Wenn Akademiker singen …

20. Dezember 2010

Um die Pennälerlyrik ist es still geworden. Burschenlieder hört man auch nur noch ganz selten. Stirbt das gute alte akademische Liedgut gar aus? Muss man sich sorgen? Ist vielleicht auch daran der Bologna-Prozess schuld? Fragen über Fragen. Ein weiteres Beispiel für den Niedergang der akademischen Kultur, so dachte ich, der als kleiner Doktorand im Graduiertenkolleg sogar noch Forsters Frische teutsche Liedlein brummen durfte, bis eben.

Dann aber (es naht schließlich das Fest des Herrn!): ein Licht am Horizont! Die engagierte Unterstützung exzellentester Köpfe in Clustern und Kollegs befördert nicht nur den wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch die akademische Sangeskunst und Lyrik. Wer’s nicht glaubt, der begebe sich gleich auf den wie immer wunderbaren roughblog!


Wikipedia

10. Dezember 2010

Heise hat vor rund drei Wochen einen knappen, wie informativen Artikel über die Wikipedia Academy in Frankfurt publiziert (Wikipedia wirbt um Wissenschaftler). Der Artikel fasst wichtige Überlegungen darüber zusammen, warum es so schwierig ist, Wikipedia im akademischen Betrieb zu verankern.

Ein Grund für die mangelnde Akzeptanz von Wikipedia ist offenbar, dass das Portal durch seinen offenen Ansatz in keiner Weise als exklusiv gilt und es dementsprechend nicht besonders reizvoll (vulgo: karrierefördernd) ist, dort mitzutun.

Warum es andererseits durchaus geboten ist, bei Wikipedia von Zeit zu Zeit in einen Artikel einzugreifen, dürfte jedem klar sein, der sich schon mal über halbgares Wissen geärgert hat, das von dort aus den Weg in Referate oder Hausarbeiten gefunden hat. Schließlich ist es viel leichter diesen Missstand zu beheben, als einen verkorksten Lexikonartikel in irgendeiner angeblich renommierten Enzyklopädie aus dem akademischen Diskurs auszugrenzen.

In dem Artikel wird darüber nachgedacht, wie das Problem der Exklusivität umgangen werden kann. Das ist konsequent. Aber vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang zudem hilfreich, wenn man Einblicke bekäme, wie exklusiv Fachzeitschriften und -lexika tatsächlich sind.

Natürlich brüstet sich jeder Herausgeber damit, dass er für den oder den Artikel Herrn U oder Frau V gewinnen konnte. Mein Eindruck ist aber, dass Lexikon-Projekte insgesamt eher das Problem haben, überhaupt genug Beiträger zu finden. Ich mach hier jetzt nicht den Julian und publiziere eine Übersicht über die Artikel, die mir in den letzten Jahren so angeboten wurden – sonst ist nachher noch meine Kreditkarte gesperrt oder sowas. Exklusiv ist bei den akademischen Lexika auf jeden Fall nur sehr wenig.

Und wenn ich daran denke, wie oft ich von Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren Sätze gehört habe, er/sie hätte es geschafft, einen Artikel in der renommierten Zeitschrift Z unterzubringen, die einen Großteil der eingereichten Artikel ablehne und nur das Beste vom Besten publiziere, dann scheint mir die Frage doch zu sein, ob ich wirklich nur von Überfliegern umgeben bin oder ob das Ansehen einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu einem guten Teil nicht schlicht Folge von Gerüchten und ein paar wohl dosierten ‚Hinweisen‘ von Seiten der Herausgeber ist.

Vielleicht kommen wir ja irgendwann einmal dahin, dass ein Kollege stolz erklärt, dass sein Artikel XY in Wikipedia schon seit mehr als sechs Monaten nicht wesentlich überarbeitet wurde, obwohl er täglich wer weiß wie oft aufgerufen wird. Da könnte man zumindest einigermaßen nachhalten, ob das schlicht Aufschneiderei oder vielleicht doch eine kleine Erfolgsgeschichte im Meer der akademischen Profilneurosen ist.


Historisch

21. November 2010

Gestern hat der Papst erklärt, dass Kondome in manchen Fällen gerechtfertigt sind. Heute ist das für einige Zeitungen eine historische Nachricht.

Gestern habe ich erklärt, dass Thomas Mann vielleicht doch einige bedeutende Texte geschrieben hat. Wider Erwarten hat diese historische Aussage heute den Weg in die Zeitungen nicht gefunden.


Forschungsbilanzen

20. November 2010

In den vergangenen Tagen sind aus verschiedenen europäischen Ländern Nachrichten eingegangen, die vermuten lassen, dass die sog. Haushaltskonsolidierung sich jetzt die geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche sowie die kulturwissenschaftlichen Institute vornimmt. In Österreich, Großbritannien, Italien und Frankreich vor allem.
In Deutschland scheinen die Regierungen in Bund und Land da noch etwas defensiver zu sein.

Hier geht es zwar landauf landab den Theatern und Museen ans Leder. Nicht schön, aber da unser aller Schutzpatron St. Florian und nicht St. Martin ist, sind wir ganz still und brav. Schließlich kommt bald St. Nikolaus und dann bekommen nur die lieben Kinderchen Nüsschen und Äpfelchen. Und Solidarität kann man schließlich auch dadurch bekunden, dass man im Netz virtuelle Unterschriftenlisten signiert. Hab ich auch schon gemacht letzte Woche.

Für die Politik aber ist das gegenwärtige Nicht-Sparen auch deswegen eine tolle Sache, weil sie so ihre Forschungsbilanz im EU-Vergleich aufbessert, ohne auch nur einen Finger krumm zu machen. Die Pressesprecher in den Ministerien können schon mal die entsprechende Mitteilungen vorbereiten: Deutsche Forschunsbilanz im EU-Vergleich deutlich verbessert!


Unbedingte Universität IV

14. November 2010

In den letzten Wochen habe ich den Reader „Was passiert?“ aus der Reihe „Unbedingte Universität“ gelesen. Die Mischung von Forderungskatalogen, die an verschiedenen Universitäten vor einem Jahr formuliert wurden, über einige kluge Originalbeiträge bis hin zu Nachdrucken von ein paar neueren und älteren Texten zum Thema ist sehr gelungen und abwechslungsreich.

Nur eine Frage drängt sich mir immer mehr auf: Wer hat das, was weiterhin für so viel Ärger sorgt, eigentlich zu verantworten? Ich habe inzwischen auf verschiedenen Tagungen folgendes erlebt. In gemütlicher Runde fängt auf einmal eine unbestrittene Kapazität an, über den Bologna-Prozess zu klagen. Wirklich zu viel wurde es mir, als mir vor einem Jahr ein Ordinarius ins Gesicht sagte, dass er nicht verstehen könne, warum wir ‚jungen Leute‘ nichts dagegen machten. Einmal davon abgesehen, dass ich mich nicht gerade für besonders ‚jung‘ halte: Ich habe den ‚älteren Herren‘ daraufhin gefragt, was ER eigentlich dagegen getan hat. Er ist bundesweit eine Stimme, der man zuhört. Er war in verschiedenen Gremien seiner Heimatuni und in vielen anderen Institutionen tätig. Aber gemeckert wird erst jetzt, da das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und dann auch nicht da, wo entschieden wird. Ganz toll. Und die Kohlen sollen die aus dem Feuer holen, die sie nicht reingeschimssen haben und sich auch sonst nur die Finger verbrennen können.

Die Beiträge in dem o.g. Reader sind insgesamt wirklich gut. Aber hier findet sich wieder das gleiche Problem. Teilweise offene Polemik gegen die Bologna-Reformen und beste Anregungen, was in Zukunft besser laufen könnte. U.a. von einem ehemaligen Vordenker einer Bundesregierung und einem ehemaligen Staatsminister. Wäre ganz nett, wenn solche Artikel auch einmal mit ein bisschen Selbstkritik einhergingen und der Ankündigung, dass man beim nächsten Abendessen mit einem Wissenschaftsminster oder gleich Ministerpräsidenten die Klappe aufmachen wird und erklärt, dass es so nicht weitergeht. Wird aber nicht passieren, ich weiß. Ich darf mich also schon auf den nächsten klugen Ratschlag freuen und überlegen, ob ich mir erlaube, mehr als nur bestimmt zurückzufragen. Prost Mahlzeit!


Bibliothekswandeln

6. November 2010

Während des Studiums bin ich samstags nach dem Frühstück gerne in die Bibliothek gefahren (die SUB in Göttingen, damals war der Neubau gerade so alt, dass die Kinderkrankheiten durch waren – also eine faktisch perfekte Bibliothek). Nachdem ich ein paar Dinge nachgeschlagen hatte, bin ich dann gerne durch die Gänge gegangen und habe Bücher und vor allem Fachzeitschriften ganz unterschiedlicher Diziplinen in die Hand genommen, von denen ich vorher noch nie gehört habe. Das war manchmal frustrierend, weil man merkte, wie wenig man kennt und weiß. Aber es war auch unheimlich spannend – eine banale wie überraschende Weise, ganz unterschiedliche Bücher kennenzulernen. Gegen 15:30 bin ich dann in eine der nahe liegenden Kneipen gegangen, Premiere gucken.

In der letzten Ausgabe von „Forschung und Lehre“ in der FAZ (3.11.2010, Nr. 256, S. N5) hat Thomas Ewald beklagt, dass niemand mehr durch die Bibliotheken schlendere und in ihren Beständen stöbere. Das liege auch daran, dass die Bibliotheken immer nutzerfreundlicher würden und die Wege zum Buch, angefangen mit der Recherche, immer kürzer. Der Zufallstreffer werde minimiert.

Das ist natürlich naiv. Zunächst wird faktisch der Zufall bei der Recherche meistens nicht reduziert, weil viele Bibliotheksbenutzer die Filter nicht präzise genug bzw. schlicht falsch einstellen. Und wer ein Buch sucht, der möchte es in der Regel auch lesen und zwar mit möglichst wenig Aufwand. Wenn also im kommenden Jahr tatsächlich einige Bibliotheken die RFID-Technik einsetzen, um den Nutzer direkt zum Buch zu navigieren, dann ist das doch eine sehr kluge Sache, finde ich.

Wie oft ist ein Buch schlicht verstellt? Wie oft habe ich schon in einer fremden Bibliothek gestanden und wollte nur ganz schnell etwas nachschlagen? Nun wird man tatsächlich nicht mehr genötigt, die Regalmeter abzugehen, die gar nicht interessieren, sondern findet gleich das Objekt seiner Wissensbegierde.

Den Glücklichen, die die Zeit zum Stöbern weiterhin haben und die sich gerne vom bibliothekarisch organisierten Prinzip Zufall lenken lassen, die müssen ja nicht auf die RFID-Navis zurückgreifen. Beim Autofahren gibt’s ja auch keine Navi-Pflicht. Und wenn ich meine Sonntagserfahrungen hochrechne, gibt es immer noch sehr viele Menschen, die beispielsweise am Tag des Herrn völlig unmotiviert durch die Gegend schleichen und den Ausblick in die Herbstlandschaft genießen. Da werden sich von Zeit zu Zeit gewiss auch ein paar Bibliothekswandler finden.


Gelehrtenrepublik heute

8. Oktober 2010

Wenn ich irgendwo das Wörtchen ‚gelehrt‘ sehe, dann freue ich mich immer und denke: Hey, da ist ein Verwandter im Geiste. Von ‚gelehrt‘ spricht schließlich kein Mensch mehr. Nur noch irgendwelche seltsamen ‚Frühneuzeitler‘ wie der Verfasser dieser Zeilen, der seine Studenten von Zeit zu Zeit mit Texten nervt, die eigentlich kein Mensch mehr liest. Dass niemand (bzw. eben kaum jemand) von ‚gelehrt‘ spricht, ist auch ganz plausibel, weil die, die das Wort verwenden, damit in der Regel einen Bildungsstand markieren, den es in dieser Weise nicht mehr gibt: nämlich die Gelehrten der Frühen Neuzeit und der Aufklärung.

Dass diesen Gelehrten bis heute so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, liegt unter anderem daran, dass sie eine eigene, quasi virtuelle Republik hatten, die Gelehrtenrepublik (république des lettres bzw. res publica litteraria), in der eigene Gesetze und Modi des vergleichsweise freien Meinungsaustauschs herrschten, während in den realen Staaten noch Könige und Kirchenleute regierten, die nicht gerade freundlich auf Meinungspluralismus reagierten. Dieser vergleichsweise liberale Umgang miteinander ist der politische Grund für das Interesse an dieser Republik. Viele sehen in der Gelehrtenrepublik eine Art Vorläufer des bzw. Vorbild für den Republikanismus.

In der Aufklärung etwa haben sich bekennende Republikaner schon früh für den freien Zugang zur Bildung eingesetzt. Der wie immer kluge Robert Darnton hat daran jetzt erinnert, und ich muss schon gestehen, dass ich ein wenig neidisch bin, auf was für weise Staatsgründer die Amerikaner zurückblicken können. Darnton verbindet seine Hinweise auf Jefferson und Franklin mit Überlegungen für eine nationale digitale Bibliothek und er schließt pathetisch:

By creating a National Digital Library, we can make our fellow citizens active members of an international Republic of Letters, and we can strengthen the bonds of citizenship at home. We can find the money and the skill, but can we find the will?

Klingt toll, oder? Ich bin bei so viel Bildungsoptimismus immer ganz angetan. Da weiß man endlich mal wieder, für welche Programme es sich zu engagieren lohnt. Über den Aspekt der Bürgerbildung habe ich beispielsweise bei den ganzen Debatten um Open Access noch gar nicht nachgedacht und dem ersten Eindruck nach, muss ich Darnton da voll und ganz zustimmen.

Nur frage ich mich gleichzeitig, was seine Mitbürger zu so einem Programm wohl sagen würden, wenn man es ihnen zum Beispiel beim Einkaufsbummel in der Innenstadt vorstellen würde – man wünscht sich ja ein emphatisches „awesome“. Aber vorstellen kann man sich das nicht.


Ich, Rainer Franz Freud

4. Oktober 2010

Wohl jeder, der regelmäßig schreibt, kennt diesen Effekt: Man liest seine Texte nach einiger Zeit, stellt fest, dass man immer wieder zu den gleichen Wendungen greift und einfältig die immer gleichen Satzkonstruktionen pflegt, obwohl es so viele andere und (im Moment der Selbstkritik) viel schönere gibt. Der eigene Text wirkt auf einmal einfältig und monoton – insbesondere im Vergleich zu dem Buch, das man gerade liest, oder zu dem Seite-3-Artikel, den man am letzten Samstag gelesen hat.

Nur wenige haben das Glück, einen eigenen Stil auszubilden, ganz wenige , dann auch noch das Glück, anderen Lesern zu gefallen. Manche versuchen sich dieses Glück zu erarbeiten, indem sie dem Stil von anderen nacheifern. Thomas Mann ist bemerkenswerterweise immer noch so ein Vorbild … Wer einen solchen (meist unerreichbaren) Gradmesser nicht hat und trotzdem wissen will, wessen Stil er pflegt, der kann das jetzt ganz und gar objektiv testen.

So ein Stil-Test ist eine lustige Sache. Ich habe mal drei Texte aus diesem blog eingegeben und pflege demnach mal den Rilke-, mal den Freud- und mal den Kafka-Stil. Nun wollte ich natürlich auch wissen, wie zuverlässig dieser Test ist. Alle eingegebenen Goethe-Texte waren laut Test auch von Goethe. Soweit so gut. Dummerweise sind aber auch die von Schiller und Kleist im Goethe-Stil. Eine arg kluge Stilanalyse-Maschine zu überlisten, macht dem kleinen Philologen natürlich diebisch Spaß. Aber im Grunde geht es den Programmierern ja nicht darum, meinen Stil zu analysieren, sondern mir virtuell mein ego aufzumöbeln. Ich darf mich also zufrieden zurücklehnen und sagen: Ich, Rainer Franz Freud. Tolle Sache!