Wohl jeder, der regelmäßig schreibt, kennt diesen Effekt: Man liest seine Texte nach einiger Zeit, stellt fest, dass man immer wieder zu den gleichen Wendungen greift und einfältig die immer gleichen Satzkonstruktionen pflegt, obwohl es so viele andere und (im Moment der Selbstkritik) viel schönere gibt. Der eigene Text wirkt auf einmal einfältig und monoton – insbesondere im Vergleich zu dem Buch, das man gerade liest, oder zu dem Seite-3-Artikel, den man am letzten Samstag gelesen hat.
Nur wenige haben das Glück, einen eigenen Stil auszubilden, ganz wenige , dann auch noch das Glück, anderen Lesern zu gefallen. Manche versuchen sich dieses Glück zu erarbeiten, indem sie dem Stil von anderen nacheifern. Thomas Mann ist bemerkenswerterweise immer noch so ein Vorbild … Wer einen solchen (meist unerreichbaren) Gradmesser nicht hat und trotzdem wissen will, wessen Stil er pflegt, der kann das jetzt ganz und gar objektiv testen.
So ein Stil-Test ist eine lustige Sache. Ich habe mal drei Texte aus diesem blog eingegeben und pflege demnach mal den Rilke-, mal den Freud- und mal den Kafka-Stil. Nun wollte ich natürlich auch wissen, wie zuverlässig dieser Test ist. Alle eingegebenen Goethe-Texte waren laut Test auch von Goethe. Soweit so gut. Dummerweise sind aber auch die von Schiller und Kleist im Goethe-Stil. Eine arg kluge Stilanalyse-Maschine zu überlisten, macht dem kleinen Philologen natürlich diebisch Spaß. Aber im Grunde geht es den Programmierern ja nicht darum, meinen Stil zu analysieren, sondern mir virtuell mein ego aufzumöbeln. Ich darf mich also zufrieden zurücklehnen und sagen: Ich, Rainer Franz Freud. Tolle Sache!
Veröffentlicht von kai bremer