Das poltische Potential der Philologie

21. Dezember 2009

„Die Antworten, die die Philologie auf die Provokationen der Literatur geben kann, sind immer auch Antworten auf die Gewalt, denen diese Provokationen ihrerseits antworten. Diese Gewalt kann die kaum merkliche der Rührung, der Überredung, der rhetorischen Erschleichung oder Insinuation sein, sie kann auch die der massiven Bedrohung, Einschüchterung und Brutalisierung durch rhetorische Schemata und thematische Privilegierungen sein. In allen diesen Fällen – also im gesamten Spektrum zwischen einem Wiegenlied und einem Roman des Marquis de Sade – kann sich die Philologie niemals einfach zur Agentin dieser Gewalt machen. Sie ist, als das Medium ihrer Reartikulation, und auch dann noch, wenn sie selbst ein Stück irreduzibler sprachlicher Gewalt ausübt, zunächst deren Suspendierung.“ Werner Hammacher: „Für – die Philologie“, in: Was ist eine philologische Frage? Hrsg. von Jürgen Paul Schwindt. Frankfurt/Main 2009, S. 21-60, hier S. 47.

Viele Literaturwissenschaftler sehen die Philologie als eine Statthalterin des Guten, weil Literatur von ihnen nicht selten als eine Schule der Moral begriffen wird. Das ist eine Spätfolge der Schillerschen  Ästhetik. Man kann diese Meinung auch das Oberlehrer-Syndrom nennen. Hamachers Überlegungen bestreiten nicht die Möglichkeit einer moralischen Verpflichtung der Philologie. Aber sie führen zugleich vor Augen, dass dies nicht zwingend ist: Die Philologie ist für ihn nicht die Steigbügelhalterin der politischen Anliegen des Textes. Vielmehr überführt sie mittels der „Reartikulation“ den Text aus seinem ursprünglichen Kontext in einen Schwebezustand, in dem er vorurteilsfrei befragt werden kann.

Die Konsequenz ist, dass der Text als eigenständiger Sprachraum wahrgenommen wird – und so zunächst frei wird von Vereindeutigungen und Verpflichtungen auf eine Sache. Die Philologie wird dadurch zu einem politischen Geschäft, das sich nicht etwa in den Dienst eines bestimmten politischen oder eben moralischen Anliegens stellt, sondern gerade völlig autonom wird von Parteilichkeit. Wer Parteilichkeit mit politischer Freiheit verwechselt, wird freilich gerade die Autonomie der Philologie  als apolitisch begreifen. Ihn vom Gegenteil zu überzeugen, ist nicht Aufgabe der Philologie.


Die Grenzen der Philologie

16. Dezember 2009

Der bekannte Mediävist Joachim Bumke hat jüngst einen Artikel zum Status der Philologie in der Germanistik publiziert (FAZ, 9. 12. 2009, Nr. 286, S. N 3). Er stellt darin klar, dass der Ursprung des Fachs Deutsche Philologie in der Sammlung, Edition und Kommentierung primär mittelalterlicher Texte liege, was zweifellos richtig ist. Bumke weist sodann darauf hin, dass die dafür notwendigen Kompetenzen immer mehr Germanisten fehle. Das liege in erster Linie daran, dass in der germanistischen Ausbildung mediävistische Kompetenzen sehr zurückgedrängt würden. Damit hat er zweifellos recht – nur muss man sich auch mal fragen, warum das heute vor allem von denen beklagt wird, die in Amt und Würden waren, als über die Veränderungen beratschlagt wurde.

Sodann macht Bumke eine Opposition zwischen Philologie und literaturwissenschaftlichen Praktiken auf, die primär mit den  „theoretischen Prämissen und den theoretischen Implikationen der Texte und ihres kulturellen Umfelds“ befasst wären. Bumke meint mit Philologie in erster Linie Editionsphilologie. Nach seinem Dafürhalten sind alle anderen Formen wissenschaftlichen Umgangs mit Texten nicht Philologie.

Bumkes Position ist keine Ausnahme, man trifft sie recht häufig an. Nur heißt das noch nicht, dass sie richtig ist. Was Philologie im Kern ist, ist nämlich eine höchst umstrittene Sache. In den letzten rund 50 Jahren haben sich ganz unterschiedliche Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Motiven die Philologie auf ihre Fahnen geschrieben. Und selbst im 19. Jahrhundert, auf das Bumke zurückgeht, war es keine ausgemachte Sache, was Philologie ist. Das zeigt schon ein vergleichender Blick in die Altphilologie.

Dass Philologie immer auch etwas mit Analyse des Textes zu tun haben muss, zeigt zudem auch Bumke selbst. Am Ende seines Artikels deutet er – indirekt auch die herrschende Praxis der vergangenen Jahrzehnte kritisierend – an, dass die Ausdünnung der Mediävistik vielleicht ja auch den positiven Nebeneffekt haben könnte, dass nicht mehr alles, was in irgendeiner Bibliothek aufgetan wird, ediert werden muss:

„Bereits Jacob Grimm war der Auffassung, dass nicht alles, was in Handschriften überliefert ist, veröffentlicht werden muss. Dieser wertende Gedanke – dass es Texte gibt, die die Mühe mehr lohnen als andere – könnte dann wieder mehr Gewicht erhalten.“

Im Klartext heißt das, dass die Editionsphilologie nicht an kritischen Urteilen vorbeikommt. Wie aber will sie dazu kommen, wenn sie nicht mit den „theoretischen Prämissen und den theoretischen Implikationen der Texte und ihres kulturellen Umfelds“ argumentiert?


Wikipedia-Bashing

11. Dezember 2009

Wer kennt das nicht? Da ist irgendein armer Mensch im Seminar, der – zum Beispiel – fürs Referat nachgesehen hat, wer Friedrich der Große war. Die ehrliche Haut weist das dann im Handout auch brav nach und anschließend geht dieses seltsame Wikipedia-Bashing los. Von wegen instabil, unwissenschaftlich und was weiß ich. Warum eigentlich?

Klar ist einerseits, dass es Fachlexika gibt, die einen eindeutig bestimmten, meist namentlich bekannten und wissenschaftlich ausgewiesenen Redaktionsrahmen haben und die anderen Lexika an Präzision und Ausführlichkeit um Längen überlegen sind. Dass sie zur Hand sein müssen, wenn es um wirkliches Fachwissen geht, bestreitet kein vernünftiger Mensch. Dass es noch besser wäre, wenn sie generell online wären – idealerweise in einer eigenen virtuellen Bibliothek versammelt -, steht auf einem anderen Blatt. Und wer solche Lexika für sein Referat oder seinen Vortrag nicht konsultiert, schießt sich ggfs. ins eigene Knie. Aber für alles andere erweist sich im Alltag Wikipedia doch nicht nur als völlig hinreichend, sondern vor allem auch als viel präziser und aktueller als das gute alte Konversationslexikon.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Vor allem liegt es an der Dynamik von kollaborativen Wissensprojekten, die viele Möglichkeiten zur Korrektur bieten und die klassische Unterscheidung von Laien und Experten unterlaufen (auch dazu finden sich kluge Gedanken bei Stefan Münker,  auf den ich schon hingewiesen habe). Wenn also mal wieder jemand über Wikipedia meckert: Einfach mal freundlich darauf hinweisen, dass der Meckerkopp gerne die kritisierten Beitrag verbessern könne.


Ach, was sind wir alle immersiv!

11. Dezember 2009

Das akademische Leben zeichnet sich ja nicht zuletzt dadurch aus, dass man immer mehr neue Worte hört, von deren Existenz man bis eben noch nichts wusste und von denen der Mensch mir gegenüber jetzt so tut, als ob ich ohne dieses Wort nicht auskommen kann. Ganz oben auf der Liste meiner neuen Lieblingsbegriffe stehen im Moment das Attribut ‚immersiv‘ und sein Substantiv-Pendant ‚Immersion‘. Als ich sie vor einiger Zeit zum ersten Mal hörte, ratterte mein eingestaubter Lateinwortschaft zwar weitgehend sinnfrei ‚immergo, immersi, immersum‘ herunter. Aber was gemeint war, war mir nicht so richtig klar – nur so viel, dass es irgendwie um’s ‚Eintauchen‘ oder auch ‚Versenken‘ gehen muss. Das half mir letztlich aber nicht so recht weiter.

Im Moment nun lese ich von Stefan Münker die kluge, kurze Studie Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web. 2.0 (Frankfurt/Main: Suhrkamp 2009), und jetzt habe ich das mit der Immersion endlich begriffen. Zu Beginn des Kapitels „Die Öffentlichkeit des Web 2.0“ (S. 73ff.) wendet sich Münker direkt an seine Leser:

„Die Sozialen Medien des digitalen Netzes sind immersiv – anders als die elektronischen Massenmedien: Sie sind als Nutzer Teil des Webs, wenn Sie sich seiner Sozialen Medien bedienen; Sie werden aber kein Teil des Radios oder des Fernsehens, wenn Sie es einschalten, oder der Zeitung, wenn Sie sie aufschlagen.“

Wow! Immersion ist also, wenn ich beim Internet-Buchverkäufer 1-5 Sternchen an ein Buch ranklicke und dazu noch einen Kommentar schreibe, um anderen bei der Kaufentscheidung zu helfen. Da stellt man sich natürlich gleich die Frage, ob Immersion auch dann vorliegt, wenn man in einen Buchladen geht, in dem die Buchhändler wegrationalisiert sind, in dem aber zumindest irgendein einsamer Kunde rumsteht und so nett ist, mir zu sagen, ob ihm das Buch gefallen hat oder auch nicht. Und man fragt sich auch, warum beim Radio keine Immersion vorliegen soll? Also ich zumindest kenne viele von diesen komischen Sendungen, bei denen Menschen im Studio anrufen können, um zu erklären, warum sie das schon richtig finden, dass der Obama den Friedensnobelpreis bekommt und warum sie trotzdem gegen Krieg sind. Und sind Castingshows nicht auch wunderbare Beispiele für Immersion – vom In-der-Schlange-Stehen vor der ersten Sichtung bis zum Voting?

Wenn der Begriff der Immersion einen Sinn jenseits des bloßen Mitmachens haben soll, dann wird man nicht daran vorbei kommen, ihn qualitativ fassen zu müssen. Etwa in dem Sinne, dass Immersion als das ‚Eintauchen ins Medium‘ begriffen wird, das unabhängig von den Anbietern und Herstellern des Mediums stattfindet. Ich denke, dass es eben dieses dezentrale Moment ist, dass das Web 2.0 so interessant macht – auch wenn man sich nicht gleich zu einem Lob seiner Dezentralität aufschwingen sollte, weil es damit im Netz längst nicht so weit her ist, wie das die Netzeuphoriker immer meinen. Das ist dann auch die große Stärke von Münkers Buch, dass er bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten sehr reflektiert gerade auch das vermeintlich Revolutionäre des Netzes unter die Lupe nimmt.


Auch jenseits des Elfenbeinturms

10. Dezember 2009

In den letzten Monaten hat die Diskussion um das Thema Open Access rasant Fahrt aufgenommen. Letztlich sollte sich dazu jeder, der in irgendeiner Form auf wissenschaftliche Literatur angewiesen ist, dazu eine Meinung bilden. Das zentrale Anliegen der Open-Access-Bewegung ist es, dass wissenschaftliche Literatur und wissenschaftliche Materialien grundsätzlich allen Nutzerinnen und Nutzern kostenlos im Internet zugänglich gemacht wird – zumindest dann, wenn diese mittels öffentlicher Finanzierung (also etwa an Hochschulen) entstanden ist. Alle wichtigen Informationen zu diesem Thema findet man unter http://open-access.net/de. Die Diskussion wird derzeit noch sehr stark aus Sicht der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geführt, weil sich durch Open Access für sie die Bedingungen des Publizierens grundlegend verändern (werden). Menschen, die dagegen primär Konsumenten von wissenschaftlicher Literatur sind, also vor allem Menschen, die in akademischen Berufen tätig sind, und Studierende, beteiligen sich an der Diskussion bisher kaum. Dabei sind gerade sie es, die von Open Access besonders stark profitieren dürften, weil der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur so deutlich erleichtert wird. Schließlich haben weit mehr Menschen einen Internet-Zugang als eine Universitätsbibliothek in Reichweite.

Gleichzeitig hat die Open Access-Bewegung auch schon wichtige Vorschläge für die sog.  Creative-Commons-Lizenzen erarbeitet, die sich eigentlich jeder, der gerade einen wissenschaftlichen Text (von der Hausarbeit bis zum opus magnum) schreibt, zu Gemüte führen sollte, damit endlich jeder einsieht, dass das cut & paste-Plagiieren nicht nur eine Unart ist, sondern eine handfeste Straftat.


Deutsche Digitale Bibliothek

4. Dezember 2009

Vorgestern hat Staatsminister Neumann erste Rahmenideen zur Deutschen Digitalen Bibliothek formuliert – um so ein staatlich organisiertes Gegenstück zur weltweit von google organisierten Bibliothek zu begründen. Das ist eine feine und richtige Idee (freilich hinkt Deutschland der Entwicklung entschieden hinterher). Einmal abgesehen davon, dass bei der Umsetzung zahlreiche Schwierigkeiten zu berücksichtigen sind und dass die Finanzierung wohl auch noch nicht geklärt ist (vgl. dazu den Artikel in der FAZ): Wichtig ist, dass auf diese Weise Unabhängigkeit von den Interessen eines Weltkonzerns hergestellt wird und dass so ins virtuelle Archiv die Kulturgüter und Artefakte eingespeist werden, die Fachleute aus Museen, Archiven und Bibliotheken für archivierungswürdig erklären und niemand anders mit mutmaßlich weniger unabhängigen Interessen. Für die Geisteswissenschaften wird aber nicht nur die Frage wesentlich werden, was in diese Bibliothek aufgenommen wird, sondern auch wie die digitalisierten Dinge und Aussagen zueinander in Beziehung gesetzt werden, welche Regeln und Gesetze für ihre Verzeichnung aufgestellt werden, wie ihre erfolgreiche Archivierung im Sinne Foucaults angegangen wird: „Das Archiv ist auch nicht das, was den Staub der wieder unbeweglich gewordenen Aussagen aufsammelt und das eventuelle Wunder ihrer Auferstehung gestattet; es ist das, was den Aktualitätsmodus der Aussage als Sache definiert; es ist das System ihres Funktionierens.“ (Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Übersetzt von Ulrich Köppen. Frankfurt/Main 1981, S. 188).


Betrachtungen im und aus dem Elfenbeinturm

3. Dezember 2009

Es ist eigentlich ein Unding, dass die Philologie noch nicht ihre Liebe zum weblog entdeckt hat. Schließlich bietet es ihr die Möglichkeit, die viel beschworene Liebe zum Wort einmal vor aller Augen zu dokumentieren. Und da die Philologie eine gnadenlose Eklektikerin ist, so bleibt auch mir nur die gnadenlose Beschränkung auf die Themen, zu denen ich aktuell arbeite.