Zwischen Ems und Weser

1. Februar 2010

Gestern abend war mal wieder Charlotte Lindholm im Tatort aktiv. Eigentlich habe ich ja nicht vor, mich zum Fernseh-Kritiker aufzuschwingen, aber ein paar kleine Nachfragen seien kurz gestattet. Charlotte befindet sich irgendwo zwischen Ems und Weser: Tatwaffen verschwinden in der Ems, Holland ist nur wenige Autominuten entfernt, zuvor bricht sie mit einem PKW auf, der das Kennzeichen FRI hat (Friesland, also Jever).

Warum aber trinken die Leute in dem Kaff, in dem sie dann unfreiwillig landet, Flensburger Pils? Okay, das mag kleinlich sein. Die Gaststätten in diesem Landstrich müssen ja nicht alle einen Vertrag mit einer niedersächsischen oder einer Bremer Brauerei haben. Doch nur wenige Minuten später meint der Dorfpolizist, man sei hier doch nicht in St. Peter Ording. Hallo? Wieso denn das? Sagen will er, dass sein Dorf kein Touristenort ist. Aber wieso vergleicht er seine Gemeinde dann nicht mit einem Ort, der nah ist – mit Hooksiel etwa? Oder gleich mit einem Ort, der ganz weit weg ist – Sylt, Dubai, was weiß ich?

Viele Tatort-Folgen nerven, weil sie vor lauter Lokalpatriotismus die Handlung vernachlässigen (Köln!). Aber dass es andererseits dem NDR schon zu reichen scheint, wenn das Setting ‚irgendwie‘ als norddeutsch markiert wird, das ist schon ärgerlich – auch in einem Tatort, der fast schon surreal anmutet. Wenn Klaus Borowski demnächst mal ein Flens trinken und mit Frieda Jung einen Ausflug nach St. Peter Ording machen würde, täte das den beiden gewiss gut. Aber wenn Charlotte schon mit der tristen niedersächsischen Landschaft konfrontiert werden muss, dann bitte auch mit einer möglichst präzise dargestellten!


Von damals erzählen

31. Januar 2010

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet jetzt ein drei Bände umfasssendes Buchpaket aus der Reihe „DDR-Bibliothek“ des Leipziger Verlags Faber & Faber an. Diese Bücher sind schon deswegen bemerkenswert, weil sie sehr schön verarbeitet sind. Vor allem aber ist die Auswahl der Texte wirklich hervorragend.

Ich lese in diesen Tagen aus diesem Paket den ersten Band In einem nahen fernen Land. Erzählungen 1949-1969 (Hrsg. von Günther Drommer). Die Geschichten darin sind aber nicht nur gut erzählt und sie geben nicht nur einen breiten Eindruck von der vielfältigen Begeisterung für den ersten deutschen sozialistischen Staat (wie auch dem Zweifel daran).

Mindestens genauso sehr finde ich bemerkenswert, wie oft in den Erzählungen thematisiert wird, was eine Figur im Faschismus und während des Kriegs gemacht hat. Die Figuren unterhalten sich darüber, fragen nach und streiten sich deswegen. Ich weiß nicht, ob das ein Abbild der DDR-Realität in den ersten Jahren nach der Staatsgründung war – auf jeden Fall aber fand in der DDR-Literatur eine Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte statt.

In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich, finde ich zumindest, viele Erzählungen und Romane von Autoren gelesen, die sich mit der ‚Wende‘ befasst haben. Aber mir fällt partout kein Gespräch und keine Erinnerung in einem dieser Texte ein, in dem die Menschen sich länger mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen oder sich zu ihrem früheren Leben in Beziehung setzen – ganz so, als wäre die ‚Wende‘ ein rein äußerlicher Einschnitt gewesen, der zwar die Arbeitswelt verändert hat, aber eben nicht die Weltanschauung. Gewiss war der Einschnitt für die meisten Menschen nicht derart radikal wie das Kriegsende. Aber gibt es wirklich nichts zu erählen? Wie heißt es, fast wie im Märchen, bei Louis Fürnberg in Genosse Soundso (eine Erzählung in dem Band): „So sind die Menschen. Sie reagieren auf das echte Bedeutende mit Kleinigkeiten. Hol der Teufel die Kleinbürgerei.“ Aber vielleicht ist dieser Ausruf zugleich auch der Schlüssel: Der Systemwechsel war halt für die meisten Mensch ein Wechsel von der einen Kleinbürgerei in eine andere. Da gibt es dann vielleicht wirklich nicht viel zu erzählen.


Nun streitet Euch doch nicht … (Nachtrag)

29. Januar 2010

Heute ist übrigens auch der feine Artikel von Michael Weise über die Tagung von Carlos Spoerhase und mir zur Gelehrten Polemik erschienen. Aber ‚durch‘ bin ich mit dem Thema deswegen noch lange nicht…


Nun streitet Euch doch nicht…

29. Januar 2010

In der Zeitschrift für Ideengeschichte hat Herfried Münkler Ende letzten Jahres einen Artikel über die Bedeutung des Streitens für die Intellektuellen publiziert („Niederwerfen oder Ermatten?„, ZIG III/4 2009). Münkler stellt darin u.a. klar, dass der Intellektuelle eine recht moderne Erscheinung ist und nicht etwa eine der Vormoderne. Ich finde diesen Hinweis sehr richtig. Auch schon vor der Lektüre des Aufsatzes habe ich mich immer mal wieder gefragt, was den Gelehrten der Frühen Neuzeit vom Intellektuellen der Moderne denn eigentlich konkret unterscheidet.

Münklers Aufsatz hat, obwohl das eigentlich gar nicht sein primäres Anliegen ist, mir darauf eine Antwort gegeben. Er zeigt nämlich, wie sehr der Intellektuelle der Moderne ein „Aufrührer und Ordnungsstörer“ ist. Nun ist das in gewisser Hinsicht der Gelehrte der Frühen Neuzeit auch, denn auch er streitet sich gerne und über alle möglichen Themen. Im Unterschied zum Intellektuellen sucht der Gelehrte aber eigentlich keine Öffentlichkeit außerhalb der Akademie. Er beschränkt sich auf seinesgleichen. Dem Intellektuelle dagegen ist der Elfenbeinturm zu eng, er bricht aus und breitet den Streit so aus. Das setzt aber auch voraus, dass der Intellektuelle eine Sprache spricht/schreibt, die andere verstehen.

Die Streitlust der Intellektuellen des 18. und 19. Jahrhunderts ist aber nach Münkler in eine „Ermattungsstrategie“ im 20. Jahrhundert eingemündet. An die Stelle des Streits, der direkten Auseinandersetzung trat die Tendenz, die eigene Position als Konsensposition zu verkaufen. Streitpunkte werden zu Allgemeinplätzen, von denen nur Außenseiter abweichen. Diese Streittechnik kannte bereits die Vormoderne. Unter den Voraussetzungen der ausgeweiteten Kampfzone in der Moderne scheint das aber verheerende Folgen gehabt zu haben: Wenn ein frühneuzeitlicher Gelehrter den anderen ausgrenzte, hatte dieser meist die Gelegenheit, seine eigene Partei zu mobilisieren und dadurch zum Gegenschlag auszuholen. Der Angreifer musste fürchten, Federn zu lassen wie sein Kontrahent. Der Intellektuelle dagegen vermeidet nach Münkler im Verlauf der Moderne immer mehr die Bereitschaft, auch selbst einzustecken. An die Stelle der öffentlichen Rauflust tritt der gepflegte Hegemonialanspruch, der die eigene Parteilichkeit kaschieren soll. In dieser Hinsicht scheint der Intellektuelle das role model für den Politiker der Gegenwart abgegeben zu haben – man mag’s kaum glauben.


Vom Drama im Elfenbeinturm

26. Januar 2010

„Die Geschichte der modernen Dramatik hat keinen letzten Akt, noch ist kein Vorhang über sie gefallen.“ Das schreibt Peter Szondi 1956 am Ende seiner inzwischen epochalen Theorie des modernen Dramas. Wer sich aber heute mit dem Drama befasst, bekommt rasch der Eindruck, dass der Vorhang inzwischen doch gefallen ist. Das Drama ist in der literaturwissenschaftlichen Lehre und Forschung meist nur mehr ein Artefakt, das keinerlei Bezug zur Gegenwart zu haben scheint. Eine Dramentheorie wie die Szondis, die nicht zuletzt Folge seiner zahlreichen Theaterbesuche war, ist überfällig. Doch niemand scheint bereit, ihr einen weiteren Akt hinzuzufügen.

Das fehlende Interesse an der Gegenwartsdramatik schlägt sich auch in den Standardwerken zur Dramenanalyse nieder. Der gegenwärtige Boom der deutschsprachigen Lehrbücher für den Universitätsunterricht hat bemerkenswerterweise sich bisher nicht auf die Dramenanalyse ausgewirkt. Wer zum Beispiel als Germanist nach einem Lehrbuch aus der Feder eines Germanisten Ausschau hält, der muss auf das Buch von Bernd Asmuth zurückgreifen. Das Standardwerk im deutschsprachigen Raum stammt vom Anglisten Manfred Pfister.

Das ist natürlich auch gar nicht schlimm, beide Bücher sind inzwischen im Universitätsunterricht etabliert. Und trotzdem befällt mich bei der Lektüre beider Bücher – im Moment unterrichte ich mit dem Asmuths, mit dem Pfisters setze ich mich für eine Studie auseinander – immer wieder ein unbestimmtes Gefühl, das mich fragen lässt: Wo bleibt das Theater?

Woher kommt dieses Gefühl?

In diesen Tagen nun lese ich An Introduction to the Study of Plays and Drama von Sibylle Baumbach und Ansgar Nünning, zwei hochgeschätzte Anglisten aus Gießen. Und endlich weiß ich, was mir bei den beiden anderen Büchern gefehlt hat: die performative Dimension des Dramas auch bei der Analyse zu berücksichtigen – und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch konkret durch die Präsenz des Dramas. In dem Buch findet man ganz praktische Hinweise wie etwa den, das Drama immer auch laut zu lesen. Das ist banal und doch sehr effektiv, wenn sich einmal keine Gelegenheit zum Theaterbesuch bietet. Wie heißt es bei Baumbach und Nünning so prägnant:

„Drama does not reside in an ivory tower and neither should you while studying it.“


Vorbestimmte Seminararbeiten

25. Januar 2010

Der Frankfurt Kunsthistoriker Wolfgang Kemp hat jüngst in der FAZ betont, wie sehr das Internet ein Glücksfall für die gegenwärtige Forschergenerationen ist (Man kann Bologna nicht ohne das Internet denken, FAZ 18.1.2010). Das Problem macht Kemp an einer anderen Stelle aus – nämlich an der, dass die Ergebnisse der Internetrecherche in den meisten Referaten und Hausarbeiten – zumal denen, die unter Zeitdruck geschrieben werden – zu völlig vorhersehbaren Ergebnissen führen.

Diesen Eindruck kann inzwischen wohl fast jeder Dozent bestätigen – die eingereichten Hausarbeiten, aber auch viele mails und andere Anfragen zeigen vor allem eins:  Die Jüngeren nutzen in aller Regel den Rechner und vor allem das Netz viel weniger gut – und gut heißt hier sowohl umfassend als auch präzise – als die Älteren.

Um es einmal klar zu sagen: Inzwischen fühle ich mich in fast jedem Seminar einmal auf den Arm genommen, weil irgendein Schlauberger (bzw. eine Schlaubergerin) meint, dass es hinreichend ist, wenn man nicht nur die google-Treffer 1-3 für das Referat berücksichtigt, sondern auch noch die Treffer 4-6. Auf die Idee, dass der Dozent von vornherein das Referatsthema so konzipiert hat, dass selbst die ersten 15 Treffer keine echten ‚Treffer‘ sind, auf die Idee kommt kaum jemand.

Doch ist der Ärger über die Schlauberger das eine. Viel wichtiger scheint mir, und da trifft der Beitrag von Kemp genau ins Schwarze, die Frage zu stellen, wie das geändert werden kann. Eine Parade-Lösung fällt mir darauf auch nicht ein. Aber vielleicht ist schon viel gewonnen, wenn Dozenten vor der Vergabe von Referaten und Seminararbeiten einmal klären, was für Treffer die Suchmaschinen so präsentieren. Die Folge dieses Verfahrens ist dann zunächst, dass man eine mail bekommt, in der erklärt wird, dass es zu dem Thema nichts gibt. Darauf kann man ganz entspannt antworten: „Doch, da gibt’s was.“ Und dann muss man gemeinsam überlegen, wie die Suche verändert werden muss, damit man zu sinnvollen, am Gegenstand orientierten Treffern kommt. Das ist vielleicht mühsam, aber längst nicht so mühsam wie die Lektüre von vorbestimmten Seminararbeiten.


Nur eine Seite…

24. Januar 2010

Gestern abend war in Gießen die Premiere von Heiner Müllers Deutschland-Revue Germania Tod in Berlin. Das Stück stellt in zahlreichen Episoden den frustrierenden Weg der Arbeiterklasse in Deutschland nach. Am Ende stirbt der ‚ewige Maurer‘ Hilse an Krebs – glücklich, aber betrogen. Die Frau, die er für eine Wiedergängerin von Rosa Luxemburg hält, ist in Wahrheit eine Prostituierte, die ihn glücklich sterben lässt, indem sie ihm von den roten Fahnen über Rhein und Ruhr vorschwärmt.

1977 erschien das Stück in Westdeutschland, entstanden war es in verschienden Produktionsphasen zwischen 1956 und ’71, im Berliner Rotbuch-Verlag. Auf die letzte Szene des Stücks, also den Tod vom ewigen Maurer, folgt im Buch auf der nächsten Seite das Kapitel „Ausreisen“. Es wird eröffnet mit einem Gedicht mit dem Titel Motiv bei A.S.

Es ist ein Gedicht zu einer Erzählung von Anna Seghers, Müller wird dieses Motiv aufnehmen und in Der Auftrag dramatisieren. Mit diesem Stück wird die Frage nach dem Fortgang der Revolution gestellt – nach ihrem Fortgang abseits der industrialisierten Staaten.  Im Stück scheitert die Revolution auf Haiti, doch formuliert Sasportas, der farbige Revolutionär, noch angesichts des Scheiterns seine Hoffnung:

„Ich habe gesagt, daß die Sklaven keine Heimat haben. Das ist nicht wahr. Die Heimat der Sklaven ist der Aufstand. Ich gehe in den Kampf, bewaffnet mit den Demütigungen meines Lebens.  […] Aber der Tod ist ohne Bedeutung, und am Galgen werde ich wissen, daß meine Komplicen die Neger aller Rassen sind, deren Zahl wächst mit jeder Minute, die du an deinem Sklavenhaltertrog verbringst oder zwischen den Schenkeln deiner weißen Hure. Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Mit jedem Herzschlag der Revolution wächst Fleisch zurück auf ihre Knochen, Blut in ihre Adern, Leben in ihren Tod.“

Nur eine Seite nach dem Krebstod der proletarischen Revolution formuliert Müller seinen Traum von einer neuen Revolution. Man darf sich fragen, ob sein Hoffen auf die Revolution angesichts der Katastrophe von Haiti hätte erschüttert werden können. Die Müller-Philologen werden die Antwort darauf wissen, allen anderen bleibt nur mehr Ratlosigkeit.


Von der Notwendigkeit des Edierens

7. Januar 2010

Jüngst sind weitere Texte aus dem Nachlass von Hans Blumenberg publiziert worden (Geistesgeschichte der Technik. Aus dem Nachlass hrsg. von Alexander  Schmitz und Bernd Stiegler. Frankfurt/Main 2009). Sie bieten nicht etwa, wie man vielleicht meinen könnte, eine solche Geistesgeschichte, sondern verschieden gelagerte Vorüberlegungen dazu. Im ersten Text („Einige Schwierigkeiten, eine Geistesgeschichte der Technik zu schreiben“) heißt es:

„Die Auffassung von der Erfindung als einem schutzwürdigen, nicht auf eine Sache, sondern auf die Idee von einer Sache bezogenen Eigentum hat geistesgeschichtliche Voraussetzungen, in denen traditionelle Auffassungen von der Wirklichkeit und vom Menschen fraglich werden.“ (S. 15)

Die philosophischen Voraussetzungen davon reflektiert Blumenberg sodann und man kann – wie eigentlich immer – davon nur profitieren. Was mich hier interessiert, ist aber ein ganz anderes Feld. Denn die Folgen dieser veränderten „Auffassung von Erfindungen“ hatte im 19. Jh. auch fundamentale Folgen für die Philologie, genauer die Editorik. Hans-Harald Müller hat jüngst einen Aufsatz über Wissenschaftsgeschichte und neugermanistische Editionsphilologie publiziert (in: editio 23 [2009], S. 1-13). Darin schildert er, dass Editionsphilologie im 19. Jh. ein einträgliches Geschäft gewesen sei – anders als es das heute meist sei. Und dass besonders Gelehrte ohne einen richtigen Lehrstuhl gut von dieser Arbeit leben konnten.

Die Voraussetzung für den Aufschwung der Editionsphilologie ist das im frühen 19. Jh. fundamental veränderte Urheberrecht. In dem Moment, da die Idee und die daraus resultierende Arbeit eines Philologen zu einer Art „Erfindung“ wird, wird diese das Eigentum des Schöpfers – und nicht mehr das der Allgemeinheit wie ehedem im Absolutismus. Das ist eine der Kernthesen, die hinter Blumenbergs Überlegungen steht.

Vielleicht sollten die radikalen Vertreter der Open-Access-Bewegung einmal überlegen, ob sie nicht auf dem besten Weg sind, einem akademischen Neo-Feudalismus den Steigbügel zu halten.