und dem Gerede von der Kultur begegnen. Sonst wird aus dem Gerede eine neue Wende, die weder den Freunden des Cultural Turns noch seinen Gegnern ein Anliegen sein dürfte.

Und wir, die wir uns professionell mit Kultur beschäftigen und dafür übrigens häufig von der Gesellschaft bezahlt werden, müssen auf unserem professionellen Wissenvorsprung beharren, was Kultur kennzeichnet und ausmacht. Wir sind es allein schon unserem Beruf und unserem Forschungsgegenstand schuldig, diesen Vorsprung gegenüber allen zu reklamieren, die zu wissen meinen, was ‚Kultur‘ ist – zumal ‚deren‘ und ‚unsere‘. Deutschland hat schon 80 Millionen Bundestrainer. Es steht vor Aufgaben, die sich bestimmt nicht dadurch lösen lassen, wenn aus all den Bundestrainern auch noch Kulturwissenschaftler werden.