Werk- oder Spielzeug?

3. Mai 2013

IMG_1703Vor einem Monat ist Moleskine an die Börse gegangen – offenbar sehr erfolgreich. Das gönnt der kleine Philologe dem Unternehmen natürlich ungemein. Schließlich sind die schwarzen Notizhefte auf vielen Tagungen und während verschiedener Bibliotheksreisen sein treuer Begleiter gewesen. Noch heute werden die Büchlein mit Exzerpten (samt eingelegter Leihzettel) im Bücherregal aufbewahrt.

Gleichzeitig erfüllt die Nachricht mit Scham. Denn seit einem Monat bin ich dem ‚kleinen Schwarzen‘ untreu. Ich habe mir ein neues Schreibwerkzeug gekauft, von dem ich allerdings noch nicht weiß, ob es sich durchsetzen wird. Schreibtechnisch befinde ich mich nämlich derzeit in einer Experimentierphase. Das ist den vielen Möglichkeiten des SchreibensIMG_1705 geschuldet, die gegenwärtig existieren und entwickelt werden. Jetzt auf den Zug aufzuspringen, ist natürlich gefährlich. Kein Mensch kann einschätzen, welche Verfahren und Techniken sich letztlich durchsetzen. Gleichwohl ist es verlockend, schon jetzt mitzutun. Immerhin bietet sich endlich die Chance, Notizen so anzulegen, dass sie wirklich gut wiedergefunden werden können und eigentlich immer zugänglich sind. Da haben analoge Aufzeichnungstechniken deutliche Schwächen.

Nun müssen die Leser dieser Zeilen natürlich nicht befürchten, dass hier in den kommenden Wochen mehr oder minder überzeugende Bildchen oder vermeintlich wichtige handschriftliche Notizen gepostet werden, die sich in meinem digitalen Notizbüchlein finden.

Meine Notizen, seite 2

Mit dem Schriftbild bin ich nämlich gar nicht zufrieden. Das Schreiben mit dem Stift mit seiner weichen Gummi-Oberfläche auf dem glatten Touchscreen ist fast komplett widerstandsfrei, so dass man sehr langsam und konzentriert schreiben muss, damit es einigermaßen leserlich bleibt. Für Notizen während einer Tagung oder gar bei Theaterkritiken bietet sich das Gerät nicht an – Moleskine muss also nicht befürchten, dass die Kurse einbrechen.

Aber bei der Korrektur von Hausarbeiten und von Fahnen eines Aufsatzes hat mir der Stift schon tolle Dienste geleistet. Natürlich sitzt man nicht in der Frühlingssonne und denkt sich: „Mensch, jetzt könnt‘ ich mal wieder eine Hausarbeit korrigieren.“ Aber ich muss mir zum Beispiel nicht überlegen, ob ich Hausarbeiten mit nach Hause nehme oder nicht. Sie sind einfach zur Hand, wenn es sich anbietet. Besonders angenehm ist das Arbeiten mit einem solchen Schreibgerät, wenn es um Notizen ’nebenbei‘ oder ‚unterwegs‘ geht – etwa bei der Korrektur einer Fahne, bei der nur noch geschaut werden muss, ob wirklich alles erledigt ist. Und wenn das nicht der Fall ist, dann gibt’s halt noch ein paar kleine Krickeleien an den Rand und die Sache ist erledigt – zumindest für mich.


Im Münsterland

11. März 2013

pflegt man gerne einen candide’schen Optimismus, dass die eigene Heimat die beste aller Welten ist. Doch diese Weisheit wird durch alle, die neu in diese Welt kommen, infrage gestellt. Zu welchem Ergebnis sie gelangen, hat jetzt das Theater Münster wunderbar gezeigt.


Von Möglichkeiten und Wirklichkeiten

13. Januar 2013

Im November 2011 beendet Moritz Rinke die erste Fassung seines neuen Stücks Wir lieben und wissen nichts. Er scheint zufrieden und meint, es sei sein bester Theatertext. Er verschickt ihn an einige Freunde und Bekannte, auf deren Urteil er vertraut. Rinke pflegt zu seinen Figuren vielfach ein zärtliches Verhältnis. Trotzdem ist er ein Autor, der mit Kritik während des Schreibens gut umgehen kann, sie sogar einfordert.

Rinke nennt den neuen Text im Untertitel ‚Stück‘, ähnlich unkonkret ist er bei Republik Vineta und Café Umberto verfahren, seinen beiden ganz großen Theatererfolgen im letzten Jahrzehnt. Er mag konkretere Festlegungen offensichtlich nicht, obwohl seine ‚Stücke‘ lupenreine ‚Dramen‘, vielleicht gar ‚Komödien‘ sind. Warum nennt er seine Theatertexte nicht so? ‚Komödie‘ scheidet aus, das klingt in Deutschland immer gleich nach Schenkelklopfer, Mundart und Happy End. All das serviert er seinem Publikum selbstredend nicht. Andererseits – wenn man an Tschechow denkt, der seine Komödie Die Möwe mit einem Selbstmord beendet …

Vielleicht legt Rinke sich nicht fest, weil er durch eine harte terminologische Schule gegangen ist. Er hat Anfang der 90er in Gießen Angewandte Theaterwissenschaften studiert. Da hat man ihm vermutlich beigebracht, dass es ‚Dramen‘ nicht mehr gibt, nur noch ‚postdramatische Theatertexte‘. Rinke nennt sie ‚Textflächen‘: zur Prosa neigende Diskurscollagen, die Figuren aus Fleisch und Blut, Konflikte zwischen Menschen und die sich daraus ergebenden Dialoge vermeiden. Seine Stücke sind ein regelrechter Gegenentwurf zu diesen ‚Textflächen‘. Mit Wir lieben und wissen nichts beweist er erneut, wie lebendig das Drama ist.

Als sich Rinke Ende des letzten Jahrzehnts an seinen Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel machte, war er ermüdet von einem Theaterbetrieb, der seine Stücke wie diese Textflächen behandelt, sie gern mehr zum Ausgangspunkt nimmt und sie nicht zum Zentrum der Inszenierung macht. Manche vielbesprochenen Inszenierungen wurden seinen oftmals sensiblen, an der Wirklichkeit zerbrechenden Figuren nicht gerecht. Es kommt offenbar bei diesen Texten mehr noch als sonst darauf an, eine passende Regiehandschrift zu finden. Denn ein Regisseur muss die Rinke-Figuren schon zärtlich lieben wollen. Große Namen unvermittelt und abhängig von deren Terminkalender auf Rinkes Stücke loszulassen, scheint jedenfalls bei diesem Autor noch weniger als bei anderen ein Erfolgsrezept zu sein.

Rinke ist alles andere als ein öffentlichkeitsscheuer Autor. Nicht zuletzt deswegen wusste und weiß er, wie sehr sein Publikum seine Figuren liebt. Daher war es von ihm nur konsequent, sich dem Roman zuzuwenden, der es ihm ermöglichte, seine Figuren direkt und unvermittelt seinem Publikum zu präsentieren. Auch mit seinen Essays und Alltagsbeobachtungen für Tageszeitungen war er weiterhin präsent, das Publikum immer im Blick. Nun sind seine Figuren zurück auf der Bühne. Rinke stellt sich nach einer langen Pause wieder dem Theater, das bei allen Verletzungen und Missverständnissen seine Leidenschaft ist. Wir dürfen gespannt sein, Abend für Abend, wie die Theater Wir lieben und wissen nichts umsetzen.

Wenn man sich die Spielpläne landauf, landab anschaut, zeigt sich rasch, dass nicht wenige Theater das Drama auf den Spielplan genommen haben. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Wir lieben und wissen nichts eins der meistgespielten Stücke dieser Spielzeit werden wird. Wie angedeutet, stellen sich die Theater damit einer Herausforderung. Das liegt neben all der Liebe zu den Figuren, die ein emotional durchdachtes Spiel erfordert, an der Päzision seiner Dialoge. In Rinkes erstem Drama, Der graue Engel von 1995, spricht nur eine Figur, es dominieren Pausen. Seit damals hat sich Rinke zu einem Meister des Dialogs weiterentwickelt. Seine Kunst besteht darin, dass nicht nur handwerklich präzise ein Wort aufs andere folgt (wie etwa bei Yasmina Reza), sondern Rinkes Figuren Vieles zum Ausdruck bringen, ohne es direkt auszusprechen. Seine besten Figuren überzeugen durch die Zwischentöne, durch das, was ungesagt bleibt, durch das, was nicht ausgedrückt werden kann oder ausgedrückt werden darf, ohne andere zu verletzen.

Das wird zumal dadurch deutlich, dass es in Rinkes Dramen immer auch die gibt, die diese Sensibilität nicht kennen, denen Rücksicht fremd ist. Diese beiden Typen unterscheidet, wie sie die Wirklichkeit wahrnehmen und ob sie an Veränderungen glauben oder zumindest darauf hoffen. Rinke nennt die Sensiblen in Anlehnung an Musil gern die Möglichkeitsmenschen, die in der vermeintlichen Realität lebenden hingegen Wirklichkeitsmenschen. Sie richten sich in dem ein, was ist, ohne dabei an Alternativen einen Gedanken zu verschwenden. Rinkes Zuneigung gilt den Möglichkeitsmenschen, die in allen seinen Stücken zu finden sind und vielfach an den Wirklichkeitsmenschen zerbrechen.

Wenn man von dieser Weltsicht weiß, versteht man besser, warum Rinke Chaplin bewundert, warum er sich sehr freute, als über seinen Roman gesagt wurde, der sei erzählt wie ein Blues von Clapton – Slowhand.

alle 4Sein neues Stück hat nur vier Personen. Das ist für ein Rinke-Drama nicht besonders viel. Er hat oft erzählt, wie ihm gegenüber Intendanten meinten, sie würden ihn ja gerne auf den Spielplan setzen, nur wäre sein Personal immer zu groß. Das wird jetzt nicht passieren.

Auch der Ort ist für eine einfache Einrichtung ideal. Wir lieben und wissen nichts spielt in einem beinahe leeren Raum, der Teil einer Wohnung ist, die Hannah und ihr Freund Sebastian mit den ankommenden Roman und Magdalena zu tauschen beabsichtigen. Man ist mit diesem Setting sofort in einer typischen Rinke-Welt: Sebastian ist ein gescheiterter Kulturhistoriker, der sich gerade mit den Adamiten befasst und nicht umziehen will. Er macht das überhaupt nur, weil seine Lebensgefährtin Hannah in Zürich einen neuen Job hat.

Sebastian ist einer dieser Träumer, vielleicht ein Widergänger des frühneuzeitlichen Narren, der zwar in unserer Welt lebt, aber sich verhält, als stünde er außerhalb. Hannah ist davon genervt, unter anderem weil sie ein Kind will, und er sich dem nicht nur verweigert, sondern ganz und gar ungeeignet scheint, Verantwortung zu übernehmen. Ein Konflikt ist angesichts dieser Konstellation vorprogrammiert. Und er entzündet sich durch den anstehenden Umzug prompt.

MagdalenaRoman und Magdalena aus Zürich ergänzen Hannah und Sebastian. Bei diesem Paar ist er derjenige, der zunächst für die Wirklichkeit steht. Sie bleibt im Vergleich zu den übrigen Figuren zunächst eigentümlich blass. Sie versteht sich zwar gleich blendend mit Sebastian, ansonsten ist sie dem ersten Eindruck nach wenig eigenständig. Nimmt man hingegen das gesamte Stück in den Blick, dann entwickelt sich Magdalena immer mehr zu der Figur, die fasziniert. Das ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sie nach einer Möglichkeit sucht, Roman sanft sein berufliches Scheitern zu vermitteln, das sie als Wirklichkeit akzeptiert, er jedoch nicht wahrnimmt.

Sterne

Damit ist zugleich ein weiteres, inzwischen regelrecht klassisches Rinke-Moment benannt. Gerade seine Wirklichkeitsmenschen wie hier Roman, der in vielerlei Hinsicht den vermeintlichen Machern Born und Hagemann in Republik Vineta ähnelt, meinen zwar die Wirklichkeit zu kennen und ihr gemäß zu handeln. Aber tatsächlich sehen sie nur Ausschnitte. Nicht nur Rinkes Möglichkeitsmenschen sind bedroht, weil sie sich nicht mit der Wirklichkeit arrangieren können. Auch die Wirklichkeitsmenschen sind es, weil ihr Blick auf die Welt unvollständig ist und weil sie just das übersehen oder nicht wahrhaben wollen, was sie ganz besonders betrifft.

PistoleDoch man ist nicht nur angesichts des Settings und der Konfliktstruktur in einem typischen Drama von Rinke. Auch einige Motive sind bekannt. So hält Sebastian gleich zu Beginn eine Napoleon Le Page-Pistole in den Häden just die Waffe, mit der im Roman schon viel Unheil angerichtet worden ist. Und in Republik Vineta löst eine Pistole aus napoleonischer Zeit ebenfalls eine Katastrophe aus. Nun könnte man meinen, ein solches Requisit ist nicht mehr als ein netter Verweis innerhalb des eigenen Werkes und vielleicht eine Verneigung vor dem von Rinke geschätzten Tschechow, der, wie erwähnt, ebenfalls gerne mit der Pistole als Handlungselement bzw. Schlusspunkt gearbeitet hat. Aber dem ist nicht so. Die Pistole verweist auf mehr, da sie sowohl Duellpistole als auch Waffe der Revolution war, die ihrerseits versuchte, Möglichkeit und Wirklichkeit ins Verhältnis zu setzen. So betrachtet, ist die Pistole das Dingsymbol schlechthin für eine Dialektik der Aufklärung, die ein Grundzug von Rinkes literarischem Werk ist. Es gibt also viel zu entdecken in Wir lieben und wissen nichts: Bekanntes und Neues, Liebenswertes und Wundernswertes.

In diesen Wochen beurteilen Theatermacher und -kritiker Rinkes neues Drama; die meisten begrüßen es sehr, einigen ist es zu unoriginell. Solche Urteile sind meist leichter gefällt als begründet. Denn wann ist ein Drama gut, wann schlecht? Was sind die Kriterien für ein solches Urteil? Ist Tschechows Die Möwe besser oder schlechter als Drei Schwestern, Onkel Wanja oder Der Kirschgarten? Je nach Situation beantworten wir das unterschiedlich. Deswegen scheint es besser, das festzuhalten, was sicher ist: Wir lieben und wissen nichts ist Moritz Rinkes konzentriertestes Drama. Es fasst in seinen vier Figuren all das zusammen, was sein bisheriges Werk kennzeichnet. Es leuchtet das Neben- wie Ineinander von Möglichkeiten und Wirklichkeiten aus, wie es nur wenige andere Theaterstücke vermögen. Andererseits mag Wir lieben und wissen nichts dem einen oder anderen im Vergleich zu Republik Vineta oder Café Umberto bemerkenswert unpolitisch scheinen. Doch so argumentiert nur, wer unter politisch ausschließlich tagespolitisch verstehen will. Im Gegensatz dazu widmet sich Wir lieben und wissen nichts den Konsequenzen im Privaten, die wir alle beinahe täglich erfahren. So ist das Drama von einer Aktualität, die der Tschechows vielfältig ähnelt und Gültigkeit über den Tag hinaus beansprucht.

(Dieser Artikel erscheint außerdem im Programmheft zu Rinkes Stück am Theater Aachen – Premiere: 13.1.2013. Die eingefügten Fotos hat das Aachener Theater mir dankenswerterweise zur Verfügung gestellt; Marie-Luise Manthei hat sie geschossen. Sie hält alle Rechte an den Fotos.)

1. Oktober 2012


Spardebatten

23. September 2012

an Theatern können zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. In Münster sogar innerhalb eines Hauses.


Kleine Freuden

13. September 2012

Vor knapp einem Jahr hat mir ein netter Kollege auf einer Tagung einen Bleistift geliehen, der wunderbar praktisch mit einer Kappe ausgestattet ist. In ihr ist sogar ein Anspitzer versteckt. Da ich bis dahin in meinen Büchern immer mit notorisch stumpfen Bleistiften herumgekritzelt habe, war das eine wirkliche Entdeckung. Denn mit stumpfen Bleistiften kann man zwar ganz gut unterstreichen, aber gerade wenn die Bücher nur einen knappen Rand und einen engen Satzspiegel haben, ist ein anständig angespitzter Bleistift für wirkliche Notizen doch von Vorteil.

Heute nun habe ich in einem (vorsichtig formuliert) funktional eingerichteten Büroartikel-Geschäft an einer hässlichen Ausfallstraße einen zum Bleistift passenden Tintenroller (oder wie heißen diese Stifte, die weder Kugelschreiber noch Federhalter sind?) entdeckt. Hat mir gleich große Freude gemacht. Allein schon weil der Bleistift jetzt in der Federmappe nicht mehr so einsam ist. Vor allem aber, weil ich jetzt endlich den Eindruck habe, ein angemessenes Werkzeug zur Hand zu haben, wenn ich nicht in einem Buch schreibe.

Die beiden haben sich auch gleich angefreundet. Da wollte ich ihnen was Gutes tun und habe aus einer Ecke einen Textmarker herausgekramt, der wunderbar zu den beiden passt.

Aber die beiden sahen mich nur erstaunt an und fragten: „Was willst du denn mit dem?“ Ich musste mir eingestehen, dass ich Textmarker wirklich nicht nutze. Und da mein Mäppchen eh sehr eng ist, musste der dicke Kerl zurück in seine Ecke. Hoffe nur, dass er sich nicht diskriminiert fühlt und etwas Verständnis aufbringt.


Vom Überleben der Intellektuellen

8. September 2012

Gumbrecht hat im FAZ-blog erläutert, warum sich die Intellektuellen überlebt haben. Er beschreibt damit eine Dynamik, die schon vielfach bemerkt und teilweise beklagt wurde. So nach dem Motto: „Die Leute hören ja eh nicht mehr zu!“ Nun ist jedoch die Klage, dass die Leute nicht zuhören bzw. aufmerksam lesen, kaum etwas anderes als die verzweifelte Klage von Eltern über pubertierende Kinder. Als Ursache nennt Gumbrecht hingegen die zunehmende Nötigung zur Parteilichkeit. Sie ist natürlich fatal und macht jeden Versuch, sich Gedanken zur Sache zu machen, platt. Deswegen ist Gumbrechts Perspektive im Vergleich zur lamentierenden die viel überzeugendere.

Ich frage mich nur, ob ergänzend zu seinen Gedanken nicht auch ein anderer Fluchtpunkt möglich wäre: statt des sich Überlebens eine Privatisierung des Denkens, an der diejenigen, die vor wenigen Jahren noch als Intellektuelle begriffen wurden, ihre verbliebenen Leser teilhaben lassen. Ich denke an Hennig Ritters Notizhefte oder an Sloterdijks Zeilen und Tage, in denen ich seit gestern lese. Die große Leistung solcher Bücher besteht darin, dass die Autoren mit ihren Lesern Gemeinschaft herstellen, indem zusammen über Dummheit und Geschwätz gelacht wird. In diesem Sinne ist der Rückzug in die publizierten Notizen zur Zeit nicht weniger als der Versuch, das Überleben zu sichern. Gumbrecht dürfte darin vielleicht einen letzten Fluchtpunkt sehen, quasi ein Klassentreffen der verbliebenen Intellektuellen mit ihren Jüngern. Aber vielleicht ist die Privatisierung gar kein Zwischenschritt zum Verschwinden, sondern lediglich Ausdruck dafür, dass die eigenen Möglichkeiten realistischer eingeschätzt werden.


Exzess

6. September 2012

Wenn der kleine Philologe einmal richtig exzessiv sein will, dann schleicht er sich gegen Abend aus dem Elfenbeinturm und geht ins Theater. Aber weil die Katze das Mausen nicht lassen kann, treibt’s ihn danach gleich wieder an den Schreibtisch. Dort gießt er sich ein Gläschen Wein ein und denkt bis tief in die Nacht über das Stück nach und schreibt sich darüber die Finger wund. Am nächsten Morgen sieht’s auf dem Schreibtisch dann so aus:

Und wenn ihr jetzt noch wissen wollt, wie’s im Theater war, müsst ihr bei nachtkritik nachschauen.