Der Boss und die Box

27. Dezember 2010

Vor gut einem Monat las ich das erste Mal von einer Special-Box zu Bruce Springsteens „Darkness on the Edge of Town“. Auf seiner Homepage wird die Box, die aus 3 CDs, 3 DVDs sowie einem Reprint von seinem Collegeblock mit seinen Notizen besteht, als ganz wesentliche ‚Dokumentation‘ gefeiert.

Ich mochte das Album immer sehr, nicht nur musikalisch. Es ist auch mit vielen Erinnerungen verbunden. Mein Onkel hatte es mir irgendwann Ende der 80er einmal vorgespielt, nachdem wir gemeinsam auf einem Konzert vom „Boss“ waren, wie man damals ehrfurchtsvoll (und im Rückblick völlig bescheuert) sagte. Das war die große Zeit des Stadion-Rocks, für Minderjährige wie mich unheimlich beeindruckend und auch noch nicht verrufen. Es ging nur noch um Superlative. Springsteen etwa machte nach zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um dann weitere zweieinhalb Stunden zu rocken. Das war die Vorwegnahme des Discounter-Prinzips („Kauf eins, nimm zwei!“) im Rock und hat mich nicht eine Minute gestört, sondern ausschließlich fasziniert.

Die 70er waren damals schon weit weg, aber durch meinen Onkel schien mir das Album sehr nahe. So war „Darkness on the Edge of Town“ ein Schlüssel zu dieser fremden Zeit, auch wenn ihm die Brachialität des zeitgleich einsetzenden Punk völlig abgeht. Als ich vor einem Jahr Louis P. Masurs Buch über „Born to run“ gelesen habe, hat mich daran wahnsinnig genervt, dass er für „Darkness“ so wenig überhat und stattdessen den spätpubertären Charme von „Born to run“ lobt und kaum die Entstehungszeit einzufangen vermag.

Nun also die Box zu ‚meinem‘ Springsteen-Album – die Erwartungshaltung war selbstredend hoch. Noch bevor ich die ‚Dokumentation‘ in den Händen halte, lese ich in der FAZ eine wunderbar spitze Rezension dazu von Tobias Rüther (finde sie leider nicht im Netz), die mich schon ahnen lässt, dass ich mit dem Ganzen irgendwie nicht klarkommen werde. Warum vertraue ich nicht einfach mal der Kritik?

Meine Befürchtungen erfüllen sich dann auch. Ich bin einerseits begeistert von der Präzision, mit der Springsteens Collegeblock reproduziert wurde. Aber dass das geht, verwundert den kleinen Philologen selbstredend nicht. Die 3 CDs sind schnell das erste Mal gehört (wobei eine ja eh das hinlänglich bekannte Album ist), die erste DVD mit der Dokumentation über die Arbeit an dem Album lege ich umgehend ein. Das alles ist insgesamt kein aufgewärmter Mist wie so viele andere Boxen, aber meine Hoffnungen erfüllt es nicht. Woran liegt das?

Auch wenn es ganz interessant ist zu sehen, wie Springsteen im Studio rumnervt bzw. ‚rumbosst‘, so richtig erfährt man nicht, wie gearbeitet wurde. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie detailversessen er war, wie immer wieder aufs Neue an den Tracks gefeilt wird. Aber ist das was Besonderes? Vor allem wundere ich mich, dass ich keine einzige Note richtig zu Gesicht bekomme, niemals ausführlich Akkordfolgen besprochen werden. Wenn Springsteen auf die Arbeit zurückblickt, geht es um Gefühle, manchmal noch um irgendwelche difusen Klangeindrücke, aber nie um konkrete musikalische Entscheidungen.

Springsteen und die Manager von Columbia pflegen mit der Box ausschließlich den Kult. Sie stellen den Malocher aus New Jersey als Genie aus, der darüber räsoniert, dass „Darkness on the Edge of Town“ nicht nur durch ‚künstlerischen Instinkt‘, sondern auch durch ‚künstlerische Intelligenz‘ gekennzeichnet sei. Aber wie sich die manifestiert, erfährt man nicht. Wirklich spektakuläre Infos oder gar sowas wie Werkstatteinblicke gibt es nicht wirklich. Vielleicht bin ich ja naiv, aber teure Neuausgaben von Büchern, die ich schon habe, kaufe ich mir doch auch nur, wenn sie mir beim Verstehen des Buches helfen und etwa Einblicke in die Produktion bieten und nicht nur ein paar nette Illustrationen und Assoziationen. Hier aber wird ein Genie dokumentiert, das nie eins war. Springsteen-Boxen müssen seinen Schweiß dokumentieren, ja ihn regelrecht riechen lassen. Letztlich ist der das Kultobjekt aller Springsteen-Fans gewesen. Wer das nicht begreift, dokumentiert nur, dass ihm jeder künstlerische Instinkt abgeht, wenn er von künstlerischer Intelligenz faselt.


Wikipedia

10. Dezember 2010

Heise hat vor rund drei Wochen einen knappen, wie informativen Artikel über die Wikipedia Academy in Frankfurt publiziert (Wikipedia wirbt um Wissenschaftler). Der Artikel fasst wichtige Überlegungen darüber zusammen, warum es so schwierig ist, Wikipedia im akademischen Betrieb zu verankern.

Ein Grund für die mangelnde Akzeptanz von Wikipedia ist offenbar, dass das Portal durch seinen offenen Ansatz in keiner Weise als exklusiv gilt und es dementsprechend nicht besonders reizvoll (vulgo: karrierefördernd) ist, dort mitzutun.

Warum es andererseits durchaus geboten ist, bei Wikipedia von Zeit zu Zeit in einen Artikel einzugreifen, dürfte jedem klar sein, der sich schon mal über halbgares Wissen geärgert hat, das von dort aus den Weg in Referate oder Hausarbeiten gefunden hat. Schließlich ist es viel leichter diesen Missstand zu beheben, als einen verkorksten Lexikonartikel in irgendeiner angeblich renommierten Enzyklopädie aus dem akademischen Diskurs auszugrenzen.

In dem Artikel wird darüber nachgedacht, wie das Problem der Exklusivität umgangen werden kann. Das ist konsequent. Aber vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang zudem hilfreich, wenn man Einblicke bekäme, wie exklusiv Fachzeitschriften und -lexika tatsächlich sind.

Natürlich brüstet sich jeder Herausgeber damit, dass er für den oder den Artikel Herrn U oder Frau V gewinnen konnte. Mein Eindruck ist aber, dass Lexikon-Projekte insgesamt eher das Problem haben, überhaupt genug Beiträger zu finden. Ich mach hier jetzt nicht den Julian und publiziere eine Übersicht über die Artikel, die mir in den letzten Jahren so angeboten wurden – sonst ist nachher noch meine Kreditkarte gesperrt oder sowas. Exklusiv ist bei den akademischen Lexika auf jeden Fall nur sehr wenig.

Und wenn ich daran denke, wie oft ich von Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren Sätze gehört habe, er/sie hätte es geschafft, einen Artikel in der renommierten Zeitschrift Z unterzubringen, die einen Großteil der eingereichten Artikel ablehne und nur das Beste vom Besten publiziere, dann scheint mir die Frage doch zu sein, ob ich wirklich nur von Überfliegern umgeben bin oder ob das Ansehen einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu einem guten Teil nicht schlicht Folge von Gerüchten und ein paar wohl dosierten ‚Hinweisen‘ von Seiten der Herausgeber ist.

Vielleicht kommen wir ja irgendwann einmal dahin, dass ein Kollege stolz erklärt, dass sein Artikel XY in Wikipedia schon seit mehr als sechs Monaten nicht wesentlich überarbeitet wurde, obwohl er täglich wer weiß wie oft aufgerufen wird. Da könnte man zumindest einigermaßen nachhalten, ob das schlicht Aufschneiderei oder vielleicht doch eine kleine Erfolgsgeschichte im Meer der akademischen Profilneurosen ist.


Historisch

21. November 2010

Gestern hat der Papst erklärt, dass Kondome in manchen Fällen gerechtfertigt sind. Heute ist das für einige Zeitungen eine historische Nachricht.

Gestern habe ich erklärt, dass Thomas Mann vielleicht doch einige bedeutende Texte geschrieben hat. Wider Erwarten hat diese historische Aussage heute den Weg in die Zeitungen nicht gefunden.


Forschungsbilanzen

20. November 2010

In den vergangenen Tagen sind aus verschiedenen europäischen Ländern Nachrichten eingegangen, die vermuten lassen, dass die sog. Haushaltskonsolidierung sich jetzt die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche sowie die kulturwissenschaftlichen Institute vornimmt. In Österreich, Großbritannien, Italien und Frankreich vor allem.
In Deutschland scheinen die Regierungen in Bund und Land da noch etwas defensiver zu sein.

Hier geht es zwar landauf landab den Theatern und Museen ans Leder. Nicht schön, aber da unser aller Schutzpatron St. Florian und nicht St. Martin ist, sind wir ganz still und brav. Schließlich kommt bald St. Nikolaus und dann bekommen nur die lieben Kinderchen Nüsschen und Äpfelchen. Und Solidarität kann man schließlich auch dadurch bekunden, dass man im Netz virtuelle Unterschriftenlisten signiert. Hab ich auch schon gemacht letzte Woche.

Für die Politik aber ist das gegenwärtige Nicht-Sparen auch deswegen eine tolle Sache, weil sie so ihre Forschungsbilanz im EU-Vergleich aufbessert, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Die Pressesprecher in den Ministerien können schon mal die entsprechende Mitteilungen vorbereiten: Deutsche Forschunsbilanz im EU-Vergleich deutlich verbessert!


Unbedingte Universität IV

14. November 2010

In den letzten Wochen habe ich den Reader „Was passiert?“ aus der Reihe „Unbedingte Universität“ gelesen. Die Mischung von Forderungskatalogen, die an verschiedenen Universitäten vor einem Jahr formuliert wurden, über einige kluge Originalbeiträge bis hin zu Nachdrucken von ein paar neueren und älteren Texten zum Thema ist sehr gelungen und abwechslungsreich.

Nur eine Frage drängt sich mir immer mehr auf: Wer hat das, was weiterhin für so viel Ärger sorgt, eigentlich zu verantworten? Ich habe inzwischen auf verschiedenen Tagungen folgendes erlebt. In gemütlicher Runde fängt auf einmal eine unbestrittene Kapazität an, über den Bologna-Prozess zu klagen. Wirklich zu viel wurde es mir, als mir vor einem Jahr ein Ordinarius ins Gesicht sagte, dass er nicht verstehen könne, warum wir ‚jungen Leute‘ nichts dagegen machten. Einmal davon abgesehen, dass ich mich nicht gerade für besonders ‚jung‘ halte: Ich habe den ‚älteren Herren‘ daraufhin gefragt, was ER eigentlich dagegen getan hat. Er ist bundesweit eine Stimme, der man zuhört. Er war in verschiedenen Gremien seiner Heimatuni und in vielen anderen Institutionen tätig. Aber gemeckert wird erst jetzt, da das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und dann auch nicht da, wo entschieden wird. Ganz toll. Und die Kohlen sollen die aus dem Feuer holen, die sie nicht reingeschimssen haben und sich auch sonst nur die Finger verbrennen können.

Die Beiträge in dem o.g. Reader sind insgesamt wirklich gut. Aber hier findet sich wieder das gleiche Problem. Teilweise offene Polemik gegen die Bologna-Reformen und beste Anregungen, was in Zukunft besser laufen könnte. U.a. von einem ehemaligen Vordenker einer Bundesregierung und einem ehemaligen Staatsminister. Wäre ganz nett, wenn solche Artikel auch einmal mit ein bisschen Selbstkritik einhergingen und der Ankündigung, dass man beim nächsten Abendessen mit einem Wissenschaftsminster oder gleich Ministerpräsidenten die Klappe aufmachen wird und erklärt, dass es so nicht weitergeht. Wird aber nicht passieren, ich weiß. Ich darf mich also schon auf den nächsten klugen Ratschlag freuen und überlegen, ob ich mir erlaube, mehr als nur bestimmt zurückzufragen. Prost Mahlzeit!


Philologische Niederungen

16. September 2010

Nachdem ich vor ein paar Monaten Herta Müllers Atemschaukel gelesen habe, empfahl mir nun der Buchhändler meines Vertrauens („Kunden, die dasselbe suchten wie Sie, haben gekauft“) Niederungen. Irgendwo hatte ich auch eine vielversprechende Kritik über das Buch gelesen, in der u.a. erklärt wurde, wie wunderbar es doch wäre, dass das Buch jetzt in seiner eigentlichen Gestalt zugänglich sei. Das machte auch den Philologen neugierig, obwohl ich die alte, im Rotbuch-Verlag zuerst 1984 erschienene Fassung gar nicht kenne.

Offenbar war es so, dass mit der damaligen Ausgabe irgendwas nicht in Ordnung war. Am Ende der Neuausgabe heißt es nun auf S. 174:

Für die vorliegende definitive Ausgabe der Niederungen wurden die seinerzeit gestrichenen Kapitel wieder eingefügt. Der gesamte Text wurde von der Autorin noch einmal durchgesehen und korrigiert; dabei wurden auch sämtliche Streichungen von 1984 überprüft und zum Teil rückgängig gemacht.

Nun hätte sich das kleine Philologen-Herz natürlich gefreut, wenn die Änderungen auch gleich verzeichnet worden wären. Aber damit muss es wohl klar kommen, schließlich kann man das auch selbst nachholen oder warten, bis eine kritische Ausgabe kommt. Was ich aber nicht verstehe ist, warum dem Leser nicht mitgeteilt wird, warum die deutsche Erstausgabe defizitär war. Was hat die Überarbeitungen und Umstellungen notwendig gemacht? Vor rund einem Vierteljahrhundert haben viele Menschen, die heute Herta Müller lesen, ja noch gar nicht gelebt – oder zumindest noch keine anspruchsvolle Literatur gelesen. Und von den Schwierigkeiten der rumäniendeutschen Autoren wissen die meisten Menschen auch nicht viel. Das mag man bedauern, aber es ist halt so. Wäre also klasse, wenn man in Zukunft all die Leser nicht im Dunkeln stehen ließe, die jetzt erst das Glück haben, Herta Müllers großartige Erzählungen zu entdecken.


Gestrandet

3. September 2010

Vor ein paar Tagen habe ich in einer kleinen Buchhandlung ein Bändchen mit vier Erzählungen von Wolfgang Hilbig gefunden, Grünes grünes Grab aus dem Jahr 1995, noch mit DM-Auszeichnung, wie aus einer anderen Welt. Und das Büchlein nahm mich gleich an die Hand und führte mich in noch eine andere Welt. In der ersten Erzählung, Fester Grund (datiert auf 1984), verpasst ein Mann in Leipzig seinen Zug nach Berlin und muss drei Stunden in der Bahnhofskneipe warten. Die hatten noch Zeit, denke ich. Die Geschichte schildert, wie der Ich-Erzähler wartet, ein paar Kaffee mit Weinbrand trinkt und eigentlich nur raus aus dieser Stillstandshalle will, in der es anderen so gut gefällt. Trotzdem bleibt er sitzen, obwohl er weiß, dass sein nächster Zug ihn gar nicht mehr rechtzeitig nach Berlin zu seiner Tochter bringen wird. Ohne Zweifel eine Allegorie auf die DDR, auf die „Übergangsgesellschaft“, wie sie Volker Braun so beeindruckend zur gleichen Zeit dramatisierte.

Als ich die Geschichte lese, sitze ich im zugigen Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe. Die Bahn kann mir, da der Zug, der mich hierher brachte, 20 Minuten Verspätung hatte, erst wieder eine Verbindung in gut zwei Stunden liefern. Es ist nicht all zu spät am Abend, mein Zug nach Gießen kommt vorher an Marburg vorbei. Zwei Uni-Städte und trotzdem keine Verbindung im Stundentakt, außer freitags – wenn alle Welt Marburg und Gießen verlässt und nicht etwa dahin will. Heiliger Fahrplan. Ich bin ratlos. Soll ich’s auch mal mit Kaffee und Weinbrand versuchen? Selbst wenn ich es wollte, solche Wartehallen mit fiesem Filterkaffee, Frittenfett und Fusel in der Luft und auf den Tischen gibt es nicht mehr. Weil die Übergangsgesellschaft nicht mehr ist? Auch im Westen gab es sie. Aber man sieht sie nicht mehr, damit ihr fieser Dunst den freien Blick auf den schicken Sichtbeton nicht mehr behindert.


Zukunftsphilologie

9. August 2010

In den Auseinandersetzungen um das, was Philologie ausmacht, lässt sich derzeit die Tendenz ausmachen, nach den Ursachen für das inzwischen seit rund 10 Jahren anhaltende Interesse eben an der Philologie zu fragen. Hans Ulrich Gumbrecht etwa eröffnet einen durchaus kontroversen Beitrag über Auerbachs Philologie-Konzept folgendermaßen:

„Nichts hätte man weniger erwartet vor zwanzig Jahren im Milieu der damals avanciertesten Literaturwissenschaftler als jene Faszination durch den Begriff ‚Philologie‘, die mittlerweile über so viele von uns gekommen ist. Ich sage ‚Faszination‘ – und nicht ‚Interesse‘ -, um anzuzeigen, daß wir uns von einem Begriff und der von ihm gemeinten Praxis angezogen fühlen, ohne dabei durch bewußte Interessen oder Absichten motiviert zu sein.“ (S. 275, in: Jürgen Paul Schwindt (Hg.): Was ist eine philologische Frage? Frankfurt/Main 2009).

Gumbrecht unterstellt also, dass die Beschäftigung mit der Philologie nicht etwa bestimmte Ziele verfolgt, sondern dass sie einer Art Zeitgeist geschuldet ist, der seinerseits verschiedene Ursachen hat und unterschiedliche Anliegen verfolgt. Er nennt im Folgenden gleich mehrere. Sieht man einmal davon ab, dass er sich damit eigentümlich distanziert zu einem Phänomen äußert, das er selbst mit The Powers of Philology (zuerst 2002) befördert hat, finde ich diesen Hinweis sehr bedenkenswert, denn er wirft indirekt die Frage auf, welchen Zweck die Auseinandersetzung mit der Philologie überhaupt hat – jenseits der Präzisierung ihrer Geschichte.

In dem von Anne Bohnenkamp, Uwe Wirth, Irmgard Wirtz und mir veranstalteten Projekt Konjektur und Krux haben wir von Beginn an darauf gedrängt, aktuelle literaturtheoretische Überlegungen mit konkreten philologischen Problemen und Praktiken sowie mit der Philologiegeschichte in Verbindung zu bringen. Das schließt die Möglichkeit mit ein, eine mutmaßende, vielleicht sogar intervenierende Auseinandersetzungen mit literarischen Texten und ihren Trägern zu erwägen. Eine derart gefasste Auseinandersetzung mit der Philologie verfolgt primär ein analytisches Anliegen, das darum bemüht ist, die Voraussetzungen der eigenen Textarbeit permanent zu hinterfragen bzw. sich ihr immer auch mutmaßendes Fundament vor Augen zu führen.

Dies ist, so meine ich, die eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Konzept, einer Theorie oder einer Methode letztlich nicht nur einer Mode folgt. Dies zu tun, ist eigentlich selbstverständlich, auch wenn es nicht immer gängige Praxis ist – die zahlreichen turns der letzten Jahre bestätigen das ja eindrucksvoll …

Eine solche Vergewisserung leistet allerdings eines meist nicht (auch wenn sie es zweifellos sollte), nämlich eine kritische Überprüfung der eigenen ideologischen Voraussetzungen. Im Hinblick auf die Beschäftigung mit der Philologie ist das keine neue Einsicht. Frank Trommler hat 2008 in der Geschichte der Germanistik (H. 33/34, S. 24f.) darauf bereits hingewiesen. Auch wenn seine Kritik an der Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien nach meinem Dafürhalten an deren eigentlichem Anliegen vorbeizielt, so ist doch Trommlers Hinweis berechtigt, dass die Auseinandersetzung mit der Philologie derzeit kaum interkulturelle Aspekte berücksichtigt.

Das ist deswegen umso bemerkenswerter, weil die Philologie per se nicht auf eine Kultur festgelegt ist und selbstredend auch nicht auf eine Sprache oder gar Nationalsprache. Faktisch aber sind die Auseinandersetzungen entschieden nationalphilologisch geprägt. Daher ist es nur zu begrüßen, dass am Wissenschaftskolleg jetzt eine Initiative gestartet wurde, die genau dieses Problem angeht. Sie nennt sich „Zukunftsphilologie“ und nimmt damit Bezug auf eine Schrift des jungen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff; sie ist aber ganz und gar nicht rückwärtsgewandt:

„Zukunftsphilologie möchte bisher marginalisierte präkoloniale Wissenschaft aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa neu in den Blick nehmen und bisher vernachlässigte Zweige philologischer Forschung unterstützen.“

Man kann einem derart ambitionierten Vorhaben nur viel Erfolg wünschen – nicht nur, weil es ein klar benanntes Interesse an der Philologie hat und in ihr eben nicht nur eine Faszination sieht, sondern zuallererst weil die Auseinandersetzung mit aus europäischer Sicht peripheren Texten und ihren Trägern eine Herausforderung der eigenen Praktiken und Methoden darstellt.