Fahnenkorrektur

22. August 2013

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Meinungsstark

9. August 2013

Letztens war ich in Husum. Was macht ein kleiner Philologe in Husum? Theodor Storm gucken. Zumindest ein wenig. War zu heiß, um in Ruhe Theodor Storm zu gucken. Also habe ich einen Buchladen aufgesucht und die neue Biographie von Theodor Storm gekauft. Hatte ein paar Tage zuvor einige Worte darüber gelesen, die ganz vielversprechend waren.

Und da ich zuletzt mit Biographien ganz gute Erfahrungen gemacht habe (vor drei, vier Monaten habe ich begeistert Kurzkes Büchner-Biographie gelesen), habe ich mich gleich an Jochen Missfeldts Storm-Biographie gemacht.

Kurzkes Buch hat mindestens zwei starke Thesen: Es geht ihm um das Geniehafte Büchners, wie der Untertitel schon verheißt. Und es geht ihm darum, Büchner den Salon-Revolutionären zu entreißen, was seinerseits schon beinahe revolutionär ist.

Missfeldts Buch tritt schon im Untertitel bescheidener an: „Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“. Was vermutet man bei einem solchen Titel? Anbindung an die Zeit – sowohl in politischer Hinsicht als auch im Hinblick auf Storms Vernetzung im Literarischen Leben. Das habe ich zumindest erwartet. Zweiteres wird auch geliefert. Missfeldt dokumentiert zuverlässig Storms ‚kollegialen‘ Austausch etwa mit Fontane oder Keller. Vielleicht hätte zudem noch ein wenig mehr über das Literarische Leben an sich – Verlagswesen, Kritik in Zeitungen und Zeitschriften – gesagt werden können, aber das mag Geschmackssache sein. Über die politischen Umstände erfährt man ein wenig, aber wenn man wie ich in der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht gerade sattelfest ist, lädt Missfeldts Buch doch an der einen oder anderen Stelle ein, noch mal einige Details etwa zu den Einigungskriegen nachzuschlagen, weil die Biographie Informationen dazu nur punktuell liefert.

Aber all das betrifft Gewichtungsfragen, die vermutlich jeder Leser einer Biographie für sich etwas anders beantworten würde. Viel nerviger ist der Habitus von Missfeldt. Im Gegensatz zu Storm hat er nämlich z.B. richtig Ahnung von der Kindererziehung und macht das auch unmissverständlich klar: „Aber auch das Sparen will gelernt sein, schreibt Ernst [Storms Sohn] an seine Verlobte. In meinem elterlichen Hause habe ich es nicht gelernt. Da hat er auf seine Weise Recht, denn der Vater stopfte in seinem Fürsorge-Eifer und Standesdünkel […] stets die Löcher, die der Sohn ins Portemonnaie riss. Darauf konnte der Sohn bauen; gelernt hat er dabei nichts.“ (S. 399)

Missfeldt ist auch sonst nicht urteilsscheu, über die Novelle Bötjer Basch schreibt er: „Webfehler und dünne Stellen im Text sind die Folge; sie sind aber nicht ausschlaggebend angesichts der liebenswerten Schicksalsgestaltung und sprachlichen Schönheit der Novelle.“ (S. 433) Über Storms vorletzte Novelle Ein Bekenntnis heißt es: „Die mitreißende Schilderung vom Leiden und Sterben der jungen Elsie Jebe gelingt ihm nicht immer ohne Anklang von Sentimentalität und Kitsch. Elsie Jebe, geborene Füßli, ist zu sehr ein mit Stormhand geknetetes Frauenwesen.“ (S. 436)

Ein Biograph darf eins ganz bestimmt nicht: sich immer und immer wieder in Lobhudelei ergehen. Das macht Missfeldt erkennbar nicht und das ist natürlich gut und richtig. Ein Biograph muss kritisch Distanz wahren, auch das macht er. Aber er macht es in dieser eigentümlich subjektiven Form der Literaturkritik, die zudem gerne ihrerseits metaphorisch daherkommt und dadurch latent uneindeutig ist. Missfeldt behelligt den Leser fast über das gesamte Buch hinweg mit seinen Geschmacksurteilen. Das nervt nicht nur, das geht auch am Anspruch einer Biographie vorbei, die schließlich in erster Linie ein historisches Genre ist.

Nichts gegen Literaturkritik: Es wäre klasse gewesen, wenn Missfeldt z.B. umfangreich die Rezeption Storms in der Literaturkritik seiner Zeit rekonstruiert hätte – zur etwas spärlichen Berücksichtigung des Literarischen Lebens habe ich mich ja schon geäußert. Auch hätte er noch ausführlicher schreiben können, inwieweit Storm mit einer Novelle vielleicht seine eigenen poetologischen Ansprüche nicht erfüllt hat. Wenn Missfeldt wie zitiert Storm „Sentimentalität“ vorwirft, kann man natürlich fragen, ob Storm die abgelehnt hat. Wenn dem so wäre, könnte daraus ein Kritikpunkt werden. Aber das macht Missfeldt eben nicht. Was der Verfasser der Biographie hingegen von einzelnen Werken hält, das kann meinetwegen am Rande mal durchscheinen. Aber dem Leser regelmäßig die eigene Meinung vorzulegen, das sollte man in einer Biographie schlechterdings nicht tun.

Das nächste Mal gehe ich dann doch ins Storm-Haus und lese mir in Ruhe die Tafeln durch. Die werden mich bestimmt nicht mit den Privatmeinungen ihrer Verfasser zu Storm behelligen, sondern es mir überlassen, dass ich mir zu Storm eine Meinung bilde – oder ich lese schlicht mal wieder einige seiner Gedichte und Novellen.


Lesen gefährdet ihre Gesundheit

27. Mai 2013

Schon früh habe ich mit dem Lesen angefangen, noch während der Schule, nicht erst an der Uni. Ich lese also schon lange und das merke ich immer deutlicher. Kein Wunder. Immerhin habe ich früh diese dicken, alten Bücher gelesen, die man zum Schutz der Allgemeinheit nur in Sonderlesesälen lesen darf. Sogar noch nach dem Examen.
Neulich war ich beim Arzt. Bereits beim Reinkommen meinte er: „Sie lesen, oder?“
Ich wurde rot, schaute zu Boden und meinte: „Ja, schon … Aber nicht viel! Und ich treibe auch Sport.“
„Was soll ich groß sagen? Die Folgen vom Lesen sind ja allgemein bekannt. Ich verstehe einfach nicht, wie man heute noch lesen kann. Zum Glück greift die Gesundheitsaufklärung. Meine Patienten unter 20, da liest kaum noch einer. Aber bei den älteren, man wundert sich immer wieder. Aber vielleicht verstehe ich es auch deswegen nicht, weil mich das Lesen nie interessiert hat.“
„Haben sie nie gelesen?“
„Einmal hatte ich ein Mädchen kennengelernt, das gerne gelesen hat. Da habe ich mir ein Sahr…, Sohr… Eins von diesen Intellektuellenbüchern…“
„Suhrkamp!“
„Ja, Suhrkamp, gibt es die noch?“
„Komplizierte Geschichte.“
„Habe ich auf jeden Fall nie fertig gelesen. Aber jetzt zu ihnen.“
Ich schilderte ihm meine Wehwehchen. Aber eigentlich war schon klar, was kommt: mehr Bewegung, gesünder essen, weniger lesen oder es sogar ganz einstellen. Auf keinen Fall mehr diese dicken, komplizierten, wirklich schwer bekömmlichen Bücher. Eine Krimi von Zeit zu Zeit – wenn ich partout nicht ohne könne, dann solle ich mich auf Krimis beschränken. Und auf keinen Fall Lyrik. Die Folgen von Lyrik würden wahnsinnig unterschätzt.
Ich war fertig, denn er war sehr drastisch. Mit hochrotem Kopf verließ ich die Praxis.
Gleichzeitig musste ich mir eingestehen, dass was dran war an seiner Predigt. Das Lesen hat in meinem Leben deutlich Spuren hinterlassen. Über die gesundheitlichen Folgen muss man eh kein Wort verlieren. Aber seit sich die EU die Ächtung des Lesens auf die Fahnen geschrieben hat, wird man als Leser auch sozial zunehmend an den Rand gedrängt. Aus gutem Grund. Lesen macht einsam. Man muss sich nur mal klar machen, was man alles hätte tun können, während man auch nur ein Kapitel gelesen hat. Wie viele Statusmeldungen man hätte kommentieren können in der Zeit, wie viele Likes verteilen, wie viele Tweets abschicken, wenn man voll sozial vernetzt ist und nicht liest. Während der Lektüre eines Buches ist man doch vor allem eins: einsam.
Reflexartig wollte ich zum Taschenbuch greifen. Doch auf offener Straße ein Buch in die Hand nehmen? Wenn mich jemand sieht! Die Sehnsucht nach einem guten Buch als kleinem Trösterchen war riesengroß. An der nächsten Kreuzung war eine Eckkneipe. Aber seit man zum Lesen vor die Tür gehen muss, gehe ich da nicht mehr gerne hin. Da stehen dann all die, die es wirklich nötig haben. Dazu will man ja nicht zählen.
Lesen, das tun eigentlich nur noch Asoziale. Letztens habe ich auf RTL 2 eine Doku gesehen, da wurde sogar im Kinderzimmer gelesen – das ging selbst mir zu weit. Eigentlich bin ich ganz froh, dass inzwischen so deutlich vor dem Lesen gewarnt wird und dass man den Zugang zu Büchern immer mehr erschwert. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der ich zu lesen anfing. In jedem Kaff ein Buchladen, oft auch zwei. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute bestelle ich meine Bücher meistens über das Internet. Der Postbote lächelt zwar immer so wissend, aber gesagt hat er bisher noch nie was.
Wenn Gäste kommen, stehen die erst einmal vor dem Bücherregal: „Hast du die alle gelesen?“ Da wird man doch verlegen: „Nicht alle, aber die meisten.“ Die Blicke meiner Gäste wechseln dann zwischen Mitleid und Entsetzen. Mein Arbeitszimmer zeig ich dann lieber gar nicht erst…

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Es ist wohl an der Zeit, dass ich mir Gedanken mache. Die Blicke meines Hausarztes waren eindeutig. Aber so ganz ohne, das stelle ich mir sehr schwer vor. Die Krankenkasse bietet Kurse an: Nicht-Leser in 6 Wochen. Vielleicht wende ich mich mal an die. Oder ich versuche es sanft und nehme in den nächsten Urlaub nur Krimis mit. Nein noch besser: ich kaufe mir vor Ort nur diese eintönigen Regionalkrimis. Und immer erst den nächsten, wenn ich den vorhergehenden beendet habe.
Habt ihr erfolgreich das Lesen drangegeben? Vielleicht könnt ihr mir hier ein paar Kommentare hinterlassen, welche Erfahrungen ihr so gesammelt habt? Je länger ich drüber nachdenke, um so reizvoller finde ich den Gedanken. Allein das Geld, das ich auf diese Weise sparen könnte.


Werk- oder Spielzeug?

3. Mai 2013

IMG_1703Vor einem Monat ist Moleskine an die Börse gegangen – offenbar sehr erfolgreich. Das gönnt der kleine Philologe dem Unternehmen natürlich ungemein. Schließlich sind die schwarzen Notizhefte auf vielen Tagungen und während verschiedener Bibliotheksreisen sein treuer Begleiter gewesen. Noch heute werden die Büchlein mit Exzerpten (samt eingelegter Leihzettel) im Bücherregal aufbewahrt.

Gleichzeitig erfüllt die Nachricht mit Scham. Denn seit einem Monat bin ich dem ‚kleinen Schwarzen‘ untreu. Ich habe mir ein neues Schreibwerkzeug gekauft, von dem ich allerdings noch nicht weiß, ob es sich durchsetzen wird. Schreibtechnisch befinde ich mich nämlich derzeit in einer Experimentierphase. Das ist den vielen Möglichkeiten des SchreibensIMG_1705 geschuldet, die gegenwärtig existieren und entwickelt werden. Jetzt auf den Zug aufzuspringen, ist natürlich gefährlich. Kein Mensch kann einschätzen, welche Verfahren und Techniken sich letztlich durchsetzen. Gleichwohl ist es verlockend, schon jetzt mitzutun. Immerhin bietet sich endlich die Chance, Notizen so anzulegen, dass sie wirklich gut wiedergefunden werden können und eigentlich immer zugänglich sind. Da haben analoge Aufzeichnungstechniken deutliche Schwächen.

Nun müssen die Leser dieser Zeilen natürlich nicht befürchten, dass hier in den kommenden Wochen mehr oder minder überzeugende Bildchen oder vermeintlich wichtige handschriftliche Notizen gepostet werden, die sich in meinem digitalen Notizbüchlein finden.

Meine Notizen, seite 2

Mit dem Schriftbild bin ich nämlich gar nicht zufrieden. Das Schreiben mit dem Stift mit seiner weichen Gummi-Oberfläche auf dem glatten Touchscreen ist fast komplett widerstandsfrei, so dass man sehr langsam und konzentriert schreiben muss, damit es einigermaßen leserlich bleibt. Für Notizen während einer Tagung oder gar bei Theaterkritiken bietet sich das Gerät nicht an – Moleskine muss also nicht befürchten, dass die Kurse einbrechen.

Aber bei der Korrektur von Hausarbeiten und von Fahnen eines Aufsatzes hat mir der Stift schon tolle Dienste geleistet. Natürlich sitzt man nicht in der Frühlingssonne und denkt sich: „Mensch, jetzt könnt‘ ich mal wieder eine Hausarbeit korrigieren.“ Aber ich muss mir zum Beispiel nicht überlegen, ob ich Hausarbeiten mit nach Hause nehme oder nicht. Sie sind einfach zur Hand, wenn es sich anbietet. Besonders angenehm ist das Arbeiten mit einem solchen Schreibgerät, wenn es um Notizen ’nebenbei‘ oder ‚unterwegs‘ geht – etwa bei der Korrektur einer Fahne, bei der nur noch geschaut werden muss, ob wirklich alles erledigt ist. Und wenn das nicht der Fall ist, dann gibt’s halt noch ein paar kleine Krickeleien an den Rand und die Sache ist erledigt – zumindest für mich.


1. Oktober 2012


Kleine Freuden

13. September 2012

Vor knapp einem Jahr hat mir ein netter Kollege auf einer Tagung einen Bleistift geliehen, der wunderbar praktisch mit einer Kappe ausgestattet ist. In ihr ist sogar ein Anspitzer versteckt. Da ich bis dahin in meinen Büchern immer mit notorisch stumpfen Bleistiften herumgekritzelt habe, war das eine wirkliche Entdeckung. Denn mit stumpfen Bleistiften kann man zwar ganz gut unterstreichen, aber gerade wenn die Bücher nur einen knappen Rand und einen engen Satzspiegel haben, ist ein anständig angespitzter Bleistift für wirkliche Notizen doch von Vorteil.

Heute nun habe ich in einem (vorsichtig formuliert) funktional eingerichteten Büroartikel-Geschäft an einer hässlichen Ausfallstraße einen zum Bleistift passenden Tintenroller (oder wie heißen diese Stifte, die weder Kugelschreiber noch Federhalter sind?) entdeckt. Hat mir gleich große Freude gemacht. Allein schon weil der Bleistift jetzt in der Federmappe nicht mehr so einsam ist. Vor allem aber, weil ich jetzt endlich den Eindruck habe, ein angemessenes Werkzeug zur Hand zu haben, wenn ich nicht in einem Buch schreibe.

Die beiden haben sich auch gleich angefreundet. Da wollte ich ihnen was Gutes tun und habe aus einer Ecke einen Textmarker herausgekramt, der wunderbar zu den beiden passt.

Aber die beiden sahen mich nur erstaunt an und fragten: „Was willst du denn mit dem?“ Ich musste mir eingestehen, dass ich Textmarker wirklich nicht nutze. Und da mein Mäppchen eh sehr eng ist, musste der dicke Kerl zurück in seine Ecke. Hoffe nur, dass er sich nicht diskriminiert fühlt und etwas Verständnis aufbringt.


Vom Überleben der Intellektuellen

8. September 2012

Gumbrecht hat im FAZ-blog erläutert, warum sich die Intellektuellen überlebt haben. Er beschreibt damit eine Dynamik, die schon vielfach bemerkt und teilweise beklagt wurde. So nach dem Motto: „Die Leute hören ja eh nicht mehr zu!“ Nun ist jedoch die Klage, dass die Leute nicht zuhören bzw. aufmerksam lesen, kaum etwas anderes als die verzweifelte Klage von Eltern über pubertierende Kinder. Als Ursache nennt Gumbrecht hingegen die zunehmende Nötigung zur Parteilichkeit. Sie ist natürlich fatal und macht jeden Versuch, sich Gedanken zur Sache zu machen, platt. Deswegen ist Gumbrechts Perspektive im Vergleich zur lamentierenden die viel überzeugendere.

Ich frage mich nur, ob ergänzend zu seinen Gedanken nicht auch ein anderer Fluchtpunkt möglich wäre: statt des sich Überlebens eine Privatisierung des Denkens, an der diejenigen, die vor wenigen Jahren noch als Intellektuelle begriffen wurden, ihre verbliebenen Leser teilhaben lassen. Ich denke an Hennig Ritters Notizhefte oder an Sloterdijks Zeilen und Tage, in denen ich seit gestern lese. Die große Leistung solcher Bücher besteht darin, dass die Autoren mit ihren Lesern Gemeinschaft herstellen, indem zusammen über Dummheit und Geschwätz gelacht wird. In diesem Sinne ist der Rückzug in die publizierten Notizen zur Zeit nicht weniger als der Versuch, das Überleben zu sichern. Gumbrecht dürfte darin vielleicht einen letzten Fluchtpunkt sehen, quasi ein Klassentreffen der verbliebenen Intellektuellen mit ihren Jüngern. Aber vielleicht ist die Privatisierung gar kein Zwischenschritt zum Verschwinden, sondern lediglich Ausdruck dafür, dass die eigenen Möglichkeiten realistischer eingeschätzt werden.


In eigener Sache

23. August 2012

Wenn’s so heiß ist wie in den letzten Tagen, dann sehnt man sich nach einem Ort, der ein wenig Schutz vor der Kühle verspricht. Wir, die verhärmten und vom ewigen Messen, Lesen und Schreiben (und manchmal auch Denken) gebeugten Einwohner des Elfenbeinturms, haben es an solchen Tagen ausnahmsweise einmal sehr gut. Ja, mancher beneidet uns sogar. Denn im Elfenbeinturm herrscht, wenn nicht gerade eine Sau namens Reform durch unsere Gänge getrieben wird, nicht nur angenehme Stille, sondern eben auch wohltemperierte Kühle.

Allen Spöttern sei gleich entgegnet: Natürlich gibt es auch die mit Asbest verkleisterten Papp-Dinger, in denen es im Sommer noch fürchterlicher ist als in einer x-beliebigen U-Bahnstation. Aber wer will diese Gebäude ernsthaft zum Elfenbeinturm adeln?

Also: Da der Elfenbeinturm gerade im Sommer ein wenn auch selten frequentiertes, gleichwohl eigentlich sehr angenehmes Refugium ist, überrascht es nicht, dass seine Einwohner gerde jetzt über seine Vorteile nachdenken. Carlos Spoerhase, selbst Einwohner eines der schönsten deutschen Elfenbeintürme, hat das gestern in einem Artikel in der FAZ getan. Auf den Artikel kann ich hier leider nur konventionell verweisen, weil er nicht online ist: FAZ Nr. 195, S. N 5. Er geht von einem Aufsatz des Wissenschaftshistorikers Steven Shapin zum Elfenbeinturm (in: The British Journal for the History of Science 45 (2012)) aus. Die Pointe des FAZ-Artikels ist dabei jenseits von Shapin, dass Carlos den Topos vom Elfenbeinturm mit dem des universitären Leuchtturms überblendet. Mehr will ich hier dazu gar nicht sagen, weil es eine zweischneidige Sache ist, Freunde in der Öffentlichkeit zu loben.

Mir geht es um etwas anderes, nämlich um das Ansinnen an die Bewohnern des Elfenbeinturms, sie müssten auch einmal aus dem Elfenbeinturm heraustreten, um z.B. dem Gemeinwohl zu dienen. Shapin verweigert sich in seinem Aufsatz offenbar diesem Ansinnen und plädiert stattdessen für Kontemplation. Ich möchte auf dieses Ansinnen mit einer kleinen Erzählung antworten.

Die Schneckenhaus-Parabel

Im Urlaub bin ich an einem sehr heißen, drückenden Tag durchs Meer gewatet. Auf einmal schwamm vor mir ein wunderschönes, handtellergroßes Schneckenhaus. Ich habe es mit nach Hause genommen, weil es so schön war und mir als Andenken an den Urlaub dienen sollte. Gegen Abend bewegte es sich auf einmal. Im ersten Moment bin ich richtig erschrocken. Dann sah ich, wie langsam ein Einsiedlerkrebs aus dem Haus zu kriechen begann. Zwar wollte ich mein Andenken nicht aufgeben – aber dafür einen Krebs töten, das wollte ich natürlich nicht. Also habe ich den Krebs, dem es in dem Schneckenhaus bestimmt längst zu trocken wurde, in eine Schüssel mit Salzwasser gelegt, um ihn am nächsten Tag wieder ins Meer auszusetzen, damit er sich eine neue Heimat suchen kann. Am nächsten Morgen aber war der Krebs tot. Das Schneckenhaus habe ich mit nach Hause genommen. Aber eine Erinnerung an einen heißen Urlaubstag ist es nicht mehr, sondern an einen hilflosen Versuch, dem gar nicht so kleinen Einsiedler irgendwie seine Zukunft zu erhalten.