Historiker unter sich?

8. Februar 2010

Im Januar kam es in der FAZ zu einem kurzen Scharmützel über die Förderung von geisteswissenschaftlichen Projekten. Ausgangspunkt war ein Bericht in der FAZ von Caspar Hirschi über eine wissenschaftsgeschichtliche Tagung des Arbeitskreises „Geschichte der Germanistik“. Darin werden die „Halbwertszeit der förderpolitischen Floskeln“ und der deutsche Sonderfall „thematischer Großforschung in den Geisteswissenschaften“ angegriffen.

Darauf hat – ebenfalls in der FAZ – die DFG-Vizepräsidentin, die Professorin Luise Schorn-Schütte, mit dem Artikel Selbstbedienung ist ausgeschlossen repliziert. Sie wirft Hirschi u.a. vor, er habe „einen „Selbstbedienungsladen DFG““ unterstellt. Nun ist aber in dem Artikel von Hirschi von „Selbstbedienungsladen“ gar nicht die Rede, nicht einmal von ‚Selbstbedienung‘. Die Anführungszeichen im Artikel von Frau Schorn-Schütte markieren also kein Zitat, wie ich erst dachte. Aber was markieren sie dann?

Sie sollen wohl irgendeine Form von Uneigentlichkeit signalisieren. Wenn dem aber so ist, dann nimmt der Artikel an dieser Stelle einen bemerkenswerten Argumentationsverlauf. Erst wird Hirschis Artikel in der Replik auf die Wendung „„Selbstbedienungsladen DFG““ zugespitzt, dann wird die Zuspitzung behandelt, als sei sie ein O-Ton Hirschis und nicht etwa eine Formulierung von Frau Schorn-Schütte: „das muss man nicht kommentieren“, heißt es im Anschluss. Einmal abgesehen davon, dass das vermeintliche Ausbleiben eines Kommentars selbst einer ist: Auf was bezieht sich das „das“? Es kann sich doch wohl nur auf die eigene Zuspitzung beziehen, die die gegnerische Position polemisch verknappt.

Doch nicht nur diese Stelle, auch die Eröffnung des Artikels ist merkwürdig unklar. Frau Schorn-Schütte stellt zunächst kurz Caspar Hirschi vor: Sie nennt sein Arbeitsfeld, seine Nationalität und den Ort, an dem er tätig ist. Was aber hat das mit dem Thema zu tun? In Seminaren ist ein solches Vorgehen oft schlicht Ausdruck von Unsicherheit. Bei Frau Schorn-Schütte kann die sicherlich ausgeschlossen werden. Gleich im folgenden Absatz spricht sie noch einmal vom ‚Historiker Hirschi‘. Was soll das? Ist das hier ein Streit unter Historikern? Geht die Sache Philologen, Kulturwissenschaftler, Theologen usw. nichts an? Wohl kaum.

Hätte Hirschi als Historiker Zweifel an den historischen Überlegungen der Tagung formuliert, hätte er das klar gemacht – mutmaßlich in einer Fachzeitschrift oder in der Rubrik „Geisteswissenschaften“ der FAZ. Die Rubrik, in der sein Artikel erschienen ist, heißt aber „Forschung und Lehre“. Hirschi hat also Kritik an der Wissenschaftspraxis der DFG und anderer Förder-Institutionen formuliert. Dagegen repliziert Frau Schorn-Schütte (verständlicherweise) in ihrer Funktion als Vizepräsidentin der DFG und eben nicht als Frühneuzeit-Historikerin, die sie auch ist.

Was also ist das primäre Anliegen der Replik? Den Selbstbedienungsvorwurf zu entkräften? Stand der denn tatsächlich vor der Replik ernsthaft im Raum? Und warum wird die Biographie von Caspar Hirschi vorgestellt, obwohl sie nichts zur Sache tut? Der Artikel scheint durchsetzt von einem polemischen Subtext, der sich aber nicht so recht fassen lässt. Vordergründig geht es um wissenschaftspolitische Fragen, doch man wird den Eindruck nicht los, dass daneben auch disziplinäre Fragen mitverhandelt werden, ohne dass dies explizit wird. Allein schon deswegen kann man sich nur wünschen, dass es nicht bei diesen beiden Artikeln bleibt, sondern dass aus dem Scharmützel ein handfester Streit wird! Vielleicht verstehen dann ja auch Philologen, um was es hier wirklich geht…


Wahrheit und Streit

5. Februar 2010

In der großartigen Reihe ‚Hörsall‘ vom Deutschlandradio Wissen, über die ja auch schon viel berichtet wurde,  habe ich gestern drei Beiträge aus den 50er Jahren zur Nutzung der Atomkraft gehört. Der erste stammt von Carl Friedrich von Weizsäcker. Er ist leider schon nicht mehr in der Podcastliste des dradios abrufbar. Wofür zahlt man eigentlich GEZ-Gebühren?

Doch wie auch immer. Von Weizsäcker eröffnet seinen Vortrag, in dem er die Trennung der Geistes- und Naturwissenschaften auf Descartes zurückführt und diese Trennung dann auf die Heisenbergsche Unschärferelation bezieht (!), mit der Bedeutung des Streits für die Geisteswissenschaft als Erkenntnismittel der Wahrheitsfindung.

Wenn ich mir nun überlege, was ich letztens im Rückgriff auf Münkler über die Tendenz zunehmend fehlender Streitbereitschaft bei Intellektuellen seit dem 19. Jahrhundert gesagt habe, dann kann die Konsequenz des Verständnisses von Streit, wie es von Weizsäcker hier hat, ja nur sein, dass den Geisteswissenschaften das Interesses an der Wahrheit abhanden kommt bzw. gekommen ist. Doch trifft das zu? Geht es im Streit wirklich nur nur um Wahrheit (und die Frage, was das denn überhaupt ist, lasse ich mal besser gleich außen vor)?

Man streitet bekanntlich nicht nur um die Wahrheit eines Arguments. Streit ist immer auch eine Machtfrage. Das unterschätzt von Weizsäcker in seinem hervorragenden Beitrag entschieden. Dass die sog. Diskussion um die Atomenergie, die ja nichts als ein Streit ist, dafür ein Paradebeispiel par excellence abgibt, dürfte klar sein.

Doch unabhängig davon, wie zentral Wahrheit jetzt im Streit ist oder nicht: Wenn man von Weizsäckers Beitrag hört, bedauert man vor allem, dass der Streit um die Atomenergie nicht auf dem intellektuellen Niveau fortgeführt wird, auf dem er in den 50ern zumindest kurz einmal stand.


Nun streitet Euch doch nicht … (Nachtrag)

29. Januar 2010

Heute ist übrigens auch der feine Artikel von Michael Weise über die Tagung von Carlos Spoerhase und mir zur Gelehrten Polemik erschienen. Aber ‚durch‘ bin ich mit dem Thema deswegen noch lange nicht…


Nun streitet Euch doch nicht…

29. Januar 2010

In der Zeitschrift für Ideengeschichte hat Herfried Münkler Ende letzten Jahres einen Artikel über die Bedeutung des Streitens für die Intellektuellen publiziert („Niederwerfen oder Ermatten?„, ZIG III/4 2009). Münkler stellt darin u.a. klar, dass der Intellektuelle eine recht moderne Erscheinung ist und nicht etwa eine der Vormoderne. Ich finde diesen Hinweis sehr richtig. Auch schon vor der Lektüre des Aufsatzes habe ich mich immer mal wieder gefragt, was den Gelehrten der Frühen Neuzeit vom Intellektuellen der Moderne denn eigentlich konkret unterscheidet.

Münklers Aufsatz hat, obwohl das eigentlich gar nicht sein primäres Anliegen ist, mir darauf eine Antwort gegeben. Er zeigt nämlich, wie sehr der Intellektuelle der Moderne ein „Aufrührer und Ordnungsstörer“ ist. Nun ist das in gewisser Hinsicht der Gelehrte der Frühen Neuzeit auch, denn auch er streitet sich gerne und über alle möglichen Themen. Im Unterschied zum Intellektuellen sucht der Gelehrte aber eigentlich keine Öffentlichkeit außerhalb der Akademie. Er beschränkt sich auf seinesgleichen. Dem Intellektuelle dagegen ist der Elfenbeinturm zu eng, er bricht aus und breitet den Streit so aus. Das setzt aber auch voraus, dass der Intellektuelle eine Sprache spricht/schreibt, die andere verstehen.

Die Streitlust der Intellektuellen des 18. und 19. Jahrhunderts ist aber nach Münkler in eine „Ermattungsstrategie“ im 20. Jahrhundert eingemündet. An die Stelle des Streits, der direkten Auseinandersetzung trat die Tendenz, die eigene Position als Konsensposition zu verkaufen. Streitpunkte werden zu Allgemeinplätzen, von denen nur Außenseiter abweichen. Diese Streittechnik kannte bereits die Vormoderne. Unter den Voraussetzungen der ausgeweiteten Kampfzone in der Moderne scheint das aber verheerende Folgen gehabt zu haben: Wenn ein frühneuzeitlicher Gelehrter den anderen ausgrenzte, hatte dieser meist die Gelegenheit, seine eigene Partei zu mobilisieren und dadurch zum Gegenschlag auszuholen. Der Angreifer musste fürchten, Federn zu lassen wie sein Kontrahent. Der Intellektuelle dagegen vermeidet nach Münkler im Verlauf der Moderne immer mehr die Bereitschaft, auch selbst einzustecken. An die Stelle der öffentlichen Rauflust tritt der gepflegte Hegemonialanspruch, der die eigene Parteilichkeit kaschieren soll. In dieser Hinsicht scheint der Intellektuelle das role model für den Politiker der Gegenwart abgegeben zu haben – man mag’s kaum glauben.


Philologischer Sophismus

4. Januar 2010

Thomas Steinfeld, Leiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, ist nicht nur ein Kenner des Literarischen Lebens, sondern auch ein kluger Liebhaber der Philologie – und er zeigt das auch gerne. Jüngst hat er ein Loblied auf die philologische Skepsis publiziert (in: Jürgen Paul Schwindt: Was ist eine philologische Frage?, Frankfurt/Main 2009, S. 211-226), in das ich so gerne miteinstimmen möchte – frei nach dem Lebensmotto aller Philologen: Skeptiker aller Ländern vereinigt Euch!

Steinfeld macht überzeugend klar, dass Philologie nicht die Aufgabe hat, ein literarisches Werk literaturkritisch und philosophisch zu bewerten. Diese These entlehnt er dem großen Philologen August Böckh. Als zweiten Gewährsmann führt Steinfeld, und das mag zunächst überraschen, Paul de Man an. Der habe in einem „Aufsatz zur Lage der Disziplin“ (S. 224) eben eine solche Skepsis gefordert, die das Werk nicht in einem klar umrissenen Feld kulturell gesicherten Wissens verortet, sondern eben einer solchen Praktik skeptisch misstraut.

Leider zitiert der Philologe Steinfeld den Aufsatz von de Man nicht richtig (seine Fußnote erweckt den Eindruck, als handle es sich um The Resistance to Theory und nicht etwa um Return to Philology, in: The Resistance to Theory, Minneapolis, London 1986, S. 21-26).  Auch geht es de Man nicht um irgendeinen Lagebericht, er polemisiert offen gegen ideengeschichtlich und moralisierend argumentierende Kollegen. Schließlich verkürzt Steinfeld de Man, wenn jener meint, dieser habe gefordert, sich auf die Philologie des 18. Jahrhunderts rückzubesinnen. Das interessiert de Man aber gar nicht, vielmehr kritisiert er: „The link between literature (as art), epistemology, and ethics is the burden of aesthetic theory at least since Kant.“ (S. 25)

Was de Man will, ist vielmehr ein Zurück zu einem Verständnis von Philologie, wie es in der Antike entwickelt wurde und bis in die Frühe Neuzeit hinein gültig war: Es geht ihm um eine Allianz von Rhetorik und Philologie, die er primär als deskriptive Wissenschaften versteht und die die Dynamiken eines Textes präzise erfassen und darlegen soll – nicht mehr. Wenn Steinfeld über dieser Forderung stillschweigend hinweg geht und meint, die moderne Philologie gebe „das Theologische, den Anspruch auf Wahrheit […] ja nicht auf“ (S. 225), dann hat er nicht unrecht – aber dann konstatiert er eben eine Praktik, gegen die de Man opponiert. Steinfeld suggeriert eine Harmonie zwischen Skepsis und Sinn, wo sie sich laut de Man unvereinbar gegenüberstehen. Und da dessen Aufsatz in Deutschland weitgehend unbekannt ist (eine deutsche Übersetzung liegt derzeit nicht vor), kann Steinfeld darauf hoffen, dass ihm niemand auf die Schliche kommt – ethisch argumentierende Rhetoriker und später auch Philologen hatten einen Namen für ein derart geschicktes Argumentieren: Sophismus.


Diskrreditierrt

2. Januar 2010

Der Ton macht bekanntlich die Musik – das gerollte Zungenspitzen-R trägt dazu aber nicht mehr bei:

Reinhart Meyer-Kalkus hat jüngst in einem großen Zeitungsartikel (Die Kunst, pathetisch zu sprechen, in: FAZ, Nr. 262, 11.11.2009, S. N4) sehr überzeugend dargelegt, warum das allgemeine Urteil vom Verlust des hohen Tons in Kunst und Politik nicht ohne weiteres zu halten ist. Vielmehr habe sich die Deutung von Merkmalen pathetischen Sprechens verschoben. Ein Beispiel, das er vorstellt, ist das gerollte Zungenspitzen-R, das bis weit in die 60er Jahre hinein Ausdruck für den hohen Ton und für gelerntes Sprechen gewesen sei (jenseits von süddeutschen Dialekten). Dieses „R“ ist auch im Film und auf dem Theater langsam seinem weniger aggressiv wirkenden Bruder, der im Rachen beheimatet ist, gewichen.

Derzeit lese ich den berühmten DDR-Roman Die Spur der Steine von Erik Neutsch (zuerst 1964). In ihm kommt der LPG-Leiter Windisch auf einen Hof, um den Bauern vom Beitritt zur LPG zu überzeugen (S. 200f., in der Ausgabe Leipzig 1996): „Windisch sagte: ‚Gutt, daß du kommst, Johann. Wirr sind nurr mal auf dem Sprrung vorrbei.‘ Er rollte stark das R und sprach die Wendungen ungewöhnlich hart aus. Er stammte aus Schlesien […].“

Die meisten Figuren im Roman sprechen normales Schriftdeutsch, der Hinweis auf die Herkunft beantwortet also nicht die sprachlichen Eigentümlichkeiten, wie man zunächst meinen könnte. Deswegen wirkt die Abweichung von der Norm nicht etwa besonders natürlich, sondern gerade künstlich. Neutsch führt Windisch schon mit dem ersten Satz als eine Figur ein, die ‚künstlich‘ spricht – erlernt und damit rhetorisch. Er diskreditiert den Funktionär. Kein Wunder, dass ihm die Figuren mit Argwohn begegnen – zumal ja auch sein Name ihn bloßstellt.


Gelehrte Polemik heute

3. Dezember 2009

Gerd Fritz hat vor einigen Monaten sehr kluge Überlegungen zur Funktion der Kontroverse in den Geisteswissenschaften angestellt (vgl. http://tp4blog.wissenschaftskommunikation.info/2009/06/kontroversen/). Ergänzend muss aber auch über die Frage nachgedacht werden, wie wir in den Geisteswissenschaften insgesamt die Akzeptanz von vergleichsweise ‚weichen‘ und auch instabilen Formaten wie dem weblog steigern können. Ein grundlegendes Problem ist schon der Umfang. Webformate sind für intensive Auseinandersetzungen kaum geeignet, weil die Leser kurze Artikel und klare Positionen (also keine differenzierten Meinungen) bevorzugen.


Gelehrte Polemik – Tagung

3. Dezember 2009

Carlos Spoerhase und ich haben im September eine Tagung zur gelehrten Polemik im 17. und 18. Jahrhundert veranstaltet (vgl. http://gelehrtenrepublik.wordpress.com). Im Moment bemühen Carlos und ich uns um die Fortsetzung dieses Vorhabens.