Uni zu Ostern

31. März 2010

Das kennt wohl jeder anständige Student und jeder eifrige Dozent: Endlich scheint wieder die Sonne, die Blümlein sprießen und die Freude auf das Sommersemester steigt. Doch die meisten Hörsäle sind noch verwaist. Was soll man tun? Bücher hat man genug in den Semesterferien gelesen, das anregende Gespräch auf dem Campus fällt aus, weil Feiertag ist. Akademische Tristesse.

Doch das muss nicht sein. Für alle angehenden und schon etablierten Bildungsbürgerinnen und -bürger bietet DRadio Wissen das ultimative Programm zur Wissenssättigung. Für alle die nicht wissen, wie Sie an die wunderbaren Podcasts kommen, gibt es von Karfreitag bis Ostermontag „Hörsaal an den Feiertagen„. Eine großartige Idee – und für die schlanke Linie ist das auch viel besser als das ewige Eier-Futtern.

Frohe Ostern!


Einbahnstraße III

24. März 2010

Was Philologie ist und kennzeichnet, darüber wird weiterhin trefflich gestritten. Der kulturwissenschaftlich orientierte Flügel der Philologie schreibt sich neben Gewährsmännern wie Erich Auerbach und Sigmund Freud gerne Walter Benjamin auf die Fahnen. Das ist genealogisch plausibel, aber so richtig klar war mir nie, wie sich Benjamin selbst zur Philologie verhielt. Über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik ein Buch zu schreiben ist eins, einen Begriff von Philologie zu haben etwas anderes. Nun lese ich in der Weimar-Reflexion in der Nachtragsliste zur Einbahnstraße über Goethes Gartenhaus:

„Noch warten wir auf eine Philologie, die diese nächste, bestimmendste Umwelt – die wahrhafte Antike des Dichters – vor uns eröffne. Dies Arbeitszimmer war die cella des kleinen Baus, den Goethe zwei Dingen ganz ausschließlich bestimmt hatte: dem Schlaf und der Arbeit.“ (S. 122f. in der neuen, von Detlev Schöttker hrsg. Ausg.)

Dieser Hinweis ist historisch bemerkenswert und irritierend zugleich. Benjamin wird gerne als Avantgarde betrachtet, aber mir ist kein bisschen klar, ob sein hier angedeutetes Philologie-Konzept tatsächlich für eine postmodern-kulturwissenschaftlich argumentierende Philologie einschlägig ist bzw. sein kann. Mit dem Hinweis auf die mönchische Einsamkeit („cella“) konzentriert sich Benjamin ganz auf den Autor, er nimmt seine Arbeitsbedingungen in den Blick und fragt nach den materiellen Voraussetzungen der dichterischen Arbeit. Das ist historisch auf jeden Fall eine andere Perspektive auf Philologie als die Lachmannsche Textkritik ein Jahrhundert zuvor oder die Rekonstruktion der Kulturgeschichte mit Hilfe von literarischen Zeugnissen, wie sie die historistische und geistesgeschichtlich orientierte Philologie etwa von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff zu Benjamins Zeit propagierte. Insoweit war Benjamin innovativ. Aber gilt das auch aus heutiger Sicht?

Was Benjamin hier in den Blick nimmt, sind die Arbeitsvoraussetzungen und -bedingungen eines Ausnahme-Schriftstellers, eben des Genies Goethe, zur Rekonstruktion von dessen Schreibsituation und vielleicht auch zur Rekonstruktion der Frage, wie der künstlerische Text entstanden ist. In diesem Sinne ist Benjamin vielleicht ein Vorläufer der critique génétique, die ihn allerdings – soweit ich sehe – nur partiell wahrgenommen hat, etwa durch Davide Giuriato in seiner Dissertation. Eine radikal postmodern, also gewissermaßen autorfreie Philologie (wenn es sie denn überhaupt geben kann), kann sich auf Benjamin dagegen nicht berufen.


Blinde Flecken

22. März 2010

Am Wochenende habe ich von Peter Probst Blinde Flecken gelesen. Das Buch war ganz viel versprechend rezensiert worden und klang insgesamt nach einer spannenden Unterhaltung. Irgendwo tauchte sogar das Label „in bester ‚Tatort‘-Manier“ auf. Das hat mich neugierig gemacht und ich habe mich auf das Buch gefreut, auch weil Ballauf und Schenk am Sonntag im Fernsehen ermittelten und ich partout keine Lust mehr auf die beiden habe (bzw. auf die fürchterlichen Drehbücher, die den beiden Schauspielern zugemutet werden).

Probsts Ermittler ist ein 50jähriger Ex-Polizist, der dauernd seine Ex-Frau nervt (und sich dann auch noch von ihr verführen lässt – nette Idee immerhin angesichts des Testosteronüberschusses, der in manchen anderen Krimis herrscht). Doch darum geht es leider nur am Rande; als Autor von Beziehungskomödien hätte es Herr Probst vielleicht zu einigem Ansehen bringen können. Doch nein, es musste unbedingt ein Krimi sein.

Ich habe schon nach wenigen Kapiteln begriffen, dass für Werbetexter „‚Tatort‘-Manier“ offenbar gleichbedeutend mit Gutmenschen-Kitsch ist. Im Auftrag eines jüdischen Rechtsanwalts soll der Münchener Ex-Cop ein rechtsradikales Netzwerk auffliegen lassen. An dessen Spitze steht ein smarter Gefängnispsychologe, der mal in der CSU war, die ihm jetzt aber zu links ist. Dieser sympathische Zeitgenosse steuert mal eben nebenbei eine Art braun gepolten Terminator, der mittels einer Handgranate aus dem 2. Weltkrieg (?!?) ein Blutbad bei einer Antifa-Demo anrichten soll/will. Zudem ist ja klar, dass das braune Netzwerk von einer Studentenverbindung aus operiert, wo u.a. Vorträge zu den deutschen Grenzen von 1937 gehalten werden. Ach ja, der Ermittler, der zu Anfang einmal erklärt, dass er über jüdische Kultur nichts weiß (= Hallo Leser! Keine Sorge angesichts des Themas, ich hole Dich bei Deinem Nicht-Wissen ab!), dieser Ermittler lernt im Verlauf Klezmer-Musik schätzen (auch wenn er sie natürlich etwas kitschig findet, damit’s nicht zu klischeemäßig wird) und am Ende erfährt er nach einem Schlaganfall seiner Mutter und rührenden Szenen an deren Krankenbett, dass sie selbst als sog. ‚Halbjüdin‘ verfolgt wurde, was sie aber auf Grund einer komplizierten Geschichte ihrem Sohn niemals gesagt hat.

Immerhin schafft es Herr Probst auf rund 250 völlig linear und überraschungsfrei erzählten Seiten eine kleine Finte einzubauen: Ein Kommissar war vor 15 Jahren mal Mitglied in einer Wehrsportgruppe. Da mutmaßt man natürlich als politisch korrekt geschulter Leser, dass auch die Polizei mit Nazis durchsetzt sein wird und dass unser liebenswerter Ex-Cop John McClane-mäßig wohl oder übel den braunen Augiasstall ganz allein wird ausmisten müssen und dass sich der letztlich von Braunau am Inn bis zum Münchener Polizeipräsidium erstreckt. Aber falsch. Derart radikal ist das Buch dann doch nicht. Der ehemalige Wehrsportler ist ein anständiger Beamter. Wieder was gelernt in der Staatsbürgerkunde.

Leitmotivisch geht’s natürlich um die im Titel angekündigten blinden Flecken, die aber eigentlich gar nicht erzählt werden, sondern auf die immer nur hingewiesen wird. Permanent und penetrant erkennt irgendwer nicht, was dies oder das mit Antisemitismus bzw. jüdischer Kultur zu tun. Zum Glück macht den Figuren und dem Leser dann der jüdische Rechtsanwalt umgehend klar, dass eigentlich immer alles irgendwie mit Antisemitismus zu tun hat. Ich habe mich irgendwann gefragt, ob sich das Thema und das Genre schlicht nicht vertragen. Aber das denke ich eigentlich nicht. Ich habe vor einigen Wochen Partitur des Todes von Jan Seghers gelesen, der das Thema Präsenz des Nationalsozialismus sehr überzeugend in seinen Krimi integriert hat, wie ich finde. Probst dagegen scheint an dem Genre gar nicht interessiert zu sein, sondern ausschließlich am Thema. Wem das ebenso geht, der greife nun aber trotzdem nicht zu dem Krimi, sondern schlicht zu einer gut gearbeiteten Info-Broschüre über Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Die ist auf jeden Fall grundlegender – und mutmaßlich auch differenzierter.

So. Jetzt ist aber gut mit der Frustbewältigung, sonst verrate ich ja noch die letzten ärgerlichen Details dieses Buches, das sich selbst als „Kriminalroman“ bezeichnet, aber eher ein gut gemeinter Beitrag zum friedlichen und harmonischen Miteinander ist. Die einzige spannende Frage, die dieses Buch wirklich aufwirft, ist, zu welchen gesellschaftlich relevanten Themen im nächsten Krimi von Herrn Probst ermittelt wird (der Verlag hat angekündigt, dass weitere folgen). Herr Probst hat bestimmt schon ganz viele Themen im Blick, die er so richtig hübsch mit der kleinen Gutmenschen-Taschenlampe ausleuchten wird, bis es keine bösen blinden Flecken mehr auf der Welt gibt. Am kommenden Wochenende gucke ich wieder Tatort, egal wer ermittelt!


Einbahnstraße II

19. März 2010

Ein anderer Gedanke bei der Lektüre von Walter Benjamins Einbahnstraße:

In den ironischen Prinzipien der Wälzer oder die Kunst, dicke Bücher zu machen hält Benjamin fest: „Zusammenhänge die graphisch darstellbar sind, müssen in Worten ausgeführt werden. Statt etwa einen Stammbaum zu zeichnen, sind alle Verwandtschaftsverhältnisse abzuschildern und zu beschreiben.“

Langsam wächst wieder der Stapel mit Hausarbeiten neben meinem Schreibtisch. Bei den Vorbesprechungen schlage ich den Studierenden immer mal vor, einen Zusammenhang, einen Gedanken oder eine Theorie graphisch darzustellen, sie zu visualisieren. Ich halte solche Versuche für sehr hilfreich und bewundere all die, die das – im Unterschied zu mir – richtig gut beherrschen und gar spontan solche Graphiken entwickeln können. Bei den Studierenden stelle ich immer wieder fest, wie sie zusammenzucken, wenn ich Ihnen vorschlage, in den Hausarbeiten mit Graphiken zu arbeiten. Angesichts meiner eigenen graphischen Kompetenz verstehe ich diese Scheu, aber ich finde sie auch sehr bedauerlich.

Zudem habe ich lange gedacht, dass diese Scheu gewiss auch daran liegt, dass sich viele nicht mit den entsprechenden Programmen auskennen, obwohl man das meistens ja schon mit PowerPoint o.ä. erledigen kann (aber einige Studenten kämpfen ja sogar mit Word…). Bei der Benjamin-Lektüre wurde mir nun wieder einmal in Erinnerung gerufen, wie sehr eine Graphik einen Text verschlankt und abwechslungsreicher macht. Aber vermutlich ist genau das die eigentliche Ursache für die breite Scheu, mit Graphiken in Hausarbeiten zu arbeiten. Die B.A.-Ordnungen sind im Hinblick auf den Umfang derart rigoros, dass Graphiken gleich in zweifacher Hinsicht unbeliebt sind. Zum einen braucht das Erstellen einer Graphik meist mehr Zeit als eine Vertextung. Zum anderen schreibt die B.A.-Ordnung vor, dass eine Arbeit mindestens so und so viel Seiten lang sein muss. Dass heißt im Klartext: Wer eine Graphik entwirft, um einen Sachverhalt darzustellen, hält sich erst damit auf und ist dann noch der Gelackmeierte, weil er nur eine Seite ‚voll‘ hat, wo andere längst drei, vier Seiten geschrieben haben. Das ist ein gravierendes Argument gegen Graphiken, wenn man gleich mehrere Hausarbeiten in wenigen Wochen schreiben muss.

Immerhin das also können sich die Freunde der Modularisierung auf ihre Fahnen schreiben: Sie haben die Kunst, dicke Bücher zu machen (man beachte, dass Benjamin nicht von ’schreiben‘ spricht!), entschieden befördert.


Bloggen in der Vormoderne?

18. März 2010

Robert Darnton hat in einem blog-Beitrag die These aufgestellt, dass schon in der Vormoderne fröhlich gebloggt wurde. Schließlich seien blogs durch Schärfe und Kürze gekennzeichnet – und nicht zuletzt auch durch eine gewisse Neigung zum Skurrilen und zum Tratsch. Sein Beitrag Blogging, Now and Then bezieht sich, um diese These zu bestätigen, auf allerlei lesenswerte oder zumindest komische Notizen in Zeitungen des 18. Jahrhunderts. Auch nennt er ihre ‚Quellen‘: „Much of it came from a bountiful source: the coffee house.“

Und eben im Café sieht Darnton eine weitere Parallele zur gegenwärtigen blog-Kultur, was ja auch einleuchtet. Spannend an seinen Überlegungen ist nun, dass er die Parallelen nicht etwa auf die Spitze treibt. Er wird im Verlauf des Artikel insgesamt vorsichtiger mit den Analogien als zu Beginn und spricht auch relativierend von „blog-like elements“. Darnton ist sich also durchaus bewusst, dass es einige gravierende Unterschiede zwischen blogs und kurzen Zeitungsnachrichten gibt, etwa die Schnelligkeit, die sehr niedrige Kostenschwelle, um publizistisch tätig werden zu können, und die Möglichkeiten der direkten Erwiderung.

All das steht aber gar nicht im Fokus der Aufmerksamkeit seines Artikel, sondern die Frage nach der politischen Funktion der damaligen und der gegenwärtigen blogs. Darnton schließt mit der Frage: „Are blogs disrupting traditional politics today just as “libelles” did in eighteenth-century France?“ In dieser Frage steckt natürlich eine ganz gehörige Portion Optimismus. Ein Optimismus, den zwar auch der Artikel, vor allem aber die notorisch begeisterten Netz-Theoretiker propagieren, ohne recht sagen zu können, woher sich der speist.

Meine Formulierung deutet schon an, dass ich einige Zweifel an diesem Optimismus habe. Das liegt weniger an meiner Scheu vor Heilsbringern als vielmehr an dem Umstand, dass das blog-Format derart flexibel ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob man es tatsächlich auf einen so einfachen Nenner wie politische Agitation (sei sie intendiert oder auch nicht-intendiert) bringen kann. Die hat für mich immer auch etwas mit Kürze zu tun. Darntons Artikel an sich zeigt jedoch, dass blog-Einträge nicht kurz sein müssen, und er belegt zudem, dass sie auch nicht zwingend polemisch sein müssen. Klar: Kürze und Schärfe fördern sicherlich die ‚Absatzzahlen‘, aber gerade da das Bloggen ja in aller Regel eine unkommerzielle Angelegenheit ist, besteht auch keine Notwendigkeit zur Kürze.

Ein wundervoller Satz, wie ich gerade feststelle, da ich ihn noch einmal lesen. Ein Freibrief, um stundenlang weiterzuschreiben!

Doch keine Sorge, der Autor hat noch andere Dinge zu tun! Darntons Optimismus varriierend, möchte ich  abschließend nur noch fragen: „Zerstören blogs die hergebrachte Wissenschaftskommunikation, wie es die aufkommenden Rezensionen und Kritiken im 18. Jahrhundert taten?“ Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Das entlässt uns aber nicht aus der Verantwortung, darüber nachzudenken, wozu sie sich eignen könnten.


Einbahnstraße

17. März 2010

Ende des vergangenen Jahres ist in der kritischen Walter Benjamin-Ausgabe Band 8 erschienen: die Einbahnstraße von 1928. Darin legt Benjamin u.a. einige Meditationen über die „Technik des Schriftstellers“ vor. Sie machen unvermittelt deutlich, wie sehr sich die schriftstellerischen Arbeitsweisen in wenigen Jahrzehnten verändert haben. Benjamin räsoniert über Papier, Feder und Tinte (These IV). Dies Schreibwerkzeug mutet fremd, fern und langsam an. Ich weiß nicht, ob man heute noch eine Ahnung davon bekommen kann, was für eine Art des Schreibens das war.

An die Stelle der Reflexion über die Schreibutensilien ist das Bekenntnis zu verschiedenen Tastatur- und Maustypen, Betriebssystemen und Computerherstellern getreten. Ich kenne kaum einen Philologen, der sich über die Wahl seines Rechners nicht ausführlich Gedanken macht. „Schließlich bringt man mit der Kiste oft mehr Zeit zu als mit dem Partner!“, meinte vor einigen Wochen eine Kollegin. Es wird in Philologen-Kreisen, so mein Eindruck, sogar bemerkenswert viel über Computer, Betriebssysteme und Office-Programme philosophiert. Meist mit viel Verve. Eigentlich sind derartige Bekenntnisse oder auch Debatten darüber überflüssig, schließlich sind die Zeiten der Inkompatibilität vorbei – zumindest auf dem Software-Niveau, auf dem sich der gemeine Textwissenschaftler herum treibt. Trotzdem findet sich immer wieder das, was Benjamin mit Blick auf sein Schreibwerkzeug als ‚pedantisches Beharren‘ bezeichnet. So gesehen hat sich zwar das Werkzeug, nicht aber das sensible Verhältnis zum eigenen Schreiben verändert.

Was sich aber zwangsläufig verändert hat, ist der Umgang mit dem, was Benjamin „Eingebung“ nennt (VIII): „Das Aussetzen der Eingebung fülle aus mit der sauberen Abschrift des Geleisteten. Die Intuition wird darüber erwachen. “ Die Reinschrift ist Opfer der technischen Entwicklung. Vielleicht ließe sich der insbesondere von konservativen Zeitgenossen beklagte Umstand, dass nur mehr geistloses Zeugs geschrieben wird (zumal im Netz!), durch ein Gesetz beheben, das vorschreibt, dass alles, was publiziert wird (egal wo und wie!) zuvor einmal vollständig (und sauber!) abgeschrieben werden muss. Zum Wohle der Eingebung!


Mühe

16. März 2010

Beim Wiederlesen von Sarah Kanes Zerbombt sind mir eine Theaterkarte und einige Zeitungsausschnitte mit Kritiken von der Berliner Inszenierung an der Schaubühne entgegengefallen. Ich frage mich oft, was es bringt, wenn ich Zeitungsartikel und Notizen in Bücher einlege. Zumindest Erinnerungen, soviel weiß ich jetzt.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Textstellen nachlesen und dann sah ich ein Szenenfoto mit Katharina Schüttler und Ulrich Mühe: er spielt den vom Krebs zerfressenen Journalisten Ian. Als ich die Inszenierung sah, war ich beeindruckt von Mühes Präsenz, ein Körper gewordener Ausnahmezustand. Ein Körper, der das ganze Stück auf den Punkt bringt. Jetzt, da die vergilbten Artikel die Erinnerung wieder wach rufen und ich weiß, dass Mühe nur zwei Jahre später gestorben ist, frage ich mich, ob damals nicht schon sein eigener Ausnahmezustand eingetreten war.


Geschichtskritik

12. März 2010

In den letzten Wochen habe ich mich gleich mehrfach über Literaturkritiker geärgert, die so tun, als würden sie einfach alles wissen und kennen, und die offensichtlich nicht einmal das Buch, das sie rezensieren, aufmerksam gelesen haben. Deshalb war ich dankbar, als ich mich diese Woche mit Rezensionen von Kleists Hermannsschlacht beschäftigen konnte. Rezensionen um 1820, das heißt Blütezeit der Kritik, abgesichert durch humanistische Bildung. Da lacht das Herz des Philologen.

Pustekuchen.

Gestern las ich: „Diese Hermannsschlacht ist ein Gelegenheitsgedicht, wie die Perser des Aeschylos, mit dem Unterschiede jedoch, daß, wenn diese den errungenen Sieg feyern, die Hermannsschlacht dem unterdrückten Vaterlande wie eine Feuersäule vorleuchtet, den Gang zum Siege voraus schreitend.“ Schöner Vergleich, dachte ich eine Sekunde lang – Die Perser: erstes vollständig erhaltenes Drama der Menschheit und Kleist, einer meiner Helden derzeit.

Aber Moment. Die Perser: Da feiert doch niemand; das persische Heer ist von den Griechen geschlagen worden. Die Überlebenden, allen voran König Xerxes, kehren zurück, um von der Niederlage zu berichten und um die Klage über die Niederlage anzustimmen. Nix errungener Sieg. Es geht gar nicht um die Sieger. Das ist ja gerade so großartig an dem Stück. Es ist Dramatik der Sieger, aber in Gestalt eines Blicks auf die Klage der Besiegten. Der Vergleich zwischen Die Perser und der Hermannsschlacht hinkt nicht nur, er ist schlicht quatsch.

Und was lernt der Philologe aus diesem Beispiel? Auch in der guten, alten Zeit war nicht alles toll. War eigentlich auch klar, ist aber kein wirklicher Trost, wenn man schwache Kritiken liest.