Unbedingte Universität II

11. September 2010

Gilles Deleuze  hat schon 1990 in Auseinandersetzung mit Foucault die Ablösung der Disziplinargesellschaft durch die Kontrollgesellschaft beschrieben. In seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften (jetzt wieder abgedruckt in: Was ist Universität?, Zürich 2010, S. 11-16) erklärt er mit Hinweis auf Kafka, dass dieser ‚Prozess‘ u.a. durch Permanenz gekennzeichnet sei: Während in der Disziplinargesellschaft Phasen existierten, die weitgehend frei von Überprüfungen waren, wird in der Kontrollgesellschaft die Überprüfung permanent. Das hat auch für die Bildungsinstitutionen weitreichende Folgen:

Das modulatorische Prinzip des „Lohns nach Verdienst“ verführt sogar die staatlichen Bildungseinrichtungen: Denn wie das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab, und die kontinuierliche Kontrolle das Examen. Das ist der sicherste Wege [sic!] die Schule dem Unternehmen auszuliefern. (S. 13)

Das perfide an diesem System ist laut Deleuze, dass man niemals fertig wird. In diesem Sinne kann man die Appelle und Angebote zum lebenslangen Lernen auch als Drohung begreifen. Was gerne im Gewand der Chancengleichheit und Gleichberechtigung daherkommt, ist im Sinne von Deleuze nichts anderes als ein Instrument der immer weitreichenderen Kontrolle.

Bemerkenswert an diesem Ablösungsprozess ist dabei, dass Deleuze seine Anfänge offenbar schon vor 100 Jahren sieht. Wenn er damit recht hat, dann wären die Reformen an den europäischen Universitäten der letzten Jahre wohl nichts anderes als eine verspätete Anpassung an die Kontrollgesellschaft. So verstanden wäre selbst die Universität mindestens der 70er, 80er und auch 90er Jahre letztlich nichts anderes als ein Relikt einer längst untergegangenen Epoche. Das würde auch erklären, warum schon damals so viele Studenten sich beschwerten, sie seien für ein Referat nicht richtig motiviert worden, das präsentierte Wissen sei doch gar nicht für den zukünftigen Beruf verwertbar, man lerne an der Uni gar nicht richtig, weil da viel zu wenig Druck gemacht würde. Machen wir uns nichts vor, die Akzeptanz für die Reformen war längst da, weil die Kontrollgesellschaft längst Realität war.

Vielleicht war deswegen auch der Protest vor einem Jahr an vielen Orten so diffus. Nach der Lektüre von Deleuze‘ Aufsatz drängt sich der Eindruck auf, dass manche die Universität der Disziplinargesellschaft zu einem Ideal verklärten (was allerdings nur die tun konnten, die in ihr nicht studiert haben), während andere die Ziele der Modularisierung im Dienste der Kontrollgesellschaft grundsätzlich akzeptierten. Letztlich war dieser Teil der Protestierenden nur unzufrieden nicht mit dem Anliegen, sondern nur mit den Ergebnissen, weil die Bologna-Reformen vielerorts nichts anderes als ein Hybrid aus gestern und heute generierten. Statt Bologna stoppen zu wollen, hätte ihr Schlachtruf lauten müssen: „Forza Bologna!“

Nur in einem Punkt scheint die Anpassung an die Kontrollgesellschaft tatsächlich schon jetzt voll und ganz erfolgreich zu verlaufen, nämlich bei der Anpassung der Universität an die moderne Marktwirtschaft – zumindest wenn Deleuze recht hat: „Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch.“ (S. 15)


Humanität?

9. September 2010

Auf der IFA hat google-Chef Eric Schmidt eine Art neue Weltanschauung zu begründen versucht, die „Augmented Humanity“. Weil google wichtig und Schmidt schlau ist, setzt sich auch prompt die halbe Welt mit seinem Konzept auseinander. So hat Sascha Kösch bei de:bug eine kluge Analyse des Konzepts vorgestellt und die FAZ fühlt heute morgen Schmidt gleich einmal persönlich auf den Zahn, indem sie fragt, ob’s nicht auch bei ‚erweiterter Realität‘ hätte bleiben können (FAZ 209, 9.9.2010, S. 31, online derzeit nicht frei zugänglich- etwas absurd, dass der Artikel „Offenheit ist meine Religion“ heißt).

Nun ist google ja eine Firma, die alles weiß und jeder und jedem bei allen Fragen mit Rat und Tat zur Seite steht. Damit das in Zukunft nicht nur zuhause, sondern auch dann der Fall ist, wenn man gerade unterwegs ist, haben sie bekanntlich Android der Welt geschenkt. Ganz egal wo wir sind, google weiß das, zumindest wenn das smartphone an ist. Dann schenkt google mir viele, viele Infos, die mir das Leben leichter machen. Meine Welt erweitert sich, insoweit hat die FAZ mit ihrer Frage, ob’s terminologisch nicht auch ein bisschen kleiner gegangen wäre, ganz recht.

Das Problem, das hinter dieser Frage steht, ist aber, so scheint mir, vor allem ein sprachliches. Bei einem Begriff wie „Humanity“ neigt der deutschsprachige Hörer oder Leser, ob er will oder nicht, dazu, ihn durch „Humanität“ zu ersetzen. Das meint Schmidt natürlich gar nicht – zumindest nicht im ethischen Sinne. Google ist nicht auf einer humanitären Mission, um die Darbenden der ersten Welt mit Informationen zu versorgen. Was die google-Kreativen aber immerhin meinen, ist die Erweiterung der menschlichen Erfahrungen, wenn nicht gar des Menschseins an sich. Das ist schon ein sehr selbstbewusster Anspruch, der nach meinem Dafürhalten vermessen klingt. Aber das tut hier gar nichts zur Sache.

Was mich bei dieser netten Wortschöpfung in erster Linie verwundert, ist, wie wenig google bei seiner Wortkreation darüber nachgedacht hat, dass sie in anderen Sprachen wie dem Deutschen missverstanden werden und hier für Unwillen sorgen kann – zumal die eigene Reputation im Moment eh nicht gerade besonders gut ist. Die Deutschen tun sich bekanntlich mit humanitärem Engagement schwer – zumindest wenn es Züge unerwünschter Beglückung trägt.

Jetzt wäre es natürlich spannend zu erfahren, ob die google-Kreativen solche Kleinigkeiten wie Bedeutungsnuancen in anderen Sprachen schlicht nicht bedenken (was bezeichnend wäre für ihr Verständnis von Wissen) oder ob sie ihre Diskurshoheit als derart einflussreich bewerten, dass sie sich über solche Bedeutungsnuancen hinwegsetzen, weil sie nicht glauben, dadurch nachhaltig geschädigt zu werden. Eine Antwort auf diese Frage habe ich leider nicht gefunden, sie ließ sich nicht googeln.

P.S.: Wie ich eben sehe, hat die FAZ ihr sehr lesenswertes Interview inzwischen online gestellt.


Unbedingte Universität

20. August 2010

Der feine wie feinsinnige Diaphanes-Verlag hat in den letzten Monaten vier Bücher über die Zukunft der Universität publiziert, wohl eine Reaktion auf die Proteste im letzten Wintersemester. Zwei davon sind gelungene Reader einmal mit historischen Texten zur Theorie der Universität und einmal zur Gegenwart der Universität. Zwei sind letztlich Essays, die in etwa das Format haben, das in den 80ern die Sponti-Sprüche von Eichborn und natürlich die Merve-Büchlein hatten. Stellt sich Diaphanes also allein schon durch das Format in die universitäre Protesttradition?

In dem Heftchen von Plínio Prado über Das Prinzip Universität findet sich der Appell: „Man müsste über Grundlagenbildung sprechen, so wie man von Grundlagenforschung spricht.“ (S. 32) Dieser Satz ist nicht nur richtig, sondern auch typisch für das Argumentationsniveau.

Aber wie schlägt sich so ein Satz im Vergleich zu den 80er Jahre-Heftchen? Eichborn hätten Witz und Spaß gefehlt, Merve wäre ein solcher Appell wohl zu unterkomplex gewesen (oder vielleicht auch einfach nur zu wenig kompliziert konstruiert). Im Vergleich zu den Eichborn- und den Merve-Produkten führen das Buch von Prado und das von Jan Masschelein und Maarten Simons (Jenseits der Exzellenz) vor Augen, dass es gegenwärtig viel weniger lustig-krawallig und auch viel weniger esoterisch zugeht.

Angesichts des 80er Jahre Revivals wäre es natürlich nur billig jetzt zu erklären, was damals an Unis alles los war (und 68 sowieso!). Allen, die anders als der Verfasser dieser Zeilen damals schon dabei waren, sei hiermit erklärt: Mir reicht ganz und gar, dass mich die bonbonfarbenen Diaphanes-Büchlein an die Blazer von Sonny und Tubbs erinnern – ansonsten aber sind sie von den 80ern und  anderen Welten meilenweit entfernt – die letzten Proteste haben nichts mit denen von damals zu tun, weil die Konflikte andere sind.


Zukunftsphilologie

9. August 2010

In den Auseinandersetzungen um das, was Philologie ausmacht, lässt sich derzeit die Tendenz ausmachen, nach den Ursachen für das inzwischen seit rund 10 Jahren anhaltende Interesse eben an der Philologie zu fragen. Hans Ulrich Gumbrecht etwa eröffnet einen durchaus kontroversen Beitrag über Auerbachs Philologie-Konzept folgendermaßen:

„Nichts hätte man weniger erwartet vor zwanzig Jahren im Milieu der damals avanciertesten Literaturwissenschaftler als jene Faszination durch den Begriff ‚Philologie‘, die mittlerweile über so viele von uns gekommen ist. Ich sage ‚Faszination‘ – und nicht ‚Interesse‘ -, um anzuzeigen, daß wir uns von einem Begriff und der von ihm gemeinten Praxis angezogen fühlen, ohne dabei durch bewußte Interessen oder Absichten motiviert zu sein.“ (S. 275, in: Jürgen Paul Schwindt (Hg.): Was ist eine philologische Frage? Frankfurt/Main 2009).

Gumbrecht unterstellt also, dass die Beschäftigung mit der Philologie nicht etwa bestimmte Ziele verfolgt, sondern dass sie einer Art Zeitgeist geschuldet ist, der seinerseits verschiedene Ursachen hat und unterschiedliche Anliegen verfolgt. Er nennt im Folgenden gleich mehrere. Sieht man einmal davon ab, dass er sich damit eigentümlich distanziert zu einem Phänomen äußert, das er selbst mit The Powers of Philology (zuerst 2002) befördert hat, finde ich diesen Hinweis sehr bedenkenswert, denn er wirft indirekt die Frage auf, welchen Zweck die Auseinandersetzung mit der Philologie überhaupt hat – jenseits der Präzisierung ihrer Geschichte.

In dem von Anne Bohnenkamp, Uwe Wirth, Irmgard Wirtz und mir veranstalteten Projekt Konjektur und Krux haben wir von Beginn an darauf gedrängt, aktuelle literaturtheoretische Überlegungen mit konkreten philologischen Problemen und Praktiken sowie mit der Philologiegeschichte in Verbindung zu bringen. Das schließt die Möglichkeit mit ein, eine mutmaßende, vielleicht sogar intervenierende Auseinandersetzungen mit literarischen Texten und ihren Trägern zu erwägen. Eine derart gefasste Auseinandersetzung mit der Philologie verfolgt primär ein analytisches Anliegen, das darum bemüht ist, die Voraussetzungen der eigenen Textarbeit permanent zu hinterfragen bzw. sich ihr immer auch mutmaßendes Fundament vor Augen zu führen.

Dies ist, so meine ich, die eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Konzept, einer Theorie oder einer Methode letztlich nicht nur einer Mode folgt. Dies zu tun, ist eigentlich selbstverständlich, auch wenn es nicht immer gängige Praxis ist – die zahlreichen turns der letzten Jahre bestätigen das ja eindrucksvoll …

Eine solche Vergewisserung leistet allerdings eines meist nicht (auch wenn sie es zweifellos sollte), nämlich eine kritische Überprüfung der eigenen ideologischen Voraussetzungen. Im Hinblick auf die Beschäftigung mit der Philologie ist das keine neue Einsicht. Frank Trommler hat 2008 in der Geschichte der Germanistik (H. 33/34, S. 24f.) darauf bereits hingewiesen. Auch wenn seine Kritik an der Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien nach meinem Dafürhalten an deren eigentlichem Anliegen vorbeizielt, so ist doch Trommlers Hinweis berechtigt, dass die Auseinandersetzung mit der Philologie derzeit kaum interkulturelle Aspekte berücksichtigt.

Das ist deswegen umso bemerkenswerter, weil die Philologie per se nicht auf eine Kultur festgelegt ist und selbstredend auch nicht auf eine Sprache oder gar Nationalsprache. Faktisch aber sind die Auseinandersetzungen entschieden nationalphilologisch geprägt. Daher ist es nur zu begrüßen, dass am Wissenschaftskolleg jetzt eine Initiative gestartet wurde, die genau dieses Problem angeht. Sie nennt sich „Zukunftsphilologie“ und nimmt damit Bezug auf eine Schrift des jungen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff; sie ist aber ganz und gar nicht rückwärtsgewandt:

„Zukunftsphilologie möchte bisher marginalisierte präkoloniale Wissenschaft aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa neu in den Blick nehmen und bisher vernachlässigte Zweige philologischer Forschung unterstützen.“

Man kann einem derart ambitionierten Vorhaben nur viel Erfolg wünschen – nicht nur, weil es ein klar benanntes Interesse an der Philologie hat und in ihr eben nicht nur eine Faszination sieht, sondern zuallererst weil die Auseinandersetzung mit aus europäischer Sicht peripheren Texten und ihren Trägern eine Herausforderung der eigenen Praktiken und Methoden darstellt.


Dank und Karriere

4. August 2010

Qualifikationsarbeiten sind bekanntlich ein eigentümliches Genre, das u.a. durch Widmungen und Danksagungen ausgewiesen ist (der Verfasser weiß, wovon er spricht). Derzeit lese ich eine jüngst publizierte (also nicht etwa Jahrzehnte alte!) germanistische Habilitationsarbeit, in der sich folgende Dankzeile findet:

„Beim Vervielfältigen der Primär- und Sekundärliteratur waren mir […] meine Mutter und meine Frau behilflich.“

Na, das ist doch mal eine Aussage. So stellt man gleich auf der ersten Seite seines Buches klar, dass man eindeutig Führungsqualität hat, delegieren kann und sich für ein einträchtiges Verhältnis zwischen den Generationen einsetzt. Das prädestiniert doch regelrecht für eine Professur …


Aus berufenem Munde …

17. Juni 2010

habe ich jetzt erfahren, was Elfenbeinturm und Blogs miteinander zu tun haben. Leider bieten die Blätter für deutsche und internationale Politik nicht die Möglichkeit, den Beitrag zu kommentieren. Der Philologe hätte zu gerne Kommentare dort mit denen auf netzpolitik verglichen … Leider kommt bei dem einen oder anderen Kommentar dort schon der Eindruck auf, dass Prantls Beitrag nicht ganz gelesen wurde. Muss man ja auch nicht, aber warum man dann trotzdem einen Kommentar postet, ist mir einfach nicht klar.


Politik und Kontroverse

24. Mai 2010

Wenn es um Wissenschaft geht, wird gern so getan, als stritte man um die Wahrheit und nichts anderes. Dass es daneben auch um Macht geht, wissen zwar viele Wissenschaftler. Aber wenn sie wissenschaftliche Kontroversen erforschen, berücksichtigen sie das nach meinem Dafürhalten viel zu wenig. Sonst würden sie die Bedeutung der Kontroverse für den wissenschaftlichen Fortschritt vielleicht auch nicht derart positiv bewerten, wie dies vielfach geschieht.

In dem sehr interessanten Aufsatz Die gesellschaftliche Einbettung der Biomedizin: Eine Analyse der deutschen Mediendiskurse (in: Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft, hg. v. Wolf-Andreas Liebert u. Marc-Denis Weitze, 2006, S. 95-112) stellen Peter Weingart, Christian Salzmann und Stefan Wörmann die These auf:

Der Beginn einer Kontroverse ist durch einen allgemeinen, ethisch begründeten Widerstand gegen neues Wissen/neue Technologie charakterisiert. In der Folge wird der Konflikt zwischen ethischen Werten und dem neuen Wissen allmählich durch den Verweis auf detaillierte Probleme wie z.B. konkrete Formen der Implementierung aufgelöst. Die Technologie bzw. das Wissen wird nicht zurückgewiesen, sondern stattdessen werden die infragestehenden Werte angepasst. (S. 99)

Die drei Verfasser relativieren ihre These nach der Diskussion ihrer Fallstudien überzeugend in der Hinsicht, dass sie festhalten, ein derart klar vorhersagbarer Verlauf sei nicht die Regel. Was sie dagegen nicht relativieren, ist ihr Optimismus in die Anpassungsfähigkeit der öffentlichen Meinung an die Wahrheit der Wissenschaft.

Das liegt gewiss auch daran, dass der Idealentwurf einer Wissenschaftskontroverse gerne als Wettstreit, also als eine Art Wettbewerb um die Wahrheit begriffen wird. Wenn die Wahrheit gesiegt hat, kann die öffentliche Meinung letztlich nicht anders, als sich dieser anpassen.

Einmal davon abgesehen, dass das Neue nicht zwingend zu einer Anpassung der bestehenden Meinung führen muss, so denke ich, dass ein solches Model die Möglichkeit einer strategisch motivierten Äußerung zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung einkalkulieren sollte.

Was ist der eigentliche Zweck der Veröffentlichung von Wissen, bzw. gibt es neben dem primären Zweck (‚die Wahrheit’), noch sekundäre Gründe? Gerade in den Biowissenschaften geht es um erhebliche Forschungsmittel und direkt oder indirekt um die Frage des Einflusses der Politik auf die Forschung – insbesondere dann, wenn diese ethische Fragen berührt. Es geht also konkret um Macht und um das Zurückdrängen von Politik und öffentlicher Meinung aus dem wissenschaftlichen Diskurs. Das kann man sich vielleicht als Wissenschaftler wünschen, nicht aber als Bürger.

Auf dieses Problem weist im genannten Sammelband insbesondere Wolfgang C. Goede hin (Keine Innovation ohne Repräsentation: Die Zivilgesellschaft als neuer Akteur in der Wissenschaft, ebd. S. 165-178). Er betont, wie etwa NGOs sich in wissenschaftliche Diskurse einmischen und diese entschieden verändern. Es handelt sich dabei um ein politisches Engagement, das zu begrüßen ist (auch wenn man nicht vergessen sollte, dass die Motive der vermeintlichen Kritiker ebenso zu hinterfragen sind).

Ob die ethische oder auch politisch motivierte Kritik tatsächlich ein derart neues Verfahren ist, das erst unter den Voraussetzungen des gegenwärtigen Wandels geschehen kann (wie Goede meint), sei dagegen dahingestellt. Im 18. Jahrhundert sprach man zwar noch nicht von Zivilgesellschaft, aber der ethische Anspruch, mit dem Aufklärer etablierte Größen der Wissenschaft angingen, war im Grunde schon derselbe.


Schrott im Ausnahmezustand

7. April 2010

Raoul Schrott, der nicht nur ein hervorragender Schriftsteller ist, sondern auch ein Philologe der S-Klasse, ist jetzt auch noch unter die politischen Theologen gegangen und hat im aktuellen Heft von Lettre international (der findige Leser ahnt gleich, dass der Verfasser dieser Zeilen zu Ostern mal wieder lange Bahn gefahren ist) einen Artikel über die Politik des Heiligen verfasst. In diesem Artikel nimmt er präzise eine Auseinandersetzung mit der Begriffsgeschichte von sacer vor, perspektiviert seine Überlegungen auf das Verhältnis von Heiligkeit und Nationalem und landet schließlich bei der Frage, inwieweit ‚Holocaust‘ die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten angemessen bezeichnet:

Wo der Eine sich für die Menschen opferte, wurden hier Menschen für einen einzelnen ausgelöscht. Sieht man darin einen kollektiven Opfertod, wird daraus das Schicksal einer spiegelverkehrten Heilsgeschichte. (LI 88, S. 10)

Schließlich geht Schrott zur Frage nach den Möglichkeiten ästhetischen Reagierens auf die Vernichtung ein – selbstverständlich mit der obligatorischen Auseinandersetzung mit Adorno.

Sieht man einmal von den Überlegungen zur Ästhetik ab, so finden sich alle wesentlichen Punkte Schrotts schon in Agambens Homo sacer. Teilweise widerspricht Schrott Agambens Positionen implizit, teilweise übernimmt er sie. Genannt wird Agamben aber an keiner Stelle. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die philologische Praxis von Schrott. Agamben ist bei seinen Überlegungen wesentlich konzentrierter als Schrott (obwohl er zu diesem Gegenstand gleich mehrere Bücher vorgelegt hat) , indem er sich ganz auf die Region des Rechts und des Politischen beschränkt. Welche Konsequenzen seine Überlegungen für das Ästhetische haben, lässt Agamben also unerörtert.

Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass Agamben nicht zu einem seltsamen Chiasmus gelangt wie Schrott, der den Holocaust als ’spiegelverkehrte Heilsgeschichte‘ der Kreuzigung Christi begreift. Agamben hat deutlich gezeigt, dass der Homo sacer eben deswegen getötet werden kann, weil er nicht geopfert werden kann. Deswegen ist ja auch der Begriff ‚Brandopfer‘ so problematisch. Aber die Forschungen anderer zur Kenntnis zu nehmen, das kann halt auch dazu führen, dass die eigenen Überlegungen und Thesen fragwürdig werden – und wer will das schon?