„Was Frauen schauen“

17. September 2015

Letzte Woche habe ich Jonathan Safran Foers Extrem laut und unglaublich nah gelesen und mir gleich auch die Verfilmung mit Tom Hanks und Sandra Bullock besorgt. Auf der Schutzfolie der DVD prangte ein runder Aufkleber: „Was Frauen schauen“.

Was soll das sagen?
Vielleicht: In dem Film geht es um Themen, die Frauen interessieren?
Vielleicht auch: Die Film-Ästhetik ist irgendwie ‚weiblich‘?

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Über das bescheuerte Gendering der Werbeindustrie ist in den letzten Jahren schon viel geschrieben worden. Das will ich hier nicht wiederholen, auch wenn mich rosa Überraschungseier, Lego Friends und vermeintliche „Frauen“-Romane immer noch fassungslos machen. Der Aufkleber bestätigt diesen Eindruck, weil er im Hinblick auf den Film schlicht sinnlos ist. Erzählt wird die Geschichte von Oskar, der einige Dinge über seinen Vater herauszubekommen versucht. Der Vater ist 9/11 im World Trade Center gestorben. Oskar hatte ein sehr intensives Verhältnis zu seinem Vater. Der Film hat zwar (wie der Roman) ein einigermaßen versöhnliches Ende, aber er verhandelt weder Themen, die Männer weniger interessieren als Frauen, noch ist die Darstellungsweise irgendwie ‚weiblich‘ (wobei mir da vielleicht auch schlicht die Phantasie fehlt, wie das aussehen könnte).

Warum also dieser Aufkleber? Natürlich hätte ich es besser gefunden, wenn statt „Was Frauen schauen“ auf dem Aufkleber gestanden hätte: „Nach dem Roman von Jonathan Safran Foer“. Das wäre aus meiner Sicht auch deswegen angesagt gewesen, weil sein Name auf dem durchaus textlastigen DVD-Cover nicht zu finden ist. Dass sich die Werbeleute anders entschieden haben, sagt viel über den Status des Autors im Film aus.

Ich habe am letzten Freitag im Theater Osnabrück eine Inszenierung von Foers Roman gesehen. Sein Name war sowohl im Spielplan als auch auf dem und im Programmheft präsent. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, nur die Namen der Regisseurin (Annette Pullen!) und der Schauspieler zu nennen und dann auf die Werbeplakte für die Inszenierung „Was Frauen schauen“ zu texten. Doch habe ich mich nicht nur über mangelnde Anerkennung von Foers Werk geärgert. Er wird für die Rechte königlich honoriert worden sein, so dass diese Petitesse gewiss abgegolten ist. Nein, vielmehr geärgert hat mich, weil dadurch wichtige künstlerische Dimensionen des Films unterschlagen werden – also z.B. wie sich der Film zum Roman verhält (mal ganz davon abgesehen, dass der Roman seinerseits eine Verneigung vor Grass‘ Blechtrommel ist, was wiederum der Film unterschlägt).

Durch „Was Frauen schauen“ wird der Film auf eine völlig abwegige Rezeption reduziert und in seinem künstlerischen Anspruch verachtet. Der Aufkleber gendert also nicht nur unangemessen einen guten Hollywood-Film und diskriminiert Männer, indem er behauptet, dass sie sich für die Themen, die in dem Film verhandelt werden, nicht interessieren. Vor allem spricht aus ihm fehlende Wertschätzung für die künstlerische Leistung des Films selbst. Das nennt man wohl Bärendienst.

 


Wiederlesen

9. September 2015

Wie sehr es sich lohnt, ein gutes Buch nicht nur einmal zu lesen, wird oft betont. Das ist natürlich nicht nur bei Büchern so, sondern auch bei Filmen, Serien, Theateraufführungen sowie bei besonderen Ereignissen. Als ich vor einigen Monaten angefangen habe, The Wire erneut zu schauen, ist mir erst aufgefallen, wie sehr die ganze Serie von Beginn an durchkomponiert ist und wie sehr schon zu Beginn Handlungsfäden und Motive angelegt sind, die erst viel später, teilweise sogar in späteren Staffeln wieder aufgeommen werden. Dass mir das jetzt klar wurde, lag daran, dass ich nun schon wusste, wie die Handlung verläuft, und mich darauf wohl nicht mehr so konzentriert habe, sondern meine Aufmerksamkeit mehr auf Details richten konnte.

Ähnlich verhält es sich, wenn man an einen Ort kommt, den man schon kennt und an den man bemerkenswerte Erinnerungen hat. Das können Sehenswürdigkeiten oder Naturschauspiele sein. Vor allem aber gilt das, so mein Eindruck, für Orte, die für den Besuch konzipiert sind – wie Museen oder Galerien, vielleicht auch öffentliche Plätze und Parks. Dorthin geht man auch beim zweiten oder dritten Mal sehr gern, weil man immer wieder Neues zu entdecken hofft. Mein Lieblingsmuseum ist das Berliner Naturkunde-Museum, dessen Weiterentwicklung ich seit vielen Jahren verfolge und das ich immer besuche, wenn sich dazu irgendwie die Gelegenheit bietet.

IMG_3353IMG_3388IMG_3361Anders verhält es sich, so mein Eindruck, wenn man seine eigenen Bücher, Aufsätze oder Kritiken nach einer Weile wieder in die Hand nimmt. In den meisten Fällen scheint es mir so zu sein, dass man mit dem, was man früher mal geschrieben hat, sehr unzufrieden ist. Das kennt jeder, der im Keller schon mal alte Schulhefte aus der Abi-Zeit oder die ersten Arbeiten aus dem Studium in die Hand genommen hat. Hefte und Mappen aus der Grunschulzeit sind noch niedlich. Für Ergüsse, die man als Erwachsener verbrochen hat, fühlt man sich hingegen zeitlebens verantwortlich, auch wenn das Verbrechen vielleicht längst verjährt ist.

Hinzu tritt noch eine zweite Erfahrung – nämlich die, dass man nicht nur die eigenen Gedanken banal und schlecht formuliert findet, so dass man sich dafür schämt, sondern dass zudem die Erinnerung an die Ereignisse um den Text herum wieder aufkommen.

Gestern habe ich einen Vortrag wieder gelesen, den ich vor sehr langer Zeit auf einer Tagung gehalten habe. Ich suchte darin nach einigen Informationen, von denen ich wusste, dass ich sie seinerzeit im Manuskript notiert hatte. Interessanterweise konnte ich mich zunächst gar nicht auf den Aufsatz selbst konzentrieren Als ich ihn auf dem Bildschirm aufrief, fiel mir erst einmal ein sehr unangenehmer Moment ein: ein Frühstück an einem Morgen der Tagung im Hotel „Stadt Hannover“ in Göttingen (an sich eine schöne Erinnerung, da es keins dieser sterilen Tagungshotels ist). Ich setzte mich an den Tisch eines französischen Kollegen. Zu meiner Überraschung sprach er weder Deutsch noch Englisch (auf der Tagung war am ersten Tag nur auf Deutsch und Englisch vorgetragen worden) und seine Bereitschaft, sich auf mein radebrechendes Minimal-Französisch einzulassen, bewegte sich an der Grenze zur Unhöflichkeit.

Das fiel mir also wieder ein, als ich den Aufsatz in einem seit Ewigkeiten nicht mehr geöffneten Ordner aufrief und noch bevor ich mich in dem Text auf die Suche nach der Information machte. Deswegen war ich dann beim Durchblättern auch erst einmal etwas unkonzentriert. Immer wieder tauchten Erinnerungen an die Tagung auf. Nur langsam begann ich zu lesen, und allmählich machte sich Überraschung breit über das, was ich da las.

An viele Details konnte ich mich gar nicht mehr recht erinnern. Es ging mir also ganz anders als beim Wiedersehen von The Wire. Meine eigenen Gedanken waren mir vielleicht nicht unbekannt, überrascht war ich über das, was da stand, nicht. Aber alles schien mir gewissermaßen abgelegt. Ganz so, als habe mein Gehirn sich gesagt, dass es sich das nicht alles merken muss, da das ja alles schon aufgeschrieben ist und also gut wiedergefunden werden kann. Die übliche Scham-Erfahrung setzte nicht ein, sondern vielmehr die Freude darüber, dass das damals Geschriebene gar nicht so dumm war, wie ich zunächst befürchtet hatte.

Die Frage, die ich mir nun seit gestern stelle, ist, ob der Aufsatz einfach eine glückliche Ausnahme von der Regel ist, dass man die eigenen Texte später für ziemlich belanglos hält. Vielleicht war ich schlicht milde mit mir gestimmt, weil ich mich daran erinnerte, wie tapfer ich das unangenehme Frühstück vor dem Vortrag überstanden hatte?

Vielleicht aber ist der Aufsatz auch gar keine Ausnahme und ich meine alten Texte einfach mal wieder lesen. Vielleicht mache ich dann ähnlich gute Erfahrungen wie im Frühjahr, als ich The Wire erneut gesehen habe.

Vielleicht aber richte ich mich auch bequem in meiner Erinnerung an diesen einen Morgen ein, als ich diesen einen Aufsatz wieder gelesen habe, und verkläre ihn zu einem wunderschönen Morgen, den Morgen einer kleinen Entdeckung.


Leseliste August

1. September 2015

2.8.2015 Albertus Seba: Cabinet of Natural Curiosities. Das Naturalienkabinett. The Complete Plates in Colour 1734-1765. Reprint Köln 2015. Im Urlaub war ich bei Deyrolle in der Rue du Bac, Paris. Mein erster Besuch bei einem Tierpräparator, der zugleich ein begehbares Naturalienkabinett ist. Als Erinnerung an diesen Besuch habe ich mir dort dieses Buch gekauft. Dokumentation einer beeindruckenden Privatsammlung eines Amsterdamer Apothekers aus dem 18. Jahrhundert, eine Sammlung an der Grenze zwischen wissenschaftlicher Neugier und ästhetischem Interesse.

5.8.2015 Eugen Ruge: Cabo de Gata. Reinbek bei Hamburg 2013. Habe ich im letzten Jahr geschenkt bekommen. Im Urlaub konnte ich mir den Roman endlich vornehmen, bin sehr angetan und habe ihn heute in einem Rutsch durchgelesen. Tolles Buch, komisch und trotzdem sehr intelligent. Hat mir viel besser gefallen als Ruges viel gepriesener Roman In Zeiten abnehmenden Lichts, den ich im März gelesen habe.

7.8.2015 sowie 12.8.2015 Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken 792 bzw. 793 (69. Jg., Mai bzw. Juni 2015). Habe den Merkur für drei Ausgaben zur Probe bestellt. Lese ihn ja eh immer gerne. Aber meist komme ich dann nicht hinterher. Ist auch jetzt wieder der Fall. Aber im Urlaub waren die Hefte dann ideal für die erste Morgenlektüre mit Blick auf den Atlantik. Besonders das Juni-Heft mit seinen Auslassungen über die deutsche Hochschullandschaft. Schade nur, dass wie meist der Blick auf die Geistes- und Sozialwissenschaften das Bild bestimmt. Liegt mir ja nicht, doch machen sie natürlich nicht ‚die‘ Universität aus, sondern sind nur ein Teil von ihr.
Überzeugend besonders der Aufsatz von Ekkehard Körner zur Literaturkritik.

8.8.2015 Le Corbusier. Mesures de l’homme. Hrsg. v. D’Olivier Cinqualbre, Frédéric Migayrou. Paris 2015. Reichhaltig bebilderter und kommentierter Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die ich in Paris besucht habe.

25.8.2015 Julie Birmant, Clément Oubrerie: Pablo. Teil 1: Max Jacob. Berlin 2013. Erster Band der wunderbaren Graphic-Novel-Biographie von Picasso. Zugleich eine schöne Erinnerung an meinen Urlaub, den ich zum Teil in (auf?, am?) Montmartre verbracht habe.
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28.8.2015 Christine Kutschenbach, Falko Schmieder (Hg.): Von Kopf bis Fuß. Bausteine zu einer Kulturgeschichte der Kleidung. Berlin 2015. Eine Sammlung von 50 Essays zur Kleidung vom Adamskostüm bis zum Trainingsanzug; in der Mitte zudem einige Collagen von D.M. Nagu zum Thema. Habe zu diesem Buch einen Aufsatz zur Barbourjacke beigetragen und es dann gleich gelesen, als das Belegexemplar kam. Zum Buch gab’s im RBB mit der Herausgeberin ein Interview.

31.8.2015 David Greig: Die Ereignisse. Bühnenmanuskript. Reinbek bei Hamburg 2013. Das Stück hatte im November 2013 in Wien Premiere. Ich werde mir die Inszenierung in Münster anschauen. Werde dann berichten, wie es war.


Leseliste Juli

1. August 2015

3.7.2015 Heinrich von Kleist: Hinterlassene Schriften. Hg. v. Ludwig Tieck. Berlin 1821. Hatte ich schon mal für meine Reclam-Ausgabe der Herrmannsschlacht durchgearbeitet. Jetzt erneut für einen Vortrag, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe. Ergänzend dazu habe ich in diesen Tagen auch längere Blicke in die beiden anderen Kleist-Ausgaben, die Tieck besorgt hat (Gesammelte Schriften, 1826, und Ausgewählte Schriften, 1846/47), geworfen.

10.7.2015 Roger Paulin: Ludwig Tieck. Stuttgart 1987. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

12.7.2015 Marek Zybura: Ludwig Tieck als Übersetzer und Herausgeber. Zur frühromantischen Idee einer „deutschen Weltliteratur“. Heidelberg 1994. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

13.7.2015 Claudia Stockinger, Stefan Scherer: Ludwig Tieck. Leben – Werk – Wirkung. Berlin 2011. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

13.7.2015 Steffen Martus. Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Berlin 2007. Habe ich für einen Vortrag durchgearbeitet, den ich am 15.7. in Gießen gehalten habe.

23.7.2015 Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 2/2015 (62. Jg.). Themenheft Plagiat. Hg. v. Mark-Georg Dehrmann, Heinrich Kaulen. Interssante historische und aktuelle Einführungen in dieses derzeit so wichtige Thema. Was mich immer wieder nur nervt, ist, wie eng das Thema ‚Selbstplagiat‘ verhandelt wird. In dem Heft werden die urheberrechtlichen Fragen dazu hervorragend aufgearbeitet. Anders sieht es mit der unterschwelligen Ächtung dieses Themas aus. Die ist meines Erachtens in den meisten öffentlichen Äußerungen derart unterkomplex und unpragmatisch, dass ich immer wieder nur den Kopf schütteln kann. Man spiele die fixe Idee des Selbstplagiats z.B. mal an der Architektur Mies van der Rohes durch.
Sehr gut in dem Heft übrigens der Artikel von Iris Winkler zur Erwartungshaltung von Lehramtsstudenten an das Deutsch-Studium: „Im Übrigen sind sie der Auffassung, dass man Schubkarre-Schieben am besten durch Schubkarre-Schieben lernt.“ (S. 199)

24.7.2015 Trajekte 28 (April 2014). Das immer wieder wunderschöne Heft des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Diese Ausgabe mit einem stadtgeschichtlichen Schwerpunkt zum alten Zeitungs- und Verlagszentrum Berlins (rund um die Schützenstraße, wo das ZfL seit einigen Jahren beheimatet ist).


Leseliste Juni

3. Juli 2015

4.6.2015 Gotthold Ephraim Lessing: Lessings Werke. 6 Teile. Hg. v. Julius Petersen in Verbindung mit F. Budde, W. Oehlke, W. Olshausen, W. Riezler, E. Stemplinger. Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. (1907/08). Habe natürlich nicht die gesamte Ausgabe durchgelesen, sondern mich grundlegend mit der Konzeption der Ausgabe, ihren Überlegungen zur Textkritik und ihren Kommentierungsverfahren befasst. Benötigte ich für einen Vortrag, den ich jüngst am ZfL in Berlin gehalten habe.

6.6.2015 SpielRäume. Theaterstücke für junge Leute. erarbeitet von Gabriela Paule. Braunschweig 2010. Begonnen am 1.4.2015, nutze ich in meinem Seminar zur Jugenddramatik. Gibt einen guten Einblick in das Genre.

17.6.2015 Maja Haderlap: langer transit. Gedichte. Göttingen 2014. Hatte vor ein paar Woche die Lesung von Haderlap in Gießen besucht. Tolle Leserin. Auch hat mich beeindruckt, wie sie über Ihre Gedichte sprach. Der Eindruck des Buches ist etwas gemischter. Insbesondere die autopoetischen Gedicht sind sehr überzeugend, die stärker narrativen Gedichte zu ihrer Heimat sagen mir (mutmaßlich mangels Kenntnis) weniger.

25.6.2015 Ernst Wendt: Moderne Dramaturgie: Bond und Genet; Beckett und Heiner Müller; Ionesco und Handke; Pinter und Kroetz; Weiss und Gatti. Frankfurt/M. 1974. Sehr gute Bilanz der Dramatik in den ersten 25 Jahren nach dem zweiten Weltkrieg vom Mitbegründer von Theater heute, der später dann ein erfolgreicher Dramaturg und Regisseur war. Habe ich für einen Abend, den ich Ende Juni in Berlin mitveranstaltet habe, gelesen.

Insgesamt dominiert das Schreiben derzeit das Lesen. Auch nicht schlecht.


Leseliste März

1. April 2015

12.3.2015 Lily Tonger-Erk: Actio. Körper und Geschlecht in der Rhetoriklehre. Berlin/Boston 2012. Begonnen Anfang des Jahres. Habe ich für die Das achtzehnte Jahrhundert rezensiert. Deswegen hier kein Vorgriff auf das Ergebnis.

13.3.2015 perspektive. hefte für zeitgenössische literatur 80/81. Hatten mir die Mitglieder von TexteTotal nach dem Abend zur Beißhemmung im Deutschen Theater zugeschickt. Habe ich jetzt am Tag, nachdem Jan Wagner den Buchpreis bekommen hat, beendet. Das Heft endet mit einer starken Polemik gegen ein Gedicht von Wagner. Nette Fügung.

15.3.2015 Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. Reinbek bei Hamburg 2011. Begonnen am 1.2.2015, mit dem Roman hatte ich mich vorher schon mal im Rahmen einer wissenschaftlichen Hausarbeit befasst. Erzählanalytisch ganz nett, aber so richtig hat sich mir die Begeisterung für den Roman nicht erschlossen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit Ingo Schulzes Simple Storys den Eindruck habe, dass den Romanautoren, die sich dem Thema DDR-Geschichte/Wende widmen, immer nur weitere soziale Konstellationen einfallen, nie aber wirklich spezifische erzählerische Zugriffe.

20.3.2015 Arthur Schnitzler: Der Weg ins Freie. Roman 1908. Frankfurt/M. 1990. Habe ich vor ungefähr einem Jahr auf einem Wühltisch gefunden, gekauft und auch gleich begonnen. Doch habe ich mich in den letzten Jahren durch kein Buch mehr gequält als durch diesen Roman. Bin froh, dass er jetzt ins Bücherregal wandert und nicht mehr neben dem Bett herumlungert.

27.3.2015 Lutz Hübner: Das Herz eines Boxers. Ein Jugendtheaterstück. Texte und Materialien. Stuttgart, Leipzig 2009. Heute begonnen. Zur Vorbereitung eines Seminars zur Jugenddramatik gelesen. Kommt in die engere Auswahl für den Seminarplan.

29.3.2015 Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend. München 2013. Hatte ich mir nach dem Nobelpreis für Modiano besorgt, weil ich noch nie was von ihm gelesen habe. Erinnerungen an das Paris der 60er Jahre, von dem ich offenbar so gut wie nichts weiß. Ähnlich wie Rezas Glücklich die Glücklichen aus verschiedenen Perspektiven erzählt, so dass man schon mal die Orientierung verliert. Aber nicht lapidar und ironisch wie Reza, sondern ruhig und melancholisch.

30.3.2015 Michael Eskin, Karen Leeder, Christopher Young (Eds.): Durs Grünbein. A Companion. Berlin/Boston 2013. Begonnen am 13.3. Habe ich für Arbitrium rezensiert. Deswegen hier kein Vorgriff auf das Ergebnis.


Leseliste Januar

31. Januar 2015

Im Blog Notizhefte von Norman Weiß finden sich regelmäßig prägnant kommentierende Einträge zu dem, was er zuletzt gelesen hat. Das hat mich motiviert, etwas Ähnliches zu versuchen – allerdings mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Norman listet auf, was er privat liest (beeindruckend viel übrigens). Beim kleinen Philologen lässt sich private Lektüre von der professionellen nicht einfach trennen. Deswegen habe ich Anfang des Jahres begonnen, die Bücher und Zeitschriften, die ich (weitgehend) vollständig gelesen habe, aufzulisten, um dieses Ineinander von ‚privat‘ und ‚beruflich‘ zu dokumentieren.

8.1.2015: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Roman. In der Fassung der EA mit Anhang und einem Nachw. hg. v. Thomas F. Schneider. 2. Aufl. Köln 2014. Gelesen in drei Tagen für mein MA-Seminar zum Ersten Weltkrieg. Vollständig habe ich den Roman vorher nicht gelesen, allerdings hatte ich zuvor schon das von August Diehl sehr gut gelesene Hörbuch ganz gehört.

9.1.2015: Alexander von Schönburg. Smalltalk. Die Kunst des stilvollen Mitredens. Berlin 2015. Gelesen seit dem 5.1. Hatte mich im Herbst für einen Vortrag mal wieder mit den einst jungen Herrn von Tristesse royale beschäftigt. In den kommenden Wochen steht die Ausarbeitung des Vortrags an. Als jetzt von Schönburgs Buch erschien und ich mich an einige konversationsmäßig gruselige Runden der letzten Zeit erinnerte (sie bestätigten auf erschreckende Weise Bohrers Provinzialismusthese), musste ich es einfach haben. Der Gute dampfplaudert auf 300 Seiten – elegant, nicht ganz so pointiert wie es von Stuckrad-Barre beherrscht, aber mit dem Herz am rechten Fleck. Man wünscht sich einen langen Club-Abend mit ihm – idealerweise in seinem Lieblingshotel in Manhattan.

15.1.2015: Das Januar-Heft vom Merkur. Gelesen seit dem 6.1. Der Herausgeber Christian Demandt hatte mir nach unserer gemeinsamen Veranstaltung im Dezember vom Relaunch der Zeitschrift erzählt. Deswegen habe ich sie mir gleich besorgt – den meisten Aufsätzen des Heftes entsprechend übrigens in der elektronischen Fassung, so dass ich zur neuen Haptik des Hefts leider nichts sagen kann. Hole ich nach. Die Artikel des Hefts haben das bekannte (= außergewöhnlich gute) Niveau. Besonders spannend fand ich den Artikel über das Goethe-Haus in Weimar. War dort während es Studiums wiederholt. Die Führungen damals stellen sich nach der Lektüre jetzt ganz anders dar.

16.1.2015: James Turner: Philology. The Forgotten Origins of the Modern Humanities. Princeton, Oxford 2014. Begonnen irgendwann Ende letzten Jahres. Habe ich mir nicht nur aus allgemeinem Interesse beschafft, sondern weil ich derzeit an einigen philologischen Fragen sitze. Da schien mir eine derartige Synopse sehr hilfreich. Das Buch überzeugt besonders deswegen, weil es anders als in den meisten deutschen Darstellungen zur Philologiegeschichte die Bibelphilologie berücksichtigt. Fluchtpunkt ist, wie der Untertitel besagt, die Entstehung der angloamerikanischen Humanities im frühen 20. Jahrhundert. Deswegen wird die deutsche Philologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen – und zwar als zentrale Bezugsgröße für die Philologie in Großbritannien und Amerika; dann auch die Entstehung der Kunstgeschichte und weiterer Disziplinen. Interessant wäre – den genealogischen Zugriffs Turners ergänzend – ein Vergleich zwischen den deutschen Geisteswissenschaften und den Humanities.

16.1.2015 Dieter Burdorf: Die Zukunft der Philologien. Heidelberg 2014. Begonnen am selben Tag als ergänzende Lektüre zu Turner. Habe ich teilweise kursorisch gelesen, wie man sich denken kann. Das lag aber nicht an der Qualität der Einzeltexte, sondern daran, dass ich die hier in verschiedenen Beiträgen präzise rekonstruierten Forschungsstände ganz gut kenne. Außerdem habe ich mir erlaubt, Beiträge, die mich fachlich nicht oder kaum berühren, zu überspringen.

25.1.2015 Herman Melville: Billy Budd. Die großen Erzählungen. Hanser 2009. Begonnen irgendwann Anfang Dezember. Habe in den letzten Jahren immer wieder Melville gelesen und in verschiedenen Fassungen gehört (Moby Dick natürlich, dann aber auch die Gedichtsammlung John Marr). Beeindruckend gute Erzähler, der mich immer wieder an einen wunderschönen Urlaub an der Ostküste vor zwei Jahren erinnert.

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30.1.2015 Christoph König: „O komm und geh“. Skeptische Lektüren der Sonette an Orpheus von Rilke. Göttingen 2014. Begonnen irgendwann Anfang Dezember. Das Buch interessierte mich nicht nur deswegen, weil ich derzeit an einem Rilke-Projekt mit dem Verfasser sitze. Noch mehr interessierte mich, was er im Titel „skeptische Lektüren“ nennt. König hat schon an verschiedenen Orten seine an Szondi und Bollack geschulte philologische Hermeneutik ausgeführt. Hier kommt sie erstmals umfassend zur Anwendung. Ein beeindruckend dichtes Buch.

31.1.2015 Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Eine Liebe Swanns. Teil 1. Adaptiert und gezeichnet von Stéphane Heuet. München 2012. Begonnen schon vor dem Jahreswechsel, gestern Abend habe ich die zweite Hälfte gelesen. Vor einigen Monaten hatte ich mir vorgenommen, Prousts epochales Werk Stück für Stück kennenzulernen. Die Idee ist, das auf dreierlei Weise zu machen: erst lese ich ein Buch, dann höre ich es als Hörbuch, um es schließlich in der Comic-Fassung vom Münchener Knesebeck-Verlag zu lesen. Bin gespannt, wie weit ich damit komme.


24. November 2014

IMG_30703. Juni 1937 – 22. November 2014