Knigge 1792

4. August 2016

Die Forderung, im Umgange amüsirt zu werden, macht man nur an Leute, die uns sonst nichts sind und also billiger Weise die Zeit bezahlen müssen, die sie uns rauben.


Gut genährt

3. August 2016

Selbst die Gegenwartslyrik stellt sich weiterhin dem, was wir Heimat nennen. Judith Zanders Debüt oder tau hat das gezeigt. Maja Haderlap mit langer transit und Daniela Danz mit V haben das 2014 eindrucksvoll bewiesen. Daniela Danz hat das Anliegen ihres letzten Lyrik-Bandes im Gespräch mit mir deswegen auch folgendermaßen zusammengefasst:

Es ging mir darum, die Themen Vaterland, Heimat, Grenzen mit poetischer Anstrengung ein wenig anzuheben und dann wenigstens etwas verändert wieder hinzustellen. Ich glaube, dass wir um diese Themen in der nächsten Zeit nicht umhinkommen werden, und denke, dass es Aufgabe von Kunst ist, das, was an ihnen zur Verfestigung neigt, flüssig zu halten, indem man sie bewegt. (die horen 260, S. 11)

Deutlich organischer als Zander, Haderlap und Danz hat sich nun Kerstin Becker mit Biestmilch dem Thema ‚Heimat‘ bzw. ‚Herkunft‘ gestellt. Beckers Buch ist bei Edition Azur erschienen, einer sehr guten Adresse für zeitgenössische Lyrik. In vier Teilen beschwört sie die Erinnerung an Kindheiten in ländlichen Umgebungen. Das erklärt auch den Titel: ‚Biestmilch‘ ist die erste Milch, die der Kuh nach dem Kalben einschießt und die aufgrund ihrer besonderen Zusammensetzung außerordentlich wichtig für die gesunde Entwicklung sein soll.

Und so sind dann auch dem ersten Eindruck nach Beckers Gedichte: mal kraftstrotzende Erinnerungen an frische Eier, die ausgesogen werden („Säuger“); mal ungemein prägnante Beschreibungen der Landschaften, durch die das kindliche ‚wir‘ treibt („Moosheim“); mal Einblicke in Gefühle der Kindheit, in Verletzungen und Verletztheiten damals („Menschenschlag“). Die Welt, in der das alles stattfindet, ist die Welt der LPGs und Traktoristen, also der großindustriellen Landwirtschaft der DDR, wie die Gedichte immer wieder andeuten, einzelne auch unmissverständlich klar machen.

Damit sind wir auch beim ersten Grund, weswegen die Lektüre von Biestmilch lohnt. Beckers Gedichte rufen nämlich Eindrücke und Gefühle auf, die man mit der Welt der LPGen so gar nicht verbindet. Sie beschwören eine Welt, die zumindest den Kindern trotz der gewaltigen Felder und der Massentierhaltung viele Freiräume und abenteuerliche Welten geboten hat und die heute weitgehend vergessen ist.

Der zweite Grund ist, dass Becker eine ungemein entspannte, nie bemühte Sprache hat, die immer wieder prägnant und geradezu epigrammatisch Erinnerungen und Momente auf den Punkt bringt. Ein Beispiel dafür mag das „Volkslied“ aus dem vierten und letzten Teil des Buches sein (S. 92):

Volkslied
es kommt die Zeit in der wir stark nach Kneipe stinken
und unsre Haut unsterblich in der Sonne glänzt
wir glühen voller Inbrunst unter Linden
am Brunnen vorm Fabriktore im Lenz

Ein Volkslied über einen Brunnen vor dem Tore – prägnanter kann man wohl kaum ein romantisches Setting aufrufen. Becker unterstützt das mit hübsch eingängigen Jamben und dem Hinweis auf die „Inbrunst unter Linden“. Doch ist das nur der oberflächliche Eindruck. Den Volksliedcharakter durchbrechen nicht nur der ostentativ unsaubere Kreuzreim (wenn er denn überhaupt noch einer ist) und die Verkürzung der Verse drei und vier gegenüber den ersten beiden. Am Ende löst sich die Romantik und mit ihr der Jambus eigentümlich („Fabriktore im Lenz“) auf, so dass der kurze Gesang, der als Erinnerung an die Jugend beginnt, im Angesicht des Fabriktors – und damit mutmaßlich im Angesicht der Zukunft als erwachsener Werktätiger – regelrecht ins Stottern gerät.

Becker schafft auf diese Weise Momente, die selbst einem gänzlich anders sozialisierten Leser wie mir eigentümlich bekannt erscheinen. Es gelingt ihr mit ihren Rückblicken das, was Daniela Danz mit ‚ein wenig anheben und verändert hinstellen‘ umschrieben hat. Das führt allerdings dazu, dass Becker die Gegenwart weniger im Blick hat als die eingangs genannten Lyrikerinnen. Sie ist eine lyrische Chronistin, die die Sprache nutzt, um neue und überraschend Rückblicke zu ermöglichen.


Haus der Berliner Festspiele

11. Juli 2016

Wenn jeden Mai aufs Neue das Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele stattfindet, zeigt dies sich von seiner besten Seite. Eigentlich ist es egal, wie man sich dem Haus dann nähert – von der Spichernstraße etwa oder vom Kudamm. Rund herum ist alles grün. Die Restaurants bieten endlich auch draußen wieder Platz, rund um den Ludwigkirchplatz spielen Kinder, vor den Antiquitäten-Läden unterhalten sich die Kunden mit den Händlern. Großstädtisches bürgerliches Leben überall. In diese Umgebung hat Fritz Bornemann, der auch die von mir hier schon vorgestellte Deutsche Oper konzipiert hat, 1963 ein bis heute beeindruckendes Theater gebaut.

 

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Ursprünglich wurde es als festes Haus der freien Volksbühne konzipiert. Nach dem Krieg hatte sie ihr Stammhaus, die heutige Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, durch die Teilung der Stadt verloren, residierte dann erst ein paar Jahre am Kudamm, um schließlich mit dem Mauerbau die Notwendigkeit eines eigenen Gebäudes anzuerkennen. Die Lage war ideal: nahe dem, aber eben nicht mehr im Zentrum des alten Westberlin, so dass ein Besuch des Hauses immer auch ein wenig Distanz versprach. Zudem war das Haus über die Bundesallee mit dem Auto oder mit der U-Bahn immer auch von den bürgerlichen Stadtteilen im Südwesten gut zu erreichen.

 

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Diese verhältnismäßig ruhige Lage dürfte einer der Gründe sein, weswegen das Haus im Vergleich zur Deutschen Oper gewissermaßen um 90° gedreht erscheint. Während die Oper zur Bismarckstraße Distanz schafft, indem ihre Betonfassade der Straße zugewandt ist und das Licht durch die seitlichen Glasfassaden ins Foyer fällt, präsentiert sich das Haus der Berliner Festspiele mit seiner wunderschönen breiten Glasfassade dem Zuschauer noch vor dem Eintritt offen und einladend, selbst wenn man sich dem Haus von Westen her nähert und zunächst den Vorbau sieht.

 

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Eröffnet wurde das Haus am 1. Mai 1963 mit Hochhuths Stellvertreter in der Regie des alten Piscator. Schnell avancierte die Freue Volksbühne in den Jahren danach zu einem Theater, von dem wesentliche Impulse ausgingen. Hübner wurde nach Piscator ihr Intendant, Grüber und Zadek inszenierten hier.

 

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Ich bin mir nicht mehr sicher, welche Inszenierung ich in dem Haus zuerst gesehen habe. Ich weiß aber, dass ich dort auch einen meiner fürchterlichsten Theaterabende erlebt habe. Im Januar 2004 hat hier Ulrich Mühe Heiner Müllers Der Auftrag inszeniert. Direkt vor mir saß Claus Peymann und versackte immer entsetzter in seinem Sitz. Nach dem Schlussapplaus sah ich weiter vorn Brigitte Maria Mayer dem Ausgang zustreben. Das Beste an dem Abend war noch, dass nach der Aufführung in der Warteschlange vor der Toilette ein noch recht junger österreichischer Schauspieler, den ich ein-, zweimal als Kommissar im Tatort bestaunt und der mir auch in ein paar anderen Rollen gut gefallen hatte, ein paar zynische Sprüche machte. Unter anderem meinte Christoph Waltz damals spitz, dass gute Film- und Fernsehenschauspieler auf der Bühne nichts verloren hätten – zumal nicht, wenn die von Erich Wonder sei. „Ich weiß, wovon ich rede, ich bin auch Österreicher!“, lachte er. Ich habe bis heute nicht nicht verstanden, was daran lustig war. Vielleicht war sein Lachen nur Ausruck seiner Verzweiflung ob des künstlerischen Elends auf der Bühne. Waltz ist dann wie die vielen anderen Gäste zur Premierenfeier abgezischt. Da würde die Band von Mühes Sohn Reggae spielen, meinte er betont bedeutungsschwer grinsend im Rausgehen. Spätestens diese Jamaika-Anspielung war für mein schlichtes Gemüt jedoch zu viel Happenig und ich beschloss, lieber in eins der naheliegenden Restaurants zu gehen. Ich weiß noch, wie ich mich fragte, ob das die richtige Entscheidung ist. Eigentlich wollte ich noch ein paar Freunde auf der Feier treffen. Doch beim Blick zurück auf das hell erleuchtete Haus schien es mir an diesem Winterabend nicht so einladend wie im Mai.

 

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Schreiben ist Silber, reden ist Gold

14. Juni 2016

Im letzten Herbst ist mir das kurze Stück „The Trip“ von Anis Hamdoun beim Spieltriebe-Festival aufgefallen. Nach meiner Nominierung hat es dann das virtuelle Theatertreffen von nachtkritik.de gewonnen, was mich ungemein gefreut hat. Gestern nun konnte ich das Stück ein zweites Mal sehen – verbunden mit einem Gespräch, das ich zusammen mit Georg Kasch mit Anis Hamdoun geführt habe. War nicht nur eine große Freude, sondern erneut auch ein schöner Theaterabend. Jetzt beim zweiten Besuch der Inszenierung wurde mir deutlich, wie sehr sich der Blick auf die Bühne verändert, wenn sich auch die Politik verändert. Letzten Herbst rief das Thema des Stücks, die Flüchtlinge aus Syrien, noch ganz andere Gedanken und Assoziationen in mir auf als jetzt. Es spricht für das Stück, dass es sich so facettenreich darstellt.


Oshi-Deutsch statt Lego

29. Mai 2016

Nachdem sich nachtkritik zuletzt an meinen kleinen Lego-Theatern erfreut hat, war es an der Zeit, dass ich endlich auch mal wieder was über Theater schreibe und es nicht immer nur baue. Deswegen war ich am Freitag im Theater und habe mir die Uraufführung von Oshi-Deutsch angesehen. Wie’s war, könnt ihr wie üblich auf nachtkritik lesen.


Hebbel-Theater Berlin

23. März 2016

Nachdem ich im letzten Monat das Schillertheater nachgebaut habe, war es jetzt aus mehreren Gründen naheliegend, mir das Hebbel-Theater vorzunehmen. Zunächst schlicht deswegen, weil ich es erst zu Beginn des Monats besucht habe (im Rahmen des Müller-Festivals im HAU), so dass ich es mir noch mal aus der Nähe ansehen konnte. Dann aber auch, weil es lange die zweite große Spielstätte für Sprechtheater in Westberlin neben dem Schillertheater war (letztlich bis zum Umzug der Schaubühne an den Lehniner Platz). Außerdem hat das Haus eine besonders lange Geschichte, an die auch eine Tafel im Foyer sowie eine Miniatur des Zuschauerraums erinnern.

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Das Hebbel-Theater ist wie vielleicht kein anderes Theater der Stadt ein Spiegel der Entwicklung: Eröffnet wurde es vor gut 100 Jahren als Privattheater mit ehedem 800 Plätzen. Damals hatte Berlin offenbar noch ein Bürgertum. Während der Weimarer Republik war das Theater sehr erfolgreich, zahlreiche Stücke der klassischen Moderne wurden damals dort gespielt. Nach dem Krieg eröffnet es besonders früh, weil es weitgehend erhalten geblieben ist, was einem Wunder gleichkommt, wenn man sich seine Lage im Grenzgebiet zwischen Kreuzberg und Mitte klar macht – nur wenige hundert Meter von der Reichskanzlei, dem Potsdamer Platz und dem Anhalter Bahnhof entfernt. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde das Haus immer wieder auf unterschiedliche Weise genutzt. Heute beheimatet es eine der drei Bühnen des Hebbel am Ufer (HAU). Damit ist es ganz in der Gegenwart des postdramatischen Theaters angekommen.

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Es mit Lego nachzubauen, war in der Hinsicht eine Herausforderung, weil es ähnlich wie das Schillertheater einen zentralen Rundbau hat. Allerdings nicht wie beim Bau in der Bismarckstraße in Gestalt des Eingangs selbst, sondern über diesem. In dem Theater sorgt das dafür, dass das Foyer mit der Kasse und der genannten Holztafeln weitgehend auf künstliches Licht angewiesen ist. Auch im Garderobenraum mit den Eingängen ins Parkett ist es verhältnismäßig dunkel, was auch durch die alte Holzverkleidung unterstützt wird (das Theater würde eine ideale Kulisse für einen historischen Theaterfilm abgeben). Nur im Oberrang profitiert der Zuschauer von der hohen, gebogenen Fensterfront.

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Was mich bei diesem Projekt zudem gereizt hat, ist der Kontrast, der sich zwischen den weißen Lego-Steinen und den massiven Steinen des Originals sowohl im Hinblick auf die Farbe als auch die Oberfläche ergibt. Er führt, so mein Eindruck, vor, wie sehr der Retro-Look, den das Theater in der Stresemann-Straße vermittelt, durch das Material und die unterschiedlichen Streingrößen entsteht – und auch durch die Verfärbungen des Steins im Laufe der Zeit.IMG_4529

Nicht auszudenken, wie viel Charme das Haus verlieren würde, wenn es einst in einer glatt-weißen Oberfläche erstrahlen würde, mit der derzeit gerne Städteplaner und Architekten jeden Unterschied und alle historische Vielfalt aus den Straßenzügen zu verbannen versuchen. Das sähe dann wohl in etwa so aus:

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Konjekturalwissenschaft

11. März 2016

Denis Thouard: Die Antinomie von Recht und Philologie, in: Geschichte der Germanistik 45/46 (2014), S. 88-96, hier S. 93:

Die Philologie dagegen [im Unterschied zum Recht, KB] kann sich Zeit nehmen, weil sie sich auf der Basis der Emendatio entwickelt. Sie nimmt eine gegebene Vulgata und verbessert sie. Sie geht bis zum Verstehen der Texte, das eine unendliche Aufgabe ist [DT verweist hier auf Schleiermacher]. Sie schreitet durch Kontroversen, Auseinandersetzungen, die die Gemeinschaft ihres wissenschaftlichen Feldes bezeugen. Sie kann sich auf die grammatischen Normen einer Sprache stützen, was aber nicht reicht, um die Einzigartigkeit eines Werkes zu ergründen. Deswegen wird der Philologe versuchen, der sich zur Hermeneutik aufschwingt, die Eigengesetzlichkeit eines Kunstwerks oder eines Texts nur aus sich selbst zu entwickeln. Wenn er keinen direkten, intuitiven oder divinatorischen Zugang zu dieser Gesetzmäßigkeit des Werkes in Anspruch nehmen kann, muss er mit bloßen Vermutungen verfahren. Die Philologie ist folglich eine Konjekturalwissenschaft.


Michel Houellebecq – alt und reif?

9. März 2016

Michel Houellebecq hat jüngst mal wieder provoziert. Haben einige von Euch bestimmt mitbekommen. Kurz vor seinem 60. Geburtstag und ein Jahr nach Unterwerfung hat er sich mit dem ersten Band einer Gesamtausgabe seiner Werke von 1991-2000 beschenkt bzw. sich von Flammarion beschenken lassen. Das wurde sogar in einem umfangreicheren DPA-Bericht gemeldet, der von zahlreichen Zeitungen abgedruckt wurde. Das zeigt schon, welch herausragende Stellung Houellebecq längst auch in Deutschland hat. Interessant ist dabei, wie über die Gesamtausgabe berichtet wurde.

Im Zentrum der Berichte steht der gute Michel selbst, der als „Skandalautor“ vorgestellt, auf dessen islamfeindliche Äußerungen hingewiesen und an dessen Äußerungen über französische Spitzenpolitiker erinnert wird. Über die Gesamtausgabe erfährt man hingegen so gut wie nichts – eigentlich nur, dass sie die Publikationen der Jahre 1991-2000 umfasst, dass das Buch laut Houellebecq selbst von bescheidener Qualität sei (was ich ausdrücklich bestätigen möchte) und dass er sich für diese Gesamtausgabe entschieden habe, weil seine Leser in kleinen Wohnungen lebten und also nicht so viel Platz für viele Bücher hätten: „Mes lecteurs ont souvent de petits appartements.“

Diese an sich schon großartige Reflexion über die eigenen Leser verpufft in den Zeitungsartikeln dann leider weitgehend, obwohl sie natürlich ein Kracher sondergleichen ist: Ein Autor, der wie vielleicht kein anderer der letzten drei Jahrzehnte das Spiel mit der Autorschaft auf immer neue Höhen getrieben hat, legt den ersten Band seiner Gesamtausgabe vor, meckert über deren Qualität, als habe er da kein Sterbenswörtchen mitzureden, und legt seinen Lesern letztlich nahe, die alten Einzelausgaben seiner Bücher wegzuwerfen und als Ersatz die platzsparende Gesamtausgabe zu kaufen. Er kann halt auch auf die charmante Art witzig sein.

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Der eigentliche Witz ist freilich, dass diejenigen, die zumindest in Deutschland über dieses Buch berichtet haben, darüber schreiben, als wäre das Vorwort ein philologischer Kommentar. Am Ende wirkt es tatsächlich auch kurz so, wenn Houellebecq in wenigen Worten schildert, dass außer eindeutigen Rechtschreibfehlern die Gestalt des Erstdrucks nicht geändert wurde. Aber selbst hier hört er nicht auf zu spotten und gibt den an dem ganzen Unterfangen Desinteressierten bzw. faktisch Unbeteilligten: „Autant au fond agir en littérature comme on est bien obligé de le faire dans la vie ; je ne demande pas de seconde chance.“

In Deutschland hat man aber weniger darauf als vielmehr auf das Unternehmen ‚Gesamtausgabe‘ an sich reagiert. So finden sich raunende Äußerungen von der Ehre der Gesamtausgabe, die nur alten Autoren zuteil werde. Ins selbe Horn stößt sogar Wiebke Porombka, die in der Zeit im Unterschied zu den DPA-Kopisten eine differenzierte und kluge Position zu dem Unterfangen entwickelt und zeigt, dass sie das vierseitige Vorwort vollständig gelesen hat (bei einigen anderen Artikeln muss man das eindeutig bezweifeln). Sie hält fest: „Nun ist nicht ausgeschlossen, dass die Gesamtausgabe eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin bereits zu dessen oder deren Lebzeiten begonnen wird. Es ist jedoch ungewöhnlich, zumal bei einem Schriftsteller, der wie der 1956 geborene Houellebecq vergleichsweise jung ist.“ Ähnlich überzeugend wie Porombka ist Jürg Altwegg in der FAZ. Er nutzt die Lektüre des Vorworts sogar zu einer bedenkenswerten These: „Die Gesamtausgabe ist auch ein verzweifelter Versuch, Houellebecq von der Islam-Obsession loszulösen, seine Bücher jenseits der Klischees und Verurteilungen zu lesen, die seine Wahrnehmung als Schriftsteller bestimmen und den Blick aufs literarische Werk verengen.“ Gleichwohl findet sich auch hier das erfurchtsvolle Geraune über die Gesamtausgabe und das Alter: „Michel Houellebecq, der an diesem Freitag sechzig Jahre alt wird, ist reif für eine Gesamtausgabe“, heißt es, wenn auch mit ironischem Unterton, im Vorspann des Artikels. Stellt sich nur die Frage, wann man reif ist für die Gesamtausgabe.

Beginnen wir mal mit historisch. Besonders früh reif bzw. frühreif war Gotthold Ephraim Lessing. Er begann 1753 mit der Herausgabe seiner sechsbändigen Schrifften. Bevor Ihr in Wikipedia nachguckt: Lessing war da 24. Er litt an keiner schweren Krankheit, so dass er meinen konnte, es nicht mehr all zu lange zu machen. Er war vielmehr ein recht selbstbewusstes Bürschchen und meinte, dass die Welt auf seine erste Gesamtausgabe gewartet hat. Hat sie nicht wirklich, aber das tut nichts zur Sache. Steffen Martus hat mit Blick auf Lessing und andere Autoren gezeigt, wie sehr die Herausgabe ein Akt der „Werkpolitik“ ist.

Lessing ist natürlich ein außergewöhnliches Beispiel. Aber es ist durchaus nicht so, dass Autoren in aller Regel bis zum schriftstellerischen Ruhestand warten (also bis zu ihrem Tod – mit Ausnahme von Philip Roth), bevor sie mit der Herausgabe ihrer Werke beginnen. Ähnlich selbstbewusst wie Houellebecq hat Günter Grass 1987 seine erste Gesamtausgabe präsentiert (damals noch bei Luchterhand). Übrigens zum – Ihr ahnt es – 60. Geburtstag. Und Grass hat dann, nur damit Ihr wisst, was passiert, wenn Michel es bis dahin schafft, 2007 (inzwischen bei Steidl) zum 80. eine zweite Gesamtausgabe vorgelegt. Blöd für alle, die dachten, nach 1987 kommt nicht mehr viel.

Lessing hat übrigens im ersten Band seiner Schrifften seine bis dato erschienenen Gedichte herausgegeben. Vielleicht gilt bei Lyrik insgesamt, dass man früher loslegen darf mit der Werkbildung. Durs Grünbein hat schon 2006 einen Band mit dem Titel Gedichte. Bücher I-III publiziert. Da war er 44. Seitdem wurde dieses Unterfangen aber nicht mehr fortgesetzt. Keine Ahnung, warum nicht. Als ich ein wenig überlegt habe, von welchen Autoren ich sonst noch Werkausgaben habe, sind mir mehrere Dramatiker eingefallen. Botho Strauß hat mit 47 angefangen, seine Stücke in einer mehrbändigen Werkausgabe herauszugeben, Yasmina Reza ihre Gesammelten Stücke erstmals mit 41.

Was sagt uns das? Bevor man anfängt, bedeutungsschwer zu raunen, dass einem Autor jetzt eine Gesamtausgabe gewidmet wird, sollte man sich klar machen, was die Gründe dafür sind. Das kann was mit Ehre zu tun haben, das kann was mit Wertschätzung des Autors durch seinen Verleger zu tun haben. Aber vor allem hat das etwas damit zu tun, wie sich ein Autor und sein Verlag werkpolitisch positionieren – und es hat natürlich schlicht was damit zu tun, ob Autor und Verleger meinen, damit Geld verdienen zu können. Wie so oft gilt auch hier: „It’s the economy, stupid.“ Gönnen wir Michel also zu seinem 60. Geburtstag den einen oder anderen Euro zusätzlich, ohne dass er dafür mehr tun musste, als ein vierseitiges Vorwort zu schreiben.