Barocke Vielzahl

29. Februar 2016

Vor längerer Zeit habe ich hier über Judith Zanders Lyrik-Debut oder tau geschrieben. Vor ungefähr zwei Jahren ist dann ihr zweiter Lyrik-Band manual numerale bei dtv erschienen. Viel zu spät bin ich jetzt ich endlich dazu gekommen, ihn zu lesen. Er ist wieder eine Freude, ja an manchen Stellen ein richtiger Spaß – durch komische Reime zum Beispiel: ‚teils‘ auf engl. ‚files‘. Oder durch nur einen Vers lange Gedichtchen – Sentenzen sollte man wohl besser sagen -, die an Selbstironie nicht zu überbieten sind:

heute schrieb ich dir ein langes mir gefallendes gedicht

Zu diesem direkten, selbstreflexiven Stil passt gut, dass Zander ihre neuen Gedichte dem Titel nach als Manual begreift. Das bedeutet aber nicht, dass man sich das Buch wie ein Tagebuch mit Datumsangaben vorstellen soll. Auch ist es nicht nach Erscheinungsorten sortiert. Stattdessen steht oben auf jeder Seite die Zahl der Verse, die das je folgende Gedicht hat. Da das Buch auch keine Seitenzahlen kennt, sind diese Zahlen das einzige Ordnungskriterium – aber eben eins, dass für die Orientierung des Lesers an sich völlig überflüssig ist. Seitenzahlen helfen mir, bestimmte Stellen in einem Buch wiederzufinden. Wenn ich ein literarisches Notiz- oder Tagebuch eines Dritten lese (wie etwa das von Max Frisch), beziehe ich Datums- oder Ortsangaben auf den Autor. Zanders Angaben zur Zahl der Verse scheinen im Unterschied zu all dem völlig überflüssig: Ob ein Gedicht kurz oder lang ist, sehe ich auf Anhieb, wenn ich die Seite aufschlage. Und ob ein Gedicht z.B. 26 oder 30 Verse hat, dürfte für die Entscheidung, das Gedicht zu lesen, kaum ausschlaggebend sein.

Was das Zahlenspiel gleichwohl bewirkt (zumindest, als ich die Gedichte gelesen habe), ist eine größere Konzentration auf die Form (zumal es keine Überschriften gibt). Ich habe immer wieder mal überprüft, ob die Zahl, die da oben steht, auch wirklich der Zahl der Verse entspricht. Zugleich unterstellt man wegen dieser Zahl dem gesamten Buch einen sehr persönlichen Zusammenhang. Die Zahlen sind rot, anders als die Gedicht-Texte. Das erinnert trotz der serifenlosen Schrift ein wenig an ein Notizheft, durch das man später noch mal zur eigenen Orientierung mit einem anderen Stift durchgeht und über dessen formale Bedingungen man sich einen Überblick verschaffen will.

Diesen persönlichen Eindruck unterstützt, dass am Ende des Buches ein „manual“ im Manual steht, in dem zahlreiche Erläuterungen, gewissermaßen Erinnerungsnotizen, zu finden sind. Sie beziehen sich auf kursive Stellen in den Gedichten, die den intertextuellen Kosmos von manual numerale markieren: Wörter, Phrasen und Sätze von anderen Schriftstellern vom Barock über Droste-Hülshoff, Sylvia Plath, die von Zander übersetzt wurde, bis Patti Smith. Allerdings sollte man deswegen nicht annehmen, dass auf diese Weise alle intertextuellen Bezüge erfasst werden. Es finden sich noch zahlreiche andere, die klug eingearbeitet sind und wie schon bei oder tau belegen, dass Judith Zanders literarischer Kosmos ein großer ist, der vom Barock bis zur Gegenwart reicht, von kanonischen Autoren bis zur Pop-Kultur.

In oder tau setzen sich viele Gedichte mit Zanders Heimat, Deutschlands Nordosten, auseinander, wie der Titel schon andeutet. Ein solches geographisches Zentrum hat manual numerale nicht, auch wenn sich weiterhin einzelne niederdeutsche Wendungen finden. Im Gegenzug scheinen mir nun mehr Gedichte in dem Sinne politischer als der Debutband zu sein, als dass jetzt sowohl mittels Form als auch Inhalt gesellschaftliche Frage thematisiert werden. So findet sich ein zunächst privat anmutendes Gedicht, in dem sich ein Ich über eine „sie“ äußert, die die „Komplizin“ ist und das Ich nicht verraten wird. Das kurze Gedicht besteht aus drei Strophen à drei Versen, die sich alle drei reimen. Durch deren jambischen Vierheber samt der männlichen Kadenzen mutet das Gedicht ähnlich filigran an wie ein Marschfoxtrott in der Tanzschule. Diese metrische Grobmotorik passt aber wunderbar zum kämpferischen Schluss, der fast schon wie ein Schlachtruf klingt:

doch fechten werden wir zu zweit
gegen die ungehobeltheit
binärer gegensätzlichkeit

Allerdings muss ich gestehen, dass diese metrisch etwas brachiale Kritik an heteronormativen Geschlechtsentwürfen nicht der eigentliche Grund ist, warum ich Zanders zweiten Lyrikband (sie hat außerdem bisher noch einen Roman geschrieben) so gerne gelesen habe.

Vor allem hat mich begeistert, wie sie sich mit der deutschen Barock-Literatur auseinandersetzt. Dass sie die gut kennt, hat schon oder tau gezeigt. Im manual numerale aber ist Zander noch vielfältiger geworden. Sie zitiert eine ganze Reihe prominenter Barock-Dichter (Gerhardt, Rist, Sibylla Schwarz, Zesen) und legt ein Sonett vor (allerdings nicht in Alexandrinern). Sie stellt sich der bukolischen Barockdichtung, wenn sie einen „landschaftsgarten“ besingt, in dem es „natürlich zugeht wie | auf arkadiens karten“, oder wenn das Ich eines anderen Gedichts eine Gruppe, ein Wir, auffordert, sich „gegensichtig [!] | schäfernamen“ zu geben und sich „hinter | pluralen clarinden-träumen“ hervorzurufen [sic]. Dabei wirken die Gedichte nie oberlehrerhaft oder angestrengt. Vielmehr sind Zanders Gedichte immer wieder sehr locker und wie nebenbei komponiert, so dass man sie leicht in ihrem Facettenreichtum unterschätzt:

ich bin die more-soldatin
und zieh von früh bis spat gen
utopia

Selbstverständlich erinnert Zander mit diesem Gedicht nicht nur an den Begründer der utopischen Literatur, Thomas Morus. Zugleich ahmt sie das Moorlied der KZ-Häftlinge Börgermoor nach („Wir sind die Moorsoldaten | und ziehen mit dem Spaten | ins Moor.) und daran, dass die utopische Sehnsucht, die das Ich als Gefolgsfrau von Morus („more-soldatin“) artikuliert, keine Erfüllung finden wird. So stimmt denn das manual numerale oft nachdenklich, auch wenn es seine Leser in vielen Gedichten und mittels spannender Formverspieltheiten gerne schmunzeln lässt und ästhetisch herausfordert. Ein Buch also, das nicht nur zahlreich ist, wie der Titel verspricht, sondern auch vielfältig wie nur wenige andere Werke der aktuellen Lyrik.

 


Bilder einer großen Liebe

27. Februar 2016

Und der Traum geht so: Fatih Akin geht über den roten Teppich, er trägt eine grüne Adidas-Jacke. Vielleicht steht die Autonama Spalier. Die trägt dann auch grün. All die anderen, die beim Film dabei waren, folgen Fatih. Alle sehen sehr glücklich aus, in manche Augen mischen sich ein paar Tränen.

Als der Film zu Ende ist, herrscht eine Sekunden Stille, bevor tosender Applaus losbricht. Alle erheben sich, alle jubeln. Nur weit vorne, so in der dritten, vierten Reihe bleiben ein paar Menschen sitzen: Carola Wimmer, Kathrin Passig, Marcus Gärtner und noch ein paar. Sie mögen nicht aufstehen. Sie lassen die anderen jetzt feiern. Sie gönnen das den anderen. Sie winken Fatih zu, als er sich im Rausgehen nach ihnen umdreht. Er sieht in ihre Augen, er sieht auf seine Jacke und weiß, dass er alles richtig gemacht hat.


Nora Gomringer: Morbus

6. Februar 2016
In memoriam Frank Möbus

In meinem Bücherregal ist der Buchstabe ‚G‘ besonders spannend. Ich habe schon länger den Eindruck, dass die Nachbarschaften, die ich hier regelmäßig bestaune, kein Zufall sind. George neben Gernhardt, das ist nicht frei von Ironie. Im Zentrum von ‚G‘ die Reihe meiner vier G-Olympier: Goethe, Goetz, Goldt, Gomringer. Aus der Ferne blinzelt Grünbein und wäre auch gern dabei, aber an den kraftstrotzenden Grass und Grimmelshausen kommt er natürlich nicht vorbei. Aber selbst die bilden keine direkte Allianz (auch wenn sie das im Geiste natürlich tun): Grillparzer, der kleine Frechdachs, hat sich heimlich dazwischen geschummelt.

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(c) Marco Rasch/LZG Gießen

Allein schon angesichts dieser Konstellation könnt ihr euch denken, dass ich es als großes Glück empfand, Anfang des Jahres eine Lesung von Nora Gomringer moderieren zu dürfen. Zur Vorbereitung habe ich natürlich ihren neuen Gedichtband Morbus gelesen. Wie sein Vorgänger Monster Poems sind in dem Buch wieder 25 thematisch zusammenhängende Gedichte versammelt (ergänzt werden beide bald noch um einen dritten Band mit 50 Gedichten zur Mode). Wie bei den meisten Büchern von Nora Gomringer üblich, liegt wieder eine CD bei, auf der eine Lesung ihrer Gedichte zu hören ist. Außerdem ist das Buch wie schon Monster Poems wunderbar vom Graphiker Reimar Limmer gestaltet. Ein richtiges kleines, feines Gesamtkunstwerk, das sogar noch denen zu empfehlen ist, die Nora Gomringer schon live erlebt haben.

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(c) Marco Rasch/LZG Gießen

Der Abend war ein voller Erfolg und hat sehr viel Spaß gemacht. Im Anschluss sind mir noch einige Gedanken zu der Lesung durch den Kopf gegangen, die vielleicht des Aufschreibens wert sind.

Bei der Lektüre von Morbus wurde mir klar, wie immer vielfältiger und auf angenehme Weise artifizieller Noras Gedichte werden. In Kritiken und in Gesprächen über sie wird gerne ihre Nähe zum Poetry Slam betont. Ihre großartig performten Auftritte (gerne auch zusammen mit anderen starken Live-Künstlern wie dem Wortartensemble) und die den Gedichten beiliegenden CDs scheinen das zu bestätigen. Da einige ihrer Gedichte zudem, obwohl in Summe vielmehr von feiner Ironie durchzogen, immer mal auch vor einer fetten Pointe nicht zurückschrecken, scheint der Hinweis auf die Slam-Tradition zu überzeugen.

Aber man muss sich nur Gomringers Lesung beim Gewinn des Bachmann-Preises ansehen, um zu wissen, dass sie auch ganz anders kann. Da begegnet uns eine konzentrierte, die eigene Sprache und das eigene Sprechen herausragend beherrschende Dichterin, die zugleich mit ihrer Kunst die Welt außerhalb ihrer Literatur reflektiert und ihren Facettenreichtum hörbar macht.

Was mich bei ihren Gedichten schon früh interessiert hat, ist ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust (z.B. „Und es war ein Tag. Und der Tag neigte sich“). Gomringer macht das nicht nur, indem sie die Erinnerung an den Holocaust mittels ihrer Lyrik immer wieder wachhält, sondern auch indem in ihren Gedichten immer wieder die Lyrik etwa einer Nelly Sachs oder Rose Ausländer nachklingt – ein Singbarer Rest gewissermaßen. Diese sprachliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust findet sich in Morbus wieder, in dem Gedicht über Typhus (Die Mädchen in Bergen-Belsen), das sich den Schwestern Anne und Margot Frank widmet („lange verborgen unter den Sternen, / mit wenig mehr als einer Stimme bedeckt.“).

Die große Kunst dieses Buches ist freilich, dass es gleichwohl kein trauriges Buch ist, wie man anhand dieses Beispiels und des Titels vermuten mag. Vielmehr ist es gerade angesichts der Nachdenklichkeit eine Verneigung vor dem Leben, ohne das es schließlich keine Krankheiten gäbe. So sind dann andere Gedichte putzmunter. In Herpeswaltz etwa hüpfen erst kleine Daktylen herum („Ich küss dich / Du küsst mich“), bis es anfängt zu jucken und der walzerhafte Takt jäh erstaunt (und metrisch kaum mehr eindeutig bestimmbar) abbricht: „Was tun wir jetzt“ – heißt es, eine Frage ohne Fragezeichen. Ratlosigkeit. Am Ende findet das Gedicht seinen Takt wieder, aber die Konstellation hat sich verändert: Die Tanz geht weiter, aber nicht mehr mit demselben Partner: „Aus mit uns“.
Dass ich mich angesichts solcher Verse von Nora zum nächsten Tanz auffordern lasse, wenn Mode erscheint, ist jetzt schon klar.

 

 


Leseliste November

1. Dezember 2015

9.11.2015 Christian Fürchtegott Gellert: Leben der schwedischen Gräfin von G***. Hg. v. Jörg-Ulrich Fechner. Stuttgart 2012. Habe ich für mein Einführungsseminar gelesen. Lustigerweise habe ich das Buch zum ersten Mal in einem Proseminar zu Beginn meines Studiums gelesen.

11.11.2015 Martin Luther: An den christlichen Adel deutscher Nation. Von der Freiheit eines Christenmenschen. Sendbrief vom Dolmetschen. Hg. v. Ernst Kähler. Stuttgart 2012. Habe ich für mein Frühneuzeit-Seminar gelesen. Zugleich eine willkommene Vorbereitung auf einen Vortrag in der kommenden Woche.

23.11.2015 Michel Houellebecq: Unterwerfung. Aus dem Franz. von Norma Cassau, Bernd Wilczek. Köln 2015. Ein Versuch, mich irgendwie dem 13.11. zu stellen. Aber da der Roman nicht mehr als ein paar Altherren-Phantasien zusammenfabuliert, ist der Versuch gescheitert. Völliges Unverständnis für die Begeisterung über den Roman in der Kritik.

27.11.2015 Marcel: Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bd. 2: Im Schatten junger Mädchenblüte. Übers. u. Anm. Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart 2014. Die Fortsetzung von meinem Vorhaben, mich umfassend in Prousts Jahrhundertroman einzulesen.

29.11.2015 Henry D. Thoreau: Kap Cod. Mit einem Essay von Illja Trojanow. Wien 2014. Am 28.11. begonnen, gleich abgeschlossen. Eine Mischung aus Impressionen zur Halbinsel vor Boston und aus enzyklopädischen Details zur ihrer Geschichte. Zugleich eine schöne Erinnerung an meiner Urlaub dort vor drei Jahren. Trojanows Einleitung bringt die Insel heute auf den Punkt.

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Leseliste Oktober

1. November 2015

1.10.2015 Julie Birmant, Clément Oubrerie: Pablo. Teil 2: Apollinaíre. Berlin 2013. Zweiter Band der wunderbaren Graphic-Novel-Biographie von Picasso, die ich im August begonnen habe.

15.10.2015 Robert L. Stevenson: Die Schatzinsel. Hg. u. neu übers. v. Andreas Nohl. WBG-Lizenzausg. München 2013. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Roman schon gelesen habe. Immer wieder eine Freude. Zumal diese Ausgabe vorbildlich mit Skizzen und Anmerkungen ergänzt ist.

22.10.2015 Jean-Yves Frei, Didier Conrad: Der Papyrus des Cäsar. Berlin, Köln 2015. Besser bekannt als Asterix 36.

25.10.2015 Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. 25. Aufl. Frankfurt/Main 2013. Hatte ich schon mal für ein Projekt gelesen, jetzt erneut für ein Seminar.


Grunewald, Wannsee…

28. Oktober 2015

Grunewald, Krumme Lanke, Schlachtensee, Wannsee, eine Landschaft, die mich schon heute, kaum haben wir die Fahrkarten bestellt, mit sicherem Heimweh erfüllt. Was ist es? Die Kiefern im Sand, der Himmel zwischen den Kiefern, die Luft, die spröde Weite – jedenfalls fühle ich mich unbändig wohl, man kennt sich selber nicht, oft versteige ich mich zur fixen Idee, daß ich in dieser Luft ein anderer, ein durchaus fröhlicher und sprühender Kerl geworden wäre, komme mir vor wie ein Fisch gesetzteren Alters, der eines Tages, Gott weiß wieso, nicht mehr im Aquarium ist mit den spärlichen Bläschen, sondern im fließenden Wasser! Ha! denkt er …

Max Frisch: Tagebücher 1946-1949. Fankfurt/M. 1950, S. 204.


Nihilismus

22. Oktober 2015

Das Wort, womit man zur Zeit am meisten Unfug treiben kann, heißt Nihilismus – man muß nur durch unsere Zeitungen blättern, und schon haben sie wieder einen! Sartre ist einer, Wilder ist einer, Jünger ist einer, Brecht ist einer … Wahrlich ein verbindendes Wort! Ich sehe sie förmlich, unsere Rezensenten zweiten Ranges, sie stöbern wie mit einer Flitspritze umher, und kaum erschreckt sie etwas Lebendiges, spritzen sie mit geschlossenen Augen:
„Nihilismus, Nihilsmus -“

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt/M. 1950, S. 192.

So hat denn jede Zeit ihre Sau, die sie durchs Dorf treibt. Nur hat nicht jede Zeit solche Schriftsteller.


Dilettanten

13. Oktober 2015

Nur wer das Schöne selber vermag, scheint es, erträgt auch den Anblick des Häßlichen, und zwar so, daß er es darstellen kann.
Woran verrät sich der Dilettant?
Seine Gegenstände sind immer schön.

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt/M. 1950, S. 193.

Besser kann man nicht auf den Punkt bringen, warum die Genialen Dilletanten keine Dilettanten waren.