Geschichtskritik

12. März 2010

In den letzten Wochen habe ich mich gleich mehrfach über Literaturkritiker geärgert, die so tun, als würden sie einfach alles wissen und kennen, und die offensichtlich nicht einmal das Buch, das sie rezensieren, aufmerksam gelesen haben. Deshalb war ich dankbar, als ich mich diese Woche mit Rezensionen von Kleists Hermannsschlacht beschäftigen konnte. Rezensionen um 1820, das heißt Blütezeit der Kritik, abgesichert durch humanistische Bildung. Da lacht das Herz des Philologen.

Pustekuchen.

Gestern las ich: „Diese Hermannsschlacht ist ein Gelegenheitsgedicht, wie die Perser des Aeschylos, mit dem Unterschiede jedoch, daß, wenn diese den errungenen Sieg feyern, die Hermannsschlacht dem unterdrückten Vaterlande wie eine Feuersäule vorleuchtet, den Gang zum Siege voraus schreitend.“ Schöner Vergleich, dachte ich eine Sekunde lang – Die Perser: erstes vollständig erhaltenes Drama der Menschheit und Kleist, einer meiner Helden derzeit.

Aber Moment. Die Perser: Da feiert doch niemand; das persische Heer ist von den Griechen geschlagen worden. Die Überlebenden, allen voran König Xerxes, kehren zurück, um von der Niederlage zu berichten und um die Klage über die Niederlage anzustimmen. Nix errungener Sieg. Es geht gar nicht um die Sieger. Das ist ja gerade so großartig an dem Stück. Es ist Dramatik der Sieger, aber in Gestalt eines Blicks auf die Klage der Besiegten. Der Vergleich zwischen Die Perser und der Hermannsschlacht hinkt nicht nur, er ist schlicht quatsch.

Und was lernt der Philologe aus diesem Beispiel? Auch in der guten, alten Zeit war nicht alles toll. War eigentlich auch klar, ist aber kein wirklicher Trost, wenn man schwache Kritiken liest.


Performativer Widerspruch

9. März 2010

In einem langen, streckenweise aber gar nicht uninteressanten Artikel hat heute der Hydrobiologe und Wissenschaftspublizist Edgar L. Gärtner erklärt, „Warum die Forscher besser im Elfenbeinturm aufgehoben sind„. Das ruft mich natürlich auf dem Plan – schließlich erfolgen die Kommentare hier ja bewusst aus dem Elfenbeinturm, den zu verlassen ich mich auch sehr ängstige, weswegen ich weltgewandte Akademiker wie Herrn Gärtner sehr bewundere.

Gärtner nun bestätigt mich darin, dass es nicht gut ist, den Elfenbeinturm zu verlassen, und er erläutert auch, warum das exotische Akademikertum mal schleunigst husch, husch zurückkehren soll in sein Refugium. Aber von welcher Seite macht der Hydrobiologe die Tür zu, wenn all die flügge gewordenen Akademikerlein wieder im Turm versammelt sind? Vielleicht sollte Herr Gärtner schlicht mit gutem Beispiel voran gehen und selbst in den Elfenbeinturm zurückkehren. Würde mich sehr freuen.


Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative II

5. März 2010

Habe eben gesehen, dass gestern auch Thomas Steinfeld in der SZ sein Unbehagen an den vermeintlich ‚wiederkäuenden Akademikern‚ geäußert hat. Im Unterschied zu Gumbrecht und Klausnitzer beschränkt sich Steinfeld auf die Kritik. Das ist sein gutes Recht, schließlich ist er aufmerksamer Beobachter des akademischen Alltags und – anders als die beiden anderen – nicht selbst für Lösungen verantwortlich.

Was mich an seinem Beitrag dennoch stört, ist die eingeschränkte Sicht auf die Dinge. Zum einen ist die Flut an Sammelbänden nicht erst Folge der Exzellenzinitiative, man schaue auf die Homepages der SFBs. Zum anderen wird so getan, als wären für die Entwicklung nur die Exzellenzzentren verantwortlich: Wer blickt bitte mal auf den Publikationsalltag einer ’normalen‘ Uni?

Vor allem aber droht die Gefahr, dass die Sammelbände nun pauschal diskreditiert werden. Ganz so, als könne nicht auch auf 10-30 Seiten ein kluger Gedanke geäußert werden. Steinfeld formuliert stattdessen ein Lob auf die Monographie, da „in der tatsächlich neues Wissen dargeboten“ werden könne.

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Monographie gefährdet ist – allein schon deswegen, weil sie zumindest in den Geisteswissenschaften weiterhin der Goldstandard auf dem Weg zur Professur ist. Warum aber die Monographie zwingend der bevorzugte Ort für ‚kluge Gedanken‘ ist (Masse = Klugheit?), weiß ich erst recht nicht. Die Monographie ist eine Publikationsform, um einen größeren Zusammenhang materiell in den Griff zu bekommen. Das gilt zumindest für die historisch orientierten Geisteswissenschaften. Die Thesen dahinter (und sie dürften u.a. mit dem ’neuem Wissen‘ gemeint sein, denke ich) lassen sich dagegen schon in einem überschaubaren Umfang darstellen. Und das gilt sowohl für stärker historisch wie auch stärker theoretisch orientierte Studien – das zeigen die Arbeiten von so unterschiedlichen Philologen wie Alewyn, de Man oder letztlich auch Szondi, dessen Monographien dem Umfang nach auch nicht viel mehr als etwas längere Aufsätze waren.

Was sie einte, war allerdings, dass sie sich beim Publizieren nicht haben unter Druck setzen lassen. Vielleicht ist das der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Das kann zwar dazu führen, dass man vielleicht auch einmal einen zugesagten Beitrag zurückziehen muss und einen Kollegen verärgert. Aber das Imprimatur ist und bleibt immer auch eine Frage ans eigene Ethos. Wer über Strukturen schimpft, zieht sich aus der Verantwortung.


Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative

4. März 2010

Heute hat Ralf Klausnitzer einen Artikel publiziert, in dem er sich kritisch mit dem vermeintlichen „Fluch des Geldes“ durch die Exzellenzinitiative auseinandersetzt. Klausnitzer geht in seinem Beitrag u.a. auf einen Artikel von Hans Ulrich Gumbrecht aus dem letzten Monat ein, der seinerseits die gegenwärtige Symposien-Kultur aufs Korn nimmt.

Beide thematisieren ein Unbehagen an der Inflation geisteswissenschaftlicher Tagungsbände, die durch die Exzellenzinitiative ihrer Meinung nach verstärkt wurde und die inzwischen wohl jeden Geisteswissenschaftler beschleicht und die viele Kollegen auch schon zu missmutigen Äußerungen auf Tagungen hingerissen hat. Im ersten Moment dachte ich, dass die beiden Artikel mal wieder Ausdruck für das fehlende Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaften im Hinblick auf ihre Forschungsergebnisse sind. Aber das ist, wenn man die Artikel ganz liest und andere Artikeln der beiden Autoren kennt, auszuschließen.

Das Problem der Äußerungen von Kollegen auf Tagungen ist natürlich, dass immer der Tagungsband einer anderen Tagung, eines anderen Kollegen gemeint ist. Nie der eigene Tagungsband. Schließlich ist der eigene Beitrag stets wichtig, d.h. publikationswürdig. Die fördernden Institutionen geben diesem Impuls recht: Schließlich wurden vor der Publikation Anträge begutachtet; die Ideen haben also eine gewisse Valenz.

In der Diskussion um den richtigen Umgang mit den Tagungsbänden sollte man also vorsichtig sein, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird bzw. dass die Geisteswissenschaften nicht zu der ihnen eigenen Neigung zur Selbstzerstümmelung zurückkehren. Ergebnisse von geisteswissenschaftlichen Tagungen sind in aller Regel publikationswürdig. Doch hat die Publikation nicht höchste Priorität. Sie ist eine Art der Vermittlung, nicht mehr.

Noch wichtiger für die Vermittlung von Gedanken sind aber die Tagungen selbst. Das Unbehagen an den Tagungsbänden darf nicht auf die Tagungen selbst ausgeweitet werden. Gerade weil ein Überblick kaum mehr möglich ist, muss regelmäßig die Gelegenheit zum Austausch unter Kollegen bestehen.

Die Pointe der beiden Artikel ist nun, dass sie trotz einiger Differenzen die gleiche Richtung verfolgen. Beide fordern nämlich letztlich nicht weniger als eine neue Verzahnung von Forschung und Lehre. Klausnitzer fordert: „Neue Ideen sind nicht nur auf Tagungen zu diskutieren, sondern in Lehrveranstaltungen mit Studierenden zu testen. Wissenschaftler sollten weniger Drittmittelanträge ­schreiben und dafür stärker die Arbeiten von Kollegen wahrnehmen.“ Und Gumbrecht meint abschließend: „An den besten amerikanischen Universitäten, denen die neue europäische Exzellenz-Hektik ja nachstrebt, stand die Priorität der Lehre übrigens noch nie in Frage.“

In der guten alten Zeit (also vor Bologna) gab es einen Ort, der gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Lehre und Forschung bildete. Er trug den etwas muffigen Namen Oberseminar. Das fundamentale Problem ist nur, dass eben diese Lern- und Lehrform vielerorts ein Opfer des sog. Reformprozesses geworden ist. Vielleicht sollte man in Zukunft die Bewilligung von Druckkostenzuschüssen schlicht an die Frage knüpfen: „Was haben Sie zur Wahrung bzw. Wiedereinrichtung von Oberseminaren in den letzten 12 Monaten unternommen?“


Überforderungen

15. Februar 2010

Am Wochenende habe ich das kurzweilige, insgesamt leider etwas oberflächliche Buch The Numerati von Stephan Baker, der auch ein großartiger blogger ist, über das Anschwellen des Datenmaterials und dessen vielfältige und beängstigende Wirkung gelesen.

Im Kapitel über blogs zitiert Baker einen Analytiker: „Sarcasm […] stumps the machine on a regualr basis.“ (S. 113) Im Folgenden führt er aus, warum Programme zur Analyse von Meinungsbildung in blogs zumindest derzeit noch an ihre Grenzen kommen. Sie sind nämlich meistens überfordert, Aussagen als Ironie, Spott oder Sarkasmus zu verstehen, weil sie die unterschwellige Markierung der dabei erfolgenden Bedeutungsumkehr normalerweise nicht erkennen.

Vermutlich sind uns also die Maschinen schon viel näher als wir uns das eingestehen. Schließlich verstehen auch die meisten Mitmenschen ironische Äußerungen nicht.


Nachspielzeit

12. Februar 2010

Vorgestern hatte ich an dieser Stelle ja schon ein wenig für die Lesung von Albert Ostermaier hier in Gießen geworben und dabei auf den Brecht-Preis hingewiesen. Christine Dössel hat gestern eine ganz wunderbare Zusammenfassung des Abends in Augsburg geliefert, den ich allen auch als Nachspiel zu Ostermaiers Auftritt hier sehr empfehle. Wenn ich gestern abend die Stimmung im Theater richtig mitbekommen habe, dann waren sich allerdings alle (außer Albert Ostermaier!) einig, dass Augsburg nicht ins Finale kommt. Und das waren ausschließlich Sympathien-Voten.

War davon auch ganz überrascht, schließlich liegt Gießen nicht gerade in der norddeutschen Tiefebene. Aber das Theater war fest in Werder- und St. Pauli-Hand. Aber irgendwie war das auch zu erwarten. Dabei gibt es noch einen anderen großen norddeutschen Verein, der sogar die Allianz-Arena beherrscht hat.


Zwischen Ems und Weser

1. Februar 2010

Gestern abend war mal wieder Charlotte Lindholm im Tatort aktiv. Eigentlich habe ich ja nicht vor, mich zum Fernseh-Kritiker aufzuschwingen, aber ein paar kleine Nachfragen seien kurz gestattet. Charlotte befindet sich irgendwo zwischen Ems und Weser: Tatwaffen verschwinden in der Ems, Holland ist nur wenige Autominuten entfernt, zuvor bricht sie mit einem PKW auf, der das Kennzeichen FRI hat (Friesland, also Jever).

Warum aber trinken die Leute in dem Kaff, in dem sie dann unfreiwillig landet, Flensburger Pils? Okay, das mag kleinlich sein. Die Gaststätten in diesem Landstrich müssen ja nicht alle einen Vertrag mit einer niedersächsischen oder einer Bremer Brauerei haben. Doch nur wenige Minuten später meint der Dorfpolizist, man sei hier doch nicht in St. Peter Ording. Hallo? Wieso denn das? Sagen will er, dass sein Dorf kein Touristenort ist. Aber wieso vergleicht er seine Gemeinde dann nicht mit einem Ort, der nah ist – mit Hooksiel etwa? Oder gleich mit einem Ort, der ganz weit weg ist – Sylt, Dubai, was weiß ich?

Viele Tatort-Folgen nerven, weil sie vor lauter Lokalpatriotismus die Handlung vernachlässigen (Köln!). Aber dass es andererseits dem NDR schon zu reichen scheint, wenn das Setting ‚irgendwie‘ als norddeutsch markiert wird, das ist schon ärgerlich – auch in einem Tatort, der fast schon surreal anmutet. Wenn Klaus Borowski demnächst mal ein Flens trinken und mit Frieda Jung einen Ausflug nach St. Peter Ording machen würde, täte das den beiden gewiss gut. Aber wenn Charlotte schon mit der tristen niedersächsischen Landschaft konfrontiert werden muss, dann bitte auch mit einer möglichst präzise dargestellten!