Maske und Gegenwartstheater

2. August 2010

In der SZ hat vor einigen Wochen Christopher Schmidt berichtet, dass Hans Belting in München über „Theater und Maske“ gesprochen und dabei „implizite Kritik am Gegenwartstheater“ geübt habe (SZ 162, 17./18.7., S. 16). Der Artikel lässt vermuten, dass Beltings Vortrag auf seinen umfassenden Überlegungen aufbaut, die er in Das echte Bild (München 2005) formuliert hat. Schon dort hat er sich ausführlich zum Umgang mit der Maske seit der Antike geäußert und ist dabei weit über die Grenzen der Kunstgeschichte hinausgegangen. So hat er etwa die Bedeutung des lateinischen Worts persona gewohnt souverän dargelegt. Seine Ausführungen nutzt er in seiner Studie, um zu erklären, in welchem Verhältnis Maske und Gesicht primär in der darstellenden Kunst zueinander stehen.

Beltings Pointe in seinem Vortrag scheint nun gewesen zu sein, dass er seine bildwissenschaftlichen Überlegungen in Beziehung gesetzt hat zum Umgang des Theaters mit der Maske. Schmidt schreibt: „Theater hat sich von jeher als Spiegel verstanden, doch als es unter dem Schlachtruf der Natürlichkeit die Maske zerbrach, hat es sich von seiner eigenen Natur entfremdet.“ Dass das Postulat der Natürlichkeit im Widerspruch zur Maske als Requisit steht, ist klar. Nur muss man an dieser Stelle doch zwei Fragen stellen, nämlich:

1. Bedeutete das Natürlichkeitspostulat tatsächlich das Ende der Maske?

2. Ist das Natürlichkeitspostulat im Gegenwartstheater tatsächlich weiterhin existent?

Die Fragen zu stellen, heißt, sie zu verneinen: Natürlichkeit ist die große Forderung des bürgerlichen Trauerspiels. Lessing und vor allem Diderot können hierfür als wichtige Repräsentanten genannt werden. Ihre Bedeutung für das europäische Theater kann kaum unterschätzt werden. Aber ebenso dürfte auch unbestritten sein, dass sie in den vergangenen 200 Jahren nicht nur auf Zustimmung gestoßen sind. Goethes Faust 2 und Brechts Dramatik (welch eigentümliche Allianz in diesem Punkt!) mögen hier als Gegenbeispiele genügen. Noch viel wichtiger scheint mir aber zu sein, dass Beltings Hinweis nichts mit dem Gegenwartstheater zu tun hat. Ich war in der letzten Spielzeit nicht oft im Theater, aber eine Inszenierung, an die ich mich besonders gerne zurückerinnere, arbeitete mit Masken, nämlich Karin Beiers wunderbare Kölner Aufführung von Grillparzers Das goldene Vlies. Und die ist immerhin mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet worden.

Vielleicht ist der Ausdruck „Gegenwartstheater“ in dem Artikel von Schmidt aber gar nicht auf das bezogen, was ich darunter verstehe (und ob Belting sich tatsächlich auf die Gegenwart bezogen hat, wird auch nicht recht klar). Vielleicht meint Schmidt in seinem Artikel schlicht eine Ästhetik, die durch die Aufklärung angestoßen wurde und der heute noch viele Zuschauer anhängen – trotz Brecht und seiner Epigonen, trotz der Rückkehr zur antiken Dramatik etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder dann erneut seit den 70er Jahren.

Die eigentliche Pointe des Vortrags von Belting wäre dann nur, dass er gerade keine Kritik am Gegenwartstheater üben würde, sondern an einer bestimmten Rezeptionserwartung des Publikums. Nämlich an der Erwartung, ‚natürliches’, also maskenfreies Theater zu sehen. Dieses Bedürfnis äußert sich in fast jeder Aufführung im Pausengespräch, wenn sich gut situierte Menschen endlich mal wieder einen ‚echten’ Schiller o.ä. wünschen, wie das vor einiger Zeit ein Bundespräsident tat, der dann auch umgehend zurückgetreten ist, als er eingesehen hat, dass er von Theater keine Ahnung hat. Doch das nur am Rande.

Das eigentliche Problem ist also, was ‚echt’ meint. Wer eine Antwort darauf sucht, dem sei das genannte Buch von Belting nur empfohlen – auch wenn es vom Theater nur am Rande handelt: es ist echt gut!


Aus berufenem Munde …

17. Juni 2010

habe ich jetzt erfahren, was Elfenbeinturm und Blogs miteinander zu tun haben. Leider bieten die Blätter für deutsche und internationale Politik nicht die Möglichkeit, den Beitrag zu kommentieren. Der Philologe hätte zu gerne Kommentare dort mit denen auf netzpolitik verglichen … Leider kommt bei dem einen oder anderen Kommentar dort schon der Eindruck auf, dass Prantls Beitrag nicht ganz gelesen wurde. Muss man ja auch nicht, aber warum man dann trotzdem einen Kommentar postet, ist mir einfach nicht klar.


Politik und Kontroverse

24. Mai 2010

Wenn es um Wissenschaft geht, wird gern so getan, als stritte man um die Wahrheit und nichts anderes. Dass es daneben auch um Macht geht, wissen zwar viele Wissenschaftler. Aber wenn sie wissenschaftliche Kontroversen erforschen, berücksichtigen sie das nach meinem Dafürhalten viel zu wenig. Sonst würden sie die Bedeutung der Kontroverse für den wissenschaftlichen Fortschritt vielleicht auch nicht derart positiv bewerten, wie dies vielfach geschieht.

In dem sehr interessanten Aufsatz Die gesellschaftliche Einbettung der Biomedizin: Eine Analyse der deutschen Mediendiskurse (in: Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft, hg. v. Wolf-Andreas Liebert u. Marc-Denis Weitze, 2006, S. 95-112) stellen Peter Weingart, Christian Salzmann und Stefan Wörmann die These auf:

Der Beginn einer Kontroverse ist durch einen allgemeinen, ethisch begründeten Widerstand gegen neues Wissen/neue Technologie charakterisiert. In der Folge wird der Konflikt zwischen ethischen Werten und dem neuen Wissen allmählich durch den Verweis auf detaillierte Probleme wie z.B. konkrete Formen der Implementierung aufgelöst. Die Technologie bzw. das Wissen wird nicht zurückgewiesen, sondern stattdessen werden die infragestehenden Werte angepasst. (S. 99)

Die drei Verfasser relativieren ihre These nach der Diskussion ihrer Fallstudien überzeugend in der Hinsicht, dass sie festhalten, ein derart klar vorhersagbarer Verlauf sei nicht die Regel. Was sie dagegen nicht relativieren, ist ihr Optimismus in die Anpassungsfähigkeit der öffentlichen Meinung an die Wahrheit der Wissenschaft.

Das liegt gewiss auch daran, dass der Idealentwurf einer Wissenschaftskontroverse gerne als Wettstreit, also als eine Art Wettbewerb um die Wahrheit begriffen wird. Wenn die Wahrheit gesiegt hat, kann die öffentliche Meinung letztlich nicht anders, als sich dieser anpassen.

Einmal davon abgesehen, dass das Neue nicht zwingend zu einer Anpassung der bestehenden Meinung führen muss, so denke ich, dass ein solches Model die Möglichkeit einer strategisch motivierten Äußerung zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung einkalkulieren sollte.

Was ist der eigentliche Zweck der Veröffentlichung von Wissen, bzw. gibt es neben dem primären Zweck (‚die Wahrheit’), noch sekundäre Gründe? Gerade in den Biowissenschaften geht es um erhebliche Forschungsmittel und direkt oder indirekt um die Frage des Einflusses der Politik auf die Forschung – insbesondere dann, wenn diese ethische Fragen berührt. Es geht also konkret um Macht und um das Zurückdrängen von Politik und öffentlicher Meinung aus dem wissenschaftlichen Diskurs. Das kann man sich vielleicht als Wissenschaftler wünschen, nicht aber als Bürger.

Auf dieses Problem weist im genannten Sammelband insbesondere Wolfgang C. Goede hin (Keine Innovation ohne Repräsentation: Die Zivilgesellschaft als neuer Akteur in der Wissenschaft, ebd. S. 165-178). Er betont, wie etwa NGOs sich in wissenschaftliche Diskurse einmischen und diese entschieden verändern. Es handelt sich dabei um ein politisches Engagement, das zu begrüßen ist (auch wenn man nicht vergessen sollte, dass die Motive der vermeintlichen Kritiker ebenso zu hinterfragen sind).

Ob die ethische oder auch politisch motivierte Kritik tatsächlich ein derart neues Verfahren ist, das erst unter den Voraussetzungen des gegenwärtigen Wandels geschehen kann (wie Goede meint), sei dagegen dahingestellt. Im 18. Jahrhundert sprach man zwar noch nicht von Zivilgesellschaft, aber der ethische Anspruch, mit dem Aufklärer etablierte Größen der Wissenschaft angingen, war im Grunde schon derselbe.


E-Books

21. Mai 2010

In letzter Zeit  habe ich zweimal erlebt, dass ein Bekenntnis zum ‚echten’ Buch abgelegt wurde, obwohl das in keiner Weise zum Anlass der Veranstaltung passte – einmal bei der Eröffnungsrede einer Tagung, einmal bei einer Festveranstaltung. Der Zweck der Bekenntnisse war derselbe: Der Redner wollte den im Auditorium versammelten Literaturwissenschaftlern und Historikern zurufen: „Ich kenne Ihr Medium und bin auf Ihrer Seite!“ Ganz so, als bedrohte das E-Book die Geisteswissenschaften. Dieses Bekenntnis wurde dann in beiden Fällen um eine private Nuance ergänzt: „Auf meinem Nachttisch liegt auch weiterhin das gute alte Buch!“

Doch warum dieses Bekenntnis? Zumal sich die Frage stellt, ob Redner und Auditorium überhaupt wissen, wovon sie sprechen. Ich kenne zumindest niemanden, der einen E-Book-Reader besitzt. Ich habe sie mir zwar auf der CeBIT angesehen, und von Zeit zu Zeit sieht man mal einen im Zug, aber das war’s. Einen Boom haben sie wahrlich nicht ausgelöst. Und erst recht keine Revolution, die ein Bekenntnis notwendig machen würde. Aber vielleicht ändert sich das ja bald, wenn elektronische Bücher anfangen, die Möglichkeiten des Mediums auch wirklich auszureizen – Perlentaucher hat darüber jüngst geschrieben. Sieht aber nicht so aus, als würde das das Ende der geisteswissenschaftlichen Arbeit bedeuten. Vielleicht geben elektronische Bücher der Forschung auch ganz neue Impulse. Wir werden sehen.

Auf jeden Fall sieht es aber derzeit, wie gesagt, noch ganz anders aus. E-Books sind nicht gerade das, was man einen Erfolg nennt. Das liegt gewiss nicht zuletzt daran, dass die Reader nicht ganz billig sind. Warum soll ich mir ein Gerät kaufen, das fast so viel kostet wie ein Netbook, um dann Bücher-Datensätze zu kaufen, die meistens genauso teuer sind wie die gedruckten Bücher (Buchpreisbindung!)?

Klar: Man kann sich bei google books inzwischen unheimlich viele alte Bücher als pdf- oder epub-Datei herunterladen. Aber das ist ein wenig wie mit den Gesamtausgaben, die man sich irgendwann mal ins Bücherregal stellt: Man ist ganz froh, in ihnen nachlesen zu können, aber man kauft sich keine Gesamtausgabe, um sie in der Freizeit mal kurz durchzulesen (bei Büchner oder Kleist kann man das noch versuchen, aber bei Goethe?).

Nein, google books ist kein Argument für einen E-Book-Reader, und mir fiel bisher auch partout kein anderer ein. Aber seit einer Bahnfahrt vor ein paar Tagen kenne ich zumindest ein Argument fürs E-Book. Ich habe mir nämlich aus Neugier den Datensatz von Andre Hesses Die Schwester im Jenseits gekauft und mir dazu die Adobe Digital Editions heruntergeladen – ein Leseprogramm für epub-Dateien.

Ich saß abends im Zug und hatte irgendwann Lust, den Krimi zu lesen. Dann habe ich meinen Rechner aufgeklappt, die Ansicht auf maximale Vergrößerung gestellt und angefangen zu lesen. Eine wunderbare Sache. Die Buchstaben waren natürlich viel größer als bei jedem Taschenbuch und die Hintergrundbeleuchtung vom Bildschirm machte mich komplett unabhängig vom funzeligen Oberlicht im IC. Natürlich kann man sich mit dem Rechner auf den Knien nicht so gut in den Sitz lümmeln, aber daran war, da ich einen Gangplatz hatte und dort viele Menschen ohne Reservierung hockten, eh nicht zu denken. Ich bin mir seit dieser Fahrt sicher: Der (übrigens hervorragende) Krimi von Hesse war nicht das letztes E-Book, das ich mir gekauft habe. So, jetzt habe ich auch mal eine Bekenntnis abgelegt! Auch wenn der Nachttisch eine Domäne von Papier-Büchern bleiben wird, die nächste Bahnfahrt kommt nämlich bestimmt.


Theaterkritik

18. Mai 2010

Ich seh’s ja ein: gestern von einer Inszenierung zu schreiben, die schon 2 Jahre alt ist, das ist wirklich sowas von old school und wenig netzkonform, dass ich mich schon schämen muss. Wäre ich voll im Trend, wäre ich z.B. am Sonntag nach Neuhardenberg gefahren und hätte mir einen Vortrag über Theaterkritik angehört, statt hier verklärt von Thalheimers Inszenierung zu schwärmen. Dann wäre mir gewiss auch gleich klar geworden, wie verkommen und besch*** das Regietheater ist. So aber hat mir das Regietheater bzw. Regisseurstheater einen wirklich guten Abend beschert, und ich musste mich nicht ärgern wie Esther Slevogt.


Im Zug

14. April 2010

Habe mir wie meist einen Gangplatz reserviert, weil dann mehr Platz für die Beine ist. Ich strecke die Füße aus und lese. Den Servicewagen hinter mir höre ich nicht. Ich spüre ihn aber, als ihn mir eine junge Frau mit viel Schwung über den Fuß rollt.

„Vorsicht!“

Ich zucke zurück. Nicht weil der Fuß wirklich weh tut, sondern weil ich zur Vorsicht gemahnt werde. Ist lange her, dass mir jemand „Vorsicht!“ zugerufen hat. Da denkt man gleich, es wäre sonstwas passiert. Ich schaue die Frau an, sie lächelt und schiebt weiter.

„Entschuldigen Sie bitte!“ sage ich und frage mich umgehend, ob mein Tonfall wohl zu freundlich war, denn sie sieht mich lächelnd an und fragt: „Kaffee, Cola, was zu knabbern?“

„Entschuldigen Sie bitte!“, sage ich noch einmal, „Sie sind über meinen Fuß gerollt.“

„Ja, habe ich gemerkt.“

Betroffen blicke ich zu Boden. Die anderen Reisenden machen mir mit ihren Blicken unmissverständlich klar, dass ich nun endlich Ruhe geben soll. Mir wird das alles immer unangenehmer. In solchen Fällen verlasse ich mich gerne auf meine Höflichkeit. Ich stehe auf, blicke in die Runde und sage: „Entschuldigen Sie bitte!“ Der junge Mann, dem vor einiger Zeit die Bierflasche aus der Hand gefallen und die dann durch den Zug gerollt war, blinzelt verschlafen zu mir auf und fühlt sich irgendwie angesprochen:

„Vorsicht!“

Das klingt nicht gut. Ich drehe mich zu der Frau mit dem Servicewagen um: „Entschuldigen Sie bitte!“ „Was ist denn jetzt noch?“ „Haben sie auch Bier? Für den jungen Mann hier?“ Er sieht mich versöhnt an: „Nichts für ungut, Mann.“ Ich setze mich und schwöre mir, nie mehr einen Gangplatz zu reservieren.


Schrott im Ausnahmezustand

7. April 2010

Raoul Schrott, der nicht nur ein hervorragender Schriftsteller ist, sondern auch ein Philologe der S-Klasse, ist jetzt auch noch unter die politischen Theologen gegangen und hat im aktuellen Heft von Lettre international (der findige Leser ahnt gleich, dass der Verfasser dieser Zeilen zu Ostern mal wieder lange Bahn gefahren ist) einen Artikel über die Politik des Heiligen verfasst. In diesem Artikel nimmt er präzise eine Auseinandersetzung mit der Begriffsgeschichte von sacer vor, perspektiviert seine Überlegungen auf das Verhältnis von Heiligkeit und Nationalem und landet schließlich bei der Frage, inwieweit ‚Holocaust‘ die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten angemessen bezeichnet:

Wo der Eine sich für die Menschen opferte, wurden hier Menschen für einen einzelnen ausgelöscht. Sieht man darin einen kollektiven Opfertod, wird daraus das Schicksal einer spiegelverkehrten Heilsgeschichte. (LI 88, S. 10)

Schließlich geht Schrott zur Frage nach den Möglichkeiten ästhetischen Reagierens auf die Vernichtung ein – selbstverständlich mit der obligatorischen Auseinandersetzung mit Adorno.

Sieht man einmal von den Überlegungen zur Ästhetik ab, so finden sich alle wesentlichen Punkte Schrotts schon in Agambens Homo sacer. Teilweise widerspricht Schrott Agambens Positionen implizit, teilweise übernimmt er sie. Genannt wird Agamben aber an keiner Stelle. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die philologische Praxis von Schrott. Agamben ist bei seinen Überlegungen wesentlich konzentrierter als Schrott (obwohl er zu diesem Gegenstand gleich mehrere Bücher vorgelegt hat) , indem er sich ganz auf die Region des Rechts und des Politischen beschränkt. Welche Konsequenzen seine Überlegungen für das Ästhetische haben, lässt Agamben also unerörtert.

Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass Agamben nicht zu einem seltsamen Chiasmus gelangt wie Schrott, der den Holocaust als ’spiegelverkehrte Heilsgeschichte‘ der Kreuzigung Christi begreift. Agamben hat deutlich gezeigt, dass der Homo sacer eben deswegen getötet werden kann, weil er nicht geopfert werden kann. Deswegen ist ja auch der Begriff ‚Brandopfer‘ so problematisch. Aber die Forschungen anderer zur Kenntnis zu nehmen, das kann halt auch dazu führen, dass die eigenen Überlegungen und Thesen fragwürdig werden – und wer will das schon?


Einbahnstraße III

24. März 2010

Was Philologie ist und kennzeichnet, darüber wird weiterhin trefflich gestritten. Der kulturwissenschaftlich orientierte Flügel der Philologie schreibt sich neben Gewährsmännern wie Erich Auerbach und Sigmund Freud gerne Walter Benjamin auf die Fahnen. Das ist genealogisch plausibel, aber so richtig klar war mir nie, wie sich Benjamin selbst zur Philologie verhielt. Über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik ein Buch zu schreiben ist eins, einen Begriff von Philologie zu haben etwas anderes. Nun lese ich in der Weimar-Reflexion in der Nachtragsliste zur Einbahnstraße über Goethes Gartenhaus:

„Noch warten wir auf eine Philologie, die diese nächste, bestimmendste Umwelt – die wahrhafte Antike des Dichters – vor uns eröffne. Dies Arbeitszimmer war die cella des kleinen Baus, den Goethe zwei Dingen ganz ausschließlich bestimmt hatte: dem Schlaf und der Arbeit.“ (S. 122f. in der neuen, von Detlev Schöttker hrsg. Ausg.)

Dieser Hinweis ist historisch bemerkenswert und irritierend zugleich. Benjamin wird gerne als Avantgarde betrachtet, aber mir ist kein bisschen klar, ob sein hier angedeutetes Philologie-Konzept tatsächlich für eine postmodern-kulturwissenschaftlich argumentierende Philologie einschlägig ist bzw. sein kann. Mit dem Hinweis auf die mönchische Einsamkeit („cella“) konzentriert sich Benjamin ganz auf den Autor, er nimmt seine Arbeitsbedingungen in den Blick und fragt nach den materiellen Voraussetzungen der dichterischen Arbeit. Das ist historisch auf jeden Fall eine andere Perspektive auf Philologie als die Lachmannsche Textkritik ein Jahrhundert zuvor oder die Rekonstruktion der Kulturgeschichte mit Hilfe von literarischen Zeugnissen, wie sie die historistische und geistesgeschichtlich orientierte Philologie etwa von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff zu Benjamins Zeit propagierte. Insoweit war Benjamin innovativ. Aber gilt das auch aus heutiger Sicht?

Was Benjamin hier in den Blick nimmt, sind die Arbeitsvoraussetzungen und -bedingungen eines Ausnahme-Schriftstellers, eben des Genies Goethe, zur Rekonstruktion von dessen Schreibsituation und vielleicht auch zur Rekonstruktion der Frage, wie der künstlerische Text entstanden ist. In diesem Sinne ist Benjamin vielleicht ein Vorläufer der critique génétique, die ihn allerdings – soweit ich sehe – nur partiell wahrgenommen hat, etwa durch Davide Giuriato in seiner Dissertation. Eine radikal postmodern, also gewissermaßen autorfreie Philologie (wenn es sie denn überhaupt geben kann), kann sich auf Benjamin dagegen nicht berufen.