Erzählung und Erzählungen

16. August 2010

Wann wird aus mehreren Erzählungen eine Erzählung?

Vor langer Zeit, als am Prenzlauer Berg noch nicht die Spielplätze blühten, sondern junge Erwachsene Etagenklos spannend fanden, machte sich Ingo Schulze nach New York auf, um Raymond Carver zu entdecken und von dort aus kaleidoskopartig Simple Storys von der Wende zu erzählen. Das waren Geschichten, die im ersten Moment wie einzelne Erzählungen anmuteten, die aber tatsächlich ganz virtuos miteinander verknüpft waren und so ein wunderbares Ganzes erzählten – obwohl sie gerade nicht am Prenzlauer Berg spielten, sondern in der ostdeutschen Provinz. Schulze war und ist ein Meister kleiner Prosaerzählungen, die er immer wieder auf ganz unterschiedliche Weise zusammenfügt, so dass man am Ende der Lektüre das Buch aus der Hand legt und nur staunt angesichts seiner Fähigkeit, aus Details und kleinen Erzählungen eine große Geschichte, wenn nicht gar einen Roman fügen zu können.

Wie ein Gegenentwurf zu Schulzes Erzählkunst erschienen mir in den Jahren vor und nach der Jahrtausendwende die beiden Bücher mit Erzählungen von Judith Hermann, Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster, obwohl auch sie offenbar an Carver geschult waren. Hermann blickte nicht in die Provinz, sondern auf den Prenzlauer Berg. Sie war die Erzählerin der westdeutschen Kolonialherren und -damen, die niemals aggressiv das fremde Land samt seiner Etagenklos in Besitz nahmen, aber nie versuchten, die Natives zu verstehen, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigten waren. Bezeichnenderweise wurde wohl niemals häufiger in der deutschen Literatur geraucht, als bei Judith Hermann.

Die aus dieser Landnahme resultierende Unübersichtlichkeit versuchte sie gar nicht erst zu einer großen Erzählung zusammenzufügen. Sie schilderte Fragmente, lakonisch, sparsam, oft in Ein-Wort-Sätzen. Das war faszinierend, es hatte den Reiz von Schnappschüssen – so war zumindest immer mein Eindruck. Herrmanns Prosa fing Momente ein, von denen ich immer wieder meinte, dass sie mir irgendwie bekannt vorkamen. So ganz habe ich nie verstanden, wie sie das schafft. Und trotz dieser Faszination habe ich Schulzes Bücher mit ihrer feinen wie umfassenden Komponiertheit immer mehr geschätzt als die Erzählungen von Herrmann.

Trotzdem war ich sehr neugierig, als ich hörte, dass Judith Herrmann ein neues Buch, Alice, veröffentlicht hat. Erstmals erzählt sie darin nämlich eine Geschichte, die der Titelheldin, wie ich irgendwo hörte. Ein Novelle, ein Roman gar von Judith Hermann? Ich war sehr gespannt.

Nun weiß ich nicht mehr, wo ich diese Information gelesen habe. Als ich anfing zu lesen, wurde mir zumindest umgehend klar, dass es sich nicht um die Geschichte von Alice, sondern um fünf Geschichten über Alice handelt, die allesamt um das gleiche Thema kreisen: um den Tod eines von Alice geschätzten oder gar geliebten Mannes.

Diese Männer sind sehr unterschiedlich, leben an unterschiedlichen Orten und Alice‘ Verhältnis zu ihnen war und ist auch ganz unterschiedlich. Gemeinsam haben sie eigentlich nur, dass sie spätestens am Ende des jeweiligen Kapitels, das immer auch den Namen des entsprechenden Mannes trägt, tot sind. Ihrem Verhältnis zu den Männern entsprechend, verhält sich Alice zu den Toden und Toten ganz unterschiedlich. Es ist also in erster Linie die Titelfigur, die den Eindruck erweckt, dass die fünf Erzählungen eine Geschichte in fünf Kapiteln ist. Doch lässt sich tatsächlich derart leicht ein Ganzes erzählen?

Alice ist in vielerlei Hinsicht ein Buch, wie es nur Judith Hermann schreiben kann. Wieder wird sehr sparsam und lakonisch erzählt (manchmal geradezu ignorant, wenn etwa das Kind einer Freundin immer nur „das Kind“ und ein Reisebegleiter nur „der Rumäne“ heißt), wieder haben ihre Figuren nur wenige Verpflichtungen, wieder ist Berlin ein Zentrum der Handlung. Geändert hat sich eigentlich nur, dass die Figuren viel weniger rauchen und dass Alice etwas älter ist als die meisten Hauptfiguren in den ersten beiden Büchern. Man bekommt also scheinbar Gewohntes serviert, das man mag oder auch nicht – wäre da nicht dieser eine Unterschied zum Bisherigen, dass die Erzählungen letztlich eine Erzählung sind.

Und weil Vieles so bekannt ist, wird die Veränderung so bewusst wahrgenommen. Ja, mir erschien es sogar so, dass Hermann mit dem neuen Buch regelrecht experimentiert. Ihre Frage lautet: Wie viele Verbindungen muss ich zwischen einzelnen Erzählungen mindestens herstellen, damit sie nicht mehr als einzelne, sondern als ein Ganzes wahrgenommen werden?

Letztlich zeigt sich, dass es kaum zusätzlicher Verknüpfungen bedarf, wenn im Zentrum jeweils die gleiche Hauptfigur steht, auf die die Erzählung jeweils ganz und gar fokussiert ist. In einigen Kapiteln blitzt kurz einmal die Erinnerung an eine vorherige Geschichte auf, sonst aber ist Alice‘ Gegenwart im wahrsten Wortsinn geschichtslos.

Nur im letzten Kapitel, da der Rumäne wieder in Alice‘ Leben tritt, fügen sich verschiedene Situationen ineinander, stellen sich Beziehungen her, die nicht über Alice laufen. Aus den Geschichten mit einer Frau wird für einen Augenblick zumindest ein kleiner Ausschnitt aus der Geschichte einer Frau – ganz so als wollte Hermann all ihren Kritikern, die ihr immer wieder vorwerfen, dass sie bis heute keinen Roman vorgelegt hat, sagen: „Seht her, ich kann schon die großen Zusammenhänge erzählen, aber ich will es nicht.“ Vielleicht sollte die Kritik das endlich akzeptieren und stattdessen das lesen, was vorliegt.

Alice kehrt dem Rumänen, dessen Zigarettenglut in der Nacht noch lange zu sehen ist, übrigens schließlich den Rücken zu und geht zurück in ihre Wohnung irgendwo in Berlin. Vermutlich hat die kein Etagenklo mehr, aber sonst wird dort alles sein wie immer.


Zukunftsphilologie

9. August 2010

In den Auseinandersetzungen um das, was Philologie ausmacht, lässt sich derzeit die Tendenz ausmachen, nach den Ursachen für das inzwischen seit rund 10 Jahren anhaltende Interesse eben an der Philologie zu fragen. Hans Ulrich Gumbrecht etwa eröffnet einen durchaus kontroversen Beitrag über Auerbachs Philologie-Konzept folgendermaßen:

„Nichts hätte man weniger erwartet vor zwanzig Jahren im Milieu der damals avanciertesten Literaturwissenschaftler als jene Faszination durch den Begriff ‚Philologie‘, die mittlerweile über so viele von uns gekommen ist. Ich sage ‚Faszination‘ – und nicht ‚Interesse‘ -, um anzuzeigen, daß wir uns von einem Begriff und der von ihm gemeinten Praxis angezogen fühlen, ohne dabei durch bewußte Interessen oder Absichten motiviert zu sein.“ (S. 275, in: Jürgen Paul Schwindt (Hg.): Was ist eine philologische Frage? Frankfurt/Main 2009).

Gumbrecht unterstellt also, dass die Beschäftigung mit der Philologie nicht etwa bestimmte Ziele verfolgt, sondern dass sie einer Art Zeitgeist geschuldet ist, der seinerseits verschiedene Ursachen hat und unterschiedliche Anliegen verfolgt. Er nennt im Folgenden gleich mehrere. Sieht man einmal davon ab, dass er sich damit eigentümlich distanziert zu einem Phänomen äußert, das er selbst mit The Powers of Philology (zuerst 2002) befördert hat, finde ich diesen Hinweis sehr bedenkenswert, denn er wirft indirekt die Frage auf, welchen Zweck die Auseinandersetzung mit der Philologie überhaupt hat – jenseits der Präzisierung ihrer Geschichte.

In dem von Anne Bohnenkamp, Uwe Wirth, Irmgard Wirtz und mir veranstalteten Projekt Konjektur und Krux haben wir von Beginn an darauf gedrängt, aktuelle literaturtheoretische Überlegungen mit konkreten philologischen Problemen und Praktiken sowie mit der Philologiegeschichte in Verbindung zu bringen. Das schließt die Möglichkeit mit ein, eine mutmaßende, vielleicht sogar intervenierende Auseinandersetzungen mit literarischen Texten und ihren Trägern zu erwägen. Eine derart gefasste Auseinandersetzung mit der Philologie verfolgt primär ein analytisches Anliegen, das darum bemüht ist, die Voraussetzungen der eigenen Textarbeit permanent zu hinterfragen bzw. sich ihr immer auch mutmaßendes Fundament vor Augen zu führen.

Dies ist, so meine ich, die eine Möglichkeit, um sicherzustellen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Konzept, einer Theorie oder einer Methode letztlich nicht nur einer Mode folgt. Dies zu tun, ist eigentlich selbstverständlich, auch wenn es nicht immer gängige Praxis ist – die zahlreichen turns der letzten Jahre bestätigen das ja eindrucksvoll …

Eine solche Vergewisserung leistet allerdings eines meist nicht (auch wenn sie es zweifellos sollte), nämlich eine kritische Überprüfung der eigenen ideologischen Voraussetzungen. Im Hinblick auf die Beschäftigung mit der Philologie ist das keine neue Einsicht. Frank Trommler hat 2008 in der Geschichte der Germanistik (H. 33/34, S. 24f.) darauf bereits hingewiesen. Auch wenn seine Kritik an der Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien nach meinem Dafürhalten an deren eigentlichem Anliegen vorbeizielt, so ist doch Trommlers Hinweis berechtigt, dass die Auseinandersetzung mit der Philologie derzeit kaum interkulturelle Aspekte berücksichtigt.

Das ist deswegen umso bemerkenswerter, weil die Philologie per se nicht auf eine Kultur festgelegt ist und selbstredend auch nicht auf eine Sprache oder gar Nationalsprache. Faktisch aber sind die Auseinandersetzungen entschieden nationalphilologisch geprägt. Daher ist es nur zu begrüßen, dass am Wissenschaftskolleg jetzt eine Initiative gestartet wurde, die genau dieses Problem angeht. Sie nennt sich „Zukunftsphilologie“ und nimmt damit Bezug auf eine Schrift des jungen Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff; sie ist aber ganz und gar nicht rückwärtsgewandt:

„Zukunftsphilologie möchte bisher marginalisierte präkoloniale Wissenschaft aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa neu in den Blick nehmen und bisher vernachlässigte Zweige philologischer Forschung unterstützen.“

Man kann einem derart ambitionierten Vorhaben nur viel Erfolg wünschen – nicht nur, weil es ein klar benanntes Interesse an der Philologie hat und in ihr eben nicht nur eine Faszination sieht, sondern zuallererst weil die Auseinandersetzung mit aus europäischer Sicht peripheren Texten und ihren Trägern eine Herausforderung der eigenen Praktiken und Methoden darstellt.


Dank und Karriere

4. August 2010

Qualifikationsarbeiten sind bekanntlich ein eigentümliches Genre, das u.a. durch Widmungen und Danksagungen ausgewiesen ist (der Verfasser weiß, wovon er spricht). Derzeit lese ich eine jüngst publizierte (also nicht etwa Jahrzehnte alte!) germanistische Habilitationsarbeit, in der sich folgende Dankzeile findet:

„Beim Vervielfältigen der Primär- und Sekundärliteratur waren mir […] meine Mutter und meine Frau behilflich.“

Na, das ist doch mal eine Aussage. So stellt man gleich auf der ersten Seite seines Buches klar, dass man eindeutig Führungsqualität hat, delegieren kann und sich für ein einträchtiges Verhältnis zwischen den Generationen einsetzt. Das prädestiniert doch regelrecht für eine Professur …


Maske und Gegenwartstheater

2. August 2010

In der SZ hat vor einigen Wochen Christopher Schmidt berichtet, dass Hans Belting in München über „Theater und Maske“ gesprochen und dabei „implizite Kritik am Gegenwartstheater“ geübt habe (SZ 162, 17./18.7., S. 16). Der Artikel lässt vermuten, dass Beltings Vortrag auf seinen umfassenden Überlegungen aufbaut, die er in Das echte Bild (München 2005) formuliert hat. Schon dort hat er sich ausführlich zum Umgang mit der Maske seit der Antike geäußert und ist dabei weit über die Grenzen der Kunstgeschichte hinausgegangen. So hat er etwa die Bedeutung des lateinischen Worts persona gewohnt souverän dargelegt. Seine Ausführungen nutzt er in seiner Studie, um zu erklären, in welchem Verhältnis Maske und Gesicht primär in der darstellenden Kunst zueinander stehen.

Beltings Pointe in seinem Vortrag scheint nun gewesen zu sein, dass er seine bildwissenschaftlichen Überlegungen in Beziehung gesetzt hat zum Umgang des Theaters mit der Maske. Schmidt schreibt: „Theater hat sich von jeher als Spiegel verstanden, doch als es unter dem Schlachtruf der Natürlichkeit die Maske zerbrach, hat es sich von seiner eigenen Natur entfremdet.“ Dass das Postulat der Natürlichkeit im Widerspruch zur Maske als Requisit steht, ist klar. Nur muss man an dieser Stelle doch zwei Fragen stellen, nämlich:

1. Bedeutete das Natürlichkeitspostulat tatsächlich das Ende der Maske?

2. Ist das Natürlichkeitspostulat im Gegenwartstheater tatsächlich weiterhin existent?

Die Fragen zu stellen, heißt, sie zu verneinen: Natürlichkeit ist die große Forderung des bürgerlichen Trauerspiels. Lessing und vor allem Diderot können hierfür als wichtige Repräsentanten genannt werden. Ihre Bedeutung für das europäische Theater kann kaum unterschätzt werden. Aber ebenso dürfte auch unbestritten sein, dass sie in den vergangenen 200 Jahren nicht nur auf Zustimmung gestoßen sind. Goethes Faust 2 und Brechts Dramatik (welch eigentümliche Allianz in diesem Punkt!) mögen hier als Gegenbeispiele genügen. Noch viel wichtiger scheint mir aber zu sein, dass Beltings Hinweis nichts mit dem Gegenwartstheater zu tun hat. Ich war in der letzten Spielzeit nicht oft im Theater, aber eine Inszenierung, an die ich mich besonders gerne zurückerinnere, arbeitete mit Masken, nämlich Karin Beiers wunderbare Kölner Aufführung von Grillparzers Das goldene Vlies. Und die ist immerhin mit dem Deutschen Theaterpreis ausgezeichnet worden.

Vielleicht ist der Ausdruck „Gegenwartstheater“ in dem Artikel von Schmidt aber gar nicht auf das bezogen, was ich darunter verstehe (und ob Belting sich tatsächlich auf die Gegenwart bezogen hat, wird auch nicht recht klar). Vielleicht meint Schmidt in seinem Artikel schlicht eine Ästhetik, die durch die Aufklärung angestoßen wurde und der heute noch viele Zuschauer anhängen – trotz Brecht und seiner Epigonen, trotz der Rückkehr zur antiken Dramatik etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder dann erneut seit den 70er Jahren.

Die eigentliche Pointe des Vortrags von Belting wäre dann nur, dass er gerade keine Kritik am Gegenwartstheater üben würde, sondern an einer bestimmten Rezeptionserwartung des Publikums. Nämlich an der Erwartung, ‚natürliches’, also maskenfreies Theater zu sehen. Dieses Bedürfnis äußert sich in fast jeder Aufführung im Pausengespräch, wenn sich gut situierte Menschen endlich mal wieder einen ‚echten’ Schiller o.ä. wünschen, wie das vor einiger Zeit ein Bundespräsident tat, der dann auch umgehend zurückgetreten ist, als er eingesehen hat, dass er von Theater keine Ahnung hat. Doch das nur am Rande.

Das eigentliche Problem ist also, was ‚echt’ meint. Wer eine Antwort darauf sucht, dem sei das genannte Buch von Belting nur empfohlen – auch wenn es vom Theater nur am Rande handelt: es ist echt gut!


95 Thesen

29. Juni 2010

Als Luther vor bald fünf Jahrhunderten seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirchen von Wittenberg hämmerte, war’s bald vorbei mit der betulichen Ruhe in dem kleinen Örtchen mit der kleinen Universität. Uns muss jetzt auch gar nicht die Frage beschäftigen, ob Luther wirklich die Thesen an die Tür genagelt hat oder nicht. Viel wichtiger ist, dass sie binnen weniger Wochen Veränderungen auslösten, die letztlich die gesamte damals bekannte Welt veränderten. Wohl selten war ein kurzer akademischer Text von einem Universitätsprofessor wirkungsmächtiger als die 95 Thesen.

Jetzt ist wieder ein Universitätsprofessor dabei, 95 Thesen zu publizieren – und zumindest ich halte den Atem an und warte gespannt, was passiert!

Seit Mai veröffentlicht der Frankfurter Literaturwissenschaftler Werner Hamacher, der unter anderem ein großer Celan-Kenner ist, sukzessive 95 Thesen zur Philologie im roughblog des Verlegers Urs Engeler. Nun macht natürlich schon die Publikation in Etappen klar, dass mein Vergleich mit Luthers Thesen nur bedingt trägt. Und mir ist auch bewusst, dass Hamachers Thesen nicht auf derart viel Interesse stoßen werden, wie die Luthers zum Ablass (das nur als Rechtfertigung für all die, die nicht wissen was Ironie ist).

ABER: Selten hat ein Philologe derart pointiert und zugleich reflektiert über Philologie geschrieben wie Hamacher jetzt. Vor allem nähert er sich dem Thema mittels Aphorismen und Zitaten, so dass seine ganzen Reflexionen zum Nachdenken herausfordern und gleichzeitig niemals ’schwer‘ und ‚beladen‘ daherkommen. Vergleichbar ist das vielleicht mit Friedrich Schlegel, dem aber – anders als Hamacher – gerade in seinen Reflexionen über Philologie die romantische Ironie immer wieder abgeht (was vielleicht auch daran liegt, dass seine Philosophie der Philologie nicht vielmehr als ein paar Notizen sind). In These 28 etwa denkt Hamacher über die notwendige Selbstvergessenheit der Philologie nach. Nur wer sich die bewusst macht, ja sie ganz und gar akzeptiert, hat die Chance im wahrsten Wortsinn Philologe zu werden.


Philologie und Kulturwissenschaft

21. Juni 2010

An dieser Stelle habe ich schon einmal darauf hingewiesen, dass es seit einigen Jahren ein Spannungsverhältnis zwischen den Begriffen ‚Philologie‘ und ‚Kulturwissenschaft‘ gibt. Für einige schließen sich ‚Philologie‘ und ‚Kulturwissenschaft‘ aus, für andere sind es unterschiedliche Verfahren, die durchaus miteinander kombiniert werden können, und für wieder andere sind ‚Philologie‘ und ‚Kulturwissenschaft‘ letztlich dasselbe – nur dass erstere etwas antiquierter klingt als letztere.

Angesichts dieser unterschiedlichen, sich vielfach widersprechenden Bedeutungen verwundert es auch nicht, dass viele Literaturwissenschaftler den Begriff ‚Philologie‘ derzeit als Kampfbegriff zu besetzen versuchen bzw. das ‚Philologe-Sein‘ anderen Kollegen absprechen, um sich selbst indirekt zu profilieren. Doch wer so verfährt, tut meist so, als sei hinlänglich klar, was einen Philologen ausmache. Wie wenig das heute, aber auch in den letzten 200 Jahren der Fall war, versuchen Uwe Wirth und ich nun in einer Anthologie zu dokumentieren.

Ob es uns gelungen ist, das sollen freilich andere entscheiden. Es wäre sehr nett, wenn Leser ihre Meinungen zu der Anthologie hier als Kommentar posten würden.


Aus berufenem Munde …

17. Juni 2010

habe ich jetzt erfahren, was Elfenbeinturm und Blogs miteinander zu tun haben. Leider bieten die Blätter für deutsche und internationale Politik nicht die Möglichkeit, den Beitrag zu kommentieren. Der Philologe hätte zu gerne Kommentare dort mit denen auf netzpolitik verglichen … Leider kommt bei dem einen oder anderen Kommentar dort schon der Eindruck auf, dass Prantls Beitrag nicht ganz gelesen wurde. Muss man ja auch nicht, aber warum man dann trotzdem einen Kommentar postet, ist mir einfach nicht klar.


Notizen

15. Juni 2010

Wer in alten Büchern oder gar Handschriften liest, findet darin immer wieder Notizen von anderen Lesern. Meistens sind die nicht gerade weiterführend, manchmal sind sie amüsant („Stimmt!“, „So ein Quatsch!“) und manchmal sind sie wahre Schätze. Das gilt insbesondere, wenn der annotierende Leser ebenso bedeutend ist (oder vielleicht sogar noch bedeutender) als der annotierte Autor (bzw. sein Text).

Nun könnte man meinen, dass das Aufkommen elektronischer Bücher daran grundsätzlich nichts ändert, schließlich haben die meisten E-Book-Reader Kommentar-Funktionen. Doch ist Notiz nicht gleich Notiz. Immerhin gibt es Leser die geradezu exzessiv mit dem vorliegenden Text arbeiten. The New York Review of Books hat das jüngst zum Anlass genommen, um festzuhalten What the iPad Can’t Do. Sue Halpern setzt in ihrem Artikel insgesamt recht hoffnungsfroh auf die Macht der Konsumenten, die die Gadgets ihren Bedürfnissen schon anpassen werden. Na, dann hoffen wir mal, dass das kleine Unternehmen aus Cupertino auch mitspielt.