Irrtümer

30. Dezember 2010

Vor 15 Jahren starb Heiner Müller. Als gut zwei Jahre nach seinem Tod die Nachricht die Runde macht, dass seine Gedichte den Auftakt zur Werk-Ausgabe bilden werden, bestelle ich das Buch umgehend vor und kann es nach mehreren Nachfragen endlich bei meinem Buchhändler in Göttingen abholen.

1998 war das. In Göttingen nahm man die Trauer nicht wahr, die in Berlin auch zwei Jahre nach seinem Tod vielfach zu spüren war, vor allem an den Theatern dort. Die Distanz erleichterte die Lektüre. In den folgenden Tagen las ich nicht nur den Band, sondern auch alle Rezensionen der Ausgabe in den einschlägigen Tageszeitungen. Noch heute finden sich einige von ihnen in mein Exemplar eingelegt; sie belegen, wie sehr die Gedichte ein Ereignis waren.

Gerade seine letzten Gedichte habe ich wieder und wieder gelesen. Auch kenne ich dazu einige Interpretationen, die meinen Eindruck bestätigt haben, dass diese Gedichte herausragende Auseinandersetzungen mit der Todesliteratur und insbesondere der Todeslyrik verschiedener Epochen und Literaturen sind – vor allem mit der stoischen Literatur Senecas.

Vor einigen Wochen nahm ich den 2005 erschienenen Band „Der Tod ist ein Irrtum“ erstmals in Ruhe in die Hand und las dieselben Gedichte wieder, eingebettet zwischen den Polaroidfotos von Brigitte Maria Mayer und den handschriftlichen, oft schwer leserlichen Notizen Müllers. Diese Rahmung verändert alles – die Gedichte sind andere, wenn sie neben den Fotos des schwerkranken Autors abgedruckt sind.

Müller hat wie kein anderer den Tod des Autors dramatisiert und dadurch einen unvoreingenommenen Blick auf die Bilder unmöglich gemacht. Man kommt sich vor wie ein Voyeur, obwohl man zum Zuschauen eingeladen wird. Kein Gedanke mehr an die Literaturgeschichte, volle Konzentration auf Müller. Nie war mir deutlicher, wie sehr Wahrnehmung variieren können. Eigentlich banal. Nur weiß ich nicht, wie ich damit umgehen, in welcher Ausgabe ich lesen soll, wenn ich die Gedichte wiederlesen möchte. Nicht nur der Tod ist ein Irrtum.


Der Boss und die Box

27. Dezember 2010

Vor gut einem Monat las ich das erste Mal von einer Special-Box zu Bruce Springsteens „Darkness on the Edge of Town“. Auf seiner Homepage wird die Box, die aus 3 CDs, 3 DVDs sowie einem Reprint von seinem Collegeblock mit seinen Notizen besteht, als ganz wesentliche ‚Dokumentation‘ gefeiert.

Ich mochte das Album immer sehr, nicht nur musikalisch. Es ist auch mit vielen Erinnerungen verbunden. Mein Onkel hatte es mir irgendwann Ende der 80er einmal vorgespielt, nachdem wir gemeinsam auf einem Konzert vom „Boss“ waren, wie man damals ehrfurchtsvoll (und im Rückblick völlig bescheuert) sagte. Das war die große Zeit des Stadion-Rocks, für Minderjährige wie mich unheimlich beeindruckend und auch noch nicht verrufen. Es ging nur noch um Superlative. Springsteen etwa machte nach zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um dann weitere zweieinhalb Stunden zu rocken. Das war die Vorwegnahme des Discounter-Prinzips („Kauf eins, nimm zwei!“) im Rock und hat mich nicht eine Minute gestört, sondern ausschließlich fasziniert.

Die 70er waren damals schon weit weg, aber durch meinen Onkel schien mir das Album sehr nahe. So war „Darkness on the Edge of Town“ ein Schlüssel zu dieser fremden Zeit, auch wenn ihm die Brachialität des zeitgleich einsetzenden Punk völlig abgeht. Als ich vor einem Jahr Louis P. Masurs Buch über „Born to run“ gelesen habe, hat mich daran wahnsinnig genervt, dass er für „Darkness“ so wenig überhat und stattdessen den spätpubertären Charme von „Born to run“ lobt und kaum die Entstehungszeit einzufangen vermag.

Nun also die Box zu ‚meinem‘ Springsteen-Album – die Erwartungshaltung war selbstredend hoch. Noch bevor ich die ‚Dokumentation‘ in den Händen halte, lese ich in der FAZ eine wunderbar spitze Rezension dazu von Tobias Rüther (finde sie leider nicht im Netz), die mich schon ahnen lässt, dass ich mit dem Ganzen irgendwie nicht klarkommen werde. Warum vertraue ich nicht einfach mal der Kritik?

Meine Befürchtungen erfüllen sich dann auch. Ich bin einerseits begeistert von der Präzision, mit der Springsteens Collegeblock reproduziert wurde. Aber dass das geht, verwundert den kleinen Philologen selbstredend nicht. Die 3 CDs sind schnell das erste Mal gehört (wobei eine ja eh das hinlänglich bekannte Album ist), die erste DVD mit der Dokumentation über die Arbeit an dem Album lege ich umgehend ein. Das alles ist insgesamt kein aufgewärmter Mist wie so viele andere Boxen, aber meine Hoffnungen erfüllt es nicht. Woran liegt das?

Auch wenn es ganz interessant ist zu sehen, wie Springsteen im Studio rumnervt bzw. ‚rumbosst‘, so richtig erfährt man nicht, wie gearbeitet wurde. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie detailversessen er war, wie immer wieder aufs Neue an den Tracks gefeilt wird. Aber ist das was Besonderes? Vor allem wundere ich mich, dass ich keine einzige Note richtig zu Gesicht bekomme, niemals ausführlich Akkordfolgen besprochen werden. Wenn Springsteen auf die Arbeit zurückblickt, geht es um Gefühle, manchmal noch um irgendwelche difusen Klangeindrücke, aber nie um konkrete musikalische Entscheidungen.

Springsteen und die Manager von Columbia pflegen mit der Box ausschließlich den Kult. Sie stellen den Malocher aus New Jersey als Genie aus, der darüber räsoniert, dass „Darkness on the Edge of Town“ nicht nur durch ‚künstlerischen Instinkt‘, sondern auch durch ‚künstlerische Intelligenz‘ gekennzeichnet sei. Aber wie sich die manifestiert, erfährt man nicht. Wirklich spektakuläre Infos oder gar sowas wie Werkstatteinblicke gibt es nicht wirklich. Vielleicht bin ich ja naiv, aber teure Neuausgaben von Büchern, die ich schon habe, kaufe ich mir doch auch nur, wenn sie mir beim Verstehen des Buches helfen und etwa Einblicke in die Produktion bieten und nicht nur ein paar nette Illustrationen und Assoziationen. Hier aber wird ein Genie dokumentiert, das nie eins war. Springsteen-Boxen müssen seinen Schweiß dokumentieren, ja ihn regelrecht riechen lassen. Letztlich ist der das Kultobjekt aller Springsteen-Fans gewesen. Wer das nicht begreift, dokumentiert nur, dass ihm jeder künstlerische Instinkt abgeht, wenn er von künstlerischer Intelligenz faselt.


Wenn Akademiker singen …

20. Dezember 2010

Um die Pennälerlyrik ist es still geworden. Burschenlieder hört man auch nur noch ganz selten. Stirbt das gute alte akademische Liedgut gar aus? Muss man sich sorgen? Ist vielleicht auch daran der Bologna-Prozess schuld? Fragen über Fragen. Ein weiteres Beispiel für den Niedergang der akademischen Kultur, so dachte ich, der als kleiner Doktorand im Graduiertenkolleg sogar noch Forsters Frische teutsche Liedlein brummen durfte, bis eben.

Dann aber (es naht schließlich das Fest des Herrn!): ein Licht am Horizont! Die engagierte Unterstützung exzellentester Köpfe in Clustern und Kollegs befördert nicht nur den wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch die akademische Sangeskunst und Lyrik. Wer’s nicht glaubt, der begebe sich gleich auf den wie immer wunderbaren roughblog!


Marionettentheater

13. Dezember 2010

Wenn der Autor weiß, daß er Bedeutung produziert, und die von ihm produzierte Bedeutung kennt, dann ist seine Herrschaft gesichert. Doch wenn das nicht der Fall ist, wenn Bedeutungen erzeugt werden, die er nicht intendierte, und wenn, andererseits, die intendierte Bedeutung das gewünschte Ziel verfehlt, dann ist er in Schwierigkeiten. Eine der Konsequenzen eines solchen Verlusts von Kontrolle über die Bedeutung ist die, daß er nicht länger fähig ist, sie vorzutäuschen.
(Paul de Man: Ästhetische Formalisierung: Kleists Über das Marionettentheater, in: ders.: Allegorien des Lesens. Frankfurt/Main 1988, S. 205-233, hier S. 223f.)

De Mans Überlegungen zu Kleists kurzem Text Über das Marionettentheater sind in den letzten gut zwei Jahrzehnten vielfach reflektiert und weiterentwickelt worden. De Man selbst hat das mit seinem Aufsatz schon gebahnt, indem er deutlich gemacht hat, wie groß die Differenz zwischen Schillers Idealismus und Kleists Formästhetik ist.

Aber nicht nur in der Literaturwissenschaft, auch auf dem Theater gilt Kleist mindestens seit den 80ern als ein wesentlicher Wegbereiter der Postmoderne. Das liegt zum einen daran, dass viele theoretische Überlegungen zum postdramatischen Theater eben an der Dekonstruktion de Mans geschult sind. Das liegt zum anderen daran, dass einflussreiche Dramatiker wie Müller oder Jelinek sich ihrerseits intensiv mit Kleist auseinandergesetzt haben und seine – im wörtlichen Sinne – ‚Bedeutungslosigkeit‘ betont und in ihrem Werk produktiv rezipiert haben.

De Man hat seine Überlegungen zu Kleists kurzem Prosa-Text vor allem auf Erzählliteratur bezogen:

Daher die Notwendigkeit, den Leser durch einen beständigen Wechsel von Finten und wirklichen Schlägen in die Irre zu führen: um seine Kontrolle sicherzustellen, bedarf der Autor der Verwirrung des Lesers. Lesen ist einem Gefecht vergleichbar, dessen Kämpfer über die Realität oder Fiktionalität ihrer Äußerungen streiten, über die Fähigkeit zu entscheiden, ob der Text eine Fiktion oder eine (Auto-)Biographie, eine Erzählung oder historisch, spielerisch oder ernsthaft sei.
(Ebd., S. 224)

Doch was passiert bei diesem Verwirrspiel, wenn eine zweite Autorität in Gestalt eines Theaterregisseurs hinzutritt, die zunächst ihr eigenes Gefecht mit dem Text führt, dann dieses Gefecht durch den Meta-Reflektionswolf dreht, das Ergebnis präsentiert und schließlich doch nicht verhindern kann, dass zumindest ein Teil der Zuschauer das Gefecht mit dem dramatischen Text suchen und am Gefecht mit der Meta-Reflexion gar nicht interessiert sind. Manche Regisseure stellen sich dann hin und rufen: „Ätsch! Wenn Du Dich nicht für meine Meta-Reflexion interessierst, dann bleib doch gleich mit Deinem blöden Drama zuhause!“ Die meisten Regisseure aber sind schlauer und nicht so schnell eingeschnappt. Das liegt schon daran, dass sie meistens ganz gute Nehmerqualitäten haben. Viel bessere als Kritiker oder Publikum.

Denn auch wenn es Kritik und Publikum oft nicht wahrhaben wollen, sind die Gefechte mit dem Text, die auf der Bühne reflektiert werden, alles andere als subjektiv oder zufällig. Die Inszenierung zeigt in vielen Fällen den Kontrollverlust, von dem de Man spricht, auf, macht den Autor damit ohnmächtig und zeigt diese Ohnmacht zugleich an. So kann gerade derjenige Regisseur, der den Text auf der Bühne weiterentwickelt, dem Autor gerecht werden. Nur schade, dass die Autoren es den Regisseuren meist nicht danken.

Die Frage ist nur, wie man mit einem Drama umgehen soll und kann, dessen Autor das mit Finten und Irreführung nicht befriffen hat und stattdessen Texte schreibt, die um jeden Preis versuchen, die Inszenierung festzulegen. Wenn es sich um einen Autor mit offensichtlichem Regulierungswahn handelt, hat es der Regisseur einfach. Er kann sich dazu verhalten oder nicht.

Viel schwieriger wird es, wenn der Autor sein Werk für wer weiß wie offen und gleichberechtigt hält und in Wirklichkeit ein starres Bedeutungsmonster geschrieben hat. Mir scheint das bei der so vielfach gerühmten britischen Blut- und Spermadramatik der Fall zu sein. Anders als Sarah Kane pflegen Autoren wie Mark Ravenhill oftmals eine starre Kammerspielästhetik. Die pubertäre Freude an der Grenzverletzung kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie konventionell Dialogführung, Handlungskomposition sowie der Umgang mit Raum und Zeit sind. Die Spießer der Welt sollen mittels der vermeintlichen Wirklichkeit und einem zynisch-kalten Lächeln schockiert werden. Doch die schockierend einfältige Spießigkeit der Ausdrucksform dieser Dramatik wird viel zu selten wahrgenommen.

Kleist, dessen kleiner Text Über das Marionettentheater gestern seinen 200. Geburtstag feierte, meinte in einem Epigramm mit dem Titel Voltaire im Phöbus (April/Mai-Heft 1808):

Lieber! ich auch bin nackt, wie Gott mich erschaffen, natürlich,
Und doch häng‘ ich mir klug immer ein Mäntelchen um.


Wikipedia

10. Dezember 2010

Heise hat vor rund drei Wochen einen knappen, wie informativen Artikel über die Wikipedia Academy in Frankfurt publiziert (Wikipedia wirbt um Wissenschaftler). Der Artikel fasst wichtige Überlegungen darüber zusammen, warum es so schwierig ist, Wikipedia im akademischen Betrieb zu verankern.

Ein Grund für die mangelnde Akzeptanz von Wikipedia ist offenbar, dass das Portal durch seinen offenen Ansatz in keiner Weise als exklusiv gilt und es dementsprechend nicht besonders reizvoll (vulgo: karrierefördernd) ist, dort mitzutun.

Warum es andererseits durchaus geboten ist, bei Wikipedia von Zeit zu Zeit in einen Artikel einzugreifen, dürfte jedem klar sein, der sich schon mal über halbgares Wissen geärgert hat, das von dort aus den Weg in Referate oder Hausarbeiten gefunden hat. Schließlich ist es viel leichter diesen Missstand zu beheben, als einen verkorksten Lexikonartikel in irgendeiner angeblich renommierten Enzyklopädie aus dem akademischen Diskurs auszugrenzen.

In dem Artikel wird darüber nachgedacht, wie das Problem der Exklusivität umgangen werden kann. Das ist konsequent. Aber vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang zudem hilfreich, wenn man Einblicke bekäme, wie exklusiv Fachzeitschriften und -lexika tatsächlich sind.

Natürlich brüstet sich jeder Herausgeber damit, dass er für den oder den Artikel Herrn U oder Frau V gewinnen konnte. Mein Eindruck ist aber, dass Lexikon-Projekte insgesamt eher das Problem haben, überhaupt genug Beiträger zu finden. Ich mach hier jetzt nicht den Julian und publiziere eine Übersicht über die Artikel, die mir in den letzten Jahren so angeboten wurden – sonst ist nachher noch meine Kreditkarte gesperrt oder sowas. Exklusiv ist bei den akademischen Lexika auf jeden Fall nur sehr wenig.

Und wenn ich daran denke, wie oft ich von Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren Sätze gehört habe, er/sie hätte es geschafft, einen Artikel in der renommierten Zeitschrift Z unterzubringen, die einen Großteil der eingereichten Artikel ablehne und nur das Beste vom Besten publiziere, dann scheint mir die Frage doch zu sein, ob ich wirklich nur von Überfliegern umgeben bin oder ob das Ansehen einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu einem guten Teil nicht schlicht Folge von Gerüchten und ein paar wohl dosierten ‚Hinweisen‘ von Seiten der Herausgeber ist.

Vielleicht kommen wir ja irgendwann einmal dahin, dass ein Kollege stolz erklärt, dass sein Artikel XY in Wikipedia schon seit mehr als sechs Monaten nicht wesentlich überarbeitet wurde, obwohl er täglich wer weiß wie oft aufgerufen wird. Da könnte man zumindest einigermaßen nachhalten, ob das schlicht Aufschneiderei oder vielleicht doch eine kleine Erfolgsgeschichte im Meer der akademischen Profilneurosen ist.


Historisch

21. November 2010

Gestern hat der Papst erklärt, dass Kondome in manchen Fällen gerechtfertigt sind. Heute ist das für einige Zeitungen eine historische Nachricht.

Gestern habe ich erklärt, dass Thomas Mann vielleicht doch einige bedeutende Texte geschrieben hat. Wider Erwarten hat diese historische Aussage heute den Weg in die Zeitungen nicht gefunden.


Forschungsbilanzen

20. November 2010

In den vergangenen Tagen sind aus verschiedenen europäischen Ländern Nachrichten eingegangen, die vermuten lassen, dass die sog. Haushaltskonsolidierung sich jetzt die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche sowie die kulturwissenschaftlichen Institute vornimmt. In Österreich, Großbritannien, Italien und Frankreich vor allem.
In Deutschland scheinen die Regierungen in Bund und Land da noch etwas defensiver zu sein.

Hier geht es zwar landauf landab den Theatern und Museen ans Leder. Nicht schön, aber da unser aller Schutzpatron St. Florian und nicht St. Martin ist, sind wir ganz still und brav. Schließlich kommt bald St. Nikolaus und dann bekommen nur die lieben Kinderchen Nüsschen und Äpfelchen. Und Solidarität kann man schließlich auch dadurch bekunden, dass man im Netz virtuelle Unterschriftenlisten signiert. Hab ich auch schon gemacht letzte Woche.

Für die Politik aber ist das gegenwärtige Nicht-Sparen auch deswegen eine tolle Sache, weil sie so ihre Forschungsbilanz im EU-Vergleich aufbessert, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Die Pressesprecher in den Ministerien können schon mal die entsprechende Mitteilungen vorbereiten: Deutsche Forschunsbilanz im EU-Vergleich deutlich verbessert!


Unbedingte Universität IV

14. November 2010

In den letzten Wochen habe ich den Reader „Was passiert?“ aus der Reihe „Unbedingte Universität“ gelesen. Die Mischung von Forderungskatalogen, die an verschiedenen Universitäten vor einem Jahr formuliert wurden, über einige kluge Originalbeiträge bis hin zu Nachdrucken von ein paar neueren und älteren Texten zum Thema ist sehr gelungen und abwechslungsreich.

Nur eine Frage drängt sich mir immer mehr auf: Wer hat das, was weiterhin für so viel Ärger sorgt, eigentlich zu verantworten? Ich habe inzwischen auf verschiedenen Tagungen folgendes erlebt. In gemütlicher Runde fängt auf einmal eine unbestrittene Kapazität an, über den Bologna-Prozess zu klagen. Wirklich zu viel wurde es mir, als mir vor einem Jahr ein Ordinarius ins Gesicht sagte, dass er nicht verstehen könne, warum wir ‚jungen Leute‘ nichts dagegen machten. Einmal davon abgesehen, dass ich mich nicht gerade für besonders ‚jung‘ halte: Ich habe den ‚älteren Herren‘ daraufhin gefragt, was ER eigentlich dagegen getan hat. Er ist bundesweit eine Stimme, der man zuhört. Er war in verschiedenen Gremien seiner Heimatuni und in vielen anderen Institutionen tätig. Aber gemeckert wird erst jetzt, da das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und dann auch nicht da, wo entschieden wird. Ganz toll. Und die Kohlen sollen die aus dem Feuer holen, die sie nicht reingeschimssen haben und sich auch sonst nur die Finger verbrennen können.

Die Beiträge in dem o.g. Reader sind insgesamt wirklich gut. Aber hier findet sich wieder das gleiche Problem. Teilweise offene Polemik gegen die Bologna-Reformen und beste Anregungen, was in Zukunft besser laufen könnte. U.a. von einem ehemaligen Vordenker einer Bundesregierung und einem ehemaligen Staatsminister. Wäre ganz nett, wenn solche Artikel auch einmal mit ein bisschen Selbstkritik einhergingen und der Ankündigung, dass man beim nächsten Abendessen mit einem Wissenschaftsminster oder gleich Ministerpräsidenten die Klappe aufmachen wird und erklärt, dass es so nicht weitergeht. Wird aber nicht passieren, ich weiß. Ich darf mich also schon auf den nächsten klugen Ratschlag freuen und überlegen, ob ich mir erlaube, mehr als nur bestimmt zurückzufragen. Prost Mahlzeit!