Heimatspiel

25. Februar 2010

Gestern hat Moritz Rinke seinen Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel erstmals öffentlich präsentiert – in Worpswede, wo er geboren wurde und der Roman spielt. Knapp zwei Stunden hat er vor über 300 Zuhörern in der ausverkauften Music Hall gelesen und sich den Fragen seines Verlegers Helge Malchow gestellt.

Im Roman hält Rinke – wie in jeder guten Satire – seinem Heimatdorf den Spiegel vor. Was das Publikum aber schon nach wenigen Minuten für das Buch und seinen Autor eingenommen hat, ist der schlichte Umstand, dass sich Rinke nicht über die Künstlerkolonie im Moor lustig macht, sondern gemeinsam mit den Menschen über die absurden Szenen des Lebens dort lacht. Rinke gibt damit die vielleicht schärfste Waffe, die die Satire hat, auf: die Distanz. Seine Zuneigung zu seinen Figuren macht es ihm unmöglich, über sie hart zu urteilen. Und so machte er es auch dem Publikum in der Music Hall unmöglich, ihn und sein Buch nicht zu mögen.

Das gelang auch deswegen, weil sein Roman nicht nur ein Buch voller Komik ist, sondern auch eins voller Traurigkeit. Rinke hat gestern nur wenige dieser traurigen Szenen vorgelesen. Aber es gab Momente, in denen er den Worpswedern einen neuen Blick auf die Heimat ermöglichte. Wohl nicht wenige werden sich gestern zum ersten Mal gefragt haben, was das für Menschen sind, die das bekannte Bordell am Ortsrand besuchen. Rinke las die Szene, da Peter Ohlrogge erstmals auftritt – ein gescheiterter Künstler, den das ganze Dorf verstoßen hat und der nun bei Regen immer ins Bordell geht und Fencheltee trinkt, während er auf die Frauen wartet. Als Rinke aus diesem Kapitel las, wurde es in der Music Hall ganz still – und viele sahen auf einmal ihr Heimatdorf, wie sie es nur selten, vielleicht nie sehen: aus der Perspektive derer, für die zwischen Kuhwiesen und Kultur kein Platz ist – trotz der Weite des Moors. So hat Rinke den Worpswedern ihren Ort näher gebracht, obwohl er selbst längst nicht mehr hier wohnt.

Doch gerade solche Szenen sind letztlich unabhängig von ihrer Umgebung anrührend. Jeder Zuhörer gestern hatte ein weißes Haus in der Nähe des Barkenhoffs vor sich. All die Leser, die Worpswede nicht kennen, werden aber irgendein Bordell vor sich haben – die geschilderte Szene verliert dadurch aber nichts von ihrer Traurigkeit. So hat Rinke den Grundstein gelegt, dass das Buch auch außerhalb von Worpswede die Leser begeistern wird.


Alles nur geklaut

24. Februar 2010

Gestern hat Durs Grünbein ein kurzes Statement zu Hegemanns Roman abgeliefert: „“Plagiat“„. Der Beitrag hat ratzfatz eine Vielzahl von Leserkommentaren provoziert. Nicht nur, weil der Beitrag etwas gestelzt formuliert ist. Heute nun erklärt Grünbein, dass er seinen Essay aus einem Artikel von Gottfried Benn zusammengebastelt hat und hält nicht nur seinen Lesern gestern, sondern dem ganzen Hype um Hegmanns Roman den Spiegel vor.

Dieses kleine Narrenspiel zur Fastenzeit ist nicht nur der lustigste, sondern zugleich auch der klügste Beitrag zu diesem vermeintlichen ‚Fall‘. Aber Grünbein leistet noch mehr. Zunächst beklagt er den ‚hässlichen Biodiskurs‘, der sich in die Berichte über Axolotl Roadkill eingeschrieben hat. Dem kann man nur zustimmen, ohne Einschränkung. Dass die FAZ-Leser aber derart zahlreich auf den Artikel von gestern reagiert haben, zeigt noch etwas anderes. Es dürfte nicht wenige Leser geben, die Grünbein tatsächlich das Loblied auf die holde Kunst zugetraut haben – Grünbein auf den Olymp entflogen, wenn nicht gar entgeistert gewissermaßen.

Grünbein aber zeigt, wie sehr „im Moment alles durcheinander“ geht, wie er sagt. Auch die Wahrnehmung seiner Person (wozu er freilich nichts sagt). Dazu hat er selbst einiges beigetragen. Seine kleines Narrenspiel aber lässt hoffen, dass er noch lange nicht auf den Olymp enteilt ist – eine große Freude wär’s!


Die Schneekönigin und Worpswede

22. Februar 2010

Wer am Wochenende die Feuilletons aufgeschlagen oder Radio gehört hat, der ist vielleicht schon darauf hingewiesen worden, dass heute Moritz Rinkes erster Roman erscheint: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Am Mittwoch präsentiert Rinke sein Buch und seinen Helden Paul Kück erstmals dem breiten Publikum – und zwar zuerst in seiner Heimat Worpswede, wo das Buch spielt.

Ich bin Rinke in den letzten Jahren einige Male begegnet. Weil ich Worpswede recht gut kenne und mütterlicherseits Mitglied einer der dort ansässigen Kück-Familien bin, hatte ich das große Glück, ein paar Einblicke in Rinkes Arbeit am Roman nehmen zu dürfen. Auch hatte ich das fertige Buch schon zu Weihnachten vor mir. Deswegen kann ich es bereits heute uneingeschränkt empfehlen.

Von Beginn an haben mich die skurril-komischen Details und Einfälle im Roman begeistert, die so typisch sind für Rinke. Der Roman verweigert sich von der ersten Seite an einem planen, in der Gegenwartsliteratur oft so enervierenden Realismus. Was mich aber noch viel mehr überzeugt hat, ist seine Bauweise, die einerseits kleinteilig auf Details wert legt. Gleichzeitig aber verfügt der Roman über zwei Handlungsbögen, die spannend sind und die ganz unterschiedlich entwickelt werden – einmal unvermittelt von Beginn an und einmal ganz langsam en passant. Rinkes große Leistung besteht nach meinem Dafürhalten also darin, dass die Synthese aus dem Kleinteiligen und den beiden Handlungsbögen ganz und gar gelingt. Das war bei einem Autor, der vom Drama und der kleinen Prosa kommt, nicht unbedingt zu erwarten.

Was mich an seiner komischen und trotzdem immer wieder melancholischen Erzählung aber jenseits der Bauweise so eingenommen hat, ist der sensible Umgang mit seinen Figuren. Ich dachte bei der Lektüre immer wieder an das Ende der Schneekönigin: „Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer, wohlthuender Sommer.“ Erst als die Lektüre weit fortgeschritten war, merkte ich, dass meine Assoziation kein Zufall, sondern Folge eines ganz vorsichtigen Spiels mit Andersens Kunstmärchen war und wie wunderbar Rinke zumindest mich verzaubert hat – ähnlich wie das früher Andersen gelungen ist. So ging ich dann mit Paul Kück am Ende durch die frühsommerlichen Kuh-Wiesen und wusste, dass ich mich an seine wundersame Geschichte noch lange erinnern werde. Ich bin mir sicher, dass es vielen Lesern ähnlich ergehen wird.


Nachweise

21. Februar 2010

Die letzten drei Krimis, die ich gelesen habe, weisen auf unterschiedliche Art nach, woher sie ihr Hintergrundwissen beziehen. Jürgen Kehrer bringt in Wilsberg und die Wiedertäufer sogar Fußnoten mit Hinweisen auf die Täufer-Geschichte in Münster (wofür er sich ironischerweise zu Beginn regelrecht entschuldigt). Jan Seghers nennt am Ende von Partitur des Todes im Anschluss an den Text geschichtswissenschaftliche Werke, die ihm beim Schreiben geholfen haben. Und Andree Hesse bedankt sich am Ende von Der Judaslohn bei den Personen, die ihm in Gesprächen wichtige Informationen für seinen Roman geliefert haben.

Mir ist das aufgefallen, weil es so ganz und gar unüblich ist. Ich habe in den letzten Monaten wirklich viele Krimis gelesen und außer diesen drei enthielt kein einziger derartige Nachweise. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Wenn ich Romane lese und solche Hinweise finde, dann sagt mir das zwar, dass das Erzählte präzise recherchiert ist. Aber eigentlich müssen Romane keine Nachweise führen, finde ich.

Ich dachte, als mir das auffiel, auch an Bücher wie Der Zauberberg oder Berlin Alexanderplatz, die ja nicht mehr nur Wissen aus anderen Kontexten beziehen, sondern sogar wörtlich andere Quellen zitieren, ohne dass das (zumindest in meinen Ausgaben) irgendwer irgendwie nachweist – zum großen Glück übrigens von Philologen, die sich dann editorisch austoben können.

Wenn man sich klar macht, wie etwa die Herrn Mann und Döblin mit ihren Vorlagen umgesprungen sind, dann sollte man vorsichtig sein mit einer all zu harschen Verurteilung von Helene Hegemanns Axolotl Roadkill. Klar: Es wäre besser, netter, was weiß ich gewesen, wenn sie ihre Quellen und Arbeitsweise transparent gemacht hätte. ABER: Kunstwerke sind keine wissenschaftlichen Arbeiten.

Wenn jetzt das große Klagelied vom kulturellen Verfall erklingt, dann sollte man – eingedenk der genannten literarischen Großwerke – sich klar machen, dass Hegemanns Arbeitsweise kaum einen Medienwandel belegt (sieht man einmal von der Quelle ab), wie das insbesondere Kollegen gerne behaupten. Auch Hegemanns Produktionstechnik ist nichts Neues. Sie war auch in der guten alten Zeit nicht selten. Nur klingt in den Ohren mancher Kritiker und Literaturwissenschaftler ‚Collage‘ halt besser als ‚cut and paste‘.


Nachspielzeit

12. Februar 2010

Vorgestern hatte ich an dieser Stelle ja schon ein wenig für die Lesung von Albert Ostermaier hier in Gießen geworben und dabei auf den Brecht-Preis hingewiesen. Christine Dössel hat gestern eine ganz wunderbare Zusammenfassung des Abends in Augsburg geliefert, den ich allen auch als Nachspiel zu Ostermaiers Auftritt hier sehr empfehle. Wenn ich gestern abend die Stimmung im Theater richtig mitbekommen habe, dann waren sich allerdings alle (außer Albert Ostermaier!) einig, dass Augsburg nicht ins Finale kommt. Und das waren ausschließlich Sympathien-Voten.

War davon auch ganz überrascht, schließlich liegt Gießen nicht gerade in der norddeutschen Tiefebene. Aber das Theater war fest in Werder- und St. Pauli-Hand. Aber irgendwie war das auch zu erwarten. Dabei gibt es noch einen anderen großen norddeutschen Verein, der sogar die Allianz-Arena beherrscht hat.


Cover-Ästhetik

10. Februar 2010

Morgen liest Albert Ostermaier bei Uni TiLt, einem Projekt des Stadttheaters und des Germanistik-Instituts in Gießen. Über Ostermaier wird viel geschrieben. Kritiker schätzen ihn, er bekommt viele Preise (heute den Brecht-Preis der Stadt Augsburg) und er hat offenbar auch viele Leser. Das ist für einen Schriftsteller, der mehrheitlich Lyrik und Dramatik verfasst, nicht selbstverständlich. Ostermaier ist zudem auch vielfach Gegenstand literaturwissenschaftlicher Arbeiten.

Was, so scheint mir, dagegen nur selten beachtet wird, ist die feine Ironie, die sich aber nicht nur durch viele seiner Texte zieht, sondern die sich auch schon auf manchen seiner Schutzumschläge und in den Titeln seiner Bücher widerspiegelt.

So bezieht sich der Titel Heartcore nicht nur ironisch auf ‚hardcore’, also in erster Linie auf Metall oder Drum’n’Base, die beide zum ‚Herz’ so gar nicht passen wollen. Das Titelblatt des Buches nimmt die Musik-Assoziationen auf, indem auf das Titelblatt (wie auch bei mehreren anderen Büchern Ostermaiers) ein runder, schwarzer Aufkleber gepappt ist – mit dem Hinweis „mit HEARTCORE CD“. Damit wird der auf CD-Hüllen in den 90ern übliche Hinweis „mit Textbooklet“ oder „Lyrics mit deutscher Übersetzung“ ironisch verkehrt: Bei Heartcore sind die Gedichte der Kern und die CD das Bonusmaterial. Im Unterschied zu den meisten umfangreichen CD-Booklets der 90er aber, bekommt der Hörer der CD von Ostermaier nicht nur den Kern in einem neuen Medium präsentiert, sondern ein eigenständiges Kunstwerk, das die Lyrik regelrecht remixt. Eigentlich schade, dass das eine solche Wertschätzung des ‚Beiwerks‘ bei keiner meiner längst eingestaubten CDs zu finden ist.


Von damals erzählen

31. Januar 2010

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet jetzt ein drei Bände umfasssendes Buchpaket aus der Reihe „DDR-Bibliothek“ des Leipziger Verlags Faber & Faber an. Diese Bücher sind schon deswegen bemerkenswert, weil sie sehr schön verarbeitet sind. Vor allem aber ist die Auswahl der Texte wirklich hervorragend.

Ich lese in diesen Tagen aus diesem Paket den ersten Band In einem nahen fernen Land. Erzählungen 1949-1969 (Hrsg. von Günther Drommer). Die Geschichten darin sind aber nicht nur gut erzählt und sie geben nicht nur einen breiten Eindruck von der vielfältigen Begeisterung für den ersten deutschen sozialistischen Staat (wie auch dem Zweifel daran).

Mindestens genauso sehr finde ich bemerkenswert, wie oft in den Erzählungen thematisiert wird, was eine Figur im Faschismus und während des Kriegs gemacht hat. Die Figuren unterhalten sich darüber, fragen nach und streiten sich deswegen. Ich weiß nicht, ob das ein Abbild der DDR-Realität in den ersten Jahren nach der Staatsgründung war – auf jeden Fall aber fand in der DDR-Literatur eine Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte statt.

In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich, finde ich zumindest, viele Erzählungen und Romane von Autoren gelesen, die sich mit der ‚Wende‘ befasst haben. Aber mir fällt partout kein Gespräch und keine Erinnerung in einem dieser Texte ein, in dem die Menschen sich länger mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen oder sich zu ihrem früheren Leben in Beziehung setzen – ganz so, als wäre die ‚Wende‘ ein rein äußerlicher Einschnitt gewesen, der zwar die Arbeitswelt verändert hat, aber eben nicht die Weltanschauung. Gewiss war der Einschnitt für die meisten Menschen nicht derart radikal wie das Kriegsende. Aber gibt es wirklich nichts zu erählen? Wie heißt es, fast wie im Märchen, bei Louis Fürnberg in Genosse Soundso (eine Erzählung in dem Band): „So sind die Menschen. Sie reagieren auf das echte Bedeutende mit Kleinigkeiten. Hol der Teufel die Kleinbürgerei.“ Aber vielleicht ist dieser Ausruf zugleich auch der Schlüssel: Der Systemwechsel war halt für die meisten Mensch ein Wechsel von der einen Kleinbürgerei in eine andere. Da gibt es dann vielleicht wirklich nicht viel zu erzählen.


Vom Drama im Elfenbeinturm

26. Januar 2010

„Die Geschichte der modernen Dramatik hat keinen letzten Akt, noch ist kein Vorhang über sie gefallen.“ Das schreibt Peter Szondi 1956 am Ende seiner inzwischen epochalen Theorie des modernen Dramas. Wer sich aber heute mit dem Drama befasst, bekommt rasch der Eindruck, dass der Vorhang inzwischen doch gefallen ist. Das Drama ist in der literaturwissenschaftlichen Lehre und Forschung meist nur mehr ein Artefakt, das keinerlei Bezug zur Gegenwart zu haben scheint. Eine Dramentheorie wie die Szondis, die nicht zuletzt Folge seiner zahlreichen Theaterbesuche war, ist überfällig. Doch niemand scheint bereit, ihr einen weiteren Akt hinzuzufügen.

Das fehlende Interesse an der Gegenwartsdramatik schlägt sich auch in den Standardwerken zur Dramenanalyse nieder. Der gegenwärtige Boom der deutschsprachigen Lehrbücher für den Universitätsunterricht hat bemerkenswerterweise sich bisher nicht auf die Dramenanalyse ausgewirkt. Wer zum Beispiel als Germanist nach einem Lehrbuch aus der Feder eines Germanisten Ausschau hält, der muss auf das Buch von Bernd Asmuth zurückgreifen. Das Standardwerk im deutschsprachigen Raum stammt vom Anglisten Manfred Pfister.

Das ist natürlich auch gar nicht schlimm, beide Bücher sind inzwischen im Universitätsunterricht etabliert. Und trotzdem befällt mich bei der Lektüre beider Bücher – im Moment unterrichte ich mit dem Asmuths, mit dem Pfisters setze ich mich für eine Studie auseinander – immer wieder ein unbestimmtes Gefühl, das mich fragen lässt: Wo bleibt das Theater?

Woher kommt dieses Gefühl?

In diesen Tagen nun lese ich An Introduction to the Study of Plays and Drama von Sibylle Baumbach und Ansgar Nünning, zwei hochgeschätzte Anglisten aus Gießen. Und endlich weiß ich, was mir bei den beiden anderen Büchern gefehlt hat: die performative Dimension des Dramas auch bei der Analyse zu berücksichtigen – und zwar nicht nur kognitiv, sondern auch konkret durch die Präsenz des Dramas. In dem Buch findet man ganz praktische Hinweise wie etwa den, das Drama immer auch laut zu lesen. Das ist banal und doch sehr effektiv, wenn sich einmal keine Gelegenheit zum Theaterbesuch bietet. Wie heißt es bei Baumbach und Nünning so prägnant:

„Drama does not reside in an ivory tower and neither should you while studying it.“