„The Wire“ und die Folgen …

17. März 2011

Pünktlich zur Buchmesse gibt’s alle Jahre (bzw. halbe Jahre) wieder ein paar Katastrophenszenarien, die mindestens den Tod der Buchkultur, gerne auch gleich das Ende der Lesekultur oder manchmal sogar den Untergang des Abendlandes prophezeien. Allein schon weil letzteres gegenwärtig mindestens geschmacklos wäre, setzt der Freitag dieses Frühjahr auf ein moderates, aufgeklärt daherkommendes Szenario: das Ende der Lesekultur durch anspruchsvolle amerikanische Fernsehserien (vgl. Der Nicht-Leser in uns).

Die wohl witzig gemeinte These des Artikels ist, dass differenzierte, jüngere Menschen, die früher zum Zeitvertreib Romane gelesen haben, inzwischen lieber Fernsehserien wie The Wire gucken – pars pro toto wird auf 10 angehende Kulturwissenschaftler aus Hildesheim verwiesen, die mehrheitlich auf The Wire abfahren, von denen aber nur einer einen potentiellen Buchpreisträger kennt.

Für mich ist der Erfolg von Fernsehserien in DVD-Boxen ja vor allem ein Indiz für die Abkehr vom Fernsehen, wie wir es bisher kennen. Mit Lesekultur hat das erst einmal wenig zu tun. Aber egal. Darum soll es hier gar nicht gehen.

Interessant finde ich den Artikel nämlich, weil die Wirkung von The Wire auf die Lesekultur („Verheerend“!) durch einen FAZ-Artikel („kluger Beitrag“) ausgelöst worden sei. Seit Jahren beklagt sich die Kritik über ihren schwindenden Einfluss auf die ästhetische Meinungsbildung, aber in diesem Fall soll – schwupps – ein Artikel hinreichen, um den Boom einer Serie auszulösen? Bei einem Publikum, das nicht gerade zu den Stammlesern des FAZ-Feuilletons zählt? Wie kommt man zu solch einer steilen These?

Ich stell mir das so vor: Da sitzt ein netter Freitag-Kritiker an seinem Rechner und bekommt mit, dass die Leute gar nicht mehr Fontane lesen (als wenn sie das vor 10 Jahren noch getan hätten) und auch keine Buchpreisträger mehr kennen (kannten sie vor 10 Jahren auch nicht, freilich aus anderen Gründen). Er trifft ein paar coole Hildesheimer Kulturwissenschaftler, die von The Wire schwärmen, und so denkt er sich: „Mensch, da war doch mal dieser FAZ-Artikel, in dem die Serie der ‚Balzac für unsere Zeit‘ genannt wird. Bestimmt hat dieser Artikel die jungen Leute veranlasst, sich Abend für Abend The Wire anzuschauen, statt zu lesen. Tja, das ist halt die FAZ. Solch eine Wirkung, die bekomm‘ ich mit meinen Freitag-Artikeln bestimmt nie. Schon schade.“ So wird aus einer kleinen Frustration ein kleines katastrophisches Begleitkonzert zur Buchmesse. Und der Kultstatus der Serie wird gleich mit zementiert.

P.S.: Ich habe immer noch nicht begriffen, warum es überraschend sein soll, dass Kulturwissenschaftler Fernsehserien schauen und nicht in erster Linie lesen.

P.P.S.: Ich kenne Leute, die lesen Bücher und kaufen sich Fernsehserien.

P.P.P.S.: Ich besitze nicht nur The Wire, sondern auch mehrere Staffeln Friends. Der Untergang des Abendlandes steht bevor!


Spur der Steine

11. März 2011

Letztens habe ich von Thomas Brasch Vor den Vätern sterben die Söhne von 1976 gelesen. Ein Buch aus einer anderen Zeit, fertiggestellt vor seiner Ausreise aus der DDR, publiziert danach. Im Klappentext geistert ein Wort herum, bei dem die Älteren zwar noch nicken, die Jüngeren aber nur noch fragend aufblicken: Biermann-Streit bzw. Biermann-Ausbürgerung.

Das Buch dürfte heute nur noch wenige Leser finden, weil es sehr in seiner Zeit verhaftet ist. Es ist eine frustrierte Abrechnung mit einem Staat, der seine Bürger schon kriminalisiert, wenn sie Rolling Stones hören und mit einem kleinen Rausch in den Ostseedünen abhängen: kein Raum den Hippies im realexistierenden Bürokratismus.

In einer Erzählung (Und über uns schließt sich ein Himmel aus Stahl) wird eine Szene aus Frank Beyers großer Verfilmung von Die Spur der Steine geschildert (ohne sie namentlich zu nennen) und wie sich im Kinosaal Tumult regt, nachdem auf der Leinwand zu sehen ist, wie die Barka-Brigade einen Polizisten in einen Springbrunnen geworfen hat. Ich habe den Film  zwei- oder dreimal gesehen (manchmal wird er im Spätprogramm im MDR wiederholt), und finde es bis heute unglaublich, wie schnell dieser Film als Provokation begriffen wurde. Er lief, meine ich, nur 3 Tage in den DDR-Kinos und wurde dann abgesetzt.

Warum der Film so provozierend war, macht Brasch‘ Erzählung umgehend deutlich: Dieser Staat hatte Angst davor, dass man sich über ihn lustig macht. Man kann gar nicht glauben, dass ein in vielerlei Hinsicht komödiantischer Kinofilm solche Reaktionen hervorrufen kann. So liest man heute über diese Stelle viel zu schnell hinweg. 1976 aber dürfte sie nicht nur die Angst des Staates, ausgelacht zu werden, vorgeführt haben. Zugleich belegt sie, wie wach die Erinnerung an die Provokation durch den Film rund 10 Jahre nach seinem Erscheinen weiterhin war.

Brasch führt mit dieser Szene das titelgebende Leitmotiv des Buchs vor Augen: Erik Neutsch‘ Roman und Beyers Verfilmung von die Spur der Steine muten, wenn man sie heute liest bzw. sieht, alles andere als provokant an. Ob sie so gemeint waren oder nicht, sei dahingestellt. Sie wurden auf jeden Fall als Provokation wahrgenommen. Knapp eine Generation später – bei Brasch – wird der Film zum Ausdruck der Vätergeneration, auf den man Bezug nimmt und der lebendig ist. Die Generation der (erwachsenen) Söhne dagegen wird nicht mehr nur vom Staat mundtot gemacht (wie Beyer), sondern in der Erzählung mit fadenscheinigen Gründen eingesperrt und getötet.

Um dieser Umkehrung der natürlichen Generationsfolge entgehen zu können, bietet Brasch‘ Buch nur eine Alternative an: den Stillstand. In der letzten Erzählung, Eulenspiegel, wird das offenbar. Am Ende bleibt Eulenspiegel mitten in Berlin stehen. Die Geschichte scheint aus den Fugen, klar ist nur eins: Sein Stillstand wird ihm deutlich, als er aus der vereinsamten Berliner Universität tritt. Ob der Narr nur meint, dass alles still steht, oder ob dem tatsächlich so ist, wird nicht erzählt. Gewiss ist bloß, dass er ausgespielt hat. So negiert der schmale Band von Brasch Marx‘ These, weltgeschichtliche Ereignisse ereigneten sich zweimal, erst als Tragödie, dann als Farce, dahingehend, dass es im Angesicht des Stillstands nicht die Tragödien sind, die als Farce wiederkehren, sondern die Komödien.

***

Diejenigen, die bis hierher durchgehalten haben, seien hiermit daran erinnert, dass das Gewinnspiel (vgl. das vorhergehende Posting!) morgen ausläuft: Ein Kurzkommentar nach dem Muster ‚Ich will was gewinnen!‘ reicht zur Teilnahme 🙂


September

27. Februar 2011

Irgendwann nach knapp 400 Seiten schließt sich ein kleiner Kreis. Muna erinnert sich, wie sie vor einigen Jahren unter einem Bett lag, in dem ihre Schwester gerade mit einem Mann schlief. Eine komische Szene, die zugleich ihre Schutzlosigkeit vor Augen führt und die von ihr erwartete Sprachlosigkeit. Muna will schreien und traut es sich nicht.

Mit Muna möchte man in diesem Moment glatt ein wenig Mitleid haben, wenn von ihr nicht so dermaßen stilisiert und gestelzt erzählt würde. Die Geschichten von Muna, aber auch die vom Goethe-Forscher Martin, der die meiste Zeit an der amerikanischen Ostküste zubringt, sind in Thomas Lehrs Roman September in eine dahinfließende Wortfolge gegossen, die Einblicke erlauben in verschiedene Figuren – allen voran zwei Väter, die ihre Töchter verlieren, einmal 9/11, einmal einige Jahre später im Irak. Aber die avancierte, atemlos wirkende Schreibform, die durch Umbrüche und Leerzeilen nur selten ein wenig Luft lässt, hat mich so gar nicht überzeugt. Und übrigens andere auch nicht. Wohlgemerkt – ich habe nichts gegen experimentierfreudiges Erzählen. Nizon etwa spielt in Das Jahr der Liebe mit dem Verhältnis von Interpunktion und Absatz sehr geschickt, sogar so geschickt, dass man es gar nicht bemerken muss. Bei Lehr wirkt das dagegen vom ersten Absatz an unheimlich gewollt, weil er mit den immer gleichen Mitteln arbeitet: Erzählen ohne Punkt und Komma, nur selten mal ein Kalauer: „Krieg als Fortsetzung des Computerspiels mit verheerenden Mitteln“ (S. 352).

Ich habe mich sehr auf den Roman gefreut, schließlich war er in der FAZ vielversprechend rezensiert worden. Als mir dann beim Lesen rasch klar wird, dass sich der Roman mit Goethes West-östlicher Divan auseinandersetzt, freue ich mich auf die Lektüre um so mehr. Aber wie das so ist, manchmal treffen Kritiken schlicht nicht den eigenen Geschmack und vor allem ist die Enttäuschung größer, wenn die Erwartung hoch ist. Statt des Eindrucks, einen starken Roman gelesen zu haben, bleibt am Ende nur der Eindruck, dass der Verzicht auf Punkt und Komma und ein paar Anspielungen noch keine intelligente Annäherung an den 11. September ausmachen.

Vielleicht liegt das daran, dass Lehr in seinem Roman die Frage nach dem Status der Religion nicht stellt. Stattdessen macht er sich über die gewiss schlichte Religiosität des amerikanischen Präsidenten lediglich lustig (und zugleich über dessen nicht besonders große Sprachbegabung):

Eswarsehremotionalfürmich
ichhabegebetet
während
ICH
herumging
(S. 334)

Natürlich ist es angesichts des wohlfeilen Antiamerikanismus deutscher Intellektueller schon ein Fortschritt, wenn G.W. Bush nicht als bloßer Schwachkopf dargestellt wird. Aber ist dieser Fortschritt wirklich groß, wenn aus ihm ein Egozentriker wird, dessen religiöses Missionsbewusstsein derart verharmlost wird?


Schweizer Standort

4. Januar 2011

Für mein Seminar zur Gegenwartsdramaturgie habe ich Frischs Graf Öderland. Eine Moritat in zwölf Bildern gelesen. Das Stück ist eigentümlich emotionsfrei. Die Figuren sind keine Charaktere; Identifikation fällt damit aus. Doch sind sie auch keine Typen; damit fallen Komik und Parabel aus. Die Szenen bauen aufeinander auf, Aktion und Reaktion sind in sich schlüssig. Doch ändert das nichts daran, dass die Fabel dermaßen absonderlich ist, dass ich mich eher an eine Pro7-Mystery-Serie erinnert fühlte, denn an eine überzeugende dramatische Handlung (immer wenn Graf Öderland auf Widerstand stößt, holt er seine Axt raus und zerdeppert ein paar Schädel …). Glücklicherweise sah das Seminar das in den beiden sehr lebhaften Diskussionen anders als der Dozent.

Einen konventionellen Spannungsbogen habe ich auch nicht so richtig gefunden, gleichzeitig aber ist die Dialogführung sehr konzentriert. Das ganze Stück erinnert in seiner Formvollendetheit an das absurde Theater von Beckett, nur dass es nicht absurd ist. Immerhin aber endet es mit einem hübschen performativen Widerspruch. Von allem also ein bisschen. Selten hat mich ein Stück so dermaßen überfordert und gleichzeitig gelangweilt. Warum weckt es nicht meinen Ehrgeiz, es endlich zu verstehen. Vielleicht ist es einfach nur schlecht?

Jetzt lese ich im knappen und trotzdem in jeder Beziehung überzeugenden Sammelband Wir stehen da, gefesselte Betrachter. Theater und Gesellschaft (hg. von Elio Pellin und Ulrich Weber. Göttingen, Zürich 2010) einen wunderbaren Aufsatz von Peter Utz (Die Katastrophe im Blick. Literarische Betrachtungen zur Schweiz auf der Zuschauerbank, S. 15ff.) zu Frischs Überlegungen zum Schweizer „Standort“. Frisch meinte – unter Rückgriff auf verschiedene Vorgänger -, das Schweizer Bewusstsein sei wesentlich vom Zuschauen bei den historischen Tragödien (zumal denen des 20. Jahrhunderts) geprägt. Deswegen grenzte er die Katharsis auch entschieden aus seinen Überlegungen aus.

Diese Information korrespondiert mit einem Gedanken, der auch schon im Seminar geäußert wurde: Wenn man Frischs Überlegungen zum ‚Standort‘ kennt, dann wird Graf Öderland zumindest in einer Hinsicht interessant. Denn hier sitzt nicht nur das Publikum im Theater und sieht dem Aufstieg Graf Öderlands zu einer Art Staatschef unbeteiligt zu. Es gibt zugleich auch Figuren, die dem Aufstieg ihrerseits recht teilnahmslos zuschauen. Das Publikum kann sich gewissermaßen selbst beim Zuschauen zuschauen. Das ist natürlich ein netter Gag und etwas subversiver als beispielsweise Brechts Zeigefinger Drama Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Nur kann man diese luhmannsche Freude an der Beobachtung zweiten bzw. dritten Grades heute noch irgendwie vermitteln? Sie setzt eine Lust an der Neutralität voraus, die schon vielen Zeitgenossen von Frisch suspekt war. Trotzdem mag sie in der Schweiz weiterhin lebendig sein. Zugestanden. Aber außerhalb der Schweiz? Gibt es eine Aktualität des Stücks, die es rechtfertigt, Graf Öderland heute noch auf eine Bühne zu bringen? In Basel ist es jüngst versucht worden, an diesem Wochenende folgt auch das Theater in Gießen, was auch Anlass für die Beschäftigung mit dem Stück im Seminar war. Ich bin gespannt, ob man in Mittelhessen eine Löung unabhängig vom Schweizer Standpunkt findet. Ein Probenbesuch vor Weihnachten ließ das zwar hoffen, aber er machte zugleich auch deutlich, dass bei Frisch immer alles wie Reißbrett wirkt.

Moritz Rinke erinnert gern daran, dass Frisch seine Dramen auf einem Bierdeckel konzipieren konnte und er (Rinke) das nicht könne, Frisch deswegen aber bewundere. Als ich die Geschichte vom Bierdeckel zum ersten Mal hörte, musste ich unweigerlich an Friedrich Merz denken. Was die Leute so alles auf Bierdeckel bringen wollen. Mir reicht es voll und ganz, ein Bier ‚drauf abzustellen, damit es nicht auf den Tresen suppt. Frischs Dramatik hat mir die Geschichte auf jeden Fall nicht näher gebracht, aber vielleicht liegt das auch schlicht daran, dass ich mich im Theater fürs Zugucken interessiere und nicht fürs Zugucken beim Zugucken.


Irrtümer

30. Dezember 2010

Vor 15 Jahren starb Heiner Müller. Als gut zwei Jahre nach seinem Tod die Nachricht die Runde macht, dass seine Gedichte den Auftakt zur Werk-Ausgabe bilden werden, bestelle ich das Buch umgehend vor und kann es nach mehreren Nachfragen endlich bei meinem Buchhändler in Göttingen abholen.

1998 war das. In Göttingen nahm man die Trauer nicht wahr, die in Berlin auch zwei Jahre nach seinem Tod vielfach zu spüren war, vor allem an den Theatern dort. Die Distanz erleichterte die Lektüre. In den folgenden Tagen las ich nicht nur den Band, sondern auch alle Rezensionen der Ausgabe in den einschlägigen Tageszeitungen. Noch heute finden sich einige von ihnen in mein Exemplar eingelegt; sie belegen, wie sehr die Gedichte ein Ereignis waren.

Gerade seine letzten Gedichte habe ich wieder und wieder gelesen. Auch kenne ich dazu einige Interpretationen, die meinen Eindruck bestätigt haben, dass diese Gedichte herausragende Auseinandersetzungen mit der Todesliteratur und insbesondere der Todeslyrik verschiedener Epochen und Literaturen sind – vor allem mit der stoischen Literatur Senecas.

Vor einigen Wochen nahm ich den 2005 erschienenen Band „Der Tod ist ein Irrtum“ erstmals in Ruhe in die Hand und las dieselben Gedichte wieder, eingebettet zwischen den Polaroidfotos von Brigitte Maria Mayer und den handschriftlichen, oft schwer leserlichen Notizen Müllers. Diese Rahmung verändert alles – die Gedichte sind andere, wenn sie neben den Fotos des schwerkranken Autors abgedruckt sind.

Müller hat wie kein anderer den Tod des Autors dramatisiert und dadurch einen unvoreingenommenen Blick auf die Bilder unmöglich gemacht. Man kommt sich vor wie ein Voyeur, obwohl man zum Zuschauen eingeladen wird. Kein Gedanke mehr an die Literaturgeschichte, volle Konzentration auf Müller. Nie war mir deutlicher, wie sehr Wahrnehmung variieren können. Eigentlich banal. Nur weiß ich nicht, wie ich damit umgehen, in welcher Ausgabe ich lesen soll, wenn ich die Gedichte wiederlesen möchte. Nicht nur der Tod ist ein Irrtum.


Wenn Akademiker singen …

20. Dezember 2010

Um die Pennälerlyrik ist es still geworden. Burschenlieder hört man auch nur noch ganz selten. Stirbt das gute alte akademische Liedgut gar aus? Muss man sich sorgen? Ist vielleicht auch daran der Bologna-Prozess schuld? Fragen über Fragen. Ein weiteres Beispiel für den Niedergang der akademischen Kultur, so dachte ich, der als kleiner Doktorand im Graduiertenkolleg sogar noch Forsters Frische teutsche Liedlein brummen durfte, bis eben.

Dann aber (es naht schließlich das Fest des Herrn!): ein Licht am Horizont! Die engagierte Unterstützung exzellentester Köpfe in Clustern und Kollegs befördert nicht nur den wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch die akademische Sangeskunst und Lyrik. Wer’s nicht glaubt, der begebe sich gleich auf den wie immer wunderbaren roughblog!


Werbung zum Wochenende

2. Oktober 2010

Liebe Leserinnen und Leser,

gewiss werden auch Sie langsam unruhig: Das Weihnachtsfest naht unaufhaltsam. Schon seit drei Wochen gibt es bei Aldi wieder Weihnachtsgebäck und Marzipankartoffeln und Sie haben immer noch keine Geschenke für Ihre Liebsten. Nun – zu Ostern da war’s noch leicht. Erstens schenkt man da nicht so viel und zweitens gab es im Frühjahr eigentlich nur ein Geschenk: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel von Moritz Rinke. Doch was soll man jetzt noch schenken, wo doch alle schon den Roman haben? Hier unsere Antwort: Das Buch zum Roman. Und zu vielen unvergessenen Theaterabenden. Und über einen großartigen Reportagen-Autor und Essayisten. Und über einen Kino-Film, und, und, und …

Noch Fragen? Am Besten gleich mal schauen (hier), ob das nicht was für Sie ist!


Philologische Niederungen

16. September 2010

Nachdem ich vor ein paar Monaten Herta Müllers Atemschaukel gelesen habe, empfahl mir nun der Buchhändler meines Vertrauens („Kunden, die dasselbe suchten wie Sie, haben gekauft“) Niederungen. Irgendwo hatte ich auch eine vielversprechende Kritik über das Buch gelesen, in der u.a. erklärt wurde, wie wunderbar es doch wäre, dass das Buch jetzt in seiner eigentlichen Gestalt zugänglich sei. Das machte auch den Philologen neugierig, obwohl ich die alte, im Rotbuch-Verlag zuerst 1984 erschienene Fassung gar nicht kenne.

Offenbar war es so, dass mit der damaligen Ausgabe irgendwas nicht in Ordnung war. Am Ende der Neuausgabe heißt es nun auf S. 174:

Für die vorliegende definitive Ausgabe der Niederungen wurden die seinerzeit gestrichenen Kapitel wieder eingefügt. Der gesamte Text wurde von der Autorin noch einmal durchgesehen und korrigiert; dabei wurden auch sämtliche Streichungen von 1984 überprüft und zum Teil rückgängig gemacht.

Nun hätte sich das kleine Philologen-Herz natürlich gefreut, wenn die Änderungen auch gleich verzeichnet worden wären. Aber damit muss es wohl klar kommen, schließlich kann man das auch selbst nachholen oder warten, bis eine kritische Ausgabe kommt. Was ich aber nicht verstehe ist, warum dem Leser nicht mitgeteilt wird, warum die deutsche Erstausgabe defizitär war. Was hat die Überarbeitungen und Umstellungen notwendig gemacht? Vor rund einem Vierteljahrhundert haben viele Menschen, die heute Herta Müller lesen, ja noch gar nicht gelebt – oder zumindest noch keine anspruchsvolle Literatur gelesen. Und von den Schwierigkeiten der rumäniendeutschen Autoren wissen die meisten Menschen auch nicht viel. Das mag man bedauern, aber es ist halt so. Wäre also klasse, wenn man in Zukunft all die Leser nicht im Dunkeln stehen ließe, die jetzt erst das Glück haben, Herta Müllers großartige Erzählungen zu entdecken.