Autorschaft

19. März 2011

In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder in der wiederholt gerühmten, von Peter Villwock besorgten Ausgabe von Brechts Notizbüchern (Bd. 7, Notizbücher 24 und 25, 1927-1930) gelesen. Die Ausgabe ist in jeder Hinsicht eine Wucht: Sie bietet Einblicke in Brechts Arbeitsweise – etwa in die Entwicklung des Fragment gebliebenen Fatzer. Es zeigt aber ebenso auch, wie sich bei Brecht Ideen und Konzepte (etwa zum Ruhm oder zur Theaterkritik) entwickeln. Gleichzeitig ist der Band aber auch so gelungen, weil die Kombination aus Transkription und Reproduktion keine Wünsche offen lässt und sich zudem im Anhang Kommentare finden, die im Netz fortgeschrieben werden. Vorbildlicher kann man eine Edition derzeit nicht veranstalten.

Die Ausgabe wirft eigentlich nur eine Frage auf: Warum geht es nicht immer so durchdacht und überzeugend im Hause Suhrkamp zu? Wohl gemerkt: Ich meine nicht, dass jede Edition derart ausführlich und umfassend sein kann. Aber man wundert sich schon sehr oft, wie dort mit so manchem Hausautor nach seinem Tod verfahren wird. Zum Teil werden geradezu fahrlässig Texte in kaum überzeugende Ordnungsmuster gepresst, wie in der Heiner-Müller-Werkausgabe. Zum Teil wird offenbar alles oder zumindest fast alles, was sich irgendwo und -wie findet, publiziert, ohne dass richtig deutlich wird, inwieweit das Material für die Öffentlichkeit vorgesehen war.

Diese Praxis ist freilich nicht frei von Ironie. Henning Ritter hat darüber in seinen Notizheften, die vorgestern mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden, nachgedacht (S. 332):

Keine Generation von Autoren hat ihre Autorschaft so ausgeschöpft wie jene Franzosen, die den Tod des Autors ausgerufen und den „Diskurs“ an seine Stelle gesetzt haben. Zu ihrem archivierten Nachlaß gehört nicht nur jeder Zettel, den sie beschrieben, sondern sogar ihre Stimme, das Flüchtigste der Selbstäußerung. Foucault, Barthes, Deleuze – sie werden von einer Generation von Schülern, meist selbsternannten, ediert, die sich autodidaktisch nichts anderes angeeignet haben als das Handwerk, ihre Meister zu edieren. Es sind nicht Schüler, die eine Lehre weitergeben, sondern solche, die das verlassene Feld der Autorschaft weiter pflegen.

Die hier von Ritter beschriebene Dialektik von Literaturtheorie und Editorik wirft nur die Frage auf, ob sie nicht ein Dilemma beschreibt, in dem jede Ausgabe steckt. Wie soll ich einen Text edieren, ohne dem Konzept ‚Autorschaft‘ zu frönen?


„The Wire“ und die Folgen …

17. März 2011

Pünktlich zur Buchmesse gibt’s alle Jahre (bzw. halbe Jahre) wieder ein paar Katastrophenszenarien, die mindestens den Tod der Buchkultur, gerne auch gleich das Ende der Lesekultur oder manchmal sogar den Untergang des Abendlandes prophezeien. Allein schon weil letzteres gegenwärtig mindestens geschmacklos wäre, setzt der Freitag dieses Frühjahr auf ein moderates, aufgeklärt daherkommendes Szenario: das Ende der Lesekultur durch anspruchsvolle amerikanische Fernsehserien (vgl. Der Nicht-Leser in uns).

Die wohl witzig gemeinte These des Artikels ist, dass differenzierte, jüngere Menschen, die früher zum Zeitvertreib Romane gelesen haben, inzwischen lieber Fernsehserien wie The Wire gucken – pars pro toto wird auf 10 angehende Kulturwissenschaftler aus Hildesheim verwiesen, die mehrheitlich auf The Wire abfahren, von denen aber nur einer einen potentiellen Buchpreisträger kennt.

Für mich ist der Erfolg von Fernsehserien in DVD-Boxen ja vor allem ein Indiz für die Abkehr vom Fernsehen, wie wir es bisher kennen. Mit Lesekultur hat das erst einmal wenig zu tun. Aber egal. Darum soll es hier gar nicht gehen.

Interessant finde ich den Artikel nämlich, weil die Wirkung von The Wire auf die Lesekultur („Verheerend“!) durch einen FAZ-Artikel („kluger Beitrag“) ausgelöst worden sei. Seit Jahren beklagt sich die Kritik über ihren schwindenden Einfluss auf die ästhetische Meinungsbildung, aber in diesem Fall soll – schwupps – ein Artikel hinreichen, um den Boom einer Serie auszulösen? Bei einem Publikum, das nicht gerade zu den Stammlesern des FAZ-Feuilletons zählt? Wie kommt man zu solch einer steilen These?

Ich stell mir das so vor: Da sitzt ein netter Freitag-Kritiker an seinem Rechner und bekommt mit, dass die Leute gar nicht mehr Fontane lesen (als wenn sie das vor 10 Jahren noch getan hätten) und auch keine Buchpreisträger mehr kennen (kannten sie vor 10 Jahren auch nicht, freilich aus anderen Gründen). Er trifft ein paar coole Hildesheimer Kulturwissenschaftler, die von The Wire schwärmen, und so denkt er sich: „Mensch, da war doch mal dieser FAZ-Artikel, in dem die Serie der ‚Balzac für unsere Zeit‘ genannt wird. Bestimmt hat dieser Artikel die jungen Leute veranlasst, sich Abend für Abend The Wire anzuschauen, statt zu lesen. Tja, das ist halt die FAZ. Solch eine Wirkung, die bekomm‘ ich mit meinen Freitag-Artikeln bestimmt nie. Schon schade.“ So wird aus einer kleinen Frustration ein kleines katastrophisches Begleitkonzert zur Buchmesse. Und der Kultstatus der Serie wird gleich mit zementiert.

P.S.: Ich habe immer noch nicht begriffen, warum es überraschend sein soll, dass Kulturwissenschaftler Fernsehserien schauen und nicht in erster Linie lesen.

P.P.S.: Ich kenne Leute, die lesen Bücher und kaufen sich Fernsehserien.

P.P.P.S.: Ich besitze nicht nur The Wire, sondern auch mehrere Staffeln Friends. Der Untergang des Abendlandes steht bevor!


Zeitdiagnosen

6. März 2011

Letztens lese ich bei Henning Ritter (Notizhefte, Berlin 2010, S. 260):

Arnold Gehlen ist, soweit ich sehe, der einzige, der die Affinität der modernen Literatur zum Kitsch festgestellt hat.

Wow! Wieder so ein Satz, der mich gleich fasziniert. Meinungsstark, pointiert, in die Mitte intellektueller Auseinandersetzungen zielend! Und ungemein klug natürlich auch: Indem Ritter Gehlens Votum wiederholt, bekräftigt er es.

Das Problem an dem Satz ist nur: Gehlen ist damit zugleich nicht mehr „der einzige“, der diese Affinität feststellt. Und so fragt man sich, ob es zwischen Gehlen und Ritter nicht noch einen dritten, vierten, fünften gegeben hat.

Ich denke mal, dass sich eine ganze Reihe von Pessimisten anführe ließe, die ins selbe Horn stoßen. Ich dachte zum Beispiel unvermittelt an Thomas Bernhard und seine Hasstiraden gegen alles mögliche. In seinem Briefwechsel mit Siegfried Unseld (Frankfurt/Main 2009, S. 260) finden sich die folgenden wunderbaren Sätze über die zeitgenössische Literatur:

Die Gleichgültigkeit hilft mir über alle Berge von Unrat.
Man kann nicht genug Gegner sein.
Der Pegel des Stumpfsinns steigt.

Das ist Bernhard von seiner besten Seite: sich erst als der große Gleichgültige ausstellen und dann verbal loskotzen. Ganz großes Kino. Toll ist diese (wie so viele andere) Schimpfkanonaden Bernhards gerade deswegen, weil sie durch den performativen Widerspruch (angebliche Gleichgültigkeit vs. engagierte Haßtirade) ironisch gebrochen wird. Sie legt dadurch die Hybris des Einsamen bloß, der verzweifelt um sich schaut und überall Unrat, Stumpfsinn, Kitsch diagnostiziert. Man möchte ihm sanft die Hand auf die Schulter legen und zuraunen: Stimmt schon, Väterchen, früher war alles besser. Aber man tut’s natürlich nicht, weil klar ist, dass sein Weltschmerz eh nicht zu lindern ist. So hält man die Klappe und erfreut sich am Poltern. Die distinguierten Weltschmerzbekundungen sind dann nur mehr eine weniger komische Variante dieser Zeitgeistkritik.

***

Damit Ihr es nicht beim Klappehalten belasst, folgt jetzt das versprochene Gewinnspiel zum 100. Posting (das das vorliegende ist): Jeder, der hier bis zum kommenden Samstag einen Kommentar hinterlässt, nimmt an der völlig privat und unter Ausschluss von Notaren u.ä. Menschen erfolgenden Verlosung eines Philologie-Readers bei Reclam, eines Rinke-Arbeitsbuches bei Lang und einer demnächst erscheinenden Studienausgabe von Kleists Herrmmannsschlacht bei Reclam teil. Das inhaltliche Niveau des Kommentars erhöht nicht die Chance auf einen Gewinn! Viele Glück!


1979

3. März 2011

Das Jahr 1979 könnte sich eines Tages als das wichtigste und folgenreichste seines Jahrhunderts erweisen. Denn damals wurde im Iran bewiesen, daß der Säkularisierung genannte Prozeß umkehrbar ist und nicht, wie man bis dahin glaubte, unumkehrbar. […] Seither hat es vielerlei Phänomene der Wiederkehr gegeben, als bedeutsamstes die Wiederkehr der Religion.

Das schreibt Henning Ritter in seinem Buch Notizhefte (Berlin 2010, S. 251). Diese Wiederkehr bzw. Rückkehr bzw. Renaissance ist bekanntlich schon in den 90ern von Derrida und anderen beobachtet worden und hat nach 9/11 auch außerhalb der Kulturwissenschaften viel Interesse gefunden. Trotzdem hat mich Ritters Hinweis hellhörig gemacht, denn er ist vom Grundgestus her typisch, weil er sich im Umgang mit dieser ‚Wiederkehr‘ ganz und gar unbeteiligt gibt.

Dieser Grundgestus findet sich schon bei Christian Krachts gewiss viel zu einseitig rezensiertem Roman 1979. Immer wenn diese ‚Wiederkehr‘ festgehalten wird (sei es literarisch wie bei Kracht, sei es essayistisch-reflektierend wie bei Ritter oder letztlich auch Derrida), dann wird so getan, als habe man selbst damit gar nichts zu tun, als stehe man außerhalb des Geschehens. Das ist ein typisch wissenschaftlicher Grundgestus (und auch einer des Dandys, s. Kracht!), der zumindest im Fall der Wissenschaft wohl sinnvoll ist, die Betrachtung zumindest leichter macht. Aber er birgt die Gefahr in sich, dass diese ‚Rückkehr‘ als etwas Fremdes ausgestellt wird, von dem man sich besser fern hält. Doch kann man diese Ereignisse dann auch wirklich begreifen?

Bemerkenswert an dieser Distanznahme ist, wie sie sich zu dem verhält, was Ritter vorsichtig als den ‚Säkularisierung genannten Prozeß‘ umschreibt. Mit seiner Formulierung kommt, so scheint mir, ein Erstaunen zum Ausdruck, das feststellt, dass das, was bisher als eine Art Axiom der Kulturentwicklung begriffen wurde – eben die Säkularisierung -, nicht derart linear vonstatten geht, wie meist angenommen wurde und noch wird. So kann dann 1979 zu einem Schlusspunkt der Säkularisierung werden.

Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen mag die Hoffnung aufkommen, dass die ‚Säkularisierung‘ doch noch gegen die ‚Rückkehr der Religion‘ obsiegen wird. Dann wäre, anders als Ritter meint, 1979 nur mehr als ein Moment der Stagnation anzusehen (und 9/11 beispielsweise auch). Da gegenwärtig vermutlich niemand absehen kann, wie es wird, fehlen bezeichnenderweise generalisierende Äußerungen, die eine solche Prognose wagen. Vielleicht ist deswegen eben jetzt ein guter Augenblick, um sich klar zu machen, wie wenig plausibel es ist, historische Entwicklungen linear zu denken. Meine beiden Ex-Kollegen Martin Treml und Daniel Weidner setzen deswegen schon seit einiger Zeit auf ein Konzept, das sie ‚Dialektik der Säkularisierung‘ nennen.

Wenn man sich aktuelle Berichte aus Nordafrika anschaut oder liest, so scheint sowohl von 1979 als auch von 1989 Faszination auszustrahlen. Wenn am Ende ein Demokratisierung stehen sollte, mögen sich die Freunde der Säkularisierung vielleicht gemeinsam mit Candide zurücklehnen und 1979 als Fußnote der Geschichte abtun. Ob sie aber ein für alle mal Recht behalten, bleibt dahingestellt – zumal ja auch die vermeintlich säkulare Welt nicht zwingend eine ‚gute‘ ist. Zumindest in dieser Hinsicht ist Krachts Roman viel klüger als die meisten Theorien – vielleicht hatten deswegen die meisten Kritiker mit dem Roman ihre Schwierigkeiten.


September

27. Februar 2011

Irgendwann nach knapp 400 Seiten schließt sich ein kleiner Kreis. Muna erinnert sich, wie sie vor einigen Jahren unter einem Bett lag, in dem ihre Schwester gerade mit einem Mann schlief. Eine komische Szene, die zugleich ihre Schutzlosigkeit vor Augen führt und die von ihr erwartete Sprachlosigkeit. Muna will schreien und traut es sich nicht.

Mit Muna möchte man in diesem Moment glatt ein wenig Mitleid haben, wenn von ihr nicht so dermaßen stilisiert und gestelzt erzählt würde. Die Geschichten von Muna, aber auch die vom Goethe-Forscher Martin, der die meiste Zeit an der amerikanischen Ostküste zubringt, sind in Thomas Lehrs Roman September in eine dahinfließende Wortfolge gegossen, die Einblicke erlauben in verschiedene Figuren – allen voran zwei Väter, die ihre Töchter verlieren, einmal 9/11, einmal einige Jahre später im Irak. Aber die avancierte, atemlos wirkende Schreibform, die durch Umbrüche und Leerzeilen nur selten ein wenig Luft lässt, hat mich so gar nicht überzeugt. Und übrigens andere auch nicht. Wohlgemerkt – ich habe nichts gegen experimentierfreudiges Erzählen. Nizon etwa spielt in Das Jahr der Liebe mit dem Verhältnis von Interpunktion und Absatz sehr geschickt, sogar so geschickt, dass man es gar nicht bemerken muss. Bei Lehr wirkt das dagegen vom ersten Absatz an unheimlich gewollt, weil er mit den immer gleichen Mitteln arbeitet: Erzählen ohne Punkt und Komma, nur selten mal ein Kalauer: „Krieg als Fortsetzung des Computerspiels mit verheerenden Mitteln“ (S. 352).

Ich habe mich sehr auf den Roman gefreut, schließlich war er in der FAZ vielversprechend rezensiert worden. Als mir dann beim Lesen rasch klar wird, dass sich der Roman mit Goethes West-östlicher Divan auseinandersetzt, freue ich mich auf die Lektüre um so mehr. Aber wie das so ist, manchmal treffen Kritiken schlicht nicht den eigenen Geschmack und vor allem ist die Enttäuschung größer, wenn die Erwartung hoch ist. Statt des Eindrucks, einen starken Roman gelesen zu haben, bleibt am Ende nur der Eindruck, dass der Verzicht auf Punkt und Komma und ein paar Anspielungen noch keine intelligente Annäherung an den 11. September ausmachen.

Vielleicht liegt das daran, dass Lehr in seinem Roman die Frage nach dem Status der Religion nicht stellt. Stattdessen macht er sich über die gewiss schlichte Religiosität des amerikanischen Präsidenten lediglich lustig (und zugleich über dessen nicht besonders große Sprachbegabung):

Eswarsehremotionalfürmich
ichhabegebetet
während
ICH
herumging
(S. 334)

Natürlich ist es angesichts des wohlfeilen Antiamerikanismus deutscher Intellektueller schon ein Fortschritt, wenn G.W. Bush nicht als bloßer Schwachkopf dargestellt wird. Aber ist dieser Fortschritt wirklich groß, wenn aus ihm ein Egozentriker wird, dessen religiöses Missionsbewusstsein derart verharmlost wird?


Keine Zeit

25. Februar 2011

Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, dann habe sich in den vergangenen Wochen Entschuldigungen gehäuft, um die Vernachlässigung des eigenen Blogs zu rechtfertigen. Ganz egal, ob Kultur oder Wissenschaft: Mal wurden berufliche Gründe angeführt, mal Termine, mal andere Schreibverpflichtungen und natürlich Prüfungsbelastungen zum Semesterende bei Kollegen oder in studentischen Blogs. Auf geht’s noch dachte Christine Dössel sogar laut darüber nach, das Bloggen gleich ganz dran zu geben.

Ich muss gestehen, dass mir in den letzten Wochen auch schon wiederholt der Gedanke kam, zumindest eine kurze Rechtfertigung zu posten oder eine kleine Klage anzustimmen, dass ich im Moment einfach nicht dazu komme, hier was Anständiges unterzubringen. Aber warum eigentlich? Christine Dössel schreibt vom Stress, den man sich selbst macht, obwohl er ganz und gar unnötig ist. Wie kommt das? Weswegen dieser Irrglaube, die Welt wartet auf irgendwas von meinem Schreibtisch? Ist’s Hybris?

Vielleicht auch, aber (hoffentlich!) nicht nur: Bei einem Blog, der von einer Person oder von nur wenigen betrieben wird, dürfte wohl jedem Leser klar sein, dass es mal Durststrecken gibt. Und dass im Netz eh viel zu viel Belanglosigkeiten herumgeistern, ist auch klar. Also spricht an sich nichts gegen längeres Schweigen. Die Neigung, sich zu rechtfertigen, liegt vermutlich also nicht zuletzt daran, dass man sich mit Leuten vergleicht, die entweder im weiteren Sinne professionell bloggen oder aber schlicht mehr Zeit haben als man selbst. Die Entschuldigungen zeigen, dass man sich einerseits vergleicht, dass man andererseits aber auch Prioritäten setzt, bei denen das Bloggen nicht ganz oben steht – sonst würde eben nicht längere Zeit Funkstille herrschen.

Als ich die Kommentare zu den Entschuldigungen gelesen habe, zeigte sich zweierlei: Freude, das wieder was publiziert wird, und Verständnis, dass länger nichts kam. Wie schnell die Kommentare folgten, zeigt zudem, wie viele Leser sich über Mail-Abos und RSS-feeds informieren lassen. Das ist gerade für Blogs, die nicht dauernd was raushauen, ein wichtiger Hinweis darauf, dass man Vertrauen genießt. Ich betone das, weil gerade gegen das wissenschaftliche Bloggen immer wieder eingewandt wird, dass eine vergleichsweise rasante Publikationsform wissenschaftlichen und anderen differenzierteren Ausdrucksformen keinesfalls zuträglich sein könne. Wenn aber mein Eindruck richtig ist, dann besteht die Notwendigkeit zum permanenten Publizieren gar nicht so sehr, wie immer behauptet wird. Die Reaktionen auf Dössels Artikel lassen zumindest vermuten, dass die Leserschaft von Blogs sich längst schon vielmehr ausdifferenziert hat, als das so mancher meint.

Aber vielleicht ist das auch alles nur Quatsch und ich suche eine Rechtfertigung dafür, dass ich hier endlich mal wieder was unterbringe. Damit ihr jetzt alle schön regelmäßig vorbeischaut, kündige ich hiermit schon mal ein Gewinnspiel für das 100. Posting an. Ist nicht mehr lang hin!


Beschleunigung

7. Januar 2011

Ein kurzes Posting, um die Verbreitung eines Artikels ein wenig zu beschleunigen …


Der Boss und die Box

27. Dezember 2010

Vor gut einem Monat las ich das erste Mal von einer Special-Box zu Bruce Springsteens „Darkness on the Edge of Town“. Auf seiner Homepage wird die Box, die aus 3 CDs, 3 DVDs sowie einem Reprint von seinem Collegeblock mit seinen Notizen besteht, als ganz wesentliche ‚Dokumentation‘ gefeiert.

Ich mochte das Album immer sehr, nicht nur musikalisch. Es ist auch mit vielen Erinnerungen verbunden. Mein Onkel hatte es mir irgendwann Ende der 80er einmal vorgespielt, nachdem wir gemeinsam auf einem Konzert vom „Boss“ waren, wie man damals ehrfurchtsvoll (und im Rückblick völlig bescheuert) sagte. Das war die große Zeit des Stadion-Rocks, für Minderjährige wie mich unheimlich beeindruckend und auch noch nicht verrufen. Es ging nur noch um Superlative. Springsteen etwa machte nach zwei Stunden eine halbe Stunde Pause, um dann weitere zweieinhalb Stunden zu rocken. Das war die Vorwegnahme des Discounter-Prinzips („Kauf eins, nimm zwei!“) im Rock und hat mich nicht eine Minute gestört, sondern ausschließlich fasziniert.

Die 70er waren damals schon weit weg, aber durch meinen Onkel schien mir das Album sehr nahe. So war „Darkness on the Edge of Town“ ein Schlüssel zu dieser fremden Zeit, auch wenn ihm die Brachialität des zeitgleich einsetzenden Punk völlig abgeht. Als ich vor einem Jahr Louis P. Masurs Buch über „Born to run“ gelesen habe, hat mich daran wahnsinnig genervt, dass er für „Darkness“ so wenig überhat und stattdessen den spätpubertären Charme von „Born to run“ lobt und kaum die Entstehungszeit einzufangen vermag.

Nun also die Box zu ‚meinem‘ Springsteen-Album – die Erwartungshaltung war selbstredend hoch. Noch bevor ich die ‚Dokumentation‘ in den Händen halte, lese ich in der FAZ eine wunderbar spitze Rezension dazu von Tobias Rüther (finde sie leider nicht im Netz), die mich schon ahnen lässt, dass ich mit dem Ganzen irgendwie nicht klarkommen werde. Warum vertraue ich nicht einfach mal der Kritik?

Meine Befürchtungen erfüllen sich dann auch. Ich bin einerseits begeistert von der Präzision, mit der Springsteens Collegeblock reproduziert wurde. Aber dass das geht, verwundert den kleinen Philologen selbstredend nicht. Die 3 CDs sind schnell das erste Mal gehört (wobei eine ja eh das hinlänglich bekannte Album ist), die erste DVD mit der Dokumentation über die Arbeit an dem Album lege ich umgehend ein. Das alles ist insgesamt kein aufgewärmter Mist wie so viele andere Boxen, aber meine Hoffnungen erfüllt es nicht. Woran liegt das?

Auch wenn es ganz interessant ist zu sehen, wie Springsteen im Studio rumnervt bzw. ‚rumbosst‘, so richtig erfährt man nicht, wie gearbeitet wurde. Es gibt Aufnahmen, die zeigen, wie detailversessen er war, wie immer wieder aufs Neue an den Tracks gefeilt wird. Aber ist das was Besonderes? Vor allem wundere ich mich, dass ich keine einzige Note richtig zu Gesicht bekomme, niemals ausführlich Akkordfolgen besprochen werden. Wenn Springsteen auf die Arbeit zurückblickt, geht es um Gefühle, manchmal noch um irgendwelche difusen Klangeindrücke, aber nie um konkrete musikalische Entscheidungen.

Springsteen und die Manager von Columbia pflegen mit der Box ausschließlich den Kult. Sie stellen den Malocher aus New Jersey als Genie aus, der darüber räsoniert, dass „Darkness on the Edge of Town“ nicht nur durch ‚künstlerischen Instinkt‘, sondern auch durch ‚künstlerische Intelligenz‘ gekennzeichnet sei. Aber wie sich die manifestiert, erfährt man nicht. Wirklich spektakuläre Infos oder gar sowas wie Werkstatteinblicke gibt es nicht wirklich. Vielleicht bin ich ja naiv, aber teure Neuausgaben von Büchern, die ich schon habe, kaufe ich mir doch auch nur, wenn sie mir beim Verstehen des Buches helfen und etwa Einblicke in die Produktion bieten und nicht nur ein paar nette Illustrationen und Assoziationen. Hier aber wird ein Genie dokumentiert, das nie eins war. Springsteen-Boxen müssen seinen Schweiß dokumentieren, ja ihn regelrecht riechen lassen. Letztlich ist der das Kultobjekt aller Springsteen-Fans gewesen. Wer das nicht begreift, dokumentiert nur, dass ihm jeder künstlerische Instinkt abgeht, wenn er von künstlerischer Intelligenz faselt.