Aufrüstung

30. August 2010

Das Kleist-Jahr 2011 wirft seine Schatten voraus. 200. Todestag, da muss schon was kommen. Fleißig aktualisieren die Verlage ihre Bestände und bereiten neue Ausgaben vor. Doch aus den heiligen Hallen der Textkritik wollen wir heute einmal nicht berichten.

Nein. Heute gilt es, einen großen Theatermann zu preisen, der im nächsten Jahr mal gleich die ganze Dramatik von Kleist (großartiges Wortspiel, nicht wahr?) in seinem Theater geben will: Armin Petras. Und das nicht als so ein Spaß-Ding à la ‚Shakespeare in 90 Minuten‘, sondern so richtig ernsthaft und anspruchsvoll (was bei Petras zum Glück ja nicht meint, dass das Spektakel zu kurz kommt). Aber angesichts dieser Kleist-Flut fragt man sich natürlich sofort, ob er schon mal heimlich auf den guten Heinrich angestoßen hat, dass der so früh Sch(l)uss gemacht hat mit Werk und Leben (keine Sorge, mehr Kalauer gibt es heute nicht). Solche ‚Der ganze X oder Y‘-Projekte zielen schließlich so dermaßen auf Öffentlichskeitswirkung ab, dass man sie meiner Meinung nach jedem Intendanten und Regisseur verbieten sollte.

Im Klartext: Was soll das? Auflösung auf diese Frage versprach Anfang des Monats ein Interview in der Berliner Zeitung, mit dem Titel „Kämpfen, fallen, saufen“ was eher nach Kreisklasse klingt und nicht nach Bundesliga. Auf jeden Fall meinte Petras da über Kleists Hermannsschlacht:

„Eigentlich geht es doch nur um ideelle oder emotionale Aufrüstung. Alles was Herrmann tut, ist dazu da, die Deutschen zum Kämpfen zu bringen. Das ist für mich interessant, auch die Ausgangssituation. Ich finde, dass Deutschland heute moralisch ähnlich darniederliegt.“

Ich verzichte jetzt mal auf Hinweise, in welche Tradition Petras damit gewollt oder ungewollt tritt – von einem Regisseur, der sich im Interview als guter Kenner der Hermannsschlacht und von dessen Rezeptionsgeschichte ausweist, kann man eigentlich ein wenig mehr Vorsicht bei der Wortwahl erwarten. Ich will jetzt auch gar keine Mutmaßungen darüber anstellen, an was sich nach Petras‘ Meinung dieser Niedergang festmachen lässt. Und leider klärt das der Interviewer der Berliner Zeitung auch nicht so richtig.

Viel spannender finde ich die Frage, ob Petras dann auch mit dem Käthchen „Aufrüstung“ betreiben und mit dem Zerbrochenen Krug die Moral wieder aufrichten will – das dürfte dann vielleicht kein spannender Theaterabend sein, aber zumindest ein komischer …

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Kein Staub, nirgends

25. August 2010

Endlich wieder Philologe sein, denke ich mir, da ich heute morgen in den Bus steige. Mein Ziel: das Archiv der AdK, im Schatten der Charité. Als ich das letzte Mal da war, war auch Sommer, auch damals wehte ein kräftiger Wind durch die Straßen. Das hatte kuriose Folgen: Die Heiner-Müller-Archivalien wurden mir in leichten Papiermappen serviert und da Archivmitarbeiter dauernd durchlüfteten (was eigentlich sehr angenehm war), hatte ich permanent Sorge, dass mir die wertvollen Papiere um die Ohren fliegen. Schließlich lagen lauter Originale vor mir, und die Sicherheitskopien lagen eigentümlicherweise direkt dabei …

Ich trete in den Lesesaal im 2. Stock, die Fenster sind wieder offen. Wird wohl wieder ein hektisches Arbeiten, denke ich mir. „Müller ist jetzt digital.“ Der nette Herr in der Auskunft sieht mein ratloses Gesicht und führt mich zu einem der hinteren PC-Plätze. Freundlich erklärt er mir, wie ich den digitalen Müller mir erschließen kann – genau so, dass ich mir nicht wie ein Depp vorkomme und trotzdem alle meine Fragen beantwortet sind. Perfekter Service. Bin wirklich beeindruckt. Dann mal ans Werk.

Meinetwegen können die Fenster jetzt immer offen sein, so macht das Arbeiten echt Spaß. Aber schon nach kurzer Zeit frage ich mich, warum ich in einem Archiv sitze und mir ein jpg nach dem anderen ansehe und keine echten Archivalien. Leuchtet natürlich sofort ein, dass man die Bestände digitalisiert und damit in jeder Hinsicht sichert. Ich brauche auch keine Angst mehr zu haben, dass mir das Zeugs um die Ohren fliegt.

Müllers Schrift verliert am Bildschirm jede Aura, die ich mir beim Lesen der Originale immer eingeredet habe, und mutiert zur Klaue, die mich die Vergrößerung hochfahren lässt. Alles ganz pragmatisch, ganz clean und ganz effizient. Der Philologe hält sich aber letztlich für ein Trüffelschwein. Ohne Dreck, keine Trüffel – weiß doch jeder. Obwohl ich schon viel im Staub gewühlt habe, habe ich natürlich nie einen Trüffel gefunden, sondern immer nur Detailbeobachtungen gemacht, das weiß ich. Aber die Hoffnung auf die Trüffel kam trotzdem mit jeder neuen Mappe wieder auf. Sie ist nun futsch.

Zwar sind die Leute hier so dermaßen hilfsbereit, dass sie mir gewiss auch die Original-Mappen besorgen, wenn ich mir eine Begründung aus den Fingern sauge, aber das, was mich heute interessiert, kann ich – das muss ich mir eingestehen – auch mit Hilfe der jpgs beantworten. Also kein gefühltes ‚Philologe-Sein‘, das ist wohl der Preis für gute Arbeitsbedingungen.


Insel-Dasein

22. August 2010

Berlin-Romane hat es in den letzten Jahren ja viele gegeben. Und eigentlich ist es völlig blödsinnig, sich einen zu kaufen, der auch noch Grunewaldsee heißt.

Da wusste ich eigentlich schon, was mich erwartet: Noch eine prosaische Liebeserklärung an noch einen anderen Flecken in der Stadt, noch eine verschrobene, wenn nicht gar gescheiterte Akademiker- oder Künstler-Figur, noch eine komplizierte, wenn nicht gar tragische Liebesgeschichte, an deren Ende der Held einsam und verlassen in der großen fremden Stadt, in die er einst mit so viel Hoffnungen gezogen ist, zurückbleibt. So wie Keimzeit einmal texteten:

Es ist nicht gelogen es ist die Wahrheit:
Der eigentliche Berliner ist zugezogen
Über einen kurzen oder einen weiten Bogen
Irgendwann in diese Stadt gezogen.

Schnell war dann auch noch klar, der Roman spielt Ende der 80er: Wendezeit und den netten Paul, der auf seinen Referendariatsplatz als Geschichtslehrer wartet, interessiert das nicht die Bohne. Kenne ich auch, Sven Regener lässt grüßen.

Kenn ich alles, alles, alles, denke ich beim Lesen. Und warum lege ich das Buch dann nicht weg? Ich bin doch kein „Was-man-anfängt-muss-man-auch-zu-Ende-lesen“-Leser. Also weg damit. Geht aber nicht.

Und das liegt nicht daran, dass der Protagonist Paul heißt, aus Niedersachsen kommt, das Ganze immer auch wieder sehr komisch erzählt ist und der Autor in Leipzig am Literaturinstitut unterrichtet. Auch das kommt mir bekannt vor, nur dass das vorliegende Buch nicht Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel, sondern eben Grunewaldsee heißt.

Was mich bei der Stange hält, ist Pauls seltsame Liebe zur Pfaueninsel. Das ist nun tatsächlich mal was Besonderes, denke ich. Dieser Paul macht nicht gerade den Eindruck, als hätte er seinen Wolf Jobst Siedler immer im Sakko stecken (ja er trägt nicht einmal eins). Trotzdem liebt er die Pfaueninsel, beneidet sogar eine frisch habilitierte Freundin um ihren Job als Führerin auf der Insel, obwohl die ihre Arbeit ganz fürchterlich findet und auch dementsprechend schildert.

Aber mir hat diese Liebe zur Pfaueninsel eingeleuchtet. Paul mag ihre künstliche Natürlichkeit, die Überschaubarkeit und zugleich auch diese Spuren von Geschichte, die trotz aller musealer Bemühungen irgendwie nicht funktionieren, wenn man am anderen Ufer die Grenzer in Sacrow zumindest ahnte. Die Pfaueninsel ist für ihn eine Art Utopia, eine Art Fluchtraum, der sinnbildlich für seine Sehnsüchte steht, die er sich nicht eingesteht und vor denen er immer wieder in seine bescheidene Kreuzberger Wohnung flieht. Paul möchte so gerne Wolf Jobst Siedler lesen und gleichzeitig Rio Reiser hören, ohne dass er sich dafür rechtfertigen muss. Aber er macht es nicht und gibt sich einer Liebe hin, die letztlich aussichtslos ist. Ein Buch für Melancholiker also.

Was das alles aber mit dem Grunewaldsee zu tun hat, sollte man selbst lesen. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass das Jagdschloss oder ein paar Hunde noch eine Rolle spielen, aber das Buch ist eben nicht so erwartbar, wie ich anfangs dachte!


Unbedingte Universität

20. August 2010

Der feine wie feinsinnige Diaphanes-Verlag hat in den letzten Monaten vier Bücher über die Zukunft der Universität publiziert, wohl eine Reaktion auf die Proteste im letzten Wintersemester. Zwei davon sind gelungene Reader einmal mit historischen Texten zur Theorie der Universität und einmal zur Gegenwart der Universität. Zwei sind letztlich Essays, die in etwa das Format haben, das in den 80ern die Sponti-Sprüche von Eichborn und natürlich die Merve-Büchlein hatten. Stellt sich Diaphanes also allein schon durch das Format in die universitäre Protesttradition?

In dem Heftchen von Plínio Prado über Das Prinzip Universität findet sich der Appell: „Man müsste über Grundlagenbildung sprechen, so wie man von Grundlagenforschung spricht.“ (S. 32) Dieser Satz ist nicht nur richtig, sondern auch typisch für das Argumentationsniveau.

Aber wie schlägt sich so ein Satz im Vergleich zu den 80er Jahre-Heftchen? Eichborn hätten Witz und Spaß gefehlt, Merve wäre ein solcher Appell wohl zu unterkomplex gewesen (oder vielleicht auch einfach nur zu wenig kompliziert konstruiert). Im Vergleich zu den Eichborn- und den Merve-Produkten führen das Buch von Prado und das von Jan Masschelein und Maarten Simons (Jenseits der Exzellenz) vor Augen, dass es gegenwärtig viel weniger lustig-krawallig und auch viel weniger esoterisch zugeht.

Angesichts des 80er Jahre Revivals wäre es natürlich nur billig jetzt zu erklären, was damals an Unis alles los war (und 68 sowieso!). Allen, die anders als der Verfasser dieser Zeilen damals schon dabei waren, sei hiermit erklärt: Mir reicht ganz und gar, dass mich die bonbonfarbenen Diaphanes-Büchlein an die Blazer von Sonny und Tubbs erinnern – ansonsten aber sind sie von den 80ern und  anderen Welten meilenweit entfernt – die letzten Proteste haben nichts mit denen von damals zu tun, weil die Konflikte andere sind.


Erzählung und Erzählungen

16. August 2010

Wann wird aus mehreren Erzählungen eine Erzählung?

Vor langer Zeit, als am Prenzlauer Berg noch nicht die Spielplätze blühten, sondern junge Erwachsene Etagenklos spannend fanden, machte sich Ingo Schulze nach New York auf, um Raymond Carver zu entdecken und von dort aus kaleidoskopartig Simple Storys von der Wende zu erzählen. Das waren Geschichten, die im ersten Moment wie einzelne Erzählungen anmuteten, die aber tatsächlich ganz virtuos miteinander verknüpft waren und so ein wunderbares Ganzes erzählten – obwohl sie gerade nicht am Prenzlauer Berg spielten, sondern in der ostdeutschen Provinz. Schulze war und ist ein Meister kleiner Prosaerzählungen, die er immer wieder auf ganz unterschiedliche Weise zusammenfügt, so dass man am Ende der Lektüre das Buch aus der Hand legt und nur staunt angesichts seiner Fähigkeit, aus Details und kleinen Erzählungen eine große Geschichte, wenn nicht gar einen Roman fügen zu können.

Wie ein Gegenentwurf zu Schulzes Erzählkunst erschienen mir in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende die beiden Bücher mit Erzählungen von Judith Hermann, Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster, obwohl auch sie offenbar an Carver geschult waren. Hermann blickte nicht in die Provinz, sondern auf den Prenzlauer Berg. Sie war die Erzählerin der westdeutschen Kolonialherren und -damen, die niemals aggressiv das fremde Land samt seiner Etagenklos in Besitz nahmen, aber nie versuchten, die Natives zu verstehen, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigten waren. Bezeichnenderweise wurde wohl niemals häufiger in der deutschen Literatur geraucht, als bei Judith Hermann.

Die aus dieser Landnahme resultierende Unübersichtlichkeit versuchte sie gar nicht erst zu einer großen Erzählung zusammenzufügen. Sie schilderte Fragmente, lakonisch, sparsam, oft in Ein-Wort-Sätzen. Das war faszinierend, es hatte den Reiz von Schnappschüssen – so war zumindest immer mein Eindruck. Herrmanns Prosa fing Momente ein, von denen ich immer wieder meinte, dass sie mir irgendwie bekannt vorkamen. So ganz habe ich nie verstanden, wie sie das schafft. Und trotz dieser Faszination habe ich Schulzes Bücher mit ihrer feinen wie umfassenden Komponiertheit immer mehr geschätzt als die Erzählungen von Herrmann.

Trotzdem war ich sehr neugierig, als ich hörte, dass Judith Herrmann ein neues Buch, Alice, veröffentlicht hat. Erstmals erzählt sie darin nämlich eine Geschichte, die der Titelheldin, wie ich irgendwo hörte. Ein Novelle, ein Roman gar von Judith Hermann? Ich war sehr gespannt.

Nun weiß ich nicht mehr, wo ich diese Information gelesen habe. Als ich anfing zu lesen, wurde mir zumindest umgehend klar, dass es sich nicht um die Geschichte von Alice, sondern um fünf Geschichten über Alice handelt, die allesamt um das gleiche Thema kreisen: um den Tod eines von Alice geschätzten oder gar geliebten Mannes.

Diese Männer sind sehr unterschiedlich, leben an unterschiedlichen Orten und Alice‘ Verhältnis zu ihnen war und ist auch ganz unterschiedlich. Gemeinsam haben sie eigentlich nur, dass sie spätestens am Ende des jeweiligen Kapitels, das immer auch den Namen des entsprechenden Mannes trägt, tot sind. Ihrem Verhältnis zu den Männern entsprechend, verhält sich Alice zu den Toden und Toten ganz unterschiedlich. Es ist also in erster Linie die Titelfigur, die den Eindruck erweckt, dass die fünf Erzählungen eine Geschichte in fünf Kapiteln ist. Doch lässt sich tatsächlich derart leicht ein Ganzes erzählen?

Alice ist in vielerlei Hinsicht ein Buch, wie es nur Judith Hermann schreiben kann. Wieder wird sehr sparsam und lakonisch erzählt (manchmal geradezu ignorant, wenn etwa das Kind einer Freundin immer nur „das Kind“ und ein Reisebegleiter nur „der Rumäne“ heißt), wieder haben ihre Figuren nur wenige Verpflichtungen, wieder ist Berlin ein Zentrum der Handlung. Geändert hat sich eigentlich nur, dass die Figuren viel weniger rauchen und dass Alice etwas älter ist als die meisten Hauptfiguren in den ersten beiden Büchern. Man bekommt also scheinbar Gewohntes serviert, das man mag oder auch nicht – wäre da nicht dieser eine Unterschied zum Bisherigen, dass die Erzählungen letztlich eine Erzählung sind.

Und weil Vieles so bekannt ist, wird die Veränderung so bewusst wahrgenommen. Ja, mir erschien es sogar so, dass Hermann mit dem neuen Buch regelrecht experimentiert. Ihre Frage lautet: Wie viele Verbindungen muss ich zwischen einzelnen Erzählungen mindestens herstellen, damit sie nicht mehr als einzelne, sondern als ein Ganzes wahrgenommen werden?

Letztlich zeigt sich, dass es kaum zusätzlicher Verknüpfungen bedarf, wenn im Zentrum jeweils die gleiche Hauptfigur steht, auf die die Erzählung jeweils ganz und gar fokussiert ist. In einigen Kapiteln blitzt kurz einmal die Erinnerung an eine vorherige Geschichte auf, sonst aber ist Alice‘ Gegenwart im wahrsten Wortsinn geschichtslos.

Nur im letzten Kapitel, da der Rumäne wieder in Alice‘ Leben tritt, fügen sich verschiedene Situationen ineinander, stellen sich Beziehungen her, die nicht über Alice laufen. Aus den Geschichten mit einer Frau wird für einen Augenblick zumindest ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte einer Frau – ganz so als wollte Hermann all ihren Kritikern, die ihr immer wieder vorwerfen, dass sie bis heute keinen Roman vorgelegt hat, sagen: „Seht her, ich kann schon die großen Zusammenhänge erzählen, aber ich will es nicht.“ Vielleicht sollte die Kritik das endlich akzeptieren und stattdessen das lesen, was vorliegt.

Alice kehrt dem Rumänen, dessen Zigarettenglut in der Nacht noch lange zu sehen ist, übrigens schließlich den Rücken zu und geht zurück in ihre Wohnung irgendwo in Berlin. Vermutlich hat die kein Etagenklo mehr, aber sonst wird dort alles sein wie immer.


Zukunftsphilologie

9. August 2010

In den Auseinandersetzungen um das, was Philologie ausmacht, lässt sich derzeit die Tendenz ausmachen, nach den Ursachen für das inzwischen seit rund 10 Jahren anhaltende Interesse eben an der Philologie zu fragen. Hans Ulrich Gumbrecht etwa eröffnet einen durchaus kontroversen Beitrag über Auerbachs Philologie-Konzept folgendermaßen:

„Nichts hätte man weniger erwartet vor zwanzig Jahren im Milieu der damals avanciertesten Literaturwissenschaftler als jene Faszination durch den Begriff ‚Philologie‘, die mittlerweile über so viele von uns gekommen ist. Ich sage ‚Faszination‘ – und nicht ‚Interesse‘ -, um anzuzeigen, daß wir uns von einem Begriff und der von ihm gemeinten Praxis angezogen fühlen, ohne dabei durch bewußte Interessen oder Absichten motiviert zu sein.“ (S. 275, in: Jürgen Paul Schwindt (Hg.): Was ist eine philologische Frage? Frankfurt/Main 2009).

Gumbrecht unterstellt also, dass die Beschäftigung mit der Philologie nicht etwa bestimmte Ziele verfolgt, sondern dass sie einer Art Zeitgeist geschuldet ist, der seinerseits verschiedene Ursachen hat und unterschiedliche Anliegen verfolgt. Er nennt im Folgenden gleich mehrere. Sieht man einmal davon ab, dass er sich damit eigentümlich distanziert zu einem Phänomen äußert, das er selbst mit The Powers of Philology (zuerst 2002) befördert hat, finde ich diesen Hinweis sehr bedenkenswert, denn er wirft indirekt die Frage auf, welchen Zweck die Auseinandersetzung mit der Philologie überhaupt hat – jenseits der Präzisierung ihrer Geschichte.

In dem von Anne Bohnenkamp, Uwe Wirth, Irmgard Wirtz und mir veranstalteten Projekt Konjektur und Krux haben wir von Beginn an darauf gedrängt, aktuelle literaturtheoretische Überlegungen mit konkreten philologischen Problemen und Praktiken sowie mit der Philologiegeschichte in Verbindung zu bringen. Das schließt die Möglichkeit mit ein, eine mutmaßende, vielleicht sogar intervenierende Auseinandersetzungen mit literarischen Texten und ihren Trägern zu erwägen. Eine derart gefasste Auseinandersetzung mit der Philologie verfolgt primär ein analytisches Anliegen, das darum bemüht ist, die Voraussetzungen der eigenen Textarbeit permanent zu hinterfragen bzw. sich ihr immer auch mutmaßendes Fundament vor Augen zu führen.

Dies ist, so meine ich, die eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Konzept, einer Theorie oder einer Methode letztlich nicht nur einer Mode folgt. Dies zu tun, ist eigentlich selbstverständlich, auch wenn es nicht immer gängige Praxis ist – die zahlreichen turns der letzten Jahre bestätigen das ja eindrucksvoll …

Eine solche Vergewisserung leistet allerdings eines meist nicht (auch wenn sie es zweifellos sollte), nämlich eine kritische Überprüfung der eigenen ideologischen Voraussetzungen. Im Hinblick auf die Beschäftigung mit der Philologie ist das keine neue Einsicht. Frank Trommler hat 2008 in der Geschichte der Germanistik (H. 33/34, S. 24f.) darauf bereits hingewiesen. Auch wenn seine Kritik an der Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien nach meinem Dafürhalten an deren eigentlichem Anliegen vorbeizielt, so ist doch Trommlers Hinweis berechtigt, dass die Auseinandersetzung mit der Philologie derzeit kaum interkulturelle Aspekte berücksichtigt.

Das ist deswegen umso bemerkenswerter, weil die Philologie per se nicht auf eine Kultur festgelegt ist und selbstredend auch nicht auf eine Sprache oder gar Nationalsprache. Faktisch aber sind die Auseinandersetzungen entschieden nationalphilologisch geprägt. Daher ist es nur zu begrüßen, dass am Wissenschaftskolleg jetzt eine Initiative gestartet wurde, die genau dieses Problem angeht. Sie nennt sich „Zukunftsphilologie“ und nimmt damit Bezug auf eine Schrift des jungen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff; sie ist aber ganz und gar nicht rückwärtsgewandt:

„Zukunftsphilologie möchte bisher marginalisierte präkoloniale Wissenschaft aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa neu in den Blick nehmen und bisher vernachlässigte Zweige philologischer Forschung unterstützen.“

Man kann einem derart ambitionierten Vorhaben nur viel Erfolg wünschen – nicht nur, weil es ein klar benanntes Interesse an der Philologie hat und in ihr eben nicht nur eine Faszination sieht, sondern zuallererst weil die Auseinandersetzung mit aus europäischer Sicht peripheren Texten und ihren Trägern eine Herausforderung der eigenen Praktiken und Methoden darstellt.


Dank und Karriere

4. August 2010

Qualifikationsarbeiten sind bekanntlich ein eigentümliches Genre, das u.a. durch Widmungen und Danksagungen ausgewiesen ist (der Verfasser weiß, wovon er spricht). Derzeit lese ich eine jüngst publizierte (also nicht etwa Jahrzehnte alte!) germanistische Habilitationsarbeit, in der sich folgende Dankzeile findet:

„Beim Vervielfältigen der Primär- und Sekundärliteratur waren mir […] meine Mutter und meine Frau behilflich.“

Na, das ist doch mal eine Aussage. So stellt man gleich auf der ersten Seite seines Buches klar, dass man eindeutig Führungsqualität hat, delegieren kann und sich für ein einträchtiges Verhältnis zwischen den Generationen einsetzt. Das prädestiniert doch regelrecht für eine Professur …