Literatikkritur

2. September 2016

Pflichtbewusst habe ich mich jetzt einmal durch Lyrik von Jetzt 3. Babelsprech gearbeitet: eine Anthologie mit zeitgenössischer Lyrik, herausgegeben von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Als ich mir das Buch gekauft habe, habe ich mich vom Werbetext auf der Rückseite einladen lassen: „Die wichtigsten Stimmen der jungen deutschsprachigen Lyrik“ heißt es da. Ist natürlich vielversprechend.

War dann aber nicht so. Vielmehr habe ich mich über viele Gedichte in dem Buch geärgert, über die harmlose Renaissance der Erlebnislyrik darin, über die einfallslosen Enjambements und lyrischen Ichs, die gern Celan wären, obwohl sie selbst für Rilkes Andächtigkeit zu schlicht sind. Natürlich sind bei über 300 Seiten auch starke Gedichte dabei. Immerhin kennen sich die Herausgeber ja wie nur wenige in der Gegenwartslyrik jenseits des Suhrkamp-Mainstreams aus. Aber ich muss hier jetzt nicht das Aschenputtel geben und Euch meine Favoriten oder die Harmlosigkeiten vorstellen. Denn das hat Konstantin Ames auf Signaturen längst getan. Und da er im Unterschied zu mir ein wirklicher Kenner der Gegenwartslyrik ist, verweise ich schlicht auf seine Kritik.

Trotzdem schreibe ich hier ein paar Dinge zu der Anthologie auf, weil im Anschluss an Ames‘ Kritik ein Text erschienen ist, den man Metakritik nennen kann. Auf Ames hat auf Signaturen nämlich Tristan Marquardt reagiert. Marquardt hat zwar in Lyrik von Jetzt 3 vier Gedichte publiziert. Gleichwohl fühlt er sich nicht genötigt, die Anthologie zu verteidigen, was ich sehr überraschend fand, als ich seinen Text las. Vielmehr nutzt er die Kritik von Ames, um über den Stand der Lyrik-Kritik nachzudenken. Das Problem von Anthologien wie Lyrik von Jetzt 3 ist nämlich nicht nur, dass in solchen Büchern neben einigen Schätzen oft auch Gedichte versammelt sind, die besser im privaten Raum verblieben wären. Viel problematischer ist, und da stimme ich Marquardt zu, dass die Kritik vielfach unqualifiziert ist.

Es gibt aktuell, das belegt das Buch schon rein quantitativ, eine wirklich breite zeitgenössische Lyrik. Sie hat formal und inhaltlich viele Facetten. Das Problem der unqualifizierten Kritik ist nun, dass die meisten Kritiken etwa in den einschlägigen Online-Portalen oder Zeitschriften von denen geschrieben werden, die besonders viel Ahnung von der Materie haben. Das sind die Lyriker selbst. Die sind aber – naturgemäß – keine Kritiker. Das birgt das Risiko von Gefälligkeitsrezensionen oder von Fachidiotie.

Daneben gibt es dann einige wenige professionelle Kritiken in Zeitungen und ähnlichen Rezensionsorganen. Die Kritiker dort, spätestens aber die Redakteure, die die Kritik dann redigieren, kennen sich leider aber oft viel zu wenig mit dem ästhetischen Kontext aus, in dem die Gedichte erscheinen, so dass sie sich entweder auf die Zusammenfassung beschränken oder historisch problematische Vergleiche anstrengen.

Veranschaulichen lässt sich das beispielsweise an einer insgesamt gar nicht schlechten Kritik, die über die Anthologie in der Welt erschien. Sie trägt, das kann man vermutlich nicht dem Autor Tom Schulz anlasten, den Titel In Babylon kennt man keine Reime mehr. Das ist im Hinblick auf den Titel (Babelsprech) und die Textsorte Anthologie ein kluger Titel. Nur impliziert das „mehr“, dass in der Lyrik bis vor kurzem all überall noch Reime waren – egal, ob das jetzt ironisch gemeint ist oder ernst. Diejenigen von Euch, die bis hierher gelesen haben, muss ich wohl nicht davon überzeugen, dass das mit dem Reim nicht erst seit gestern „nicht mehr“ ganz so zwingend im Gedicht ist.

Schulz‘ Kritik hat zudem das Problem, das Marquardt berechtigterweise beklagt: Erst fasst er sehr lang zusammen und lobt höflich ein paar der beteiligten Lyriker (weniger ihre Texte), um schließlich den „Zauber der Poesie“ (Eichendorff!, Rilke!) zu beschwören und elegisch festzustellen: „Das Gedicht kennt von Hause aus keine Grenzen, es will ins Freie und Offene. Es will leuchten und manchmal brennen.“

Eine derartige Gedicht-Anthropologie mag der eine gerne lesen, der andere nicht. Was solche Sentenzen – zumal in ihrem Absolutheitsanspruch – aber sicherlich nicht liefern, ist eine kritische, die Ästhetik berücksichtigende Auseinandersetzung. Das kann nur eine konkrete, z.B. exemplarische Betrachtung einzelner Gedichte.

Dafür muss man übrigens gar kein Lyrik-Nerd sein. Wie man sehr gut an den Arbeiten von Max Czollek zeigen kann. Er ist einer der drei Herausgeber des Bandes. Dass er zu dem Buch selbst kein Gedicht beigetragen hat, ist nur angemessen. Auch wenn ich selbst sehr gerne etwas in der Anthologie von ihm gelesen hätte. Czollek ist sehr gut vernetzt, u.a. Mitglied des Lyrik-Kollektivs G13, das man nur empfehlen kann. Mehrere Mitglieder des Kollektivs finden sich auch in Babelsprech. Ich schildere Euch das, weil man sich all das zwar in den biographischen Notizen des Buches anlesen kann. In der Gliederung des Buches schlägt sich das hingegen in keiner Weise nieder. Warum hilft mir die Anthologie nicht, künstlerische Zusammenhänge in der jungen Lyrik zu finden? Indem in dem Buch immer hübsch ein Dichterlein nach dem anderen mit drei, vier Beispielen seines Schaffens vorgestellt wird, verliere ich mich als Leser nicht nur. Mir wird die Orientierung, die die Autoren selbst durch ihren Zusammenschluss zum Kollektiv geben, genommen.

Zugleich führt dieses Beispiel noch ein anderes Ärgernis vor: Viele der vertretenen Dichter produzieren nicht nur für die heimische Lektüre am Rechner oder im Buch. Viele von ihnen, wie z.B. G13, treten auch gerne auf und setzen darauf, dass sich ihre Lyrik erst im Vortrag voll entfaltet. Das hätte die Anthologie durch die Beigabe einer CD oder schlicht einer Download-Lizenz leicht berücksichtigen können, ja m.E. müssen. Stattdessen liest man und liest. Irgendwann schimmert eine Erinnerung an ein früheres Gedicht auf – eine Technik, ein Motiv, ein überraschender Klang –, doch ist man längst verloren in der Vielzahl der Gedichte und findet nichts wieder, was man irgendwann gelesen hat. Schließlich liest man eine solche Anthologie ja nicht in ein paar Tagen durch wie einen Roman.

Mir ist völlig klar, dass professionelle Literaturkritik historisch betrachtet keine Selbstverständlichkeit ist. Aber Marquardts Überlegungen machen deutlich, dass Kritik – obwohl für den Schriftsteller vielfach ein Ärgernis – letztlich ein Gut innerhalb des literarischen Feldes ist, das man nicht leichtfertig aufgeben sollte, weil nur die unabhängige und urteilende Kritik in der Lage ist, ein Kunstwerk überzeugend einzuordnen.

Angesichts von Marquardts Überlegungen stellt sich nur die Frage, wie eine solche Position wiedergewonnen werden kann. Wenn man sich die aktuelle Situation der Literaturkritik anschaut, ist sie sehr divergent. Die klassische Literaturkritik zerfasert, so mein Eindruck, aktuell sehr. Zunächst: Literaturkritik ist in der Masse Roman-Kritik. Schon kleinere erzählerische Formate haben es schwer. Die Roman-Kritik hat – mit allen faktischen Verschränkungen – aktuelle drei Kernbereiche:

  • die nicht-professionelle Roman-Kritik in Blogs, Foren und in den Kommentarspalten des Versandhandels,
  • die professionelle Roman-Kritik, die aber faktisch empathische Annäherung an den Autor und seine nicht zuletzt merkantilen Bedürfnisse ist (Jürgen Kaube hat dazu heute ein schönes Beispiel in der FAZ geliefert) und schließlich
  • die ‚klassische‘ Roman-Kritik, wie sie seit der Aufklärung etabliert ist.

Bei der Lyrik-Kritik gibt es diese drei Bereiche theoretisch auch, aber faktisch gibt es vor allem den Bereich a. und dann eben ein Hybrid aus b. und c., weil sich vielfach keine professionellen Kritiker für Lyrik finden, so dass die Redaktionen dann Kenner, die meist Teil der Szene sind, um eine Kritik bitten. Und da sagt selbstredend keiner „Nein“. Nur ist dann eben die Gefahr der Gunst-Kritik groß.

Was bedeuten diese Überlegungen nun aber für die Lyrik-Kritik? Lyrik hat aktuell nicht unendlich viele, aber doch einige Leser und vor allem Besucher von Lesungen. Es ist naiv, von den Zeitungen und anderen kritischen Formaten mehr gute Lyrik-Kritiker zu fordern, weil sich das für die Feuilletons, die eh schon unter Beschuss stehen, nicht rechnet. Bleibt die Möglichkeit, dass sich die Lyriker selbst nicht für Kritiken zur Verfügung stellen. Das erwägend, bedeutet freilich auch, sich resignativ einzugestehen, dass diese Option ein frommer Wunsch ist. Denn wem wollte man einen Vorwurf machen, wenn eine etablierte Tageszeitung um einen Artikel bittet, der immer noch weit besser bezahlt ist als jedes Gedicht?

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte zumindest in Ansätzen sein, dass endlich mehr über Lesungen und Lyrik-Performances berichtet wird. Die Zuschauerzahlen sprechen deutlich dafür, dass es Leser solcher Kritiken geben könnte. Vielleicht sollte es ein Vorsatz für die professionelle Lyrik-Kritik werden, wenn möglich immer sowohl über den Text als auch über seine Aufführung zu schreiben. Also raus aus dem Kämmerlein der stillen Lektüre und rein ins pralle Leben der Lesebühnen und Literaturhäuser, liebe Kritik. Ein wenig Bewegung ist für die Figur eh nicht schlecht.

 

 

 

 


Verfehlung

25. August 2016

Vielleicht verfehlte die Philologie der Philologen die Philologie der Literatur auch deshalb, weil sie sich eine zu geringe Vorstellung von der Verfassung der letzteren machte und nur das in den Werken anzuerkennen bereit und imstande war, das ihrem eigenen Können entsprach.

Jürgen Paul Schwindt: Thaumatographia oder Zur Kritik der philologischen Vernunft. Heidelberg 2016, S. 11.


Schaubühne am Lehniner Platz

24. August 2016

Wann ich meinen Fuß erstmals in die Schaubühne am Lehniner Platz gesetzt habe, weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß auch nicht mehr, was damals dort gegeben wurde. Aber ich erinnere mich, dass ich vom ersten Besuch an von dem Haus begeistert war. Die Schaubühne am Lehniner Platz war das erste Theater, das ich architektonisch wahrgenommen habe. Davor waren für mich alle Theater Häuser, die eine Guckkastenbühne ummantelten. Als ich zum ersten Mal in die Schaubühne trat, war gleich klar: das ist hier anders. Schon der Eingang in das beeindruckende Gebäude ist anders, zwar gepflegt, aber keinesfalls erhaben – kein Musentempel.

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Noch bei meinem ersten Besuch habe ich mir den Gebäudeplan in Ruhe angeschaut und begeistert festgestellt, dass der gewaltige Innenraum der Schaubühne auf ganz unterschiedliche Weisen genutzt werden kann. Der Innenraum ist deswegen so groß, weil das Haus ursprünglich von Ernst Mendelsohn als Kino konzipiert wurde und weil die Kinosäle in der Weimarer Republik deutlich größer waren als heute und zum Teil mehr als tausend Menschen Platz boten.

In den 90er Jahren, als ich anfing, das Haus regelmäßig zu besuchen, haben die Regisseure, die hier gearbeitet haben, diesen Raum auf ganz unterschiedliche Weise bespielt. Wenn man die Schaubühne durch den Haupteingang betritt, geht man an ihrer östlichen Seite zwischen der Glasfassade und der Mauer des Bühnenraums entlang, um den Saal durch Doppeltüren zu betreten.

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Der besondere Witz ist dabei, dass der Bühneninnenraum unterteilt werden kann und dass auch die Bestuhlung flexibel ist. So kann von Aufführung zu Aufführung ein neuer Raum entworfen werden. Zwar waren es in den 90ern meist Guckkastenbühnen, die hier u.a. für Andrea Breth und Klaus Michael Grüber gebaut wurde. Aber Breth hat z.B. gerne mit breiten, aber kaum tiefen Bühnen gearbeitet, die insgesamt auf Distanz zum Zuschauer setzten. Das konnte beim nächsten Theaterabend wieder ganz anders sein. Das Gebäude ist nicht nur dem Grundriss nach Richtung Norden halbrund (und deswegen mit Lego nicht gerade gut nachbaubar). Auch der Bühnenraum weist diese Rundung auf, und das haben einige Aufführung versucht zu berücksichtigen. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich das zuerst bei Edith Clevers Medea erlebt. Die Aufführung hat den Raum von Susanne Raschig übrigens akustisch hervorragend genutzt: Die Percussionistin Robyn Schulkowsky hat das Spiel musikalisch begleitet, den Raum akustisch ausgefüllt und dem Text durch das Spiel und seinen Nachhall den Widerstand geleistet, den Clever damals pathoserstarrt nicht mehr zu leisten vermochte.

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Im Hinblick auf die Nutzung des Raums war der Wechsel der künstlerischen Leitung von Breth zu Ostermeier und Waltz im Jahr 2000 zunächst ein großes Versprechen. Natürlich waren Ostermeiers epochale Kammerspiele, die er aus der DT-Baracke mitbrachte, hier nur bedingt gut aufgehoben. Aber er versuchte schnell, sich dem Raum anzupassen – etwa mit seiner Inszenierung von Dantons Tod 2001. Vor allem aber Sasha Waltz hat damals mit Körper gezeigt, was für ein großartiger Theaterraum die Schaubühne ist.

 

Inzwischen ist das aber Geschichte, auch wenn Ostermeier hier weiterhin Intendant ist.


Schlosspark Theater

11. August 2016

Nachdem ich bisher vor allem Theaterhäuser vorgestellt habe, mit denen ich besondere Erinnerungen verbinde, habe ich mir überlegt, dass es an der Zeit ist, mir mal ein Haus vorzunehmen, das ich von innen kaum kenne. Zwar bin ich früher sehr oft am Schloßpark Theater vorbeigefahren, aber als Theaterzuschauer war ich dort nur zweimal, wenn ich mich recht erinnere. Einmal habe ich darin irgendeine Kindervorstellung gesehen, einmal irgendeine schlechte Komödie. Keine Ahnung mehr, was konkret.

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Dass ich das Haus trotzdem nachgebaut habe, hat gleich zwei Gründe. Der erste ist schlicht ästhetisch-architektonischer Natur. Das Schlosspark Theater ist wunderbar klassizistisch, dabei aber kein konventioneller Musentempel. Man geht nämlich nicht direkt vom Säulenportal durchs Foyer in den Zuschauerraum. Der Eingangsbereich fügt sich vielmehr wie ein Seitenflügel an das eigentliche Haupthaus, so dass man in den Zuschauerraum gelangt, indem man ihn durch einen Gang erreicht, der parallel dazu an der rechten Seite des Zuschauerraums entlang führt.

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Der andere Grund ist, dass das Haus theatergeschichtlich von großer Bedeutung ist. Es war in Berlin, wenn ich das richtig weiß, das erste Theater, das nach dem zweiten Weltkrieg wieder eröffnet wurde. Geleitet wurde es dann für mehr als zwei Jahrzehnte von Boleslaw Barlog als Außenspielstätte der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin (mit dem Schillertheater als Haupthaus). Im Schlosspark Theater hat z.B. die deutsche Erstaufführung von Warten auf Godot stattgefunden; im September 1953.

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Inzwischen hat Dieter Hallervorden das Schlosspark Theater gemietet und spielt hier ohne festes Ensemble Boulevardkomödien. Wenn ich Freunde in Steglitz oder Friedenau besuche, komme ich an dem Haus weiterhin regelmäßig vorbei. Dann denke ich an seine große Geschichte und werde ein wenig melancholisch. Aber nicht wegen seiner Historie, nein. Mir wird dann deutlich, wie sehr sich der Umgang der Politik mit dem Theater geändert hat. Steglitz ist weiterhin ein lebendiger Stadtteil, der wie damals auch heute ein wenig randständig ist. Trotzdem war es vor einem halben Jahrhundert offenbar selbstverständlich, dort Theater anzubieten – also anders als heute nicht nur dort, wo die Touristen sind, sondern auch dort, wo die Bürger sind.

 


Knigge: Ueber den Umgang mit Menschen Tl. III, Cap. 5,3

9. August 2016

Haben die Gelehrten weniger Vorurtheile, als andre Menschen; so hängen sie dagegen um desto fester an denjenigen, welche ihnen einmal eigen sind. Man muß daher sehr behutsam mit ihnen umgehn. Nichts wird leichter gekränkt als die Eitelkeit eines Gelehrten; Man muß sogar alle Zweydeutigkeiten in den Lobeserhebungen vermeiden, die man an sie ausspendet.


Knigge 1792

4. August 2016

Die Forderung, im Umgange amüsirt zu werden, macht man nur an Leute, die uns sonst nichts sind und also billiger Weise die Zeit bezahlen müssen, die sie uns rauben.


Gut genährt

3. August 2016

Selbst die Gegenwartslyrik stellt sich weiterhin dem, was wir Heimat nennen. Judith Zanders Debüt oder tau hat das gezeigt. Maja Haderlap mit langer transit und Daniela Danz mit V haben das 2014 eindrucksvoll bewiesen. Daniela Danz hat das Anliegen ihres letzten Lyrik-Bandes im Gespräch mit mir deswegen auch folgendermaßen zusammengefasst:

Es ging mir darum, die Themen Vaterland, Heimat, Grenzen mit poetischer Anstrengung ein wenig anzuheben und dann wenigstens etwas verändert wieder hinzustellen. Ich glaube, dass wir um diese Themen in der nächsten Zeit nicht umhinkommen werden, und denke, dass es Aufgabe von Kunst ist, das, was an ihnen zur Verfestigung neigt, flüssig zu halten, indem man sie bewegt. (die horen 260, S. 11)

Deutlich organischer als Zander, Haderlap und Danz hat sich nun Kerstin Becker mit Biestmilch dem Thema ‚Heimat‘ bzw. ‚Herkunft‘ gestellt. Beckers Buch ist bei Edition Azur erschienen, einer sehr guten Adresse für zeitgenössische Lyrik. In vier Teilen beschwört sie die Erinnerung an Kindheiten in ländlichen Umgebungen. Das erklärt auch den Titel: ‚Biestmilch‘ ist die erste Milch, die der Kuh nach dem Kalben einschießt und die aufgrund ihrer besonderen Zusammensetzung außerordentlich wichtig für die gesunde Entwicklung sein soll.

Und so sind dann auch dem ersten Eindruck nach Beckers Gedichte: mal kraftstrotzende Erinnerungen an frische Eier, die ausgesogen werden („Säuger“); mal ungemein prägnante Beschreibungen der Landschaften, durch die das kindliche ‚wir‘ treibt („Moosheim“); mal Einblicke in Gefühle der Kindheit, in Verletzungen und Verletztheiten damals („Menschenschlag“). Die Welt, in der das alles stattfindet, ist die Welt der LPGs und Traktoristen, also der großindustriellen Landwirtschaft der DDR, wie die Gedichte immer wieder andeuten, einzelne auch unmissverständlich klar machen.

Damit sind wir auch beim ersten Grund, weswegen die Lektüre von Biestmilch lohnt. Beckers Gedichte rufen nämlich Eindrücke und Gefühle auf, die man mit der Welt der LPGen so gar nicht verbindet. Sie beschwören eine Welt, die zumindest den Kindern trotz der gewaltigen Felder und der Massentierhaltung viele Freiräume und abenteuerliche Welten geboten hat und die heute weitgehend vergessen ist.

Der zweite Grund ist, dass Becker eine ungemein entspannte, nie bemühte Sprache hat, die immer wieder prägnant und geradezu epigrammatisch Erinnerungen und Momente auf den Punkt bringt. Ein Beispiel dafür mag das „Volkslied“ aus dem vierten und letzten Teil des Buches sein (S. 92):

Volkslied
es kommt die Zeit in der wir stark nach Kneipe stinken
und unsre Haut unsterblich in der Sonne glänzt
wir glühen voller Inbrunst unter Linden
am Brunnen vorm Fabriktore im Lenz

Ein Volkslied über einen Brunnen vor dem Tore – prägnanter kann man wohl kaum ein romantisches Setting aufrufen. Becker unterstützt das mit hübsch eingängigen Jamben und dem Hinweis auf die „Inbrunst unter Linden“. Doch ist das nur der oberflächliche Eindruck. Den Volksliedcharakter durchbrechen nicht nur der ostentativ unsaubere Kreuzreim (wenn er denn überhaupt noch einer ist) und die Verkürzung der Verse drei und vier gegenüber den ersten beiden. Am Ende löst sich die Romantik und mit ihr der Jambus eigentümlich („Fabriktore im Lenz“) auf, so dass der kurze Gesang, der als Erinnerung an die Jugend beginnt, im Angesicht des Fabriktors – und damit mutmaßlich im Angesicht der Zukunft als erwachsener Werktätiger – regelrecht ins Stottern gerät.

Becker schafft auf diese Weise Momente, die selbst einem gänzlich anders sozialisierten Leser wie mir eigentümlich bekannt erscheinen. Es gelingt ihr mit ihren Rückblicken das, was Daniela Danz mit ‚ein wenig anheben und verändert hinstellen‘ umschrieben hat. Das führt allerdings dazu, dass Becker die Gegenwart weniger im Blick hat als die eingangs genannten Lyrikerinnen. Sie ist eine lyrische Chronistin, die die Sprache nutzt, um neue und überraschend Rückblicke zu ermöglichen.


Haus der Berliner Festspiele

11. Juli 2016

Wenn jeden Mai aufs Neue das Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele stattfindet, zeigt dies sich von seiner besten Seite. Eigentlich ist es egal, wie man sich dem Haus dann nähert – von der Spichernstraße etwa oder vom Kudamm. Rund herum ist alles grün. Die Restaurants bieten endlich auch draußen wieder Platz, rund um den Ludwigkirchplatz spielen Kinder, vor den Antiquitäten-Läden unterhalten sich die Kunden mit den Händlern. Großstädtisches bürgerliches Leben überall. In diese Umgebung hat Fritz Bornemann, der auch die von mir hier schon vorgestellte Deutsche Oper konzipiert hat, 1963 ein bis heute beeindruckendes Theater gebaut.

 

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Ursprünglich wurde es als festes Haus der freien Volksbühne konzipiert. Nach dem Krieg hatte sie ihr Stammhaus, die heutige Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, durch die Teilung der Stadt verloren, residierte dann erst ein paar Jahre am Kudamm, um schließlich mit dem Mauerbau die Notwendigkeit eines eigenen Gebäudes anzuerkennen. Die Lage war ideal: nahe dem, aber eben nicht mehr im Zentrum des alten Westberlin, so dass ein Besuch des Hauses immer auch ein wenig Distanz versprach. Zudem war das Haus über die Bundesallee mit dem Auto oder mit der U-Bahn immer auch von den bürgerlichen Stadtteilen im Südwesten gut zu erreichen.

 

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Diese verhältnismäßig ruhige Lage dürfte einer der Gründe sein, weswegen das Haus im Vergleich zur Deutschen Oper gewissermaßen um 90° gedreht erscheint. Während die Oper zur Bismarckstraße Distanz schafft, indem ihre Betonfassade der Straße zugewandt ist und das Licht durch die seitlichen Glasfassaden ins Foyer fällt, präsentiert sich das Haus der Berliner Festspiele mit seiner wunderschönen breiten Glasfassade dem Zuschauer noch vor dem Eintritt offen und einladend, selbst wenn man sich dem Haus von Westen her nähert und zunächst den Vorbau sieht.

 

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Eröffnet wurde das Haus am 1. Mai 1963 mit Hochhuths Stellvertreter in der Regie des alten Piscator. Schnell avancierte die Freue Volksbühne in den Jahren danach zu einem Theater, von dem wesentliche Impulse ausgingen. Hübner wurde nach Piscator ihr Intendant, Grüber und Zadek inszenierten hier.

 

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Ich bin mir nicht mehr sicher, welche Inszenierung ich in dem Haus zuerst gesehen habe. Ich weiß aber, dass ich dort auch einen meiner fürchterlichsten Theaterabende erlebt habe. Im Januar 2004 hat hier Ulrich Mühe Heiner Müllers Der Auftrag inszeniert. Direkt vor mir saß Claus Peymann und versackte immer entsetzter in seinem Sitz. Nach dem Schlussapplaus sah ich weiter vorn Brigitte Maria Mayer dem Ausgang zustreben. Das Beste an dem Abend war noch, dass nach der Aufführung in der Warteschlange vor der Toilette ein noch recht junger österreichischer Schauspieler, den ich ein-, zweimal als Kommissar im Tatort bestaunt und der mir auch in ein paar anderen Rollen gut gefallen hatte, ein paar zynische Sprüche machte. Unter anderem meinte Christoph Waltz damals spitz, dass gute Film- und Fernsehenschauspieler auf der Bühne nichts verloren hätten – zumal nicht, wenn die von Erich Wonder sei. „Ich weiß, wovon ich rede, ich bin auch Österreicher!“, lachte er. Ich habe bis heute nicht nicht verstanden, was daran lustig war. Vielleicht war sein Lachen nur Ausruck seiner Verzweiflung ob des künstlerischen Elends auf der Bühne. Waltz ist dann wie die vielen anderen Gäste zur Premierenfeier abgezischt. Da würde die Band von Mühes Sohn Reggae spielen, meinte er betont bedeutungsschwer grinsend im Rausgehen. Spätestens diese Jamaika-Anspielung war für mein schlichtes Gemüt jedoch zu viel Happenig und ich beschloss, lieber in eins der naheliegenden Restaurants zu gehen. Ich weiß noch, wie ich mich fragte, ob das die richtige Entscheidung ist. Eigentlich wollte ich noch ein paar Freunde auf der Feier treffen. Doch beim Blick zurück auf das hell erleuchtete Haus schien es mir an diesem Winterabend nicht so einladend wie im Mai.

 

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