Liebeserklärung

16. September 2015

Anfänge wollen erklärt sein; hatte man schon die Idee, als Liebeserklärung die Philologie zu übersetzen?

Martin A. Hainz: Anfangen, in: Weimarer Beiträge 60 (2014), S. 452-463, hier S. 456.


Schon wieder Theater

12. September 2015

War gestern schon wieder im Theater bzw. stand am Ende davor und sah zwei Astronauten, hinter denen getanzt wurde. Einen Schnappschuss konnte ich davon auch machen.

FullSizeRender

Was sonst noch zu sehen war (sehr viel!), habe ich bei nachtkritik geschrieben.


„Jungwissenschaftler“

10. September 2015

Lese eben in den „Bildungswelten“ der heutigen FAZ (Nr. 210, 10.9.2015, S. 6; leider derzeit nicht online) einen Artikel von Michael Hartmer, dem Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes. Er schildert präzise die derzeitige Beschäftigungssituation an deutschen Hochschulen und macht Hoffnung, dass sich „die Chancen des wissenschaftlichen Nachwuchses, Wissenschaft zum Beruf zu machen, erheblich verbessern.“ Die Zustände meint er mit folgendem Beispiel zu veranschaulichen: „Dem Arbeitsgericht in Gießen lag vor kurzem der Fall eines Jungwissenschaftlers vor, der nach nicht weniger als 16 Befristungen auf Entfristung klagte.“ Der ‚Jungwissenschaftler‘ geht übrigens auf die 50 zu.


Wiederlesen

9. September 2015

Wie sehr es sich lohnt, ein gutes Buch nicht nur einmal zu lesen, wird oft betont. Das ist natürlich nicht nur bei Büchern so, sondern auch bei Filmen, Serien, Theateraufführungen sowie bei besonderen Ereignissen. Als ich vor einigen Monaten angefangen habe, The Wire erneut zu schauen, ist mir erst aufgefallen, wie sehr die ganze Serie von Beginn an durchkomponiert ist und wie sehr schon zu Beginn Handlungsfäden und Motive angelegt sind, die erst viel später, teilweise sogar in späteren Staffeln wieder aufgeommen werden. Dass mir das jetzt klar wurde, lag daran, dass ich nun schon wusste, wie die Handlung verläuft, und mich darauf wohl nicht mehr so konzentriert habe, sondern meine Aufmerksamkeit mehr auf Details richten konnte.

Ähnlich verhält es sich, wenn man an einen Ort kommt, den man schon kennt und an den man bemerkenswerte Erinnerungen hat. Das können Sehenswürdigkeiten oder Naturschauspiele sein. Vor allem aber gilt das, so mein Eindruck, für Orte, die für den Besuch konzipiert sind – wie Museen oder Galerien, vielleicht auch öffentliche Plätze und Parks. Dorthin geht man auch beim zweiten oder dritten Mal sehr gern, weil man immer wieder Neues zu entdecken hofft. Mein Lieblingsmuseum ist das Berliner Naturkunde-Museum, dessen Weiterentwicklung ich seit vielen Jahren verfolge und das ich immer besuche, wenn sich dazu irgendwie die Gelegenheit bietet.

IMG_3353IMG_3388IMG_3361Anders verhält es sich, so mein Eindruck, wenn man seine eigenen Bücher, Aufsätze oder Kritiken nach einer Weile wieder in die Hand nimmt. In den meisten Fällen scheint es mir so zu sein, dass man mit dem, was man früher mal geschrieben hat, sehr unzufrieden ist. Das kennt jeder, der im Keller schon mal alte Schulhefte aus der Abi-Zeit oder die ersten Arbeiten aus dem Studium in die Hand genommen hat. Hefte und Mappen aus der Grunschulzeit sind noch niedlich. Für Ergüsse, die man als Erwachsener verbrochen hat, fühlt man sich hingegen zeitlebens verantwortlich, auch wenn das Verbrechen vielleicht längst verjährt ist.

Hinzu tritt noch eine zweite Erfahrung – nämlich die, dass man nicht nur die eigenen Gedanken banal und schlecht formuliert findet, so dass man sich dafür schämt, sondern dass zudem die Erinnerung an die Ereignisse um den Text herum wieder aufkommen.

Gestern habe ich einen Vortrag wieder gelesen, den ich vor sehr langer Zeit auf einer Tagung gehalten habe. Ich suchte darin nach einigen Informationen, von denen ich wusste, dass ich sie seinerzeit im Manuskript notiert hatte. Interessanterweise konnte ich mich zunächst gar nicht auf den Aufsatz selbst konzentrieren Als ich ihn auf dem Bildschirm aufrief, fiel mir erst einmal ein sehr unangenehmer Moment ein: ein Frühstück an einem Morgen der Tagung im Hotel „Stadt Hannover“ in Göttingen (an sich eine schöne Erinnerung, da es keins dieser sterilen Tagungshotels ist). Ich setzte mich an den Tisch eines französischen Kollegen. Zu meiner Überraschung sprach er weder Deutsch noch Englisch (auf der Tagung war am ersten Tag nur auf Deutsch und Englisch vorgetragen worden) und seine Bereitschaft, sich auf mein radebrechendes Minimal-Französisch einzulassen, bewegte sich an der Grenze zur Unhöflichkeit.

Das fiel mir also wieder ein, als ich den Aufsatz in einem seit Ewigkeiten nicht mehr geöffneten Ordner aufrief und noch bevor ich mich in dem Text auf die Suche nach der Information machte. Deswegen war ich dann beim Durchblättern auch erst einmal etwas unkonzentriert. Immer wieder tauchten Erinnerungen an die Tagung auf. Nur langsam begann ich zu lesen, und allmählich machte sich Überraschung breit über das, was ich da las.

An viele Details konnte ich mich gar nicht mehr recht erinnern. Es ging mir also ganz anders als beim Wiedersehen von The Wire. Meine eigenen Gedanken waren mir vielleicht nicht unbekannt, überrascht war ich über das, was da stand, nicht. Aber alles schien mir gewissermaßen abgelegt. Ganz so, als habe mein Gehirn sich gesagt, dass es sich das nicht alles merken muss, da das ja alles schon aufgeschrieben ist und also gut wiedergefunden werden kann. Die übliche Scham-Erfahrung setzte nicht ein, sondern vielmehr die Freude darüber, dass das damals Geschriebene gar nicht so dumm war, wie ich zunächst befürchtet hatte.

Die Frage, die ich mir nun seit gestern stelle, ist, ob der Aufsatz einfach eine glückliche Ausnahme von der Regel ist, dass man die eigenen Texte später für ziemlich belanglos hält. Vielleicht war ich schlicht milde mit mir gestimmt, weil ich mich daran erinnerte, wie tapfer ich das unangenehme Frühstück vor dem Vortrag überstanden hatte?

Vielleicht aber ist der Aufsatz auch gar keine Ausnahme und ich meine alten Texte einfach mal wieder lesen. Vielleicht mache ich dann ähnlich gute Erfahrungen wie im Frühjahr, als ich The Wire erneut gesehen habe.

Vielleicht aber richte ich mich auch bequem in meiner Erinnerung an diesen einen Morgen ein, als ich diesen einen Aufsatz wieder gelesen habe, und verkläre ihn zu einem wunderschönen Morgen, den Morgen einer kleinen Entdeckung.


Die Ereignisse

5. September 2015

Die Spielzeit hat begonnen und ich bin auch gleich mal wieder los. Gestern war ich in Münster und habe da von David Greig Die Ereignisse gesehen. Ob’s ein Ereignis war, könnte Ihr auf nachtkritik.de lesen.


Leseliste August

1. September 2015

2.8.2015 Albertus Seba: Cabinet of Natural Curiosities. Das Naturalienkabinett. The Complete Plates in Colour 1734-1765. Reprint Köln 2015. Im Urlaub war ich bei Deyrolle in der Rue du Bac, Paris. Mein erster Besuch bei einem Tierpräparator, der zugleich ein begehbares Naturalienkabinett ist. Als Erinnerung an diesen Besuch habe ich mir dort dieses Buch gekauft. Dokumentation einer beeindruckenden Privatsammlung eines Amsterdamer Apothekers aus dem 18. Jahrhundert, eine Sammlung an der Grenze zwischen wissenschaftlicher Neugier und ästhetischem Interesse.

5.8.2015 Eugen Ruge: Cabo de Gata. Reinbek bei Hamburg 2013. Habe ich im letzten Jahr geschenkt bekommen. Im Urlaub konnte ich mir den Roman endlich vornehmen, bin sehr angetan und habe ihn heute in einem Rutsch durchgelesen. Tolles Buch, komisch und trotzdem sehr intelligent. Hat mir viel besser gefallen als Ruges viel gepriesener Roman In Zeiten abnehmenden Lichts, den ich im März gelesen habe.

7.8.2015 sowie 12.8.2015 Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 792 bzw. 793 (69. Jg., Mai bzw. Juni 2015). Habe den Merkur für drei Ausgaben zur Probe bestellt. Lese ihn ja eh immer gerne. Aber meist komme ich dann nicht hinterher. Ist auch jetzt wieder der Fall. Aber im Urlaub waren die Hefte dann ideal für die erste Morgenlektüre mit Blick auf den Atlantik. Besonders das Juni-Heft mit seinen Auslassungen über die deutsche Hochschullandschaft. Schade nur, dass wie meist der Blick auf die Geistes- und Sozialwissenschaften das Bild bestimmt. Liegt mir ja nicht, doch machen sie natürlich nicht ‚die‘ Universität aus, sondern sind nur ein Teil von ihr.
Überzeugend besonders der Aufsatz von Ekkehard Körner zur Literaturkritik.

8.8.2015 Le Corbusier. Mesures de l’homme. Hrsg. v. D’Olivier Cinqualbre, Frédéric Migayrou. Paris 2015. Reichhaltig bebilderter und kommentierter Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die ich in Paris besucht habe.

25.8.2015 Julie Birmant, Clément Oubrerie: Pablo. Teil 1: Max Jacob. Berlin 2013. Erster Band der wunderbaren Graphic-Novel-Biographie von Picasso. Zugleich eine schöne Erinnerung an meinen Urlaub, den ich zum Teil in (auf?, am?) Montmartre verbracht habe.
IMG_3908IMG_3912

 

 

 

 

 

 

28.8.2015 Christine Kutschenbach, Falko Schmieder (Hg.): Von Kopf bis Fuß. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung. Berlin 2015. Eine Sammlung von 50 Essays zur Kleidung vom Adamskostüm bis zum Trainingsanzug; in der Mitte zudem einige Collagen von D.M. Nagu zum Thema. Habe zu diesem Buch einen Aufsatz zur Barbourjacke beigetragen und es dann gleich gelesen, als das Belegexemplar kam. Zum Buch gab’s im RBB mit der Herausgeberin ein Interview.

31.8.2015 David Greig: Die Ereignisse. Bühnenmanuskript. Reinbek bei Hamburg 2013. Das Stück hatte im November 2013 in Wien Premiere. Ich werde mir die Inszenierung in Münster anschauen. Werde dann berichten, wie es war.


Die Vermessung des Menschen

21. August 2015

Im Urlaub war ich im Centre Pompidou und habe dort die Ausstellung zum Werk Le Corbusiers gesehen. Sie trägt den Titel Mesures de l’homme, was man hübsch kehlmannsch vielleicht mit ‚Vermessung des Menschen‘ übersetzen mag. Ich war sehr froh, dass ich diese Ausstellung besuchen konnte, weil ich die Corbusier-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau vor ein paar Jahren nicht besucht habe.

Allerdings fasst der Titel der Ausstellung den genialen Archtiekten nicht so ganz, weil es in ihr immer wieder auch um seine Weltanschauungen und sein Interesse u.a. für Eurythmie geht. Also nicht nur um Gleich- und Ebenmaß, sondern auch um die dahinter stehenden Weltanschauungen, die teilweise erstaunlich esoterisch angesichts seiner so rationalen Architektur anmuten.

2015-07-29 13.41.07

Wenn mir bei dem Besuch schon die Artikel über Corbusiers Nähe zum Faschismus bekannt gewesen wären (u.a. in der Welt und in Monopol), hätte mich das vielleicht etwas mehr aufhorchen lassen. Aber man muss den Machern der Ausstellung attestieren, dass sie sich für diese Seite Corbussiers nicht interessiert haben – obwohl ihnen die Vorwürfe bestimmt nicht fremd waren.

So hat mich weniger die Philosophie hinter Corbussiers Kunst beschäftigt als vielmehr das Ineinander seiner verschiedenen künstlerischen Interessen, die mir zum Teil bisher unbekannt war. Mit seiner Architektur habe ich mich z.B. schon wiederholt beschäftigt, gerne habe ich seine Villa Savoye mit Lego Architecture nachgebaut.

2015-08-19 19.48.32

In der Ausstellung aber das Ineinander von Architektur und Stadtplanung vorgeführt zu bekommen, hatte eine ganz neue Qualität. Ähnlich Bezüge stellt sich her, als ich seine bekannten Möbel sah und diese auf sein Interesse an Sport und Bewegung bezogen wurden – auch hier ein faszinierendes Ineinander.

2015-07-29 13.45.52

Am meisten hat mich freilich der Maler Le Corbussier beeindruckt, der mir (Kunsthistoriker mögen es mir nachsehen) bisher völlig unbekannt war und dessen produktive Rezeption der Werke zeitgenössicher Kunst (meinem Eindruck nach vor allem Picassos und des Kubismus) in der Ausstellung bestens zu studieren war und durch die direkte Nähe zu den Architektur-Exponaten überzeugend kontextualisiert wurden.

2015-07-29 13.39.382015-07-29 13.38.54

 

 

 

 

 

 

Jenseits des ideologiekritischen Desinteresses muss man der Ausstellung freilich noch etwas Anderes vorwerfen: Sie feiert den Künstler in zahlreichen faszinierenden Facetten. Doch wie sehr seine architektonischen Arbeiten immer auch das Ergebnis von Kooperation waren (insbesondere mit seinem Vetter Pierre Jeanneret) wird nur am Rande deutlich. Das wurde mir erst jetzt, als ich nach dem Besuch der Ausstellung den auch auf Deutsch erhältlichen Katalog durchgeblättert habe, wieder in Erinnerung gerufen.


Leseliste Juli

1. August 2015

3.7.2015 Heinrich von Kleist: Hinterlassene Schriften. Hg. v. Ludwig Tieck. Berlin 1821. Hatte ich schon mal für meine Reclam-Ausgabe der Herrmannsschlacht durchgearbeitet. Jetzt erneut für einen Vortrag, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe. Ergänzend dazu habe ich in diesen Tagen auch längere Blicke in die beiden anderen Kleist-Ausgaben, die Tieck besorgt hat (Gesammelte Schriften, 1826, und Ausgewählte Schriften, 1846/47), geworfen.

10.7.2015 Roger Paulin: Ludwig Tieck. Stuttgart 1987. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

12.7.2015 Marek Zybura: Ludwig Tieck als Übersetzer und Herausgeber. Zur frühromantischen Idee einer „deutschen Weltliteratur“. Heidelberg 1994. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

13.7.2015 Claudia Stockinger, Stefan Scherer: Ludwig Tieck. Leben – Werk – Wirkung. Berlin 2011. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

13.7.2015 Steffen Martus. Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Berlin 2007. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

23.7.2015 Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2/2015 (62. Jg.). Themenheft Plagiat. Hg. v. Mark-Georg Dehrmann, Heinrich Kaulen. Interssante historische und aktuelle Einführungen in dieses derzeit so wichtige Thema. Was mich immer wieder nur nervt, ist, wie eng das Thema ‚Selbstplagiat‘ verhandelt wird. In dem Heft werden die urheberrechtlichen Fragen dazu hervorragend aufgearbeitet. Anders sieht es mit der unterschwelligen Ächtung dieses Themas aus. Die ist meines Erachtens in den meisten öffentlichen Äußerungen derart unterkomplex und unpragmatisch, dass ich immer wieder nur den Kopf schütteln kann. Man spiele die fixe Idee des Selbstplagiats z.B. mal an der Architektur Mies van der Rohes durch.
Sehr gut in dem Heft übrigens der Artikel von Iris Winkler zur Erwartungshaltung von Lehramtsstudenten an das Deutsch-Studium: „Im Übrigen sind sie der Auffassung, dass man Schubkarre-Schieben am besten durch Schubkarre-Schieben lernt.“ (S. 199)

24.7.2015 Trajekte 28 (April 2014). Das immer wieder wunderschöne Heft des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Diese Ausgabe mit einem stadtgeschichtlichen Schwerpunkt zum alten Zeitungs- und Verlagszentrum Berlins (rund um die Schützenstraße, wo das ZfL seit einigen Jahren beheimatet ist).