Überforderungen

15. Februar 2010

Am Wochenende habe ich das kurzweilige, insgesamt leider etwas oberflächliche Buch The Numerati von Stephan Baker, der auch ein großartiger blogger ist, über das Anschwellen des Datenmaterials und dessen vielfältige und beängstigende Wirkung gelesen.

Im Kapitel über blogs zitiert Baker einen Analytiker: „Sarcasm […] stumps the machine on a regualr basis.“ (S. 113) Im Folgenden führt er aus, warum Programme zur Analyse von Meinungsbildung in blogs zumindest derzeit noch an ihre Grenzen kommen. Sie sind nämlich meistens überfordert, Aussagen als Ironie, Spott oder Sarkasmus zu verstehen, weil sie die unterschwellige Markierung der dabei erfolgenden Bedeutungsumkehr normalerweise nicht erkennen.

Vermutlich sind uns also die Maschinen schon viel näher als wir uns das eingestehen. Schließlich verstehen auch die meisten Mitmenschen ironische Äußerungen nicht.


Nachspielzeit

12. Februar 2010

Vorgestern hatte ich an dieser Stelle ja schon ein wenig für die Lesung von Albert Ostermaier hier in Gießen geworben und dabei auf den Brecht-Preis hingewiesen. Christine Dössel hat gestern eine ganz wunderbare Zusammenfassung des Abends in Augsburg geliefert, den ich allen auch als Nachspiel zu Ostermaiers Auftritt hier sehr empfehle. Wenn ich gestern abend die Stimmung im Theater richtig mitbekommen habe, dann waren sich allerdings alle (außer Albert Ostermaier!) einig, dass Augsburg nicht ins Finale kommt. Und das waren ausschließlich Sympathien-Voten.

War davon auch ganz überrascht, schließlich liegt Gießen nicht gerade in der norddeutschen Tiefebene. Aber das Theater war fest in Werder- und St. Pauli-Hand. Aber irgendwie war das auch zu erwarten. Dabei gibt es noch einen anderen großen norddeutschen Verein, der sogar die Allianz-Arena beherrscht hat.


Cover-Ästhetik

10. Februar 2010

Morgen liest Albert Ostermaier bei Uni TiLt, einem Projekt des Stadttheaters und des Germanistik-Instituts in Gießen. Über Ostermaier wird viel geschrieben. Kritiker schätzen ihn, er bekommt viele Preise (heute den Brecht-Preis der Stadt Augsburg) und er hat offenbar auch viele Leser. Das ist für einen Schriftsteller, der mehrheitlich Lyrik und Dramatik verfasst, nicht selbstverständlich. Ostermaier ist zudem auch vielfach Gegenstand literaturwissenschaftlicher Arbeiten.

Was, so scheint mir, dagegen nur selten beachtet wird, ist die feine Ironie, die sich aber nicht nur durch viele seiner Texte zieht, sondern die sich auch schon auf manchen seiner Schutzumschläge und in den Titeln seiner Bücher widerspiegelt.

So bezieht sich der Titel Heartcore nicht nur ironisch auf ‚hardcore’, also in erster Linie auf Metall oder Drum’n’Base, die beide zum ‚Herz’ so gar nicht passen wollen. Das Titelblatt des Buches nimmt die Musik-Assoziationen auf, indem auf das Titelblatt (wie auch bei mehreren anderen Büchern Ostermaiers) ein runder, schwarzer Aufkleber gepappt ist – mit dem Hinweis „mit HEARTCORE CD“. Damit wird der auf CD-Hüllen in den 90ern übliche Hinweis „mit Textbooklet“ oder „Lyrics mit deutscher Übersetzung“ ironisch verkehrt: Bei Heartcore sind die Gedichte der Kern und die CD das Bonusmaterial. Im Unterschied zu den meisten umfangreichen CD-Booklets der 90er aber, bekommt der Hörer der CD von Ostermaier nicht nur den Kern in einem neuen Medium präsentiert, sondern ein eigenständiges Kunstwerk, das die Lyrik regelrecht remixt. Eigentlich schade, dass das eine solche Wertschätzung des ‚Beiwerks‘ bei keiner meiner längst eingestaubten CDs zu finden ist.


Hass spricht

9. Februar 2010

Vom Schluss von Kleists Hermannsschlacht existieren zwei Varianten. Gemeinsam ist beiden, dass sie mit einem Appell des Germanenfürsten schließen. In der frühen Fassung heißt es:

Und dann – nach Rom selbst muthig aufzubrechen.
Wir oder unsre Enkel, meine Brüder,
Denn eh‘ doch, seh‘ ich ein, erschwingt der Kreis der Welt
Vor dieser Brut der Wölfin keine Ruhe,
Als bis das Raubnest ganz zerstört,
Und nichts als eine schwarze Fahne
Von seinem öden Trümmerhaufen weht!

Dass angesichts des in diesen Zeilen offen zum Ausdruck kommenden Nationalismus das Stück von nationalistischen Schwachköpfen vereinnahmt wurde, kann man sich denken. Was man aber kaum für möglich hält, ist dass Kleist diesen Schluss sogar noch verschärft hat. Der viertletzte Vers lautet in der vollständigen Ausgabe, die 1821 posthum von Ludwig Tieck publiziert wurde:

Vor dieser Mordbrut keine Ruhe,

Die Römer zur Brut einer Wölfin zu deklarieren, war – Roms Gründungsmythos hin oder her – auch zu Kleist Zeit schon keine Höflichkeit. Schließlich hatte ‚Brut‘ auch damals einen eindeutig ‚gehässigen‘ Sinn, wie das Grimmsche Wörterbuch belegt. ‚Mordbrut‘ in der jüngeren Fassung verschärft die Aggression nun schon deswegen, weil die hier angesprochene ‚Brut‘ nach allen Gesetzen der Wortbildung aus dem Mord hervorgeht. Die Römer mutieren am Ende von Kleists Drama also von den Abkömmlingen der Wölfin zu solchen, die aus dem Morden erwachsen sind.

Von Judith Butler kann man lernen, dass hate speech erst wirkungsmächtig wird, wenn sie wiederholt wird. Zumindest die Wendung ‚Mordbrut‘  ist bemerkenswert wirkungslos geblieben. Grimms Wörterbuch kennt als einzigen Beleg diesen Kleist-Vers und selbst die allmächtige Suchmaschine wirft in erster Linie Hinweise auf die Hermannsschlacht aus. Möge ‚Mordbrut‘ in Ewigkeit ruhn!


Historiker unter sich?

8. Februar 2010

Im Januar kam es in der FAZ zu einem kurzen Scharmützel über die Förderung von geisteswissenschaftlichen Projekten. Ausgangspunkt war ein Bericht in der FAZ von Caspar Hirschi über eine wissenschaftsgeschichtliche Tagung des Arbeitskreises „Geschichte der Germanistik“. Darin werden die „Halbwertszeit der förderpolitischen Floskeln“ und der deutsche Sonderfall „thematischer Großforschung in den Geisteswissenschaften“ angegriffen.

Darauf hat – ebenfalls in der FAZ – die DFG-Vizepräsidentin, die Professorin Luise Schorn-Schütte, mit dem Artikel Selbstbedienung ist ausgeschlossen repliziert. Sie wirft Hirschi u.a. vor, er habe „einen „Selbstbedienungsladen DFG““ unterstellt. Nun ist aber in dem Artikel von Hirschi von „Selbstbedienungsladen“ gar nicht die Rede, nicht einmal von ‚Selbstbedienung‘. Die Anführungszeichen im Artikel von Frau Schorn-Schütte markieren also kein Zitat, wie ich erst dachte. Aber was markieren sie dann?

Sie sollen wohl irgendeine Form von Uneigentlichkeit signalisieren. Wenn dem aber so ist, dann nimmt der Artikel an dieser Stelle einen bemerkenswerten Argumentationsverlauf. Erst wird Hirschis Artikel in der Replik auf die Wendung „„Selbstbedienungsladen DFG““ zugespitzt, dann wird die Zuspitzung behandelt, als sei sie ein O-Ton Hirschis und nicht etwa eine Formulierung von Frau Schorn-Schütte: „das muss man nicht kommentieren“, heißt es im Anschluss. Einmal abgesehen davon, dass das vermeintliche Ausbleiben eines Kommentars selbst einer ist: Auf was bezieht sich das „das“? Es kann sich doch wohl nur auf die eigene Zuspitzung beziehen, die die gegnerische Position polemisch verknappt.

Doch nicht nur diese Stelle, auch die Eröffnung des Artikels ist merkwürdig unklar. Frau Schorn-Schütte stellt zunächst kurz Caspar Hirschi vor: Sie nennt sein Arbeitsfeld, seine Nationalität und den Ort, an dem er tätig ist. Was aber hat das mit dem Thema zu tun? In Seminaren ist ein solches Vorgehen oft schlicht Ausdruck von Unsicherheit. Bei Frau Schorn-Schütte kann die sicherlich ausgeschlossen werden. Gleich im folgenden Absatz spricht sie noch einmal vom ‚Historiker Hirschi‘. Was soll das? Ist das hier ein Streit unter Historikern? Geht die Sache Philologen, Kulturwissenschaftler, Theologen usw. nichts an? Wohl kaum.

Hätte Hirschi als Historiker Zweifel an den historischen Überlegungen der Tagung formuliert, hätte er das klar gemacht – mutmaßlich in einer Fachzeitschrift oder in der Rubrik „Geisteswissenschaften“ der FAZ. Die Rubrik, in der sein Artikel erschienen ist, heißt aber „Forschung und Lehre“. Hirschi hat also Kritik an der Wissenschaftspraxis der DFG und anderer Förder-Institutionen formuliert. Dagegen repliziert Frau Schorn-Schütte (verständlicherweise) in ihrer Funktion als Vizepräsidentin der DFG und eben nicht als Frühneuzeit-Historikerin, die sie auch ist.

Was also ist das primäre Anliegen der Replik? Den Selbstbedienungsvorwurf zu entkräften? Stand der denn tatsächlich vor der Replik ernsthaft im Raum? Und warum wird die Biographie von Caspar Hirschi vorgestellt, obwohl sie nichts zur Sache tut? Der Artikel scheint durchsetzt von einem polemischen Subtext, der sich aber nicht so recht fassen lässt. Vordergründig geht es um wissenschaftspolitische Fragen, doch man wird den Eindruck nicht los, dass daneben auch disziplinäre Fragen mitverhandelt werden, ohne dass dies explizit wird. Allein schon deswegen kann man sich nur wünschen, dass es nicht bei diesen beiden Artikeln bleibt, sondern dass aus dem Scharmützel ein handfester Streit wird! Vielleicht verstehen dann ja auch Philologen, um was es hier wirklich geht…


Wahrheit und Streit

5. Februar 2010

In der großartigen Reihe ‚Hörsall‘ vom Deutschlandradio Wissen, über die ja auch schon viel berichtet wurde,  habe ich gestern drei Beiträge aus den 50er Jahren zur Nutzung der Atomkraft gehört. Der erste stammt von Carl Friedrich von Weizsäcker. Er ist leider schon nicht mehr in der Podcastliste des dradios abrufbar. Wofür zahlt man eigentlich GEZ-Gebühren?

Doch wie auch immer. Von Weizsäcker eröffnet seinen Vortrag, in dem er die Trennung der Geistes- und Naturwissenschaften auf Descartes zurückführt und diese Trennung dann auf die Heisenbergsche Unschärferelation bezieht (!), mit der Bedeutung des Streits für die Geisteswissenschaft als Erkenntnismittel der Wahrheitsfindung.

Wenn ich mir nun überlege, was ich letztens im Rückgriff auf Münkler über die Tendenz zunehmend fehlender Streitbereitschaft bei Intellektuellen seit dem 19. Jahrhundert gesagt habe, dann kann die Konsequenz des Verständnisses von Streit, wie es von Weizsäcker hier hat, ja nur sein, dass den Geisteswissenschaften das Interesses an der Wahrheit abhanden kommt bzw. gekommen ist. Doch trifft das zu? Geht es im Streit wirklich nur nur um Wahrheit (und die Frage, was das denn überhaupt ist, lasse ich mal besser gleich außen vor)?

Man streitet bekanntlich nicht nur um die Wahrheit eines Arguments. Streit ist immer auch eine Machtfrage. Das unterschätzt von Weizsäcker in seinem hervorragenden Beitrag entschieden. Dass die sog. Diskussion um die Atomenergie, die ja nichts als ein Streit ist, dafür ein Paradebeispiel par excellence abgibt, dürfte klar sein.

Doch unabhängig davon, wie zentral Wahrheit jetzt im Streit ist oder nicht: Wenn man von Weizsäckers Beitrag hört, bedauert man vor allem, dass der Streit um die Atomenergie nicht auf dem intellektuellen Niveau fortgeführt wird, auf dem er in den 50ern zumindest kurz einmal stand.


Zwischen Ems und Weser

1. Februar 2010

Gestern abend war mal wieder Charlotte Lindholm im Tatort aktiv. Eigentlich habe ich ja nicht vor, mich zum Fernseh-Kritiker aufzuschwingen, aber ein paar kleine Nachfragen seien kurz gestattet. Charlotte befindet sich irgendwo zwischen Ems und Weser: Tatwaffen verschwinden in der Ems, Holland ist nur wenige Autominuten entfernt, zuvor bricht sie mit einem PKW auf, der das Kennzeichen FRI hat (Friesland, also Jever).

Warum aber trinken die Leute in dem Kaff, in dem sie dann unfreiwillig landet, Flensburger Pils? Okay, das mag kleinlich sein. Die Gaststätten in diesem Landstrich müssen ja nicht alle einen Vertrag mit einer niedersächsischen oder einer Bremer Brauerei haben. Doch nur wenige Minuten später meint der Dorfpolizist, man sei hier doch nicht in St. Peter Ording. Hallo? Wieso denn das? Sagen will er, dass sein Dorf kein Touristenort ist. Aber wieso vergleicht er seine Gemeinde dann nicht mit einem Ort, der nah ist – mit Hooksiel etwa? Oder gleich mit einem Ort, der ganz weit weg ist – Sylt, Dubai, was weiß ich?

Viele Tatort-Folgen nerven, weil sie vor lauter Lokalpatriotismus die Handlung vernachlässigen (Köln!). Aber dass es andererseits dem NDR schon zu reichen scheint, wenn das Setting ‚irgendwie‘ als norddeutsch markiert wird, das ist schon ärgerlich – auch in einem Tatort, der fast schon surreal anmutet. Wenn Klaus Borowski demnächst mal ein Flens trinken und mit Frieda Jung einen Ausflug nach St. Peter Ording machen würde, täte das den beiden gewiss gut. Aber wenn Charlotte schon mit der tristen niedersächsischen Landschaft konfrontiert werden muss, dann bitte auch mit einer möglichst präzise dargestellten!


Von damals erzählen

31. Januar 2010

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft bietet jetzt ein drei Bände umfasssendes Buchpaket aus der Reihe „DDR-Bibliothek“ des Leipziger Verlags Faber & Faber an. Diese Bücher sind schon deswegen bemerkenswert, weil sie sehr schön verarbeitet sind. Vor allem aber ist die Auswahl der Texte wirklich hervorragend.

Ich lese in diesen Tagen aus diesem Paket den ersten Band In einem nahen fernen Land. Erzählungen 1949-1969 (Hrsg. von Günther Drommer). Die Geschichten darin sind aber nicht nur gut erzählt und sie geben nicht nur einen breiten Eindruck von der vielfältigen Begeisterung für den ersten deutschen sozialistischen Staat (wie auch dem Zweifel daran).

Mindestens genauso sehr finde ich bemerkenswert, wie oft in den Erzählungen thematisiert wird, was eine Figur im Faschismus und während des Kriegs gemacht hat. Die Figuren unterhalten sich darüber, fragen nach und streiten sich deswegen. Ich weiß nicht, ob das ein Abbild der DDR-Realität in den ersten Jahren nach der Staatsgründung war – auf jeden Fall aber fand in der DDR-Literatur eine Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte statt.

In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich, finde ich zumindest, viele Erzählungen und Romane von Autoren gelesen, die sich mit der ‚Wende‘ befasst haben. Aber mir fällt partout kein Gespräch und keine Erinnerung in einem dieser Texte ein, in dem die Menschen sich länger mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen oder sich zu ihrem früheren Leben in Beziehung setzen – ganz so, als wäre die ‚Wende‘ ein rein äußerlicher Einschnitt gewesen, der zwar die Arbeitswelt verändert hat, aber eben nicht die Weltanschauung. Gewiss war der Einschnitt für die meisten Menschen nicht derart radikal wie das Kriegsende. Aber gibt es wirklich nichts zu erählen? Wie heißt es, fast wie im Märchen, bei Louis Fürnberg in Genosse Soundso (eine Erzählung in dem Band): „So sind die Menschen. Sie reagieren auf das echte Bedeutende mit Kleinigkeiten. Hol der Teufel die Kleinbürgerei.“ Aber vielleicht ist dieser Ausruf zugleich auch der Schlüssel: Der Systemwechsel war halt für die meisten Mensch ein Wechsel von der einen Kleinbürgerei in eine andere. Da gibt es dann vielleicht wirklich nicht viel zu erzählen.