Performativer Widerspruch

9. März 2010

In einem langen, streckenweise aber gar nicht uninteressanten Artikel hat heute der Hydrobiologe und Wissenschaftspublizist Edgar L. Gärtner erklärt, „Warum die Forscher besser im Elfenbeinturm aufgehoben sind„. Das ruft mich natürlich auf dem Plan – schließlich erfolgen die Kommentare hier ja bewusst aus dem Elfenbeinturm, den zu verlassen ich mich auch sehr ängstige, weswegen ich weltgewandte Akademiker wie Herrn Gärtner sehr bewundere.

Gärtner nun bestätigt mich darin, dass es nicht gut ist, den Elfenbeinturm zu verlassen, und er erläutert auch, warum das exotische Akademikertum mal schleunigst husch, husch zurückkehren soll in sein Refugium. Aber von welcher Seite macht der Hydrobiologe die Tür zu, wenn all die flügge gewordenen Akademikerlein wieder im Turm versammelt sind? Vielleicht sollte Herr Gärtner schlicht mit gutem Beispiel voran gehen und selbst in den Elfenbeinturm zurückkehren. Würde mich sehr freuen.


Ausbildung und Bildung

8. März 2010

Heute hat das DRadio Wissen einen Hinweis auf eine Sendung gepostet, in der sich alles um das Thema „Was soll ich studieren?“ dreht. Ich finde solche Sendungen sehr wichtig, weil die Universitätslandschaft mit ihren Studiengängen ja wirklich sehr unübersichtlich ist. Und für meine Kollegen und mich sind solche Sendungen auch sehr aufschlussreich, weil ich durch sie eine Ahnung davon bekommen kann, was (angehende) Studierende von ihrem Studium so erwarten und was andere Kollegen anders (vielleicht besser?) machen und warum.

Als ich die Nachricht gelesen habe, habe ich mich aber doch über das gewundert, was die beiden Radio-Redakteure zum Besten geben. Da heißt es nämlich aus dem berufenen Munde zweier Geisteswissenschaftler: „Unsere beruflichen Wege waren viel von Zufall geprägt, und so geht es inzwischen vielen Studenten und Absolventen. Denn mit einem Studium kann man vieles werden. Man muss ja nicht unbedingt den Beruf ausüben, für den man sich ausbilden lässt. Oder doch?“

Dazu zwei kleine, vielleicht kleinliche Rückfragen:

Wieso „inzwischen“? Dass der berufliche Lebensweg nach dem Studium stark vom Zufall abhängig ist, ist nun wahrlich nichts Neues. Natürlich gibt es Studiengänge, die etwas konkreter perspektiviert sind als andere. Aber wer so tut, als sei das früher anders gewesen („inzwischen“!), der frage nur mal seinen Arzt oder Apotheker, welche Rolle der Zufall in seinem Berufsleben gespielt hat.

Wieso „ausbilden“? Wer sich eines solchen Themas annimmt, sollte – finde ich – etwas sensibler mit Begriffen umgehen: In kaum einem Universitätsstudiengang wird ausgebildet. Das meine ich gar nicht in einem emphatischen Sinne als Loblied auf das Humboldtsche Bildungsideal, sondern ganz konkret: Wer Jura studiert, wird nicht zum Rechtswanwalt, Richter o.ä. ausgebildet, sondern er wird Jurist. Wer Medizin studiert, wird erst nach einer gewissen Zeit in der Klinik Arzt; auch kann er Sachbearbeiter bei der Krankenkasse werden (wen‘ s denn glücklich macht…). Wer Theologie studiert, wird nicht zum Pastor ausgebildet. Dafür ist das Vikariat zuständig. Und wer Theaterwissenschaften studiert, kann offenbar auch Redakteur beim DRadio Wissen werden. Dafür ausgebildet ist er nicht. Ist doch eigentlich ganz toll, oder?

Eltern erwarten – verständlicherweise – eine Antwort auf die Frage: „Kind, was willst Du denn damit mal werden?“ Dass die meisten Kinder darauf zu Beginn des Studiums häufig eine ausweichende oder gar keine Antwort geben, liegt häufig gar nicht an ihnen, sondern am Studiengang. Gute Radiobeiträge sollten das deutlich machen – Info-Veranstaltungen der Unis aber selbstredend auch.


Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative II

5. März 2010

Habe eben gesehen, dass gestern auch Thomas Steinfeld in der SZ sein Unbehagen an den vermeintlich ‚wiederkäuenden Akademikern‚ geäußert hat. Im Unterschied zu Gumbrecht und Klausnitzer beschränkt sich Steinfeld auf die Kritik. Das ist sein gutes Recht, schließlich ist er aufmerksamer Beobachter des akademischen Alltags und – anders als die beiden anderen – nicht selbst für Lösungen verantwortlich.

Was mich an seinem Beitrag dennoch stört, ist die eingeschränkte Sicht auf die Dinge. Zum einen ist die Flut an Sammelbänden nicht erst Folge der Exzellenzinitiative, man schaue auf die Homepages der SFBs. Zum anderen wird so getan, als wären für die Entwicklung nur die Exzellenzzentren verantwortlich: Wer blickt bitte mal auf den Publikationsalltag einer ’normalen‘ Uni?

Vor allem aber droht die Gefahr, dass die Sammelbände nun pauschal diskreditiert werden. Ganz so, als könne nicht auch auf 10-30 Seiten ein kluger Gedanke geäußert werden. Steinfeld formuliert stattdessen ein Lob auf die Monographie, da „in der tatsächlich neues Wissen dargeboten“ werden könne.

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Monographie gefährdet ist – allein schon deswegen, weil sie zumindest in den Geisteswissenschaften weiterhin der Goldstandard auf dem Weg zur Professur ist. Warum aber die Monographie zwingend der bevorzugte Ort für ‚kluge Gedanken‘ ist (Masse = Klugheit?), weiß ich erst recht nicht. Die Monographie ist eine Publikationsform, um einen größeren Zusammenhang materiell in den Griff zu bekommen. Das gilt zumindest für die historisch orientierten Geisteswissenschaften. Die Thesen dahinter (und sie dürften u.a. mit dem ’neuem Wissen‘ gemeint sein, denke ich) lassen sich dagegen schon in einem überschaubaren Umfang darstellen. Und das gilt sowohl für stärker historisch wie auch stärker theoretisch orientierte Studien – das zeigen die Arbeiten von so unterschiedlichen Philologen wie Alewyn, de Man oder letztlich auch Szondi, dessen Monographien dem Umfang nach auch nicht viel mehr als etwas längere Aufsätze waren.

Was sie einte, war allerdings, dass sie sich beim Publizieren nicht haben unter Druck setzen lassen. Vielleicht ist das der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Das kann zwar dazu führen, dass man vielleicht auch einmal einen zugesagten Beitrag zurückziehen muss und einen Kollegen verärgert. Aber das Imprimatur ist und bleibt immer auch eine Frage ans eigene Ethos. Wer über Strukturen schimpft, zieht sich aus der Verantwortung.


Vom Unbehagen an der Exzellenzinitiative

4. März 2010

Heute hat Ralf Klausnitzer einen Artikel publiziert, in dem er sich kritisch mit dem vermeintlichen „Fluch des Geldes“ durch die Exzellenzinitiative auseinandersetzt. Klausnitzer geht in seinem Beitrag u.a. auf einen Artikel von Hans Ulrich Gumbrecht aus dem letzten Monat ein, der seinerseits die gegenwärtige Symposien-Kultur aufs Korn nimmt.

Beide thematisieren ein Unbehagen an der Inflation geisteswissenschaftlicher Tagungsbände, die durch die Exzellenzinitiative ihrer Meinung nach verstärkt wurde und die inzwischen wohl jeden Geisteswissenschaftler beschleicht und die viele Kollegen auch schon zu missmutigen Äußerungen auf Tagungen hingerissen hat. Im ersten Moment dachte ich, dass die beiden Artikel mal wieder Ausdruck für das fehlende Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaften im Hinblick auf ihre Forschungsergebnisse sind. Aber das ist, wenn man die Artikel ganz liest und andere Artikeln der beiden Autoren kennt, auszuschließen.

Das Problem der Äußerungen von Kollegen auf Tagungen ist natürlich, dass immer der Tagungsband einer anderen Tagung, eines anderen Kollegen gemeint ist. Nie der eigene Tagungsband. Schließlich ist der eigene Beitrag stets wichtig, d.h. publikationswürdig. Die fördernden Institutionen geben diesem Impuls recht: Schließlich wurden vor der Publikation Anträge begutachtet; die Ideen haben also eine gewisse Valenz.

In der Diskussion um den richtigen Umgang mit den Tagungsbänden sollte man also vorsichtig sein, dass das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet wird bzw. dass die Geisteswissenschaften nicht zu der ihnen eigenen Neigung zur Selbstzerstümmelung zurückkehren. Ergebnisse von geisteswissenschaftlichen Tagungen sind in aller Regel publikationswürdig. Doch hat die Publikation nicht höchste Priorität. Sie ist eine Art der Vermittlung, nicht mehr.

Noch wichtiger für die Vermittlung von Gedanken sind aber die Tagungen selbst. Das Unbehagen an den Tagungsbänden darf nicht auf die Tagungen selbst ausgeweitet werden. Gerade weil ein Überblick kaum mehr möglich ist, muss regelmäßig die Gelegenheit zum Austausch unter Kollegen bestehen.

Die Pointe der beiden Artikel ist nun, dass sie trotz einiger Differenzen die gleiche Richtung verfolgen. Beide fordern nämlich letztlich nicht weniger als eine neue Verzahnung von Forschung und Lehre. Klausnitzer fordert: „Neue Ideen sind nicht nur auf Tagungen zu diskutieren, sondern in Lehrveranstaltungen mit Studierenden zu testen. Wissenschaftler sollten weniger Drittmittelanträge ­schreiben und dafür stärker die Arbeiten von Kollegen wahrnehmen.“ Und Gumbrecht meint abschließend: „An den besten amerikanischen Universitäten, denen die neue europäische Exzellenz-Hektik ja nachstrebt, stand die Priorität der Lehre übrigens noch nie in Frage.“

In der guten alten Zeit (also vor Bologna) gab es einen Ort, der gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Lehre und Forschung bildete. Er trug den etwas muffigen Namen Oberseminar. Das fundamentale Problem ist nur, dass eben diese Lern- und Lehrform vielerorts ein Opfer des sog. Reformprozesses geworden ist. Vielleicht sollte man in Zukunft die Bewilligung von Druckkostenzuschüssen schlicht an die Frage knüpfen: „Was haben Sie zur Wahrung bzw. Wiedereinrichtung von Oberseminaren in den letzten 12 Monaten unternommen?“


Bücher statt Dobermänner

2. März 2010

Stephen Baker hat auf einen interessanten Bericht hingewiesen, der davor warnt, dauernd seinen Standort zu twittern und zu posten, weil das Einbrecher anzieht. Baker überlegt, ob man zwecks Abschreckung überall darauf hinweisen soll, dass man zwei Dobermänner hat. Aber eigentlich muss man nur erklären, dass man Philologe ist, dann ist jedem gleich klar, dass nur Bücher zu holen sind.


Skandal und Aufmerksamkeit

1. März 2010

Angenommen, in der Zeitung taucht die Nachricht auf, die letzten fünf Szenen eines Theaterstücks von einem vor einigen Jahren verstorbenen, einigermaßen bekannten Schriftsteller seien überraschend publiziert worden. In der Nachricht wird unmissverständlich klar gemacht, dass das Stück ganz und gar der Entstehungszeit verhaftet und latent propagandistisch ist. Am Ende des Artikels heißt es dann wenigstens noch, das Drama sei wirklich ganz ‚herrlich‘. Trotzdem: Wen würde das hinterm Ofen hervor locken? Wohl keinen.

Hat es auch 1818 nicht getan, als Johann Baptist von Pfeilschifter in der Zeitschrift Zeitschwingen die letzten Szenen aus Kleists Hermannsschlacht erstmals publizierte, nachdem sich der 1811 das Leben genommen hatte und es nie zum Druck oder zur Aufführung des Stücks gekommen war.

Die Literaturkritik heute ist da schlauer: Wenn Sie einen Text auftut, den sie für total wichtig hält, für den sich aber kein Mensch interessiert, dann schreit sie laut: „Skandal!“ Bis keiner mehr an dem Buch vorbeizukommen meint. So zu verfahren, wäre heute übrigens auch beim Zeitschwingen-Abdruck ganz leicht. Pfeilschifter druckte den Text, weil er sich den Dank seiner Leser „verdienen“ wollte, wie er es nannte. Solche Kinkerlitzchen wie Urheberrecht haben ihn nicht weiter interessiert. Der Ruf „Skandal“ blieb freilich aus. Schließlich war das Anfang des 19. Jahrhunderts mit dem Urheberrecht noch so eine Sache. Dass die Literaturgeschichte Pfeilschifter inzwischen weitgehend vergessen hat, ist also keine Strafmaßnahme wegen Urheberrechtsverletzung, wie man meinen könnte.


Heimatspiel

25. Februar 2010

Gestern hat Moritz Rinke seinen Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel erstmals öffentlich präsentiert – in Worpswede, wo er geboren wurde und der Roman spielt. Knapp zwei Stunden hat er vor über 300 Zuhörern in der ausverkauften Music Hall gelesen und sich den Fragen seines Verlegers Helge Malchow gestellt.

Im Roman hält Rinke – wie in jeder guten Satire – seinem Heimatdorf den Spiegel vor. Was das Publikum aber schon nach wenigen Minuten für das Buch und seinen Autor eingenommen hat, ist der schlichte Umstand, dass sich Rinke nicht über die Künstlerkolonie im Moor lustig macht, sondern gemeinsam mit den Menschen über die absurden Szenen des Lebens dort lacht. Rinke gibt damit die vielleicht schärfste Waffe, die die Satire hat, auf: die Distanz. Seine Zuneigung zu seinen Figuren macht es ihm unmöglich, über sie hart zu urteilen. Und so machte er es auch dem Publikum in der Music Hall unmöglich, ihn und sein Buch nicht zu mögen.

Das gelang auch deswegen, weil sein Roman nicht nur ein Buch voller Komik ist, sondern auch eins voller Traurigkeit. Rinke hat gestern nur wenige dieser traurigen Szenen vorgelesen. Aber es gab Momente, in denen er den Worpswedern einen neuen Blick auf die Heimat ermöglichte. Wohl nicht wenige werden sich gestern zum ersten Mal gefragt haben, was das für Menschen sind, die das bekannte Bordell am Ortsrand besuchen. Rinke las die Szene, da Peter Ohlrogge erstmals auftritt – ein gescheiterter Künstler, den das ganze Dorf verstoßen hat und der nun bei Regen immer ins Bordell geht und Fencheltee trinkt, während er auf die Frauen wartet. Als Rinke aus diesem Kapitel las, wurde es in der Music Hall ganz still – und viele sahen auf einmal ihr Heimatdorf, wie sie es nur selten, vielleicht nie sehen: aus der Perspektive derer, für die zwischen Kuhwiesen und Kultur kein Platz ist – trotz der Weite des Moors. So hat Rinke den Worpswedern ihren Ort näher gebracht, obwohl er selbst längst nicht mehr hier wohnt.

Doch gerade solche Szenen sind letztlich unabhängig von ihrer Umgebung anrührend. Jeder Zuhörer gestern hatte ein weißes Haus in der Nähe des Barkenhoffs vor sich. All die Leser, die Worpswede nicht kennen, werden aber irgendein Bordell vor sich haben – die geschilderte Szene verliert dadurch aber nichts von ihrer Traurigkeit. So hat Rinke den Grundstein gelegt, dass das Buch auch außerhalb von Worpswede die Leser begeistern wird.


Alles nur geklaut

24. Februar 2010

Gestern hat Durs Grünbein ein kurzes Statement zu Hegemanns Roman abgeliefert: „“Plagiat“„. Der Beitrag hat ratzfatz eine Vielzahl von Leserkommentaren provoziert. Nicht nur, weil der Beitrag etwas gestelzt formuliert ist. Heute nun erklärt Grünbein, dass er seinen Essay aus einem Artikel von Gottfried Benn zusammengebastelt hat und hält nicht nur seinen Lesern gestern, sondern dem ganzen Hype um Hegmanns Roman den Spiegel vor.

Dieses kleine Narrenspiel zur Fastenzeit ist nicht nur der lustigste, sondern zugleich auch der klügste Beitrag zu diesem vermeintlichen ‚Fall‘. Aber Grünbein leistet noch mehr. Zunächst beklagt er den ‚hässlichen Biodiskurs‘, der sich in die Berichte über Axolotl Roadkill eingeschrieben hat. Dem kann man nur zustimmen, ohne Einschränkung. Dass die FAZ-Leser aber derart zahlreich auf den Artikel von gestern reagiert haben, zeigt noch etwas anderes. Es dürfte nicht wenige Leser geben, die Grünbein tatsächlich das Loblied auf die holde Kunst zugetraut haben – Grünbein auf den Olymp entflogen, wenn nicht gar entgeistert gewissermaßen.

Grünbein aber zeigt, wie sehr „im Moment alles durcheinander“ geht, wie er sagt. Auch die Wahrnehmung seiner Person (wozu er freilich nichts sagt). Dazu hat er selbst einiges beigetragen. Seine kleines Narrenspiel aber lässt hoffen, dass er noch lange nicht auf den Olymp enteilt ist – eine große Freude wär’s!